Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 42 (15.10.1897)
- Date
- 1897-10-15
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021169-3021211--07198-3031515- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 42 Vr. Bwch's AvochrnsrtzrM Seite 849 Würde, da es ja bekannt ist, daß der die Grundlage des Sittengesetzes der Juden sowohl als auch der andersgläubigen Mitglieder bildende D e k a l o g für die Heiligkeit und Reinheit des Eides mit aller Strenge eintritt und beschränken uns darauf. Nachstehendes zu erklären: , _ g Wir bedauern auf das Lebhafteste, daß der Herr Bürgermeister, welcher ja an der Spitze des auch als politische Behörde functionirenden Magistrats steht und den Eid auf die Staatsgrundgesetze wiederholt in feierlicher Weise abgelegt hat, die eine Verletzung dieser Staatsgruudgesetze involvirende Ennnciation des Herrn Vicebürgermeisters Dr. Neumayer überhaupt zur Verlesung zugelassen, ja auf derselben bestanden hat. , Wir mißbilligen ebenso lebhaft, daß Herr Viceburgermeister Dr. Neumayer es mit dem von ihm gleichfalls abgelegten Eide auf die Staatsgrundgesetze vereinbar gefunden hat, seinen erwähnten Antrag zu stellen. Wir verwahren uns auf das Entschiedenste gegen diese und jede Beleidigung und Verunglimpfung unserer Confession, welchen wir im Wiener Gemeinderathe jederzeit im Bewußtsein unseres guten Rechtes und ohne Furcht vor Maßregelungen und Einschüchterungen entgegenzutreten wissen werden. Wien. (Ein W a gen s ch up p e n als And a ch tso r t.) Geehrter Herr Redacteur! Ich bitte um Aufnahme folgender Zeilen: Ich war Patient auf der Augenklinik des Herrn Professor Fuchs im Allgemeinen Krankenhause.' Da ein Patient auch auf die Humanität und Nächstenliebe der übrigen Kranken mit angewiesen ist, begleitete ich drei blinde Israeliten, welche ihre Feiertagsgebete verrichten wollten, zu dem mir bezeichneten Raume. Wie sehr erstaunte ich, als ich anstatt eines Zimmers den letzten finsteren Wagenschuppen des Allgemeinen Krankenhauses als den Ort fand, wo die Leute beten sollten. Könnte die Cultusgemeinde mit der Spitalsverwaltung nicht ein Uebereinkommen wegen Ueberlassung eines passenden Raumes treffen? Groß und reich wäre die Wiener Cultusgemeinde genug dazu! Indem ich für die Aufnahme dieser Zeilen bestens danke, erlaube ich mir noch die Bemerkung, daß ich als Katholik diesen Nebelstand früher entdecken mußte, als Andere, die ihn sehen sollten. Für die Wahrheit dieser Zeilen garantirend, zeichne mich hochachtungsvoll Hans Schneider, XVII., Bergsteiggasse Nr. 42. Baden, 10. October. Der 20. October wird unserer Cultusgemeinde Gelegenheit bieten, einen ihrer würdigsten Mitbegründer und Schöpfer ihrer vitalsten Institutionen zu beglückwünschen und ihm Anerkennung für seine gediegenen Leistungen entgegenzubringeu. Am selben Tage nämlich feiert unser geehrter Cultuspräses, Herr A u t o n Schneide r, seinen 50jährigen Geburtstag. An ihm bewahrheitet sich das Dichterwort: „Wer für seine Zeit gelebt hat, der lebte für alle Zeiten." Er hat es in Bezug auf die hiesige Cultusgemeinde im vollen Maße gethan. Vom Beginn der Creiruug unserer Cultusgemeinde 1878 stand er als eine treue Wacht thätig und wirkend auf seinem Ehrenposten als Vicepräses, nunmehriger Präses, und sind die Einrichtungen der meisten unserer Gemeiildeittstitutionen seiner reichen Kenntniß des jüdischen Gemeindelebens zu verdanken. Der Glanz seiner selbsteigenen Thätigkeit jedoch, auf die er auch Zeit seines Lebens mit edlem Stolze zurückzuschauen berechtigt sein wird, ist die hiesige C h e w r a - K a d i s ch a, die er vor 24 Jahren ins Leben rief und ihr eine solche lebenskräftige Basis gab, daß sie, je länger sie besteht, umso lebensfähiger unsere Gemeinde gestaltet und das eigentliche Schwungrad derselben wird. Wir gratuliren diesem wackeren, thatkräftigen Manne zu seinem in verdienten Ehren erreichten 50. Geburtstag, und wenn wir den Wunsch hinzufügen, daß die Vorsehung ihn noch weitere 50 Jahre als edlen Arbeiter für den Weinberg unserer Gemeinde erhalten möge, hoffen wir dies mit einhelliger Zustimmung aller unserer Cultusmitglieder gethan zu haben. E B. Graz. (Die S p e n d e u a f f ai r e K a s f o w i tz.) Der Wiener Kleiderfabrikant Philipp K a s s o w i tz hat im September d. I. auf dem hiesigen Platze eine Verkäufsfiliale errichtet. Wie esbei Juden traditionelle Gepflogenheit ist, hat Herr Kassowitz die Creirung der Filiale mit einem Wohlthätigkeitsacte inaugurirt, indem er an den Grazer Bürgermeister 28 Knabenanzüge im Werthe von ungefähr 150 fl. zur Vertheilung an arme Schulkinder übersendete. Selbstverständlich war von Seite des Schneiders hiebei die Absicht nicht vorhanden, viel weniger das Verlangen gestellt worden, daß hievon in der Oeffentlichkeit Erwähnung geschehe. Der Bürgermeister von Graz Herr Dr. Graf hat an Herrn Kassowitz eilt Dankschreiben gerichtet, und zweifelsohne in der Absicht, zur Nachahmung bei den arischen Industriellen einen Ansporn zu geben, den Grazer Zeitungen von der Spende des Herrn Kassowitz Mittheilnng gemacht. Hierob in den Grazer antisemitischen Zeitungen großes Gezeter, sonderbarerweise aber am ärgsten im Organe der dentschnationaleu antisemitischen Partei, welches gutbezahlte Annoncen anläßlich der Etablirung der Filiale des Herrn Kassowitz zu bringen nicht verschmähte. Dem Ganzen setzt die Krone auf die Interpellation eines vollblut-deutschnationalen antisemitischen Gemeiuderathes au dem Bürgermeister Dr. Graf, wie sich der Letztere dazu hergeben konnte, für eine jüdische Firma Reclame zu machen. Bürgermeister Dr. Graf hat in der Affaire, dies soll und muß constatirt werden, eine strenge und correcte Haltung eillgenommell, indem er auf diese unsinnige Interpellation erwiderte, er hätte keine Veranlassung gehabt, eine so bedeutende Spende abzulehnen, mit dem Bemerken, daß nach bisheriger Gepflogenheit die Spende durch die Zeitungen veröffentlicht worden sei, obwohl und t r o tzd e m die Firma F i l i p p Kassowitz keine Veröffentlichung verlangt habe. Dieser Vorgang werde seitens des Bürgermeisters auch weiter beobachtet werden, obgleich er Mitglied der deutschen Volkspartei sei. Das an Herrn Kassowitz seitens des Grazer Bürgermeisters Dr. Graf gelangte Dankschreiben hat nachfolgenden Wortlaut: „Euer Wohlgeboren! Für die mir in Begleitung Ihres geschätzten Schreibens vom 2. October l. I. übersendeten 20 Knabenanzüge erlaube ich mir meinen wärmsten Dank mit dem Beifügen auszusprechen, daß ich diese Kleider in Erfüllung Ihres Wunsches dem städtischen Armenbureau übergeben habe, welches sodann im Einvernehmen mit dem Stadtschulrathe die Vertheiluirg an bedürftige Schulkinder vornehmen wird. Hochachtungsvoll Dr. Graf. Graz, am 3. October 1897." Einen Commentar über diese ebenso symptomatische als charakteristische Spenden-Affaire zu leisten, ist wohl überflüssig. Neubidschow, 11. October 1897. Löbliche Redaction der „Oesterreichischen Wochenschrift", Wien. Uns Juden scheint es, trotz aller Klagen noch immer recht gut zu gehen, das beweist auch folgende Begebenheit. Bor circa 3 Jahren gründeten einige hiesige Inden unter Patronanz des sattsam bekannten Herrn Scharf aus Prag und unter Führung des hierortigen Kaufmannes Isidor Bloch einen sogenannten böhmisch-jüdischen Verein, oder wie er sich stimmungsvoll böhmisch nennt „eesko zidovsky spolek", dessen einzelne Mitglieder schon wiederholt die anderen hiesigen Glaubensgenossen, die nach der Pfeife des Vereines nicht tanzen wollten, an den Pranger gestellt und wiederholt schon Verdruß bereitet haben. Dieser Verein veranstaltet nun, wie Sie aus mitfolgender Einladungskarte ersehen, ani 18. d. M. ein Kränzchen und widmet den Reinertrag desselben nicht etwa, wie man anzunehmen berechtigt wäre, zur Unterstützung der hierortigen armen, sehr bedrückten Juden, deren es eine große Anzahl gibt, oder sonst für andere jüdische Zwecke, nein, der Verein muß seinen czechisch-nationalen Sinn recht laut offenbaren und widmet den Reinertrag dieses Kränzchens den angeblich unterdrückten C zech e n im geschlossenen Sprachgebiete. Und da spricht man noch auf Seite unserer Gegner von jüdischer Solidarität! Daß es nur den Herren Bloch und Consorten nicht so ergehe, wie den Juden in Laun, denen wie bekannt, die dortige Ortsgruppe der „ Severoceskä jednota" ein ähnlich aufgebrachtes Geld zurückgewiesen hatte. Nikolsburg, 10. October 1897. Löbliche Redaction! Im Interesse der ebenso wichtigen, als auch guten Sache, und um der Wahrheit die ihr gebührende Ehre geben zu können, erlaube ich mir hiemit, Sie. geehrter Herr Redacteur, um die Aufnahme folgender Zeilen in Ihrem geschätzten Blatte zu bitten: In der „Oesterr. Wochenschrift" vom 1. October 1897 befindet sich aus Seite 807 ein Bericht aus Nikolsburg, welcher, insoweit er die hiesigen Verhältnisse betrifft, auf grundfalschen Angaben beruht. Zu Gunsten des diesbezüglichen Berichterstatters will ich annehmen, daß derselbe mit den hiesigen Verhältnissen nicht vertraut ist. und sonach die Thatsachen nicht absichtlich entstellte. Als einer Derjenigen, die in die Localverhältnisse genau eingeweiht sind, halte ich es in dieser Angelegenheit zunächst für meine Pflicht, zu bemerken, daß das Gros unserer christlichen Bevölkerung mit uns Israeliten in freundschaftlichem Verkehre steht und daß ganz besonders die Vertretung der Stadtgemeinde in jeder Be-