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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-10-15 · 42 (15.10.1897) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
42 (15.10.1897)
Date
1897-10-15
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 846 Nr. 42 Vr. VlorVs VortzrnptzrM Form von alterthümlichem Rabbüüsmus, der auf die Phantasie der morgenländischen Juden immer stark wirkt. Jerusalem wird modern, Hebron wird tu einen industriellen Stapelplatz verwandelt, und sogar Tiberias sängt an, dem Impuls vom westlichen Leben und Denken zu folgen, aber Jaffa schläft weiter. Seine jüdischen Einwohner — die die große Majorität bilden — verträumen ihr Leben in religiöser Trägheit, die Erwachsenen, indem sie ihre Tage der Bettelei widmen und ihre Nächte den dunklen Commentaren des Sohars, die das Entzücken und die Verzweiflung der Kabbalisten sind. Dann und wann jedoch erwachen selbst die Juden von Jaffa aus ihrer mittelalterlichen Erstarrung und ihren geheimen Visionen von „Sephiroh" und „Gilgulim" „Cirkeln" und „Sphären" von wunderwirkeuder Bedeutung. Und eine dieser Gelegenheiten ereignet sich jedes Jahr, ungefähr um Mitte Mai, am 18. des Monates Jjar — einen Tag der im jüdischen Kalender als Lag b'Omer bekannt ist. Wenn man an diesem Maimorgen durch das jüdische Viertel wandert, so merkt man sofort, daß was Besonderes im Gang ist. Es ist eine unverkennbare Bewegung unter den Bewohnern und ein Geben und Kommen von Fremden, welches das Aussehen des Ortes ganz verändert. Statt der lebenden Bündel Lumpen, die sonst die Straßen entlang zu schleichen pflegen, sieht man dandyhafte Juden von Belgrad in weitärmeligen seidenen Burnussen und Lackschuhen; gesetzte Kaufleute aus Damaskus im blauem Khalat und niederem Turban. Geschäftsleute aus Constantinopel mit Ueberrock und rothem Fez; persische Israeliten von Hamadan und Methed, den losen Schalwar und Pelzkappe ihrer moslemitischen Landsleute tragend. Kahlköpfige tartarische Juden von der krim'schen Halbinsel, stolzblickende Hochlandsjuden aus dem Kaukasus in turkestanischen Hausgeweben mit gefärbten Gesichtern und ein vollständiges Arsenal von kleinen Waffen an ihrem Leibe tragend. Von jedem Viertel der asiatischen Türkei und der benachbarten Greuzländer sind diese Juden nach Jaffa gepilgert, manche die ganze Entfernung zu Fuß, um der Haloalah Rabbah oder Haloalah d Raschbi wie man es auch nennt, einer jährlichen Versammlung in dem nahen Dorfe Meirou beizuwohnen, zu Ehren des Rabbi Schimon bar Jochai, des größten Wunderthäters und Kabbalisten aller Zeiten und traditionellen Gründers der mystischen Kabbalistik, dem das Textbuch der Wissenschaft, der Sohar, von seinen Verehrern zugeschrieben wird. Nachmittags wird die Bewegung unter den Bewohnern und Fremden noch mehr bemerkbar. Aeltere Männer, Frauen und Kinder drängen sich auf den flachen Dächern der Häuser des jüdischen Viertels zusammen und stellen sich dort so auf, daß ihre Gesichter nach Nord-West sehen, wo der Thurm oder das Minaret, welches das Gebäude über dem Grab des Kabbalisten-Heiligen in Meiron krönt, in der Entfernung sichtbar wird. Und gegen Abend verlassen alle männlichen Erwachsenen, die beabsichtigen, der Nachtfeier beizuwohnen, im Haufen die Stadt, in der Richtung nach dem kleinen Dorf im nahen Hügeldistrict. Jedermann, der es erschwingen kann, trägt ein neues Gewand bei sich, Shawl, Schärpe oder Turban, von Seide, Atlas oder Brocat schön gestickt, ein kleines Bündel Nahrungsvorräthe, Wein inbegriffen, und einen kleinen Beutel Geld, den Mitteln des betreffenden Individuums entsprechend. Einer dieser Gruppe — einem Häuflein Sephardim von Salonichi — uns anschließend, gehen wir von dem Orte fort und folgen den Spuren — denn Wege existiren nicht — die nach Meiron führen. Wir schleppen uns schweigend über den sandigen Boden, an einigen unordentlichen Einfriedungen vorbei, die mit dickem sich ausspinnenden Gewächs bedeckt sind und als Garten von den Einwohnern betrachtet werden, und erreichen unseren Bestimmungsplatz, ehe es dunkel geworden. Meiron ist nur ein unbedeutendes Dorf, das sich mit einigen 20 einstöckigen geweißten Häuschen brüstet und mit ungefähr ebenso vielen Bewohnern. In der Mitte des Dörfchens ist ein viereckiges Gebäude mit flachem Dach, auch einstöckig, das traditionell als die Schule bekannt ist, die Schimon bar Jochai's Grab bedeckt. Daran schließt sich, ein eingeschlossener ziemlich großer Hofraum, mit einem Thurm oder Minaret, welches das Gebäude an einer Außenseite krönt. Hier, so sagt die Tradition, soll der große Kabbalist die geheimen Interpretationen der Schriften und die Geheimnisse der Wissenschaft 5000 seiner Schüler gelehrt haben; hier ist er auch nach seinem Tode seinen Studenten erschienen und übergab ihnen die Geheimnisse der Adrah Rabba. Dicht daneben zeigendie frommen Schüler des bar Jochai die wirkliche Stelle, wo der Rabbi den Engel des Todes seines Schwertes beraubte und verweigerte, es zurückzugeben, bevor Azrael ihm nicht versprochen, sich nicht mehr den Sterbenden zu zeigen, wenn er seines schicksalvollen Amtes waltete; und in der Nachbarschaft wird die Kluft in dem harten Boden gezeigt, die durch das Erdbeben entstanden, das bar Johai in seinem Gebete unterbrochen, und die Zerstörung der Welt verhinderte, die sonst sich vollzogen hätte. Die Legende erzählt, daß, als Elijah der Prophet im Himmel, von den Leiden hörte, die die Juden erdulden mußten, da betete er, der Messias möge kommen und sie erlösen. Aber vergebens. Er stieg dann unter die Todten hinab und suchte Einen, dessen Verdienste so sichtbar wären, daß feine Gebete zur Erlösung der Hebräer führen würden, aber wieder ohne Erfolg. Dann sah er unter den Lebenden um, nach Einen, der mächtig genug sei, das Ende der Zeit herbeizubringen und fand bar Jochai, den Meister des wunderwirkenden göttlichen Namens. „Bei dem großen Namen", rief der Kabbalisten- Heilige, „ich will nicht ruhen noch rasten in meinen Gebeten, bis der Messias kommt und Israel erlöst sein wird". Er stand nahe bei Meiron und begann sein Flehen. Bei der ersten Bitte begann die Erde zu zittern; bei der zweiten öffneten sich die Gräber und die Todten bewegten sich; aber ehe der Kabbalist die dritte aussprechen konnte, schleuderte ein von der göttlichen Vorsehung gesandtes Erdbeben ihn vom Platz und unterbrach das Gebet, welches das Ende der Zeit und die Zerstörung der Welt herbeigeführt hätte. Zahlreiche solcher Legenden werden in der Umgebung von Meiron erzählt und finden bei den morgenländischen Juden, die in dem Dorf, um das Andenken des großen Kabbalisten zu ehren sich versammeln, ergebenen Glauben. Die Vorbereitungen für die Feier am Abend sind fertig und der Hof ist fast voll, als wir die Schule des bar Jochai erreichen, und uns unter die Pilgrime auf den nackten Boden setzen, wie es Gebrauch ist im Osten. Die Männer sind in Reihen rechts und links geordnet, gegenüber dem Thurm oder Minaret, das von dem Dach des Gebäudes, unter dein das Grab liegt, emporsteigt. Ein breiter Weg ist in der Mitte offen gehalten und an dem Ende, das dem Thurm am nächsten ist. sind die Vorsteher und Aeltesten der Sephardim- Gemeinde von Jaffa aufgestellt, denn die verachteten Aschkenasim — oder nicht eingeborene Juden — dürfen nicht der Abendceremonie beiwohnen. In der Mitte ist der Rabbi mit zwei seiner Collegen von dem rabbinischen Tribunal, ihre weißen wollenen Gebetmäntel über den Schultern — ehrwürdige graubärtige Juden mit den rastlosen Eulenaugen und den Gesichtszügen des Orientalen. Neben ihnen an jeder Seite der Mittelpassage sind die beiden Schamoschim, die als Schließer und ordnende Beamte fungiren und neben ihnen zwei andere Fnnctionäre im orientalischen Anzug, jeder mit einem gezogenen Schwert in der Hand. In der Mitte der Masse von Männern, die auf dem Boden sitzen, an beiden Seiten des Hofraumes ist ein schmaler runder Raum reservirt und dieser ist von einem paar dunkel gekleideten Beamten eingenommen, die jeder eine kleine Fahne an eiirem kurzen Stock tragen, wie sie gewöhnlich für Signale benützt werden. Auf der Spitze des Thurmes oder Minaiets, dem die versammelte Menge sich gegenüber befindet, ist ein großer flacher Kupferkessel angebracht, der ungefähr 15 Gallonen oder mehr Olivenöl enthalten kann und darüber hält ein dritter Schamosch oder Pedell sorgsame Wache. Als es dunkler wird und die Nacht herankommt, füllt der Hofraum sich allmülig, bis er vollgepackt ist mit Hunderten von gläubigen Kabbalisten und Hunderte müssen noch draußen bleiben. Eine besondere Position ist einer Anzahl Frauen gewährt, die spät kommen und in einem Kreis auf der Erde am äußeren Ende des Gebäudes sich gruppiren, ihre Gesichter bedeckt und ihre Gestalten in lange Mäntel eingehüllt. Um die Zeit, wo es ganz dunkel ist und die Sterne an dem klaren östlichen Himmel voll sichtbar sind, sind nicht weniger als 5000 Personen versammelt, um an der Kabbalistenfeier theilzunehmen. Gegen die dritte Stunde der Nacht — wie sie in Palästina noch die Zeit rechnen — sagen wir gegen 9 Uhr — wird das Signal zum Anfang von den beiden Schamoschim oder Pedellen gegeben, die ihre Hände dreimal laut zusammenklappen. Im selben Augenblick ist Jeder in der Versammlung auf den Füßen und Jeder bringt ein Wachskerzchen hervor, das er mit sich gebracht hat. Die beiden Beamten stecken ihre eigenen Kerzen an, die Pilgrime neben ihnen zünden ihr Licht daran an und lassen es weiter gehen und in wenigen Secunden blicken Hunderte von Lichtern aus der Dunkelheit hervor und erleuchten und beglänzen die scharf gezeichneten Züge der orientalischen Sephardim mit überraschendem Effect.

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