Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 42 (15.10.1897)
- Date
- 1897-10-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 42 Vr. Vwch's Wochenschrift Sette 845 Das Unglück Preußens nach den Schlachten bei Jena und Auerstädt wirkte auch nnf Henriettens Verhältnisse ungünstig; ihre Pension und Zinsen wurden nicht bezahlt, und in Folge ihrer geschmälerten Einkünfte lebte sie einige Zeit bei einer befreundeten Familie auf Rügen. Ungeachtet ihrer trüben sorgenvollen Lage lehnte sie doch einen Heiratsantrag des Grasen Dohna-Schlobitten ab, da sie um ihrer alten Mutter willen ihren angestammten Glauben nicht verlassen wollte. Der später so berühmt gewordene Ludwig Börne hatte sich fast um dieselbe Zeit leidenschaftlich in die um 22 Jahre ältere Frau verliebt, und obgleich sie, erschreckt durch die glühende Bewunderung des feurigen Jünglings, jeden persönlichen Verkehr mit ihm abbrach, blieb er ihr zeitlebens in inniger Freundschaft und Verehrung ergeben. Auf die durch Delbrück, dem Erzieher des Kronprinzen, nachmaligen König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen, ihr angebotene glänzende Stellung, die Erziehung der Prinzessin Charlotte, späteren Kaiserin voll Rußland, zu leite», verzichtete sie ebenso wie auf die Aufforderung der Madame de Campan, der Vorsteherin des berühmten Erziehungshauses zu St. Cyr, die Erziehung einer Nichte des Königs von Neapel, Murat, zu übernehmen, da sie sich zu einem Glaubenswechsel, welcher durchaus zur Bedingung gestellt wurde, nicht entschließen konnte. Ob sie Schleiermacher überredet und gedrängt hat, 3817, nach dem Tode ihrer Mutter, trat auch sie gleich ihren Freundinnen, Rahel Levin und Dorothea Mendelssohn, zum Christenthum über. Dieser Schritt erregte in Berlin so großes Aufsehen, daß sie auf einige Zeit nach Italien reiste, um dem Gerede zu entgehen; in Rom verkehrte sie viel im Salon der Gemalin Wilhelm von Humboldt's, welche sich mit ihren Töchtern Caroline und Gabriele in der ewigen Stadt während der Zeit, da ihr Gatte in London weilte, häuslich niedergelassen hatte; dort zeichnete der geistreiche, kunstsinnige, aber excentrische, damalige Kronprinz Ludwig von Bayern die noch immer sehr schöne Frau sehr aus. Nach ihrer Rückkehr bewegte sie sich in der feinsten, geistreichsten Gesellschaft Berlin's, sie lernte die höchste Aristokratie kennen, sie unterrichtete die Tochter der Herzogin von Kurland, die spätere schöne Herzogin von Sagau in der englischen Sprache, sie gewann die Freundschaft der Fürstin Luise Radziwill und war ein stets gern gesehener und gefeierter Gast im Palais des Fürsten Anton Radziwill. Bei dem Liebesroman, der sich in demselben abspielte und so traurig endete, war Henriette ebenso die Vertraute der stolzen Hoffnungen als der bangen Sorgen des zärtlich liebenden Mutterherzen der Fürstin Luise; Henriette widersprach auch stets der Annahme, die sich im Publicum verbreitet hatte, Prinzessin Elisa Radziwill sei am gebrochenen Herzen gestorben; sie erlag dem Erbübel ihrer Familie, der Lungenschwindsucht. Henriettens Lebensabend war von materiellen Sorgen getrübt, mehr und mehr vereinsamte sie, aus dem geistig-geselligen Kreise, dessen gefeierter Mittelpunkt sie einst war, hatte sich allmählich Blatt um Blatt gelöst, ihre Getreuen waren ihr zumeist im Tode voraus gegangen. Alexander von Humboldt, welcher der alten Frau unverändert seine freundschaftliche Gesinnung bewahrt hatte, wußte das Interesse Friedrich Wilhelm IV, der als Kronprinz mit seinem Erzieher Delbrück einmal das Herrsche Haus besucht hatte und der Henrietten zuweilen in den Radziwill'schen Soireen begegnet war, wo er sie stets durch eine ehrende Ansprache auszeichnete, für sie wieder zu erregen und erwirkte ihr bis zu ihrem Lebensende einen Jahresgehalt von 500 Thalern. Der König hatte zu Humboldt gesagt: „er freue sich, etwas für die greise Frau thun zu können, deren Namen er von frühester Jugend nur mit inniger Hochachtung habe nennen hören und die, so lange es ihre Kräfte erlaubten, so thätig für das allgemeine Beste gewirkt habe;" jeder Dank wurde abgelehnt und sie erhielt die Pension auf die zarteste Weise. Sie erlebte noch die große Freude, daß der König sie durch seinen Besuch in ihrer kleinen Wohnung im Thiergarten beehrte, und starb wenige Monate später am 22. October 1847. Auf dem stillen Friedhofe der Jerusalemer Kirche in Berlin ist sie zur ewigen Ruhe gebettet, und wie sie es im Leben geliebt hatte, sich von bedeutenden Menschen umgeben zu sehen, so war es ihr auch vergönnt, im Tode neben Leuchten der Wissenschaften als neben ihren Verwandten zu ruhen, z. B. neben Albrecht von Gräfe, dem berühmten Augenärzte, und dem bedeutenden Chirurgen Wilms. Aus dem Nachlasse der berühmten Frau sind vor einiger Zeit Briefe und Documente bekannt geworden, welche wesentlich zur Vervollständigung ihrer Biographie beitragen. Sie hatte mit vielen bedeutenden Männern und Frauen in reger brieflicher Verbindung gestanden, jedoch diesen äußerst interessanten und reichhaltigen Briefwechsel aus Furcht vor indiscreten Veröffentlichungen zum größten Theile vernichtet. In den nun bekannt gewordenen nachgelassenen Papieren begegnet uns zuerst ein Gedicht, welches Dr. Gmnpertz, der Lehrer von Dr. Markus Herz zu dessen Vermählung mit Henriette, anknüpfend an ein Bild, welches die berühmte Malerin Therbusch von dem fünfzehnjährigen schönen Mädchen als Hebe mit der Nektarschale in der Hand, in durchsichtigem Flügelkleide gemalt hatte, verfaßte. Unter den Briefen sind einige des Dr. Markus Herz an seine Schwiegermutter, Frau de Lemos, welche von hoher Achtung für dieselbe zeigen: ferner Briefe von Schleiermacher, aus welchen feine treue innige Freundschaft für sein „liebes Jettchen" spricht. Man hatte in Berlin allgemein geglaubt, Schleiermacher würde sie nach ihrem Uebertritte zum Christenthume heiraten, allein ihr lag der Gedanke vollständig fern, und er, der kleine Mann, erschien sich als lächerlich an der Seite der königlichen imposanten Gestalt feiner Freundin. Der Leidenschaft des jungen Börne für die so viel ältere Frau wird in diesen Papieren nicht erwähnt; hingegen finden wir mehrere Briefe Alexander von Humboldt's aus verschiedenen Phasen seines Lebens, neben Auszeichnungen, Tagebuchblättern von Henriette selbst, 1820, als sie nach ihrem Uebertritte oft von tiefer Schwermuth niedergedrückt war, ltnb daß sie trotz ihres reichen Wissens zu geistigem Schaffen unfähig, verbitterte ihr Leben ebenfalls oft. Doch im Gebete suchte und fand sie Trost und Hilfe. Zeitgenossen erlväbnen, daß übergroße Bescheidenheit den Trieb, als selbstständige Schriftstellerin sich zu versuchen, unterdrückte. Sie hat nur einige Reisebeschreibungen ans dem Englischen übersetzt. In vieler Beziehung ist Henriette mit der bedeutend jüngeren Rahel Leviu zu vergleichen. Rahel war vielleicht noch mehr durch ihren sprühenden Geist und blendenden Witz anziehend, Heistiette hingegen ein allseitiger und schöner harmonisch durchgebildeter Charakter. War es auch kein schöpferisches, so doch ein sehr anregendes Leben, das Henriette führte, und von ihr kann Goethe's Wort gelten: „Wer den Besten seiner Zeit gelebt, Der hat gelebt für alle Zeiten." Außer dem Bilde Henriettens als Hebe, welches ihre Nichte Therese Herz besaß und 1889 der Nationalgalerie in Berlin vermachte, existirt ein noch viel schöneres Bild von der Hand des Malers Graff in Dresden, welches das elastische Profil und das geistige Feuer des Auges so lebhaft wiedergibt, daß, obgleich es nicht vollkommen ähnlich war, Markus Herz selbst es ein Meisterstück nannte. Ter berühmte Bildhauer Schadow hat ihrer Büste dieselben vornehmen edlen Züge verliehen, die jenes Bild zeigt. Eine begabte Dilettantin, Elise Fränkel, hatte 1820 eine Zeichnung von Henriette gefertigt, nach der Mode der Zeit mit einem Kopftuch als Turban; Alexander von Humboldt hatte dieselbe Friedrich Wilhelm IV. vorgelegt, welcher sie zwar ähnlich, doch ihrer Schönheit nicht entsprechend fand. In einer Zeichnung, die drei Jahre früher der Maler Wilhem Hensel*) in Rom ausführte, soll ein italienischer Künstler und Kunstkenner noch bei der 53jährigen Frau die Formen reiner Schönheit erblickt haben; ein letztes Porträt stellt endlich die greise Matrone dar, von der einstigen Schönheit ist nur noch der edle Ausdruck des Gesichts zurückgeblieben, gehoben durch edle Einfachhett des Anzuges. Die schöne, groß angelegte Frau zählt zu den edelsten und interessantesten Frauengestalten aller Zeiten und verdient der jetzigen Generation näher gebracht zu werden. Regina Neißer, Breslau. Eine kabbalistische Saturnalia. (Aus dem „Standard" vom 30. August 1897.) Jaffa, mit seinen engen krummen Straßen und auf die schläftigen Wasser von Meiron und Galilae blickend, ist nicht gerade ein lebhafter Platz. Eine der sogenannten „vier heiligen Städte" von Palästina, ist sie am wenigsten fortgeschritten und noch in diesem 19. Jahrhundert ein Mittelpunkt jener mystischen *) Der spätere Gatte von Fanny Mendelssohn-Battholdy.