Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 42 (15.10.1897)
- Date
- 1897-10-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 844 Vr. Vloch'» Wochenschrift Nr 43 Die Resolution wurde sodann mit einigen stylistischen Aenderungen und Verbesserungen einstimmig angenommen und beschlossen, selbe in allen Tagesblättern veröffentlichen zu lassen. Resolution: In der öffentlichen Sitzung des Wiener israelitischen Cultusvorstandes am 10. d. M. wurde folgende Resolution einhellig gefaßt: „In der öffentlichen Sitzung des Wiener Gemeinderathes vom 1. l. M. wurde im Wege eines von einem Mitgliede des Präsidiums eingebrachten Antrages und der Begründung desselben gröbliche Verdächtigungen und Schmähungen gegen das Judenthum, gegen dessen religiössittliche Grundlagen, sowie gegen die religiösen und sittlichen Anschauungen unserer Religionsgenossen, gerichtet und wurde diese Kundgebung wörtlich und vollinhaltlich — ungeachtet erhobenen Widerspruches — von dem Herrn Bürgermeister zur öffentlichen Kenntniß gebracht, beziehungsweise deren Vorlesung verfügt. Nachdem diese Kundgebung durch das nunmehr erschienene, vorliegende „Amtsblatt der k. k. Haupt- und Residenzstadt Wien" in Nr. 80 officiell festgestellt ist, erachtet es der Cultusvorstand der israelitischen Cultusgemeinde in Wien für seine Pflicht, dagegen öffentlich und feierlich Protest zu erheben. Der Cultusvorstand hat seit Jahren, ungeachtet des Andrängens unserer Religionsgenoffen, insolange es sich um noch so empfindliche materielle Schädigungen handelte, wie beispielsweise die Nichtbeförderung von altgedienten, bestbewährten Communal-Lehrern, nur deshalb, weil sie Juden sind, die Verweigerung von Schulgeldbefreiungen für arme jüdische Kinder, die Uebergehung verdienter jüdischer Communal-Beamten, die Zurücksetzung jüdischer Gewerbsleute bei öffentlichen Arbeiten, die Verweigerung von Subventionen an jüdische Wohlthätigkeitsaustalten rc. rc. — jede Protesterklärung unterlassen. — Wohl aber erachtet sich der Cultusvorstand für verpflichtet, die vorliegende Verunglimpfung der jüdischen Religion mit Entrüstung zurückzuweisen. Der israelitische Cultusvorstand sieht sich zu der Erklärung veranlaßt, daß das; Judenthum hoch erhaben ist, über dem Niveau der in der eingangs erwähnten Kundgebung enthaltenen Verdächtigungen und verzichtet im Hinblicke Ms die im Judenthume strenge vorgeschriebene und unter den Juden zu aller: Zeiten beachtete Heiligkeit des Eides selbstverständlich darauf, den gegen diese notorische Thatsache gerichteten Anwürfen, die Ehre einer Widerlegung zu erweisen." Zum Schluffe referirt Herr Bicepräsident Dr. K o h n namens der II. (Schul-) Section in Angelegenheit der Sammelschulen. Dieselben seien nur ein allerdings unangenehmer Nothbehelf und wäre es gewiß zweckmäßiger, in allen Schulen den Religionsunterricht intern ertheilen zu lassen, aber die Verhältnisse ermöglichen dies nicht. Viele Eltern haben deshalb um Dispens vom öffentlichen Religionsunterrichte für ihre Kinder angesucht, was früher ohneweiters bewilligt wurde, zumal nicht gar viele Ansuchen gestellt wurden. Seither mehrt sich aber die Zahl der Gesuche in dem Maße, daß die Gefahr bestehe, daß bald nur die armen Kinder in den Sammelschulen unterrichtet werden. Darum habe die II. Section beschlossen, die Dispensirung zu erschweren, das heißt sie von folgenden Bedingungen abhängig zu machen: Zunächst haben die Eltern der zu befreienden Kinder den Lehrer namhaft zu machen, welcher den Privatunterricht in der Religion zu ertheilen hätte, ferner müssen sich die dispensirten Kinder zweimal im Jahre, nämlich am Schluffe des zweiten und des vierten Schulquartals, einer Prüfung aus der Religion unterziehen. Da nun die Gemeinde dabei nur den Zweck verfolgen will, daß der Religionsunterricht nicht leide, aber weiter keinen materiellen Vortheil suche, werde auch in Hinkunft für beide Privatisten-Prüfungen nur einmal die festgesetzte Taxe von 3 fl. eingehoben werden. Ueber eine Anregung des Herrn Hirsch erklärt der Referent, daß der Vorstand durch die Jnspectoren sich informiren und erst dann die Dispens ertheilen werde, wenn die Sicherheit für die Ertheilmrg des Religionsunterrichtes im Hause gegeben sei. Die Referentenanträge werden hierauf a ngenommen und um halb 2 Uhr die Sitzung geschlossen. Henriette Her;. (Ein Gedenkblatt zu ihrem fünfzigsten Todestag, den 22. Oktober 1897.) In seinem berühmten Epiloge zu Schiller's „Glocke" ruft der unsterbliche Dichterfürst Goethe seinem großen allzu früh Heimgegangenen Freunde nach: „Denn er war unser! Mag das stolze Wort den lauten Schmerz gewaltsam übertönen!" Wenn wir jener drei Frauen gedenken, welche vor hundert Jahren als Jüdinnen die Trägerinnen des geistigen Lebens Berlins bildeten, Dorothea Schlegel - Mendelssohn, Henriette Herz und Rahel Levin, so kann der Gedanke: „Sie waren unser" nur unseren Schmerz vermehren, daß dieses Dreigestirn großer Frauen es über sich gewinnen konnte, den angestammten Glauben zu verlassen. Einigermaßen versöhnend wirkt jedoch der Gedanke im Hinblicke auf sie, daß sie bis zu ihrem Lebensende das „jüdische Herz" bethätigten. . Ein Jahrhundert ist dahingerauscht, daß der Hofrath Marcus Herz in Berlin sein Haus zun: Sammelpunkte eines großen geistig belebten Kreises zu machen wußte, dessen Seele seine Gattin, die schöne, vielgefeierte Henriette Herz, die Recamier der preußischen Residenz genannt, war. Sie hat ein hohes Alter erreicht, und wie die berühmte Ninon de l'Enclos wußte sie sich auch bis an ihr Lebensende ihre eigenthümliche, vollendete Schönheit zu erhalten. Henriette Herz wurde am 5. September 1764 geboren. Die junge, reich begabte Tochter eines aus Portugal eingewanderten jüdischen Arztes, Benjamin de Lemos, der sich großer Praxis erfteute, erregte schon frühzeitig die allgemeinste Bewunderung nicht nur durch ihre auffallende Schönheit, ihre majestätische übergroße, stattlich-vornehme Erscheinung, edle Haltung, ihre großen, dunklen, leuchtenden Augen, aus denen Geist und Gemüth sprachen, ihren zarten Teint und ihre prachtvollen dunklen Locken, welche sie auch mehr als orientalische, denn als klassische Schönheit erscheinen ließ, sondern auch durch ihr reiches vielseitiges Wissen und ihre hervorragenden Sprachkenntnisse. Sie war kaum 13 Jahre alt, als der kleine, häßliche, aber hochbedeutende, geistreiche Arzt Markus Herz, ein Lieblingsschüler Kant's, welcher viel in ihrem elterlichen Hause verkehrte, um sie warb. 1779 heiratete sie den fast, noch einnial so alten Arzt. Henriette selbst hat ihre Ehe „ein glückliches Berhältniß" genannt. Ihr Gatte wurde ihr Lehrer und Erzieher, unter seiner Leitung vervollkommnete sie sich in ihrer allgemeinen Bildung und besonders in ihren Sprachkenntnissen. Sie war ihrem Gatten stets die liebevollste, treueste Gefährtin; den lange schwer empfundenen Schmerz über ihre Kinderlosigkeit überwand ihre kräftige Seele allmählich, sie fand Befriedigung in treuer Pflichterfüllung, im Streben nach den höchsten idealen Gütern, in der - Beschäftigung mit Literatur und Kunst im Umgänge mit reichbegabten, gleichgesinnten Menschen. Kaum jemals hat eine Frau durch die Macht ihres Geistes und ihrer Schönheit wie durch edelste Weiblichkeit einem literarischen Salon so viel Glanz verliehen, wie Henriette Herz zu Ende des vorige» und zu Anfang unseres Jahrhunderts dem ihrigen in Berlin. Wessen Lebensstellung es irgend erlaubte, wer sich irgend auf einem Gebiete auszeichnete, ob Mann ob Frau, verkehrte damals in Berlin im Herrschen Hause. Die hervorragendsten Männer und bedeutendsten Frauen standen in freundschaftlichsten Beziehungen zu demselben. Der Philosoph Engel, der Dichter Ramler, die Brüder Wilhelm und Alexander von Humboldt, welche als Jünglinge der schönen Frau eine schwärmerische Verehrung zollten, Zelter, Schadow, Johannes von Müller, Mirabeau, der Held der französischen Revolution, die Brüder Schlegel, Zöllner und Schleiermacher, die bedeutenden Theologen ihrer Zeit, welch letzteren besonders Jahrzehnte lang das vertrauteste herzlichste Freundschaftsverhältniß mit Henriette verband, das nach dem Tode ihres Gatten so viel besprochen wurde, u. A. m. zählten zu den häufigsten Gästen des Hauses. Als Marcus Herz schon 1803 starb, ließ er seine Gattin in tiefster Trauer und ohne Vermögen zurück. Trotz ihrer geringen Pension und unbedeutenden Zinsen sorgte Henriette für ihre alte Mutter und eine unverheiratete Schwester, war und blieb bis in ihr hohes Alter beseelt von der Lust, Anderen Freude zu bereiten, von der Unermüdlichkeit, Armen und Leidender: wohlzuthurr und von der Kunst, auch ohne bedeutende Mittel einen auserwählten geselligen Kreis um sich zu schaffen nrnd dauernd an sich zu fesseln.