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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-10-15 · 42 (15.10.1897) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
42 (15.10.1897)
Date
1897-10-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 42 Vr. Lloch » Zvochrnsttzrift. Sette 83S Ost und oft ist in den letzten Jahren harter Bedrängniß, grausamer Verfolgung und Planmäßiger Verhetzung an die Vertretung der Wiener Cnltusgemeinde die Versuchung herangetreten, ihre Stimme gegen Gewalt und Medertracht, für Recht, Gesetz und Menschlichkeit zu erheben. Sie hat dieser Versuchung widerstanden, in der weifen Erkenntniß, daß sie damit die Grenzen ihrer Befugnisse überschreiten würde, daß der Schutz des materiellen Rechtes der einzelnen Glaubensgenossen, die Wahrung der staatsbürgerlichen Stellung der Juden vor ein staatliches und nicht vor ein religiöses Forum gehört. Diesen Standpunkt hält der Cnltusvorstand auch heute noch in seiner Protestkundgebung fest. Aber eben deshalb, weil seine Enunciation um keines Haares Breite über den Rahmen der dieser Körperschaft zugewiesenen Competenz hinausgreift, eben die Thatsache, daß der C n l t u s v o r st a n d als solch e.r zu dieser feierlichen Verwahrung sich gezwungen sieht, ist ein unumstößlicher Beweis dafür, daß der Antisemitismus nicht mehr blos eine Gefahr für die rechtliche Stellung der Juden im Staate, sondern auch, trotz aller klaren strafgesetzlichen Bestimmungen, bereits für die jüdische Religion und die jüdische Religionsgenossenschaft geworden ist. Ruhig und würdig, aber auch selbstbewußt und etltschieden weist die Resolution des Cultnsvorstandes die frevelhaften Auwürfe gegen die religiös-sittlichen Grundlagen des Jndenthnms, gegen den Inhalt unserer heiligen Glaubenslehre zurück. In richtiger Empfindung vermeidet sie jede Polemik gegen die Erbärmlichkeiten des Antisemitismus. Das Schriftstück hat nicht den Zweck, zu überzeugen, wo man keine Ueberzeugung annimmt, zu beweisen, wo Beweise nicht gewürdigt werden. Die Thatsache, daß die Heiligkeit des Eides im Judenthum strenge vorgeschriebeu und unter den Juden aller Zeiten beobachtet wurde, ist geschichtlich bezeugt. Wer die Geschichte kennt, muß auch die Thatsache auerkenuen, wer sie nicht kennt oder nicht kennen will, den werden Worte nicht belehren. Der Protest des Cultnsvorstandes ist daher auch nicht ein Kampfruf gegen die Antisemiten, nicht eine Vertheidigungs- und Rechtfertigungsschrift gegenüber dem pflichtvergessenen Gemeinderathspräsidinm. Er soll an ganz anderer Stelle gehört und verstanden werden, an jener verantwortlichen Stelle, die berufen ist, über die Befolgung der Gesetze und über das Recht der freien Religionsübung aller staatlich anerkannten Glanbensgenossenschaften zu wachen. Er ist ein Nvthruf, nicht des bedrohten Judenthums allein, sondern der Religio n, des geschmähten und gelästerten Gottesglaubens überhaupt. Es ist der Versuch unternommen worden, Hunderttausenden in Abhängigkeit und gesellschaftlicher Aechtung seufzenden Menschen, die der Staat wenigstens gesetzlich noch als seine Bürger anerkennt, ihr Letztes, ihr Heiligstes, ihr Palladium zu besudeln. Den Hütern dieses Palladiums steheil nicht Wehr und Waffen zu seiner Bertheidigung zu Gebote, sie verfügen nur über Worte. Aber diese Worte enthüllten die Wunden, an denen unser Staatsleben krankt, und die immer tiefer, immer blutiger werden. Möge sich die heilende Hand finden, ehe das Krebsgeschwür des Antisemitismus den ganzen Organismus vergiftet. Der „jüdische Wüstling" und der „semitische Lügner". Die stillverschwiegenen Freuden des edlen Männerherzens, das unter der steif geglätteten Hemdbrust des Herrn Gregvrig schlägt, sind Gegenstand der parlamentarischen Tiscussion geworden und nach den Berechnungen fleißiger Statistiker haben die Völker Oesterreichs mit 8000 fl. die nachstehenden Mittheilungen bezahlt: a) Im Hotel Wimberger gibt es Obambre 86parüe; b) Wenn es Herrn Gregorig zu gut geht, so geht er auf's — Lbnmdrü 86paröe und spritzt mit Syphonflaschen; c) Für Herrn I r o sollte Allinntter Germania ein Ehrenbruchband anschaffen. Aber man sage uns einmal, was von den mirgetheilten drei Thatsachen eigentlich überraschend ist. Daß die Germanen über die Heiligkeit des Ehrenwortes nicht besonders kritisch denken, das ist eine bekannte, in Tausenden von Criminalproeessen erhärtete Thatsache, und daß Herr Gregor i g würdig wäre, im „Deutschen Volksblatt" unter der beliebten Spitzmarke „ein jüdischer Wüstling" behandelt zu werden, ist eigentlich auch nicht die große Diätenausgabe werth. welche die Erörterung der Asiaire Jro-Gregorig erheischt habe. Es wird nur wenig Idealisten geben, welche dadurch überrascht werden, daß zwischen den Christlich-Socialen ä la Vergani und Mittermayer und den pangermanischen Tugendhelden in Wahrhett so geringe Unterschiede vorhanden sind. Ob christlich-social, ob national ist einerlei, in dem Antisemitismus liegt die Schweinerei. Es ist freilich einigermaßen pikant, daß zu derselben Zeit, wo irgend ein N e u m a y e r die Kühnheit hat, in offener Gemeinderathssitzung gegen die jüdischen Richter aufzntreten und zu salbadern, daß die Heiligkeit des Eides durch jüdische Gerichtsfunctionäre beeinträchtigt werde, klipp und klar bewiesen wird, was man von den Bismarck-Eicheln des Tentoburgerwaldes zu halten hat. Die Reinheit der Ehe des Herrn Gregorig und die Lauterkeit des Ehrenwortes des Herrn I r o dürften so ziemlich gleichwerthig sein. Bon hervorragendem Interesse ist es freilich, wenn Dr. Lueger den simplen Anlaß benützt, um Gift und Geifer zu spritzen gegen Jene, die das Parlament zum Schauplatz persönlicher Angriffe benützen, unter dem Deckmantel der Immunität der Privatgehässigkeit freien Lauf lassen. Es ist in. diesen Tagen wiederholt daran erinnert worden, was die engsten Gefinimngsgenossen des Herrn Lueger, was vor Allein er selber an lügenhaften Verllllglimpfttngen seiner politischen Gegner geleistet hat. Es gebricht uns an Raum, um alle die Großthaten der Verleumdung auMzählen, die diese Helden der Lüge vollbracht haben; und nun da eine vorwitzige Hand die Portiere des chambre separee, hinter der Herr Gregorig kost, ein weuig lüftet und der staunenden Welt beweist, daß die jüdische Unsittlichkeit, von der die Casseneinbrecher von Mühldorf so viel zu erzählen wissen, auch die arische Unverdorbenheit des Mariahilfer Wäschehändlers angesteckt hat, wird Zeter und Mordio geschrieen und von der Tepravirung der parlamentarischen Sitten gefaselt! Jener St. Pöltener Bieder- und Wohlmeier, der einen Tag zuvor sich darüber beklagte, daß der Spelunken- und Kneip eltton sich in dem Hanse auf dem Franzensring einbürgerte, hat bald darauf Gelegenheit gehabt, zu stndiren, von welcher Seite der Pülcher-Einzug ins Parlament erfolgte. Freilich wird man die ganze Sache nicht zu tragisch nehmen. Christlich-sociale und deutschnationale Antisemiten schlagen und vertragen sich und in die Walhalla des Bergani und Mittermayer paßt auch Herr Jro hinein. Und in dem antisemitischen Museum wird sich neben der Mihldorfer Gemeindecassa und dem Risconto jenes armen Kellners auch das gebrochene Ehrenwort des Schildknappen von Rosenau trefflich ausnehinen. Vergani zum zweiten Wate verurtheilt. Bon dem Urtheil jener zwölf Personen, die in dem Processe Vergani-Schönerer „zufällig" Geschworne waren, hat Ernst Vergani an das Urtheil der Wühler appellirt. Die Geschworuen hatten erkannt, daß der Wahrheitsbeweis für die unredliche Gebahrung mit Gemeindegeldern, für die Unterschlagung von Umlagen und die Beiseiteschaffung einer Obligation erbracht sei; die Wühler des Landtagswahlbezirkes Spitz-Ottenschlag-Pöggftall-Persenbeug haben dieses Verdict bestätigt, indem sie Ernst Vergani fallen ließen. Unter jenen zwölf Gescllwornen waren auch zwei Juden, auf welche sich Vergani nach dem für ihn so unglücklichen Ausgang des Processes mit wahrer Berserkerwuth stürzte. Er verdächtigte ihre Gewissenhaftigkeit, er griff sie in ihrer privaten und geschäftlichen Ehre an, er stellte sich als das Opfer jüdischer Rachsucht hin, obwohl ja auch feine Gegner Wolff, Schönerer und Arnoscht Antisemiten waren und dem Judenthum weit schlimmer mitgespielt haben, als Vergani mit seiner Sippe. Der Landtagswahlbezirk Spitz-Ottenschlag-Pöggstall- Persenburg ist so ziemlich judenrein. Auf hundert christliche Wähler kommt kaum ein jüdischer. Bei diesem zweiten vernichtenden Volksgericht konnte also Vergani nicht mehr von

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