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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-10-15 · 42 (15.10.1897) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
42 (15.10.1897)
Date
1897-10-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sette 836 Dr. Vloch's Wochrnsttzrist. Nr. 42 und Verdächtigungen, welche in diesen „unreifen Jungen" einerseits das Gefühl der Zurücksetzung, anderseits das Gefühl der Mißachtung des eigenen Glaubens erzeugen und sie zum Abfall von demselben bestimmen. Sie glauben auf solche Weise der Schmach zu entgehen, welche auf das Judenthum gehäuft wird. Wir verzeichnen es aber als ein überaus werthvolles Zugeständniß, daß berufene Vertreter der christlichen Bevölkerung diese in Folge der Jüdenhetze sich mehrenden Fälle des Austrittes aus dem Judenthum als eine „Gefährdung der religiösen Anschauungen der st udier enden Jugend" erklären. In der Motivirung des' vor wenigen Tagen eingebrachten Antrages N e u m a y e r heißt es, daß den Juden das Berständniß für die sittlich-religiösen Anschauungen des christlichen Volkes fast vollständig fehle. In dem einen Falle wird also der A b f a l l, in dem anderen Falle die Zugehörigkeit zum Judenthume als eine Gefährdung der religiösen Anschauungen des christlichen Volkes erklärt. Die Interpellation des Abgeordneten Mayr und Genossen ist ein umso wirksamerer Protest gegen den Antisemitismus, als die Interpellanten selbst politische Coalirte der christlich-socialen Partei sind und trotzdem im Interesse der christliche n Religion sich im offenen und directen Widerspruch zu den Grundsätzen und Behauptungen dieser Partei setzen müssen. Es zeigt sich da mit der greifbarsten Deutlichkeit, daß der Antisemitismus die religiösen Grundlagen der Gesellschaft überhaupt bedroht, So wenig mau das Haus des Nachbars anzünden und dabei ruhig im eigenen Hause sitzen bleiben kann, so wenig kann man die Fundamente der jüdischen Religion zerrütten lassen und dabei die Fundamente des christlichen Glaubens intact erhalten. Ungarn, das den Antisemitismus unterdrückt hat, zählt trotz seiner freien Gesetze sehr wenig Confessionslose, am wenigsten die ungarischen Juden. Nach den amtlichen Erhebungen wurden im Jahre 1896 in Ungarn insgesammt 3990 Personen gezählt, welche sich als confeffionslos bekannten, davon wohnten in dem socialdemvkratischen Hodmezö-Vasarhely 227. Von den Ausgetretenen waren 2295 Protestanten, 923 Katholiken, 717 Griechisch-orientalische und 28 Juden. Auffallenderweise überwiegen unter den Confessionslosen die Frauen 2181 neben nur 1809 Männern. Unter allen Umständen ist die Zahl der Confessionslosen so unerheblich, daß jetzt die eifrigsten Gegner der neuen Gesetze ihre Ungefährlichkeit anerkennen. Die Interpellation spricht nur von den „unreifen Jungen", nicht aber von der Erziehung durch die Eltern, die zu solcher Untreue gegen den Glauben der Väter führt. Es ist immer das Beispiel der Großen, welches corrumpirend auf das religiöse Gefühl der Jugend wirkt. Ueber die sittliche Zerrüttung, welche die Confessionslosigkeit zur Voraussetzung und zur Folge hat, äußert sich ein reichsdeutsches Fachblatt wie folgt: „Ein Confessionsloser erscheint uns wie ein Mensch ohne Heimat, der jeden Zusammenhang mit der Vergangenheit abgebrochen, jeden Anknüpfungspunkt mit der Zukunft aufgehoben hat. Noch schlimmer aber als um das Wort steht es um den Begriff selber. Zwar ist er weder neu noch so ganz fremd und ungewohnt. Hatte doch schon Schiller sich als confessionslos mit den Worten erklärt: Welche Religion ich bekenne? Keine von allen, Die Du mir nennst. Und warum keine? — Aus Religion. Nicht so leicht, wie der Dichter, nehmen es ernste Gelehrte, gründliche Forscher mit der Confeffion; unter den Confessionslosen werden sicherlich kaum 10", „ den Männern der Wissenschaft angehören und unter diesen 10 % sind sicherlich neun Theile einseitige Naturforscher, die von den humanistischen Disciplinen soviel verstehen, wie der aufgeklärte Landjunge und der gebildete Hausknecht. Die Sache liegt einfach so: Religion ist eine dem Menschen angeborene Idee, die ihren Ausdruck sucht, und dieser Ausdruck wird nun allerdings von ganz specifischen ethnopsychischen Momenten, von Volksgeschichte, Stammeseigenthümlichkeiten, selbst Territorien beeinflußt. Diese Erscheinungsformen der religiösen Ideen sind die Confessionen. „Ich habe keine Confeffion" heißt soviel, als „ich spreche gar keine Sprache" oder „ich habe gar kein Vaterland". Die alten Deutschen nannten die Vaterlandslosigkeit das „Elend", heute wird dergleichen Unsinn: Kosmopolitismus ünd Weltbürgerlichkeit genannt. Daß jemand wirklich eine Religion und keine Confeffion habe, ist so unglaublich, wie Gedanken ohne Sprache, räumliche Existenz ohne irgend eine Gestalt. Die confessionslose Religion ist ein Gespenst oder ein Schalk, der sich in ein weißes Bettlaken gehüllt, um Kinder und Thoren damit zu schrecken. Möglich ist's aber immer, daß jemand für seine Religion sich eine eigene Erscheinungsform ersonnen, und einen von den traditionellen Und herkömmlichen C'onfessionen und Kirchen verschiedenen Ausdruck erfunden habe, wie es , möglich ist, daß jemand sich auf einer einsamen SUdsee-Jnsel ein apartes Vaterland gründet, oder eine Sprache ausfindig macht, die außer ihm niemand versteht. Das ist zwar complete Narrheit, aber jedenfalls vom Standpunkt der Gewissensfteiheit unantastbar. Doch wie gesagt: Religion ohne Confeffion hat niemand, weil jede Idee Verkörperung sucht, jeder Gedanke Wort werden will. Ist aber jemand ganz religionslos, spürt weder Gott noch Gewissen in sich — so ist er krank und muß invigilirt werden, damit er nicht Anderen Schaden bringe. In wem aber irgend ein Pietätsgefühl noch lebt, der hat Religion und thut am besten, sie in jener confessionellen Form, in der er geboren und erzogen ist, zu bethätigen, wie es immer natürlicher bleibt, in der angestammten Muttersprache seinen Gedankenausdruck zu suchen. In keiner anderen als in der Muttersprache decken sich Zeichen und Bedeutung so vollkommen, daß mit dem Wort tausend Empfindungen erwachen, mit dem Schall die zartesten undefinirbaren Regungen des Herzens, Erinnerungen und Gefühle verknüpft sind, und der heimatliche Ton uns bis in die Seele hineinklingt. Die Heimatsprache erhält uns das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit, und so inniglich wie sie kann uns keine fremde, erkünstelte Sprache unseren eigenen Geist offenbaren. Die confessionslose Religion aber ist, wenn sich jenmnd überhaupt in diese herzlose Abstraction hineingelebthat, ein todter, unfruchtbarer Gedanke, eine herzlose Taubstummheit, die vom Weltverkehr ausgeschlossen ist und kein Mittel besitzt, sich daran zu betheiligen. Ein ebenso trauriges wie eigenthümliches Zeichen der Zeit ist es, daß — mit Ausnahme von Socialdemokraten — unsere Stammesgenossen ein beträchtliches Contingent zu den Confessionslosen oder Dissidenten stellen. Die Einen werden confessionslos, toeil sie sich nicht taufen lassen und trotzdem nicht als Juden erkannt sein möchten. Bekannt dürfte das Frage- und Antwortspiel eines Witzblattes sein: Kind: „Papa, was ist das, ein Dissident?" Vater: „Das ist ein Jude, der keiner sein will." Ein Anderer bekennt sich zum neuen „Cultus", um einige Mark Gemeindesteuern zu sparen; ein Dritter, um sein Söhnlein dem Religionsunterricht zu entziehen. Das ist eine Schmach und eine Albern- heit zugleich! Es ist schmachvoll, einem Glauben zu entsagen, denk die Väter Jahrtausende lang Gut und Blut geopfert haben, um ihn dann für einige Mark wie einen Trödel zu verschachern. Das ist keine Confessionslosigkeit aus Religion ä Ja Schiller, sondern gemeiner Geiz eines Menschen, der einen Stein statt eines Herzens im Leibe hat ä la Meschumad aus dem schmutzigen Ghetto. Und Hirnlosigkeit ist es, wenn jemand glaubt, der Austritt aus dem Judenthum sei etwas anderes als der Uebertritt zur Kirche, die Erklärung der Confessionslosigkeit sei keine Apostasie, kein Abfall vorn Glauben; wenn er vollends wähnt, diese Erklärung verwische seine Vergangenheit, seine Abstammung. Eine Anfrage selbst bei einem gemäßigten Antisemiten würde ihn eines andern belehren; er würde ihm sagen, daß der Austritt aus dem Judenthum noch etwas ganz anderes zu bedeuten habe, als der Austritt aus einer anderen Religionsgemeinschaft, weil das Judenthum mit Stamm und Geschichte, mit Familie und Nationalität verwachsen ist. So ein confessionsloses Philosophchen, das aus dem Judenthum tritt, bricht zugleich mit einer glorreichen Vergangenheit, mit der Blutsverwandtschaft, mit den edelsten Gefühlen des Menschen. Die Juden hatten am allerwenigsten Ursache, mit dem ersten Morgenstrahl der Freiheit die Zelte Jacobs in Brand zu stecken und den Liberalismus der interconfessionellen Gesetze zu einem Spaten zu mißbrauchen, mit dein sie die eigene Confeffion unterwühlen. Da sehe Einer den Philosophen an! Wir kennen Einen, der ist confessionslos geworden — natürlich des Geschäftes halber, und kommt in die Synagoge, um Kaddisch zu sagen, weil er sonst nicht schlafen könnte: Eine „Freigeisterei", die gegen den lieben Gott poltert und sich vor Gespenstern fürchtet. Diese Confessionslosigkeit ist vorderhand nur noch Kopflosigkeit — wehe, wenn sie zur Herzlosigkeit wird!" Der Protest der Cultusgemrinde. Der Vorstand der Wiener Israelitischen Eultusgemeinde hat in öffentlicher Plenarsitzung eine feierliche Protestkundgebung gegen die in dem Anträge Neumayer und dessen Begründung enthaltenen Verdächtiguugeu und Schmähungen gegen das Judenthum beschlossen, deren Wortlaut wir an ariderer Stelle veröffentlichen. Die Enunciation des Eultusvorstandes gleicht der Signalrakete, welche ein von Sturm und Wellen bedrohtes Fahrzeug in die Nacht hinaussendet. Es ist ein Zeichen der höchsten Noth des Judenthums, wenn jene Körperschaft, die lediglich berufen ist, das Heiligthum des jüdischen Glaubens zu bewachen und zu schirmen, aus ihrer bisher ängstlich beobachteten Zurückhaltung heraustritt, ein Zeugniß dafür, daß die Bosheit unserer Feinde bereits an diesem Heiligthum selbst, an den ehrwürdigen Grundlagen unserer Religion rüttelt.

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