Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 41 (8.10.1897)
- Date
- 1897-10-08
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021169-3021210--07182-3031498- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Sette 834 - Vr. Vloch's Wochrnschrist. Nr. 41, „Nicht so schwer wie heute Morgens, als ich sie forttrug", lächelte Arje, „was würde auch aus uns werden, wenn es der Fall wäre?" Und er zog die Silberstücke hervor und hie und da auch einen Papierrubel, und Beile fühlte, wie gut es sei zu leben, und daß die Liebe der wahre Gottesdienst sei, für den sie znm Lohne mit reichlichem Unterhalt gesegnet wurden. Denn die Armuth ist die Mutter der Zwietracht und der Uneinigkeit. So lebten sie. Für sie enthielt aber das Leben keine Einförmigkeit, es gab immer etwas Neues darin. Täglich entdeckten sie aneinander eine neue Tugend und wetteiferten miteinander in liebender Fürsorge. Am Abend machte Arje das Holz für den kommenden Tag klein und holte das Wasser vom Brunnen; und Beile war mit der Sonne auf, um das heiße Fußbad zu bereiten, das Arje die Mühsolen der Tageswanderung erleichterte. Allen anderen Tagen aber zogen sie den Sabbath vor, denn da machte Arje natürlich keine Geschäfte, und sie waren vonl Morgen bis zum Abend beisammen. Und wenn er Mittags bei Tisch saß und um sich blickte, da glänzte Arje's Gesicht vor Stolz. War er nicht ein „Hausherr", gleich den anderen Männern der Gemeinde, wenn deren Bärte ihnen auch bis zum Gürtel reichten? Und an seiner Seite saß sie, die sein Gebieter und zugleich sein Despot, sein Vasall und seine Königin war — Beile, die sanfte, geduldige, die bereit war, ihr Herzblut für ihn zu vergießen; er fühlte, daß das die Wahrheit sei und ein Mann, der dies auch nur ein einziges Mal im Leben fühlt, hat seine Daseinsberechtigung. Und wenn das Mahl als eine gemeine Nothwendigkeit erledigt war, dann gingen sie in den Wald — und welches Werk Gottes gleicht einem russischen Wald im Sommer? Dort vertändelten sie den Nachmittag, versteckten sich weit oben, fast bei dem Ursprung des Baches, wo die anderen Leute nicht hinkamen, weder die kreischenden Weiber, welche die Spärlichkeit aller Dinge im Verhältniß zu der Menge ihrer Sprößlinge beklagten — weder diese kamen, noch die boshaften Buben mit ihren eisernen Lungen; Alles war so still, wie im Himmel. Einmal nur fühlte Beile, wie ihr das Herz stehen blieb, denn sie glaubte im Blätterwerk das düstere, spähende Gesicht Gedalje's entdeckt zu haben. Aber was hatte sie zu fürchten? War er nicht bei ihr, ihr Geliebter, mit dem starken rechten Arm? Und fühlte sie nicht sein Haupt auf ihrem Schoße, wenn sie auch für einen Augenblick hinüberschaute zu dem schimmernden Bächlein, das so riesige Anstrengungen machte, um über den Hügel von Kieselsteinen zu hüpfen, die seinen Lauf bei der Biegung hemmten? All die Zeit über schwelgten ihre Hände in dem Gewirr seines Haares; gab es ein größeres Entzücken? Ueberdies beschäftigte das ihre Finger, die danach brannten, den Crocus und das Löwenmaul zu Pflücken, die sie umgaben, und das wäre eine Verletzung des Sabbath gewesen, denn es war eine Art Handarbeit. Es war Alles so ganz anders, als in längst vergangenen Tagen, wenn Beile an einem solchem Nachmittag dasitzen mußte und nicht mit den anderen Mädchen auf der Wiese herumtollen durfte, sondern ihrer Großmutter die unverbürgten Wunder vorzulesen gezwungen war, die in den schimmeligen Blättern des Deutsch-Chumisch erzählt wurden; und wenn sie sich schon fast bis an's Ende durchgequält hatte, wachte Großmutter auf und verlangte, daß sie von der Stelle ab, bei der sie eingenickt war, noch einmal vorlese, und da sie diese nicht ganz genau wußte, so hatte Beile, um Jrrthümern vorzubeugen, noch einmal ganz am Anfang zu beginnen. Arme, alte Großmutter! Drei Monate waren es nun her, seit sie aufgehört hatte, zu behaupten, daß sie wach sei, seit sie in allem Ernste schlafen gegangen war. Und als sie all' dessen gedachte, da erhob Beile chre Stimme und sang das Lied von „Sulamith", dasjenige, das der Mandel- und Rosinengesang genannt wird, und Arje blickte mtt schwimmenden Augen zu ihr empor und wiederholte den Reftain mit leiser Stimme. Und weiter ertönte der Gesang, und weiter rieselte das Bächlein, und die Zeit verging, und es wurde dunkel, und sie erhoben sich, um durch den Wald nach Hause zu gehen, in der geheiligten Stille der Nacht. Das war im Sommer. Bald aber wurde dieser seines Glanzes und seiner Herrlichkeit müde, und wurde übellaunig mrd mißmuthig. Die Bäume hatten ein hageres Aussehen, und die Sonne wurde matt und zog sich ftühzeitig zur Ruhe zurück. Als der Herbst zu Ende ging, übersiedelten Beile und Arje zwei Dörfer weiter, weil sie dort dem Mittelpuntte des Kreises näher waren, in welchem sich seine besten Kunden befanden. Wer selbst dann war der Weg noch sehr lang, und der Nordwind ist schon als Vorreiter ein unangenehmer Gesell, geschweige denn, wenn man sich ihm gegenüber befindet, und so kam denn Arje oft heim und war mit dem Tagewerk und den Aussichten des folgenden Tages unzufrieden. Er ließ nicht etwa in seiner Zärtlichkeit Beile gegenüber nach, aber sein Wesen war ein wenig verdrießlich, und hie und da schnitt er, was nie zuvor vorgekommen war, Grimassen bei den Speisen, die sie ihm vorsetzte. Und dann kamen die langen Winterabende, die er einigermaßen verkürzte durch Gähnen und Strecken und Cigarettendrehen, während Beile dabei saß und plauderte und warme Winterstrümpfe für ihn strickte. Aber wenn sie ihn ansah, so lag in ihren Blicken eine verstohlene Wachsamkeit, die mit ihrem leichten Geplauder schlecht übereinstimmte. Sie kannten Niemand an dem Orte, denn Arje hatte keine Zeit und Beile keine Lust, Freundschaften zu schließen. Was waren ihr Freunde,'wenn sie Arje besaß. Arje beklagte sich niemals; als aber eines Abends zu Beginn des Winters ein Klopfen au der Thür ertönte und Gedalje eintrat und die Schneeflocken von Rock und Hut abschüttelte, da sprang Arje mit einem kleinen Freudenschrei auf. „Gesegnet sei deine Ankunft", sagte er, ungestüm die Hand ausstreckend, „weißt du, daß ich nicht mehr überrascht wäre, wenn ich Elias, den Propheten in höchsteigener Person, am Sederabend, wenn die Besten und Größten in Israel ihn bitten, ihr Gast zu sein, in mein Zimmer treten sähe?" „Ich danke dir für den Willkommengruß; es thut Einem wohl, so willkommen geheißen zu werden. Wie sagt doch das Sprichwort: „Binde mir Hände und Füße, aber laß mich unter Freunden! Wie geht es dir, Beile?" Aber Arje schnitt ihr die Antwort ab und belegte Gedalje gänzlich mit Beschlag. Er erkundigte sich nach ihren gemeinsamen Bekannten, nach dem Zwecke seines Besuches und vielen andern Dingen. Er erfuhr, daß Gedalje verschiedene wichtige Angelegenheiten — er erklärte dieselben nicht genauer — in der Umgebung zu-verrichten hätte und einige Zeit im Dorfe bleiben würde; Arje klatschte bei der Neuigkeit in die Hände. Beile hatte sich wieder ihrer Arbeit zugewendet, aber ihre Finger bewegten sich nun, da ihre Pulse rascher schlugen, bedeutend schneller. Ebenso schnell kamen ihr die Gedanken, ihr Mißtrauen gegen den Gast, gegen dessen seltsamen Besuch; die Erinnerung an den Samstagnachmittag, da er ihnen, um, wie sie vermuthete, ihr Glück auszuspioniren, gefolgt war. Dabei trat ihr eine Thräne ins Auge, denn sie fühlte, daß jetzt nicht alles so war, wie in jenen goldenen Tagen. Ihr entging der Klang der Freude in der Stimme ihres Gatten nicht, als ihr Gast erschien und als er ihnen mittheilte, daß er nicht sofort wieder abzureisen gedenke. So bedeutete sie ihm denn nicht mehr Alles, da sein Herz sich andern zuwenden mußte, um ein Vergnügen zu empfinden. Sie konnte es nicht begreifen. Dann wieder machte sie sich Vorwürfe wegen ihrer Grillenfängerei. Was batte sie eigentlich gegen Gedalje? Hatte er nicht mit Anstand die Zurückweisung entgegengenommen und sie unbehelligt gelassen, seit er ihren Entschluß erfahren? Was ihren Mann betraf, so war es nur begreiflich, daß er für eine Zeitlang ihrer ewigen Gesellschaft überdrüssig wurde. Außer ihrer unendlichen Liebe und Geduld hatte sie ihm nichts zu bieten, und er war ein Mann, und sein Denken ging über die Grenzen ihrer Welt weit hinaus. Gewiß war es so besser; gewiß würde sein Herz mit verdoppeltem Ungestüm wieder zu ihr zurückkehren, wenn er erst die Kälte und Gefühllosigkeit der Andern erkannt hat. Inzwischen plauderten die beiden Männer miteinander, frischten alte, gemeinsame Erinnerungen auf, und ihre Vertraulichkeit machte solche Fortschritte, daß, als Gedalje fortging und Arje ihn begleitete, jedes zweite Wort „Kamerad" und „Bruderherz" war und Gedalje dringend eingeladen wurde, am nächsten Abend wieder zu kommen. Am nächsten Morgen war Arje's Gesicht etwas heiterer und bevor er sortging küßte er seine Frau dreimal, um sie für ein oder zwei Male — in der letzten Zeit hatte er sie in dem Punkte etwas vernachlässigt — zu entschädigen. Beile nahm es, wie es kam; sie verweilte auch nicht lange bei den Gedanken, daß er um eines Andern willen zärtlich gegen sie war. Man gewinnt selten etwas dabei, wenn man zwischen den Zeilen liest, und wenn es sich um eine Frau handelt, so kann sie davon nur Runzeln bekommen, die nicht als Liebeszauber wirken.