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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-10-08 · 41 (8.10.1897) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
41 (8.10.1897)
Date
1897-10-08
Page
– (sequence 17)
Language
German
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namm Nr. 41 Vr. Vloch's Wochenschrift Sette 833 New-Iork. Die Zeitungen berichten, daß die Rechtsanwaltin Rosalia Löw, welche vorige Woche als Geschworne , fnngirte, die erste Frau ist, welche im Staate New-Iork auf : einer Geschwornenliste stand. Der Richter G o l d f o g l e hat dadurch ein Präjudiz geschaffen, welches bald allgemein befolgt werden wird. Miß Rosalia Löw ist eine Jüdin. Chicago. Mr. Abraham Stimmer aus Waverley (Iowa) hat dem hiesigen Heim für altersschwache Juden 50.000 Dollars und dem jüdischen Waisenhaus 25.000 Dollars geschenkt. Nischni-Nowgorod. Herr Gregor Abramovitch Polack hat in seinem Testamente einen Bauplatz für ein jüdisches Schulhaus und zur Errichtung desselben 25.000 Rubel vermacht. Sidney. Dr. Laurence Lev y-H a r r i s, der Assistent im hiesigen Spital, ist zum Primararzt ernannt worden. Feuilleton. In letzter Stunde. Von Samuel Gordon. '„Ach, Beile, laß dies nicht dein letztes Wort sein. Ist es unmöglich, dein Herz weicher zu stimmen?" Bei diesen Worten blickte der Mann das Mädchen wie um Erbarmen flehend an. „Du Zudringlicher", antwortete sie ungeduldig, „wenn meine Antwort dich schmerzt, wozu veranlaßt du mich, sie zu wiederholen? Es kann nicht sein, Gedalje — laß dir den Gedanken vergehen." „Und warum kann es nicht sein?" fragte er hartnäckig. „Weil — weil die Leute sagen, daß du kein guter Mensch bist, daß du am Sabbath rauchst, und daß du spielst und trinkst." „Aber du kannst mich zu einem guten Menschen machen", sagte er endlich. ' „Ich?" fragte sie. „Das verhüte Gott, daß ich eine solche Aufgabe auf mich nehmen sollte — ich unwissendes Geschöpf, das nichts weiß, was über die Sphäre der Frau hinäusgeht; ich kann ein zerrissenes Kleid ausbessern, daß es wie neu aus sieht, aber — „Bei einer zerrissenen Seele, wie der meinigen, ist an ein Ausbessern nicht zu denken", willst du sagen, unterbrach er sie bitter. „Nein, das Hab' ich nicht gesagt", lautete die rasche Antwort. „Es ist jedem Menschen gegeben, das Böse in seinem Herzen, das ihn zur Sünde verleitet, zu besiegen; besuche fleißig das Gotteshaus, gib den Armen mit offener Hand und suche die Gesellschaft gottesfürchtiger Menschen. Manche haben auf diese Art Rettung gefunden." „Und wenn ich es gethan habe, wie steht's dann mit der Hochzeit?" „Die wird nie stattfinden," antwortete sie entschlossen. „Ich liebe dich nicht." Er that einen tiefen Athemzug — es war kein Seufzer; wer hatte je Gedalje seufzen gehört? „Wenn nicht, dann nicht", erwiderte er mit philosophischem Achselzucken; dann drehte er sich auf den Haken um und ging. Es waren andere Gründe, welche Beile zu ihrer Antwort veranlaßten. Einer war zum Beispiel, daß Gedalje ein Litwak war, und es ist wohlbekannt, daß jeder Polack mit ein bischen Selbstachtung all seine Mußestunden, alle Zeit, die er seinem Geschäfte entzieht, damit ausfüllt, daß er von seinem lithauischen Glaubensgenossen sehr gering denkt, seine Vorfahren mochten Gaonim und diplomirte Talmudisten durch vier Generationen gewesen sein. Ferner war Gedalje's rechtes Bein etwas steif, die Folge eines Flintenschusses in die Wade. Das bedeutete natürlich, daß er ein Grenzschmuggler gewesen war und geholfen hatte, verbotene Ballen Tabak und Talg zu schmuggeln, wofür eine patriotische Schildwache sich berufen fühlte, ihn durch eine schlechtgezielte Kugel daran zu erinnern, daß mit dem heiligen russischen Reiche nicht zu spaßen war, und daß es ungewöhnlicher Vorsicht und großer Gelenkigkeit bedurfte, um es zu hintergehen. Der Beruf des Schmuggels ist durchaus nicht erbaulich, und gewöhnlich sind diejenigen, die ihn ausüben, keine angenehmen i Bekannten; aber er ist einträglich, und wenl es gelingt, sich : nicht erwischen zu lassen und also dem amtlichen Blei zu entrinnen. dem ist ein reichliche Zahlung in edlerem Metall gewiß. Gedalje mußte, abgesehen von dem obenerwähnten Unfälle, in seinen Unternehungen sehr glücklich gewesen sein, denn er war wohlhabend, obwohl es nicht ersichtlich war, aus welchen Quellen er sein Einkommen schöpfte. Aber Beile sagte ihm nicht, daß der Hauptgrund, weshalb sie ihn abwies, weder in seinem unfrommen Lebenswandel, noch in der Verschiedenheit des Dialects, noch auch in seiner gelegentlichen Schmuggelei lag. Was ging es ihn. oder jemand anderen an, daß ein gewisses Einverständniß zwischen ihr und einem gewiffen Arje bestand, der von Profession ein Lederhausirer war? Sie waren ohne äußere Vermittelung dazu gelangt, es war keine Einmischung, keinerlei Mittelsperson dabei im Spiele gewesen. Sie kannten einander und liebten einander, das war alles, und trotzdem das ein sehr ungewöhnliches Borkommniß war, so waren sie nichts destoweniger glücklich. Die Ursache dieser Unmittelbarkeit in den ehelichen Unterhandlungen war darin zu suchen, daß sie Beide — keine Eltern besaßen. Arje hatte, seit er ein Kind war, sich zu dieser Armuth bekannt; Beile hatte sich mit der Person einer Großmutter mütterlicher^ seits, welche übrigens infolge ihrer Gebrechlichkeit alle Verantwortlichkeit längst auf Beile's Schultern gewälzt hatte, beholfen. Und nun warteten sie, bis Arje die Bauern der Umgebung in die Ueberzeugung hineingeredet haben würde, daß die Qualität seines Leders eine unerreichte sei, seitdem es Kühe und andere dickhäutige Vierfüßler gebe; denn von dieser Ueberzeugung hing natürlich sein Verdienst und von diesem die Erfüllung seines Versprechens an Beile ab. Endlich glaubten sie es wagen zu dürfen. Die Hochzeit war eine sehr bescheidene, die gerade nur ihren Zweck erfüllte, sonst nichts. Es gab keine Flitterwochen; Leute ihres Standes beginnen das Buch des Ehelebens, ohne die poetische Widmung zu lesen; sie beginnen sogleich mit der Prosa. So war es auch bei Beile und Arje der Fall. Am Morgen nach der Hochzeit schlang sich Arje den Beutel um die Schulter und begann seine Geschäftsrunde, doch war er in seinen Geschäften etwas eifriger. Beile ging mit glücklichem, leisen Lächeln an die Erfüllung ihrer häuslichen Pflichten, denn sie war sich dessen bewußt, daß sie die Gefühlsseite in der Ehe vertrat. Darum vergaß sie aber dessen praktische Seite nicht. Sie ging zum Fleischer und empfand solides Interesse am Leben, und während sie dasaß und ihre Kartoffeln schälte, wurde ihr klar, daß sie für einen ungeheuer vernünftigen Zweck arbeitete und wirthschaftete. Es war eine Abwechslung nach der ewigen Grütze und Mehlsuppe, aus der ihre Kost bestand, seit die alte Großmutter ihre Zähne und damit auch den größten Theil ihres Verstandes verloren hatte. Und als sie auf die brodelnde Pfanne achtete, erinnerte sich Beile fröhlich daran, daß es irgendwo auf Erden ein Paar gesunde, starke Kinnladen und eine gute Verdauung gab, deren Besitzer ihr gehörte, und das Gefühl des Besitzes war der einsamen Seele sehr wohlthuend, die bis dahin allein den langen Weg zurückgelegt hatte, auf dem die Meilensteine so weit auseinander lagen und einander so sehr glichen. Sie wußte nicht, was es war, aber die Welt schien so merkwürdig eng und klein geworden zu sein. Und sie beschloß, komme was da wolle, daß sie sich bemühen wolle, ihr Glück zu verdienen, ihrem Manne eine Gehilfin zu sein, daß sie die Sorgen, die ihnen beschiedcn waren, auf sich nehmen und die Segnungen ihm zutheil werden lassen wolle. Das waren ihre Gedanken; aber ist es nicht ttaurig, wenn man nicht glücklich ist einzig und allein um des Glückes willen? Jeden Abend ging sie weit über das Dorf hinaus, chm entgegen. „Laß mich den Sack tragen, Krone meiner Seele", pflegte sie zu sagen, während sie ihm den Schweiß von der Stirn wischte. „Nein, Leben meines Herzens", pflegte die Antwort darauf zu lauten, „ich bin nicht müde, ich Hab' mich unterwegs ein Weilchen ausgeruht. Was würdest du auch denken, wenn du mich mit zitternden Gliedern und kurzem Athem daherkommen sähest; du würdest dir denken: „Ich Hab' einen alten Mann geheiratet." Ist es da nicht besser, wenn ich die Müdigkeit bei den Steinen auf der Straße zurücklaffe, als sie hieher mitzubringen, in deine Arme?" „Aber die Last ist schwer —

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