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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-10-08 · 41 (8.10.1897) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
41 (8.10.1897)
Date
1897-10-08
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Sette 826 Vr. Vloch » ZvochrnkürrM Nr. 41 für das „praktische Christenthum". Am vorigen Freitag kündigte der Finanzminister im Parlamente eine Verschleißsteuer auf Zucker an, die besten Falles erst nach Monaten eingeführt werden wird. Schon am folgenden Tage gingen die arischen Gemischtwaarenverschleißer mit dem Zuckerpreise um 2 kr. perMlo in die Höhe. Ein arischer Oberlehrer. Der Oberlehrer der Volksschule in K a g r a n Leopold M i t t e r m a i e r stand jüngst unter der Anklage des Betruges vor dem Bezirksgerichte Floridsdorf. Ein anderer Lehrer hatte die Anzeige erstattet, daß Mittermaier eine Rechnung für Buchbinderarbeiten mit zehn Gulden in Verrechnung gebracht habe, während der Buchbinder thatsächlich nur acht Gulden bezahlt erhielt und über Aufforderung des Oberlehrers die Rechnung auf zehn Gulden ausstellte. Das Beweisverfahren gestaltete sich derart gravirend für den Angeklagten, daß Mittermaier schuldig erkannt und zu acht Tagen Arrest verurtheilt wurde. Ein arischer Sittenrichter. ^kBraunschweig, 29. September. Heute Vormittag wurde hier der Anwalt Adolf Fischer wegen Unterschlagung amtlicher Gelder verhaftet. Fischer spielte hier eine Rolle als antisemitischer Agitator. Zweiter Vudapester Brief. *) Geehrter Herr Redacteur! Sie haben wohl schwerlich erwartet, daß ich mährend des großen Kaiser-Wilhelm-Rummels meine Budapestec Briefe fortsetze. Das erste Bedürfniß des Menschen ist Abwechslung. Selbst das „göttliche Schalet" verträgt der frömmste Jude nicht alle Tage. Wie hätten die Leser Ihres Blattes sich entschließen können, noch einen Budapester Brief zu einer Zeit auch nur anzusehen, in welcher jede Wiener- Zeitung sich fast ausschließlich mit Magyaren und mit Czechen beschäftigt und so einen Eindruck machte, nicht unähnlich dem magyarischen „Gulyas" mit den böhmischen „Nockerln"? Jetzt redet die Welt wieder von anderen Dingen, also können wir von Budapest zu reden fortfahren, der herrlichen Stadt, deren Name gepriesen sei allerorten, weil sie auch im Glück sich nicht überhebt, weil der Ungar seine Ehre hochhält, aber auch dem Anderen die seine nicht nimmt. Unsere Glaubensgenossen haben wacker zur Verherrlichung des deutschen Kaisers beigetragen; in Budapest, wo jeder vierte Mensch nach den Ergebnissen der Statistik jüdischer Abkunft ist, gibt das tüchtig aus. Und wie sehr haben sie Recht gehabt! Der Fußtritt, den der deutsche Kaiser einem Stöcker in dem bekannten Briefe gegen die politischen Pastoren gegeben hat, war eine Erlösung für ganz Deutschland, nicht nur für die Juden. Was auch die Nörgler an Wilhelm II. tadeln mögen, das Eine läßt sich gar nicht leugnen, daß er den Deutschen weite Horizonte öffnet, daß er ihnen ganze Völker mit ein paar Zauberworten näher bringt und daß er bisher wenigstens ganz nach dem Wahlspruche dessen gehandelt hat, zu dein er nach Sohnesart emporzublicken erklärt, daß er bisher wenigstens »viribus unitis«, mit der vereinten Kraft der Deutschen aller Confeffionen für sein Reich zu wirken bestrebt war. Der Bruchtheil der nationalen Kraft, welcher nöthig ist, um die Wuth der Parteien damit zu Heizen, ist in der Politik, was die in Rauch und Asche verlorene Kraft der Kohle, oder die Ueberwindnng der Reibung in der Technik. Indem der deutsche Kaiser der glatten Schlange Stöcker den Kopf zertreten hat, ist dadurch nicht blos dem Judenthume, sondern dem ganzen deutschen Volke ein Theil der Kraftvergeudung auf antisemitische Stänkereien erspart worden. Dasselbe gilt für Budapest. Mit der Kraft, die in Wien zur Ergötzung des Galeriepöbels verschwendet wird, setzt man hier die Unternehmungen der Stadt um ein paar Jahre früher in Gang. Im vorigen Herbste fiel es einigen wohlmeinenden Leuten ein, man könnte doch ebenso gut wie ein Handelsmuseum ein landwirthschastliches Museum machen. Es fehlte dazu so gut wie Alles, der Platz, das Geld, die Vorbilder; aber eins war da, der gute Wille. Seitdem hat der Plan so und so viele Veränderungen erlitten, das Museum ist so und so viele Male an einen andern Ort transferirt worden, aber es ist da und es ist so gelungen, daß man dem deutschen Kaiser die Besichtigung desselben zumuthen und die sachverständige Anerkennung des vielgereisten Herrschers erlangen konnte. Es geht in Cultusangelegenheiten nicht anders. Die israelitische Gemeinde ist keineswegs reich an äußeren Gütern; ihr Vermögen beträgt im Ganzen gegen 400.000 fl.; ihr Reichthum sind ihre Mitglieder, deren Gemeinsinn großartig sein soll. So sagt man mir wenigstens allgemein. Denn während aus der fauligen Gährung des Wiener Antisemitismus ein Geist der Unzufriedenheit hervorstinkt, der jeden Mißgriff, jede Schwäche in greller Beleuchtung hervortreten läßt, kann man hier einen Hauch von liebenswürdigem Optimismus nicht verkennen, der wie das magyarische Staatswesen, so die Cultusgemeinde den Fremden am Liebsten so darstellt wie sie sein sollte, und selbst menschliche Schwächen und Fehler mit der altjüdischen Barmherzigkeit, die Abraham selbst gegenüber Sodom und Gonlvrra nicht verleugnete, lieber verdeckt und im Stillen gnt macht, als schadenfroh bloßlegt. So gibt es beispielsweise zu den Feiertagen 108 improvisirte Betlocale trotz der vielen Vereinstempel neben den beiden großen Synagogen und rastlosen Tempelbaues; sie haben gewiß viele Uebelstände auszuweisen; man hört aber nur die hohe Ziffer der Betlocale als Beweis allgemeinen Interesses rühmen, von Uebelstände» habe ich nichts gehört. Mit dem politischen Tacte, den die nngarischen Juden von ihren christlichen Mitbürgern gelernt haben, vermeiden sie vor Allem selbst, Alles Jüdische zu bekritteln und zu bewitzeln. Die Frage, warum Wien sich so lange vom Antisemitismus schänden läßt, während Budapest ihn wie eine Kinderkrankheit abzuthun wußte, ist gerade in den letzten Tagen vielfach erörtert worden, da Haman wieder einmal etwas von sich hören ließ. Irgendwo in Kleinrußland soll es vorgekommen sein, daß irgend ein völlig verdienstloser Glückspilz auch Vicebürgermeister geworden ist, weil man deren zwei brauchte, und daß diese aufgeblasene Null mit der Behauptung debutirte, allen Juden ginge die moralische Eignung zum Richteramte ab, als ob der betreffende böse Narr, alle Juden so genau kennen könnte, ja als ob er sich auch nur die Mühe gegeben hätte, bezüglich der wenigen Juden, denen man ohne grobes Unrecht oder Schädigung des Dienstes das Avancement sicherlich nicht verweigern konnte, specielle Nachforschungen anzustellen. Wenn man eine Vorstellung davon hat, was ein solcher Candidat an Arbeit, an Selbsterziehung zur Vermeidung jedes erdenklichen Fehlers und dann erst noch an psychischen Qualen des Zweifels am Erfolge geleistet und erduldet hat, und alles das blos, um jeder wirklich lucrativen Verwerthung seines juridischen Wissens auszuweichen; wenn man dazu bedenkt, wie leicht das einfältige Volk aufgereizt werden kann, sich in seinen Vorurtheilen zu gefallen und wirklich dem Richter die Eidesabnahme zu erschweren; wenn man überlegt, wie perfid diese ganze Schlinge gelegt ist, um gerade die idealsten unter den Juden damit der Wuth des Pöbels auszuliefern: So gehört eine überirdische Langmuth dazu, um den Urheber einer solchen Jntrigue als „bösen Narren" fast noch zu entschuldigen. Die ganze Geschichte hat natürlich auch hier viel Aufsehen gemacht. „Wenn das in Pest geschieht", sagte mir - ein angesehener Glaubensgenosse, so wird der Antragsteller einfach von allen neuernannten jüdischen Richtern, einschließlich der getauften, die offenbar mitgemeint sind, gefordert. D er ungarische Jude handelt einfach wie der ungarische Christ: Qarcke! ä qui touche l’honneur! Auf meine Einwendung, daß man eine solche ungesetzliche Handlungsweise nicht empfehlen könnte, meinte er: „Gewiß nicht". Graf Badeni hat das Duelliren auch Niemandem empfohlen, seit seiner unerlaubten Handlung ist es aber doch viel ruhiger im Parlament. „Merken Sie sich's! Wenn nicht in Ungarn ganz im Stillen Jeder, der sich eine Beleidigung der Juden vergönnt hat, gefordert worden wäre, so hätten wir noch heute den Antisemitismus im Lande!" Ein anderer wieder meinte, die „großen" Juden von Pest wären längst nach Wien gegangen, wenn dergleichen in Pest vorfiele. „Gewiß", erwiderte ich, „aber von Pest nach Wien geht es sich leichter als umgekehrt." Es war ein Glück für mich, daß kein Paprikafäßchen in der Nähe war; denn jetzt wurde der gute Mann rabbiat. „Wenn Pest für den deutschen Kaiser schön genug ist, so könnte es für den reichsten Juden auch schön genug sein". Man ist hier einig in der Auffassung, daß das höher entwickelte Ehrgefühl der Pester Juden die Ausbreitung dieser moralischen Seuche rechtzeitig verhindert habe. Ich glaube freilich, daß auch etwas Glück bei der Sache gewesen ist. Die ungarischen Juden haben es mit dem politisch klar denkenden Volke der Magyaren zu thun, die wissen, daß man heutzutage die Siege durch die Allianzen vorbereitet und die fest und entschieden mit Jedem zusammenhalten, der sich *) Vergleiche Nr. 38.

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