Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 41 (8.10.1897)
- Date
- 1897-10-08
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 41 Vr. Vwch's Mortzrnsttzrist. Seite 825 „Jüdische Wissenschaft und Antisemitismus." Die vom Herrn Handelskammerrath Salomon Löwin in Nr. 40 dieser geschätzten Blätter angeführten Beweise für die Anwendung biblischer Sprüche bei öffentlichen Anlässen, an Kirchenbauten und dergleichen lassen sich noch vielfach ergänzen, unter Anderem durch die Erinnerung daran, daß auch in der mährischen Landeshauptstadt über dem Portale der dortigen alten Franziskanerkirche der tiefempfundene Spruch in Psalm Cap. 93. S. 5.: l'wescha na ’wah kodescli in leuchtenden Buchstaben erglänzt. Ebenso strahlet über dem Hauptthore des altersgrauen, ehrwürdigen Preßburger Rathhauses der schöne Vers aus den Proverbien Cap. 21, S. 30: „Ln chochmah ween tewunah ween ezah neged adonai." In genauer lateinischer Uebersetzung liest man daselbst in prächtiger Goldschrist; Non est prudentia, non est sapientia, non est consilium contra dominum. Bekanntlich wurde dieses Bauwerk und somit auch dieser weise jüdische Spruch ans der Budapester Millenniumsausstellung in einer Eopie den Besuchern vor Augen geführt. Das sind die Anlehen, welche die mächtige Tochterreligion bei ihrer Mutter, bei unserem uralten jüdischen Schriftthum, macht. * * „Uns ist nicht bange",_ sagt daher mit Recht jener gesinnungstüchtige, bibel- und talmudfeste Herr Löwin — ex unque leonem — dessengleichen wir wahrlich viele in dieser trüben Zeit der verlogensten Angriffe bedürften. Einer derselben ist der alljährliche, gehässige Angriff gegen unser Kol-nidre. Derselbe argumentirt: der Jude entbinde sich kraft dieser Formel von allen Verpflichtungen, aus die er im Laufe des Jahres eingeht, und erkläre dieselben sammt und sonders als nichtig; er könne also a conto dessen die heiligsten Schwüre als nicht geschehen betrachten und dürfe sich über die Heiligkeit des gegebenen Versprechens getrost hinwegsetzen. Was ist Wahres an dieser Behauptung. Es sei hier versucht, diesen Gegenstand zu erörtern. In vielen gesetzestreuen jüdischen Kreisen ist es heute noch üblich, daß an jedem Nüsttage des Jom Kippur ein jeglicher seine Gelübde durch 3 würdige Personen sich lösen läßt. Auch in der Kol nidre-Ceremonie kommt dieser Gedanke zum Ausdruck. Weit entfernt von einem Wortbruche, ist im Gegentheil die Weihe des Versprechens dem Israeliten dermaßen heilig, daß er nicht eher beruhigt im Gebete zu Gott sich zu wenden vermag, bis daß er nicht vor allen Dingen an diesem Vorabende der großen Versöhnung auch die Voreiligkeit in Wort und Rede, die uns Staubgeschöpfen so leicht unterläuft, endgiltig gesühnt und beseitigt hat. Dies geschieht im Kol-Nidre. Denn dasselbe erklärt die gedankenlos ausgesprochenen Worte und Betheuerungen — aber nur diese — als null und nichtig. Kol-Nidre ist darum ein glänzendes Zeugniß von dem krystallreinen Charakter unserer Väter, der Schöpfer unserer Liturgie; es ist ein Protest gegen alle ehemaligen und leider noch zu gewärtigenden Jnvectiven über jüdischen Schwindel und Schacher; es ist mit einem Worte ein Muster jüdischer Wort- und Charaktertreue! Es soll zugegeben werden: Kol-Ni<ire ist die eine einzige Beichte im ganzen langen Jahre; allein es enthält lediglich Gelübde, Entsagungen, Bannungen, Kasteiungen u. s. w.; keineswegs aber schwere Criminalverbrechen, die nur ein strengstens bewahrter Geistlichenschwur vor der Oeffentlichkeit zu verschweigen gebietet. Wenn nun Kol-Nidre wirklich eine hinterlistige Entkräftung aller geheiligten Rechtsbegriffe sein sott, dann muß doch zugegeben werden, daß alle die Verletzungen gegen die sanctionirten Verordnungen der Gesellschaft den Gegenstand einer solchen Entsühnung bilden müßten. Nun, weshalb figurirt nicht im Koi-Nidre die Beichte aller andern Laster, wie: Unsittlichkeit, Diebstahl, Veruntreuung, Fälschung u. s. w. Weshalb gerade Kasteiungen. Entsagungen und dergleichen? — Spricht nicht das Schweigen von all' jenen Missethaten der entarteten Menschenbrust eine beredtere Sprache als alles Wuthgeschrei gegen unser harmloses Kol-Nidre? Kol-Nidre ist eine unschuldige Formel in unserer Andacht, welche dem heiligen Versöhnungsabende den Namen verlieh. Da sehen wir die Israeliten ihre weißen Todtengewänder anlegen, aber hiemit zugleich jegliche Sünde ablegen. Ja, diese Todtenstimmung ist schon dem Ohre äußerlich angekündigt in der wehmüthigen herzbrechenden Melodie des Kol-Nidre. Nun denn: Welcher Meineidige, welcher Hochstapler wählt zu seinen heuchlerischen Worten eine klagende Melodie, wie es diese in der That ist? — Und weshalb ioUten wir bangen, diesen^ lieblichen Klängen aus unserer Vergangenheit heute noch in den Stunden unserer Erbaung andachtsvoll zu lauschen, wenn bekanntermaßen n i ch t j ü d i s ch e Meister der Töne diese gemüthsergreifenden Weisen zum Gegenstände eines Kunstgenusses verwerthen und verarbeiten?! — Was sind diese Klänge anderes, als die fortlebende, zu uns redende Sprache unserer Väter? Die Töne des Kol-Nidre sind das Band, welches uns an die theueren Gestalten unserer Ahnen erinnert und uns mit ihnen innig verknüpft. Was aber die Gehässigkeit zumeist übersieht, das ist die Thatsache, daß hier nicht das Verbrechen des vergangenen, sondern die unvorsichtige Wortäußerung des künftigen Jahres gesühnt werden soll: iVlijorn kippurim se ad jom Kippurim habo . . . d. h. von diesem bis zum nächsten Versöhnnngstage. Wo aber hat die Unlauterkeit je noch Sorge und Kummer getragen um die Zukunft, um die Besserung in den k o m m e n d e n Tage n? Koi-nidre ist das sehnsuchtsvolle Verlangen des Subiects, im Angesichte der versöhnungsheischenden Gottheit und Menschheit die Last des niederdrückeuden Treubruches abzuwälzen. Es ist eine vollständige Reinigung des Mundes vor der Versöhnung des Herzens; nichts mehr und nichts weniger. Die Angriffe gegen Kol-nidre sind ebenfalls eine bittere Frucht, die der moderne Glaubenshaß gezeitigt. Dieser wird allgemach einer Versöhnung wiederunr Weichen. Was aber peinlicher berührt, das ist die Wahrnehmung, das; diesem Stücke unserer Liturgie das Schicksal der Verkennung im eigenen Kreise bevorsteht. Verdient Kol-nidre dieses Schicksal? Kostet. - Rabbiner Dr. S. M a n d l. Lenau s „Jom Kippur". Im Jahre 1873 hielt ich mich in Karlsbad aus, wo ich die Bekanntschaft eines geistvollen Polen machte, der über Dinge und Menschen anziehend zu sprechen verstand und sich als gründlichen Kenner der deutschen Literatur und Lenau's erwies, mit dem er seinerzeit in Wien Umgang gepflogen. Als ich ihn bestürmte, mir über Lenau Alles, was er nur weiß, zu sagen, erzählte er mir unter Anderem folgende Reminiscenz: Es war am Vorabend des Versöhnutlgsfestes. Ich hatte die Synagoge verlassen, um mich nach Hause zu begeben. Aus der Straße begegnete ich einem in einen Mantel gehüllten Manne, den ich bei Laternenscheilt als meinen Freltnd Lenau erkannte. „Woher des Weges," frug ich. „Ich komme aus der Synagoge, die ich seit vielen Jahren an diesem Abend aufzusuchen pflege. Ich sehne mich eben nach diesem Feste, das mir Gelegenheit bietet, mich so recht nach Herzenslust auszuweinen, die schwermüthigen Klänge des »Kol- Nidre«, in denen sich ein namenloses Weh' aussvricht, sind meinem Herzen Bedürfnis. So ich diese erschütternde Melodie vernehme, tauchen vor meiner Seele trübe Bilder auf, Leidensseenen eines Volkes, dessen Geschichte kaum etwas Linderes ist, als eine seit Jahrtausenden dahinfließende Zähre. — Doch es ist kühl! Eilen wir! Sie, mein Freund, begleiten mich doch?" Ich war hierzu sofort bereit und eine Viertelstunde später betraten wir schweigend Lenau's Zimmer. Lenau griff nach seiner Geige und entlockte ihr die eigenartigen Töne des soeben gehörten »Kol-Nidre< so wehmuthsvoll und herzzerreißend, wie es jene Klagelieder gewesen sein mochten, die Israel an den Strömen Babels einst an gestimmt. Er spielte die Melodie ilnd spielte sie wieder, bis fein Antlitz von Thronen uberströmt war. Dantt schüttelte er den Kopf, legte das Instrument beiseite und mir die Hand zum Llbschiede reichend, murmelte er: „Ein eigenthümlich' Lied', ein eigenthümlich' Volk!" Ich drückte seine Rechte und verließ wortlos das Zimmer. E. Herzog. Zur Sittengeschichte des Arierthums. Die Polizei hatte diese Woche wieder einmal alle Hände voll zu thun, um das „christliche Volk" vor seinen „Rettern" zu retten. Der Zusammenbruch der Blechfabriksgesellschaft „Union" war ein Sensationsereigniß. An der Spitze der Gesellschaft stand ein unverfälschter Arier, Herr Wenzel R z i w n a tz, der das „praktische Christenthum" bis zur Unterschlagung einer halben Million übte. Die Commanditüre und Actionäre der Gesellschaft waren Juden und Judenliberale, wie Gutmann und Schoeller, aber auch etliche bedauenswerthe Mitglieder des arischen Feudaladels, ein Graf L a r i s ch und Fürst Schwarzenberg. Herr Wenzel R z i w n a tz bestahl sie Alle ohne Unterschied der Confession und der politischen Parteistellung. — Ein taoelloser Arier ist auch Herr Heinrich Wolfarth Wille, der Inhaber des Eisenbahntarif- und Auskunftsbureaus „Herold", der feine gleichfalls interconfessionelle Clientel um die Kleinigkeit von 30- bis 40.000 fl. betrogen hat und sich dafür eine Villa kaufte und mehrere Maitressen unterhielt. Sein Buchhalter Paul Theodor Krüger — sein Stammbaum ist von keinem semitischen Einschlag verunreinigt — seclindirte ihm dabei wacker. — Gleichfalls aus dem „Reiche der Gottesfurcht und guten Sitte" stainmt der arische Wucherer Hermann L u d e w i g, der diese Woche verhaftet wurde, weil seine christliche Menschenfreundlichkeit sich bis zu 100 Percent und darüber verstieg. Qfficiere, Beamte, Pensionisten und kleine Geschäftsleute waren die Opfer, die er vor der Ausbeutung durch.die Juden dadtirch rettete, daß er sie felbst ausbeutete. — Zum Schluffe noch ein kleines Jllustrationsfactum