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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-10-08 · 41 (8.10.1897) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
41 (8.10.1897)
Date
1897-10-08
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 824 Vr. BlmVs VochrnptzrM Rr. 41 zuweisen. Der Obmann aber, ein Busenfteund des Herrn Dr. Lueger, verweigerte die Auszahlung! Daraufhin erklärten die Armenräthe, unter solchen Verhältnissen auf jede weitere Wirksamkeit lieber zu verzichten. Angesichts solcher Vorgänge, die sich vor aller Oeffentlichkeit abspielen, hat Herr Dr. Lueger die Stirne, dem Parlamente zu erzählen, daß er die armen Juden nicht verfolge. Im Parlamente findet sich aber Niemand, ihm die Lügen unter die Nase zu reiben. Die Behauptung des Abgeordneten K i e s e w e t t e r, daß Dr. Lueger mit den reichen Juden Geschäfte mache, trifft übrigens nur für die Vergangenheit zu. Dem Dr. Lueger fehlt es allerdings nicht an gutem Willen zu solchen Geschäften auch für die Zukunft, wohl aber weigern sich bereits die reichen Juden, seine Wünsche zu befriedigen. Die Judeukratvalle in Klattau. K l a t t a u, 29. September. Die jüngsten antisemitischen Excesse in Pilsen veranlaßten auch die Klattauer Behörde zu Vorsichtsmaßregeln, durch welche derartige eventuelle Ausschreitungen verhütet werden' sollten. Der Haß gegen die Juden trat wiederholt zu Tage und brach heute wie in Pilsen durch eine nichtige Ursache offen aus. Bei der Firma Brüder Lederer, Lederhandlung in der.Langen Gasse, diente ein Christemnädchen, das für die Dauer eines Jahres ausgenommen war, um jeden Preis aber schon am 1. October den Dienst verlassen wollte. Da eine Einigung nicht zu erzielen war, gingen beide Parteien zum Gemeindevorsteher Herrn Dr. M a s k a, der auf Grund der Gesindeordnnng einen von beiden Seiten acceptirten Vergleich durchführte, gemäß welchem die Magd nach entsprechender Auszahlung entlassen werden sollte. Diesen Act führte im Hause Lederer der städtische Polizeirevisor Herr Z u n g durch. Das war um 11 Uhr Vormittag. Um 1 Uhr Nachmittags kam jedoch das Mädchen weinend in das Rathhaus, gefolgt von einem großen Menschenhaufen, und klagte, sie sei bei Lederer mißhandelt worden. Als die angesammelte Menge erfuhr, worum es sich handle, entstand in derselben lautes Murren. Kinder warfen Sand von der Pflasterung in die Fenster. Zwei an Ort und Stelle entsendete Polizisten bemühten sich, die Anwesenden zum Verlassen des Platzes zu veranlaffen, jedoch vergeblich;. die Leute wichen nicht vom Flecke, im Gegentheil, die Menge wuchs immer mehr an. Herr Lederer jun. wollte die Leute durch Zureden bewegen, abzuziehen, allein damit wäre er schlecht angekommen, wenn er nicht schnell in das Haus entkommen wäre und dasselbe verschlossen hätte. Nach einer kleinen Weile klirrte ein zerschlagenes Fenster zu ebener Erde und das war das Zeichen zu einem gewaltthätigen Vorgehen. Bald flogen Steine und um 3 Uhr Nachmittag gab es in der ganzen Front des einstöckigen Gebäudes, das nur von Juden bewohnt ist, nicht ein einziges ganzes Fenster mehr, weder außen noch innen. Im Ganzen wurden gegen 80 Fensterscheiben eingeschlagen und auch in den Zimmern wurde durch die hineinfliegenden Steine mehrfacher Schaden angerichtet. Hierauf zerstreute sich die Menge zum größten Theile. Unterdessen hatten namens der jüdischen Bewohner der Advocat Herr Jur. Dr. Isidor Fleischer und der Weinhändler Herr Josef Treichlinger beim Gemeindevorsteher und beim Bezirkshauptmann Herrn Josef Schenz vorgesprochen und Schutz verlangt. Die städtische Polizei und zwei Gendarmen säuberten die Lange Gasse, wobei zwei junge Leute wegen Nichtsolgeleistung verhaftet wurden. Gegen 6 Uhr herrschte in der Stadt und speciell in dem betroffenen Theile derselben vollständige Ruhe. Die Wache blieb aber weiter auf dem Platze. Da für Abend eine Fortsetzung der Unruhen befürchtet wird, wurden die entsprechenden Vorsichtsmaßregeln getroffen." Erwähnt muß jedoch werden, daß das Fenstereinschlagen sich nicht blos auf das Haus Lederer beschränkte, sondern daß noch in mehreren jüdischen Häusern so bei: Moriz Singer, Tänzer, Barth, Brummel (Lederfabrik), F l u s s e r, Drucker die Fenster in Trümmer gingen. Ueberall waren es jedoch nur die lieben „Jungen", die solche Heldenthaten ausführten. Wir wollen hier Niemanden anklagen; aber gesagt sei es, daß die Gemeinde-Behörden, die in erster Reihe die Pflicht haben, Leben und Eigenthum der Bürger zu schützen — und dazu gchören auch die israelitischen Steuerträger — nicht auf der Höhe ihrer Aufgabe standen; da hieß es: „Ja, das sind die Consequenzen!" „Ja welche?" „Nun, daß Ihr einfach Juden seid". Einzig und allein haben es die hiesigen Israeliten nur dem k. k. Bezirkshauptmanne Herrn S ch e n z zu danken, daß die Unruhen nicht größere Dimensionen angenommen; unermüdlich durchschritt der Herr Bezirkshauptmann bis spät in die Nacht die Plätze und die einsamen Gassen und duldete nirgends Zusammenrottungen. Auch der hiesige k k. Gymnasialdireetor Herr Robert Beer hat seine Toleranz bewiesen, indem auch er am Thatorte erschien, beruhigend einwirkte und den Studenten auf's Strengste austrug, nach 6 Uhr Abends ihre Wohnungen nicht zu verlassen. Daß unser wackerer Cultusvorsteher, Herr Josef Treichlinger und dessen Stellvertreter, Herr Jur. Dr. Isidor Fleischer nichts versäumten, Alles zu thun, was die Sicherheit der Cultusgemeindemitglieder erforderte, sei nur nebstbei rühmlich erwähnt. Der Herr Cultusvorsteher hatte auch mit dem Herrn Bürgermeister Dr. M. M a s ch e k Rücksprache gepflogen und machte ihm den Standpunkt energisch klar. Klattau, 5. October. Gestern Nachts fand man auf den Gassen einen Zettel folgenden Inhalts zerstreut: »Pokyn kupnjicim. Kde stoji .... eles, tarn nikdy-nelez Svuj k sv6mu. Ziduv velkvobehod konci se na . . . les, prodävä . . . alles! Bäno se probudis Zidäk je — dalies zu deutsch: „Den Käufern zur Darnach achtung". Wo steht . . . eles, dort krieche nicht hin Jeder zu den Seinen. Der Juden Großhandlung Endet es auf les, Wenn Du früh erwachst verkauft er — alles Das Jüdlein ist — bedalles. Diese Pamphlete wurden von der Polizei gesammelt und der k. k. Bezirkshauptmannschast übergeben und ist die Untersuchung bezüglich des Schreibers — schon im Zuge. Heute — Dienstag, 5. October beginnen bereits die Verhöre bei den Behörden. Erwähnt sei ferner, daß der Gendarm Herr Hruschka, der bei der geschilderten Affaire energisch vorging, nach Schüttenhofen versetzt wurde. Wer seine Versetzung betrieb, ist — ein öffentliches Geheimnis. — e— Czechen und Juden. Die „Katolicky lisch" verzeichnen die Nachricht, daß bereits zahlreiche Offertausschreibungeu czechischer Gemeinden die Clausel tragen: „Juden ausgeschlossen". Die Czechen leisten also dem deutschen Racen-Antisemitismus Liebesdienste. Ob sie dazu Ursache haben, mögen sie nach einem in der letzten Sonntagsnummer der „Ostdeutschen Rundschau" erschienenen Artikel selbst beurtheilen, dem wir folgende Sätze entnehmen: „Die national gemischten Ehen sind ein Krebsschaden unseres Volkes." „Daß die Frau eines Czechen aufhört, deutsch zu denken, zu fühlen und zu handeln, ist die Lebensaufgabe ihres slavischen Gatten." „Die slavischen Dienstboten sind der Fluch deutscher Familien, die den slavischen Zersetzungskeim in das traute deutsche Heim tragen. Dazu die nie genug zu rügende Lässigkeit und Duldsamkeit unseres Volkes den übermüthigen Slaven gegenüber." „Ja nicht einmal die Sitten unserer Altvordern sind ihnen heilig, wird doch in Tausenden von Slavenfamilien alljährlich unser altgermanisches Jul- und Weihnachtsfest festlich begangen." Die Czechen werden eine „minderwertige Nation", „Eindringlinge", ihr Wesen ein „unterwürfiges, schmeichelndes und heuchlerisches" genannt. Man setze in all diesen Sätzen statt des Wortes „slavisch" das Wort „jüdisch" und man hat den deutschen Racen-Antisemitismus in seiner reinsten Form. Wenn die Czechen für den Haß, mit dem sie die Patentdeutschen verfolgen, ihre Revanche an den Juden nehmen wollen, so folgen sie nur jenem Mangel an Logik, der das Kennzeichen jeder nationalen Narrheit ist. Unsere Glaubensgenossen aber werden gut daran thun, sich weder für die deutschen, noch für die czechischen Chauvinisten zu ereifern.

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