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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-10-08 · 41 (8.10.1897) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
41 (8.10.1897)
Date
1897-10-08
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 41 Vr. Vloch's WochenfchrM Seite 823 zeitig dem zahlungsfähigen Juden und dem Schönerer'schen Studio gefallen soll. Dieser Liberalismus, der sich von den Juden aushalten läßt und den Racenantisemitismus sozusagen als Geliebten „für's Herz" nimmt, kann uns gestohlen werden. Die Juden aber sollen nicht versäumen, die Moral der Weitlof'schen Praktiken zu ziehen. So oft haben sie bereits dazu Gelegenheit gehabt und leider diese Gelegenheit nicht benützt. Aus der allerjüngsten Zeit ein Beispiel: Es hat Juden gegeben, zum Theil aus philantropischer Duselei, zum Theil aus verächtlichem Liebedienerthum gegenüber dem Rathhause, die an den Sammlungen für die durch das Hochwasser geschädigten Antisemiten sich betheiligten. Den Dank hiefür hat ihnen Dr. Lueger in offener Rathhaussitzung ausgesprochen, als er sagte, daß das Resultat der Sammlung „nur der christlichen Bevölkerung zu danken" sei. Damit hat der Herr Bürgermeister das Bestreben, sich Duldung erkaufen zu wollen, in entsprechender Weise gewürdigt und gekennzeichnet. Ob die Juden sich auch bereit finden werden, dem Herrn W e i t l o f die Kastanien aus dem Feuer zu holen, das bleibt dahingestellt. Vre Herrschaft des Surrogates. Die alte wohlbekannte österreichische Klage über den Mangel an Mittelschullehrern ist wieder actuell und hat dazu geführt, daß man sich maßgebendenorts nach Mitteln und Wegen umsieht, um diesen Mangel zu beseitigen, um genügend Lehrer für unsere G y mn a s i e n und Realschulen zu beschaffen. Zn wenig Lehrer! Was thut nun der Herr Minister? Die Nächstliegende Antwort, die der Nichtkenner österreichischer Verhältnisse auf diese Frage geben würde, möchte lauten: Der Minister wird sich umsehen, ob nicht Leute vorhanden sind, die den Anforderungen, die gegenwärtig an den Mittelschulen gestellt werden, vollauf genügen und die aus irgend einem Grund bisher nicht angestellt worden sind. Und es gibt solche Leute, das weiß man nicht nur in Oesterreich, sondern auch außerhalb der schwarz-gelben Grenzpfeiler ist es bekannt, daß der Jude in Oesterreich heute noch immer leichter Ordinarius an der Wiener Universität als Mittelschulprofessor werden kann. Denn wo die Wissenschaft das Wort hat, schwinden kleinliche Unterschiede, verblassen ererbte Vorurtheile. Ein Anderes ist es, wo nicht die Wissenschaft, sondern die Oualificationstabelle entscheidet, in der auch die Rubrik „Confession" nicht fehlt. Aber es durften in Oesterreich keine Juden oder lvenigstens; nur vereinzelte zu Mittelschullehrern ernannt werden. Und weil man nicht genug arische Bewerber an Mittelschulstellen mit der nothwendigen Qualifikation besitzt, so geht man einfach mit den Forderungen herab. Man verkleinert den Rahmen dessen, was von den Candidateu geheischt wird und macht es so auch geistig minder Bemittelten möglich, sich um Lehrerstellen zu bewerben. Indem der Minister das Niveau des Lehrerstandes künstlich herabdrückt, glaubt und hofft er auch, in den nächsten Jahren, der grimmigen Gefahr entgehen zu können, eine Reihe jüdischer Mittelschullehrer anzustellen. Es ist ganz dieselbe Geschichte wie mit den jüdischen Richtern, von denen wir letzthin an dieser Stelle gesprochen haben. In dem Augenblick, als die neue Civilproceßordnung geschaffen wurde, als gediegeneres Wissen von den Candidaten für Richterstellen gefordert wurde, da mußte man sich bequemen, von der Forderung des Taufscheines ein wenig abzugehen, da mußte man sich zur bitteren Wahrheit bekehren, daß die glänzendste Kenntniß des Katechismus das Studium der neuen Jurisdictionsnorm nicht ersetze. So kam es, daß die „Wiener-Zeitung" an dem Tage der Richterernennungen mehr jüdische Namen auf ihrer ersten Seite enthielt, als vielleicht je seit dem Erscheinen des würdigen Amtsblattes. Aber während der alte Civilproceß, welcher es so trefflich gestattet hat, die jüdischen Bewerber an die Wand zu drücken und dem geistigen Proletariat des Arierthums warme Zufluchtsorte in den Amtskanzleien und Bureaux zu gewähren, sich nachgerade zum öffentlichen Spott für die ganze civilisirte Welt gestaltet hatte, liegt das, was in der Schulstube der Gymnasien und Realschulen geschieht, nicht so klar vor den Augen der Oeffentlichkeit, und darum scheut man davor nicht zurück, die Prüfungsvorschrift für das Lehramt umzumodeln, die Studienzeit zu reduciren, statt 3 schriftlichen Arbeiten nunmehr einzig und allein eine zu verlangen. Weil der Kaffee zn theuer ist, begnügt man sich mir Eichoriesaft. Geistige Surrogatskost bietet man der Heranwachsenden Generation. Die Herrschaft des Surrogates! Wäre es nicht angemessener und bequemer, es lieber bei den alten strengen Anforderungen an die Eandidaten für das Lehramt zu belassen und dafür mit jenem Borurtheil aufzuräumen, das entgegen dem Geist und Wortlaut des Staatsgrundgesetzes den Inden als für das Lehramt an den Mittelschulen für unfähig erklärt. Vom Jahrmarkt des Lebens. Der Bürgermeister von Wien und die „armen" Inden. Die vorgestrige Nothstands-Debatte im Abgeordnetenhause gab den deutsch-fortschrittlichen Abgeordneten N o w a k und Bohaty Veranlassung zu heftigen Klagen über die Hartherzigkeit, welche die Wiener Antisemiten gegenüber der Noth im ganzen Reiche bekundeten. Der Abgeordnete T i t t i n g e r sprach von den „blechernen Wiener Herzen" und der socialdemokratische Abgeordnete Kiesewetter warf den Christlich- Socialen vor, daß sie nur die a r m e n Juden bekämpfen, mit den reichen Juden aber Geschäfte machen. Zur Bertheidigung seiner Myrmidonen erhob sich Toctor Lueger, „der Herr von Wien"; dem Borwurfe der Hartherzigkeit suchte er mit dem Hinweise auf die von den Antisemiten gesammelten 86.000 fl. zn begegnen, während doch die von Juden an den Statthalter und Ministerpräsidenten gesendeten Beträge mehr als das Doppelte dieser Summe ausmachen. Herr Dr. Lueger erklärte auch heuchlerisch, daß er „nie einem armen Juden wehe gethau" habe. Die den jüdischen Waisen entzogene Subvention, die armen jüdischen Schülern verweigerte Schulgeldbesreiung, die Ausschließung armer jüdischer Schüler von der Betheilung mit Lehrmitteln, über welche nur krasse Fälle veröffentlichten, endlich der Hinauswurf der jüdischen Landtags-Stenographen beweisen, daß der Wiener Bürgermeister auch diesmal wieder gelogen hat. Dr. Lueger hat die Stirne, in offener Reichsrathssitzuug zn behaupten, daß er die armen Juden nicht verfolge und unter seiner eigenen Leitung wurden in einer Sitzung des Stadtrathes sämmtliche Gesuche der um Schulgeldbefreiung bittenden Kinder aus dem Leopoldstädter Realgymnasium vorgelegt und beantragt, den Gesuchen der christlichen Schüler sammt und sonders stattzugeben, die Gesuche der jüdischen Kinder aber sammt und sonders zurückzuweisen, ein Antrag, welcher auch zum Beschlüsse erhoben wurde. Herr Gemeinderath Dr. Stern hatte die Acten untersucht und in offener Gemeinderathssitzung brachte er die Angelegenheit zur Sprache. Da war zum Beispiel eiu vaterloser Waisenknabe; die Mutter, eine arme Schneiderin, hat sechs Kinder. Sie muß allerdings nicht für alle sechs sorgen, die zwei ältesten helfen mit. Aber diese erfüllten gerade jetzt ihre Militärdieustpflicht, das steht im Armuthszeugnisse, und der jüngere Bruder — er ist ja nur ein Judenknabe — wird abgewiesen. Da war abermals das Gesuch eines vaterlosen Waisenknaben; die Mutter, eine arme Hebamme, hat für eine Familie von drei oder vier Kindern zu sorgen. Der Knabe ward abgewiesen, trotz sehr guter Zeugnisse. Bedarf es noch des Beweises der Armuth, wenn es sich um den Sohn eines jüdischen Dienstmannes handelt, der für vier Kinder zu sorgen hat, oder um den Sohn eines jüdischen Hansirers, der für sechs Kinder zu sorgen hat oder um einen jungen Mann, der fünfzehn Geschwister daheim hat und daraus angewiesen ist, sich durch Lectioneugeben kümmerlich fortzubringen, oder wenn es sich um Kinder von kleinen jüdischen Gewerbetreibenden oder kleinen jüdischen Beamten handelt? „Alle", sagte der Stadtrath, „Alle ausnahmslos sind abzuweisen." Hat Dr. Lueger das Alles bereits vergessen? Aber während Herr Dr. Lueger im Reichsrath diese Lügen vorbrachte, vollzieht sich in der Levpoldstadt eine Krisis in dem A r m e n r a t h. Nahezu sämmtliche Armenräthe haben ihre Stellen niedergelegt! Warum? Es hat nämlich ein christlicher Armenrath gewagt, einer armen jüdischen Witwe, um sie und ihre Kinder vor dem Hungertode zu reiten, den horrenden Betrag von 2 fl. an-

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