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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-10-01 · 40 (1.10.1897) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
40 (1.10.1897)
Date
1897-10-01
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 40 Vr. Vwch s VortzrnptzrM Seite 818 Sticken eine Meisterin war. Wer aber hätte ihr etwas Neues | zum Arbeiten gegeben? Sie übernahm es daher, Wäsche anszu- 1 bessern, und in den Tagen, wo die Arbeit mangelte, schleißte sie federn. Trotzdem waren ihre Zimmer von einer außerordentlichen Reinlichkeit, jedes Ding stand an seinem Orte in gehöriger Ordnung, so daß es buchstäblich ein Vergnügen war, dies alles anzuschauen. Und noch mehr znm Vorschein trat dies alles am Freitag Abend. Auf dem mit einem blendend weißen Tischtuch gedeckten Tische glitzerten die Gläser im Lichte der Kerzen, die Trandel zu Ehren des heiligen Sabbath angezündet hatte. Sie selbst war wie umgewandelt, reinlich und nett, so daß, so oft Abraham vom Tempel nach Hause kam und sich zu Tische setzte und den Kidusch sprach, seine Stimme ein gewisses fröhliches Beben hatte, und eine Thräne in seinem Auge glänzte. Nicht selten umarmte er sein Weib mit großer Innigkeit um der seelischen Genngthnnng Willen, die sie ihm bereitete, und sagte ihr: „Trandel, wie bin ich glücklich! Fast fürchte ich, es könnte nicht von langer Dauer fein." „Und warum sollte unser Glück nicht lange dauern, mein lieber Mann, der Herr hilft den Armen und Verlassenen l „Was willst Du Theuere, ich habe so viel gelitten, habe so Vieles in meinem Leben auszusteheu gehabt, war so lange Zeit von Gott und den Menschen verfolgt, daß ich mich oftmals betaste, um mich zu überzeugen, ob ich es wirklich bin!" Trandel umarmte ihn ihrerseits und Beide vergaßen ihr aus gestandenes Leid. Eine musterhafte Frau, wie sie war, legte sie einen Kreuzer zum anderen, ohne daß Abraham die leiseste Ahnung gehabt hätte, und sogar dieser winzige Verdienst war in ihren Augen ein Vermögen, da sie bis nun nichts als Noth und Elend gekannt hatte. Eines Abends kehrte Abraham später als gewöhnlich heim; müde und abgespannt von des Tages Mühen setzte er sich zu Tische. Während Trandel ihm die dampfende Suppe reichte, bemerkte sie eine tiefe Falte auf seiner Stirne. „Ribone schel Olam, Herr mein Gott!" rief sie ans, „was ist Dir, lieber Mann, bist Du unwohl?" „Was soll es sein, mein Kind?" antwortete er ihr traurig. „Ich fühle mich nicht unwohl, aber wie sollte ich nicht traurig und besorgt sein? Sieh' Dich um, Du in der Hoffnung, bald wird ein Kind da sein, vielleicht später zwei und drei, und wie soll ich sie ernähren? „Gott wird uns helfen", antwortete Trandel. „Du weißt, liebes Kind, daß Gott nur dem hilft, der sich selber helfen kann, und wie soll ich mir helfen können? Ja, hätte ich wenigstens fünfzig bis sechzig Piaster, so wüßte ich einen Ausweg." „Und was würdest Du mit dem Gelde anfangen?" frug Trandel pfiffig. „Ich würde das Petroleum auf eigene Rechnung kaufen, und da ich, Gott sei Lob und Dank, Kunden genug habe, so wäre der Verdienst zwei- und dreifach." „Du böser Mensch! Weshalb lästerst und sündigst Du angesichts des Herrn, gewiß hat Er uns geholfen und dennoch beklagst Du Dich?" Und ohne ihm Zeit zu einer Antwort zu lassen, öffnete sie ein kleines Holzschränkchen, entnahm demselben einen Beutel und leerte seinen Inhalt auf dem Tische vor Abraham. Es war meist Kupfergeld, aber auch Silber und sogar ein goldener Randdncaten. „Schema Jsruel! Um Gotteswillen! Was ist das?" rief Abraham, der sich ganz erschrocken erhob, aus. „Was sollte es sein?" antwortete sie, indem sie ruhig lächelte, „es ist Geld, unser Geld, erworben im Schweiße unseres Angesichtes, vierundsechzig und ein halb Piaster, so wie sie da sind!" „Oh! meine arme Trandel, Du hast Dich geplagt und gespart und hast Dir sicher Dein Frühstück nicht gegönnt, während ich im Gasthaus gegessen habe!" „Und trotzdem befinde ich mich wohl!" sagte sie glücklich lächelnd. Er konnte seiner Freude nicht Herr werden, er sprang auf, umarmte sie und sagte: „Trandel, Du hast ein gutes Herz, eine treue Seele, Reb Jossel sei gelobt." Und als ob er sich beim Namen hätte nennen hören, erschien Reb Jossel auf der Schwelle und betrachtete die beiden mit großem Wohlgefallen. „Meine Kinder", sagte er, „so gefällt Ihr mir, liebet Euch, denll Ihr habt Eure Liebe nöthig, kümmert Euch nicht um diejenige der Leute. Meinen Segen habt Ihr." Seit diesem Tage veränderte sich die Lage Abrahams bedeutend. Er kam mit dem Kaufmann wegen des Petroleums überein und wurde statt des einstigen Verkäufers ein Käufer. Die Einnahmen vermehrten sich, so wie er es voransgesehen hatte, und als die Kinder eines nach dem anderen — und dem ersten folgten noch weitere fünf — kamen, war Abraham um deren Ernährung nicht mehr besorgt. Und immer besser und besser ging es, und als ob es der Herr so eingerichtet hätte, so mehrte sich seine Kundschaft mit jedein Kinde, mit dem ihn sein Weib beschenkte, immer mehr. Und — noch mehr Glückseligkeit! Sein Verdienst vermehrte sich immer mehr, so daß er bald in der Lage war, die ihm einst vom jüdischen Gemeinderathe geliehenen achtzig Piaster deni jüdischen Krankenhause znrückzuerstatteu. Er hätte sie viel lieber seinem Versprechen gemäß dem Gemeinderathe geben mögen, allein da die Regierung unterdessen alle fremden Gemeinden aufgelöst hatte, so existirte auch diese Verwaltung nicht mehr. Die Freude kehrte in die Herzen dieser zwei unglücklichen Wesen ein, und es gab viele glückliche Stunden in ihrem Heim. Zwar war die Welt immer dieselbe, schlecht und spottsüchtig; für sie war Trandel der reine Aste. Zeigte sie sich am Samstag oder Feiertag in ihrem schwarzen Kleide, ein helles Seidentnch auf dem Kopfe, so hörte nicht selten Abraham hinter sich die beleidigenden Worte, als: „bucklige Mißgeburt, Scheusal" und Anderes mehr, und das Gelächter nahm kein Ende. Was aber ging sie all' dies an? Seit Langem schon ließen sie die Schlechtigkeiten und Spöttereien der Leute kalt. Ja, wohl hatten sie auswärts keine Ruhe, wohl erfreuten sie sich nicht der Sympathien des Pnblicums, dafür aber hatten sich der Friede, die Ruhe und die Zufriedenheit in ihre Herzen tief eingewurzelt und dies genügte ihnen vollkommen. Der Mensch kann nicht in Allem glücklich sein, und auch nie sich selbst und die Andern znfriedenstellen. Und im Grunde genommen, glücklich waren sie ja eigentlich nicht, sie waren blos zufrieden, und für sie, für zwei solche vom Schicksale verfolgte Menschen, genügte dies vollkommen. Aber das Glück, oder, besser gesagt, die seelische Zufriedenheit, kann sie eine beständige sein, und der Mensch, der einmal vom Schicksal verfolgt wird, ist er nicht zu Kummer und Schmerz geschaffen? Abraham stellte sich nicht selten diese Frage, nicht selten verdunkelte eine Wolke seine Stirne : Nicht die Trostworte seiner Frau und nicht das Jubeln und Lachen seiner unschuldigen Kinder waren im Stande, feine trüben Gedanken zu verscheuchen. In solchen Fällen zog unverhofft die Traurigkeit ohne Grund und Ursache iir das Hans dieser ruhigen und zufriedenen Leute ein, die Fröhlichkeit verwandelte sich im Handumdrehen in tiefe Traurigkeit. Und einen Tag vor dem traurigen Ereignisse beherrschte Abraham seine trübe Vorahnung, ohne daß er sich über oen Grund hätte Rechenschaft abgeben können. Den ganzen Tag ging er wie auf glühenden Kohlen herum, und als er Abends nach Hause kam. war er niedergeschlagen, blaß und schweigsam. Vergebens versuchte es seine Frau, ihn zu zerstreuen, vergebens suchte sie ihn aufzurütteln. er antwortete ihr mit zurückweisenden Worten, ja, zum ersten Mal konnte er das lustige lärmende Spielen seiner Kinder nicht leiden, und hieß sie schlafen gehen lange vor der gewöhnlichen Zeit. Mit Anbruch des verhängnißvollen Tages stand er ans. wusch sich, legte die Tessilin an und verrichtete sein Morgengebet wie gewöhnlich mit großer Andacht. Stillschweigend stellte ihm Trandel die Schale Kaffee auf den Tisch hin, denn seit einer Zeit vergönnten sie sich diesen Luxus. Beschämt durch diesen stillen Vorwurf seines Weibes, und seine Barschheit vom Vorabende bereuend, umarmte er sie liebevoll, küßte seine noch schlafenden Kinder mit großer Innigkeit, und seine Frau nochmals an's Herz pressend und sie ob seines Benehmens um Verzeihung bittend, nahm er die zwei großen Petroleumdoseu in beide Hände und machte sich rüstig aus dem Weg. Alles ging gut und regelmäßig, kein Unfall ereignete sich. Abraham frühstückte in einem Wirthshause, ging nochmals ins Magazin, füllte von Neuem die Dosen ein und begann abermals seinen Rundgang, diesmal seine Schritte einem Bojarenhause zuwendend, in welchem er das Hauptconto hatte.

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