Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 40 (1.10.1897)
- Date
- 1897-10-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Gerte 814 Vr. Vloch's Mochrnfchrist Nr. 40 Feuilleton. Vom Schicksale verfolgt. Novelle nach einer wahren Begebenheit aus dem Jahre 1872. Aus dem Rumänischen des Dr. E. Schwarzfeld, frei übersetzt von Annette Kowler. (Schluß.) Indessen hatte Abraham sein 26. Jahr erreicht und er, der fromme, gottesfürchtige Mensch, hatte noch nicht eines der wichtigsten Gebote des Herrn erfüllt; er war noch immer allein, noch immer hatte er, entgegen den biblischen Satzungen, kein Wesen neben sich, und daher konnte er noch immer nicht das Gebot erfüllen, das da lautet: „Wachset und mehret Euch". Seitdem er ein sicheres Brod hatte, dachte dieser so unglückliche und vom Schicksal so arg verfolgte Mensch nicht selten daran, dieses Gebot zu erfüllen, zugleich aber sagte er sich auch, daß es ihm nicht gegeben war, in diesem Punkte seine Pflicht zu thun. Wer würde ihn, den häßlichen, mißgestalteten, so nnerhört entstellten Menschen auch haben wollen? Die Freunde, die er sich, seitdem es ihm gut ging, erworben hatte, redelen ihm allerdings eifrig zu, zu heiraten, aber zum Heiraten gehören Zwei, und die Zweite, die ihn haben möchte, sei noch nicht geboren, sagte er oftmals bitter lachend. Trotzdem gab es Augenblicke, in denen er sich sehr ernstlich mit Heiratsgedanken beschäftigte, denn er kannte das jüdische Sprichwort: „Gott ist oben und vereinigt unten." Einen alten Bücher (Junggeselle) und eine alte Jungfrau gibt es bei den Juden nicht und jedem menschlichen Wesen schafft der Herr auch seinen Siwig (Ehehälfte). Ja, Abraham war entstellt, krumm, bucklig, ein Schreckbild; konnte aber all' dies in den Augen des Herrn ein Grund sein, daß er für ihn keinen Siwig geschaffen hätte? Daß die Mädchen und Frauen, die ihn kannten und die er kannte, ihn nicht mochten, was Wunder? Auch er hätte sie nicht haben wollen, so ohne Weiteres. Trotz allen seinen physischen Fehlern hatte er aber moralische Eigenschaften und ein gutes Herz; er wußte daher, welchen Werth die hochmüthigen Frauenzimmer hatten, die ihn ob der Mängel, mit denen Mutter Natur ihn bedacht hatte, von sich wiesen. Seine Frau brauchte nicht schön zu sein, aber wie er, sollte sie ein gutes Herz haben. Er dachte daher an's Heiraten, es war ihm sehr zuwider, das Vagabundenleben wie bisher, gleich Kain, weiterzuführen. Jetzt, wenn er Abends nach Hause kam, müde und abgespannt nach mühevollem Tagewerke, sehr oft mit seinem täglichen Verdienste zufrieden, empfand er das unbedingte Bedürfniß, neben sich ein Wesen zu haben welches mit ihm das Gute und Böse, das Heitere und Traurige theilen sollte. Trotzdem gab es Augenblicke, wo er daran verzweifelte. Er kannte sich zu gut und machte sich keine Illusionen, und wußte, daß jedes noch so anspruchslose Mädchen ihn dennoch nicht wird haben wollen. Einen Häßlichen ja! Aber eine Mißgeburt nie! Als er eines Tages, wohl zum hundertsten Male, immer ein und dasselbe wiederholte und sich auch hierin, wie in alle seine Mißerfolge bereits ergeben wollte, sah er den alten Schames (Tempeldiener), der in seinen freien Stunden auch den Schadchen (Ehevermittler) abgab, auf sich zukommen, eben um ihm von einer Partie zu sprechen. „Sie scherzen wohl, Reb Joffel", sagte Abraham. „Ganz und gar nicht, Abraham. Ich weiß, Du bist ein braver, anständiger Mensch, klug und aufgeweckt, und daß Du auf Dich nicht eingebildet bist. Ich selbst bin schon zu alt, als daß ich mir mit dem Ebenbilde des Herrn, gelobt sei sein ewiger Name, einen Spott sollte machen wollen. Ich spreche zu Dir in allem Ernste." „Und Sie haben ein Frauenzimmer gefunden, das eine solche Mißgeburt, wie ich bin. haben möchte?" „Jawohl, jawohl! Du siehst doch, daß ich Dir in allem Ernste und frei in's Gesicht schaue. Aber auch sie ist keine vom Himmel gefallene Schönheit." „Verlange ich eine solche?"' „Sicherlich nicht; aber es ist nun einmal Brauch so. Der Mann, wie er auch sei, er will dennoch nicht, daß seine Frau klein, häßlich und mißgestaltet sei und noch obendrein stottern soll." „Ich habe nicht das Recht, anspruchsvoll zu sein; ein schönes, schlankes, fehlerfreies Mädchen wird mich nicht haben wollen; nur eines, Reb Joffel: Hat das Mädchen, von welchem Sie mir sprechen, ein gutes Herz? Ein gutes Herz!" wiederholte Abraham, die Worte betonend. „Höre Abraham, bei meiner Ehre, bei meinem Alter und bei den Häuptern meiner Frau und meiner Kinder — hundert und zehn Jahre sollen sie mir leben, und Du weißt, wie lieb und theuer sie mir sind — bis nun habe ich noch niemals gelogen und ich hoffe zum Allmächtigen, gelobt sei Er, daß ich in Wahrheit und Gerechtigkeit mein Leben beschließen werde. Ich sage Dir die Wahrheit, Abraham; Trandel ist häßlich, klein und stottert, aber ein Herz hat sie — gebe Gott, daß meine Töchter eia solches haben sollen!" „Ich glaube Ihnen, Reb Joffel, und haben Sie ihr von mir gesprochen?" „Ich that es!" „Und sie mag mich, sie weiß, um wen es sich handelt?" „Sie kennt Dich und willigt ein." „Wenn es so ist, so frage ich nichts weiter. Maseltow (gut Glück), Reb Joffel! Und Sie wollen mein Beistand sein?" „Maseltow!" antwortete Reb Joffel. „Und Gott soll Euch Glück und Segen geben, denn Ihr verdient es Beide." Als die Nachricht von dieser seltsamen Verlobung sich in der Stadt verbreitete, begann das Gelächter und Gespötte, das eine Zeit lang beim Erscheinen Abrahams verstummt war, von Neuem. Ein solches Paar ist seit lange nicht gesehen worden. Abraham ging noch an. und schließlich war man an ihn schon gewöhnt; aber Trandel! — der Name paßte gerade zu ihr, — Alles hielt sich die Seiten. Die Nachricht flog von Mund zu | Mund, Einer theilte sie dem Andern mit, es lvar ein wahres! Ereiguiß. Wie viel hatte der arme Abraham auszustehen, und um wie Vieles mehr die arme und bedauernswerthe Trandel seit denk Tage ihrer Verlobung. In den Straßen hielten sich die Kinder an sie und spotteten ihrer auf jede Art: „Was macht Dein Bräutigam, Trandel? Was macht Deine Braut, Abraham?" Und das Gelächter nahm kein Ende; die Alten machten sarkastische Bemerkungen, und Trandel weinte oftmals im Stillen vor Schmerz und Verdruß; aber Abraham bereits abgestumpft dagegen, tröstete sie, indem er ihr sagte: „Mein Kind, so ist die Welt, dumm, böse und spottsüchtig; wie Vieles habe ich schon in meinem traurigen Leben auszustehen gehabt; aber eines, Trandel, will ich Dir sagen; lieber sollen die Leute über uns, die sich unschuldig fühlen, lachen, als daß wir, Gott behüte, eines Ebenbildes des Herrn spotten sollten. Trandel vergoß in solchen Fällen noch einige Thränen, küßte ihren Bräutigam und sagte mit ernster Miene: „Und wäre ich schön, Abraham, und hätte ich ein großes Vermögen, so gäbe ich Dich dennoch nicht um alle diese Taugenichtse; Du bist der beste Mensch, das edelste Herz, daß ich je in meinem Leben kennen gelernt habe!" Am Tage der Trauung, die nach damaliger Sitte im Tempelhose gefeiert wurde, hatten sich die Leute in großer Menge angesammelt; von meilenweiter Entfernung waren sie eigens herbeigekommen. Der Platz vor dem Tempel war gedrängt voll, Jeder wollte die Braut und den Bräutigam sehen, und die verschiedensten Bemerkungen wurden laut; den Leuten liefen von vielem Lachen die Thränen über die Wangen. Die Trauung war einfach; mit klarer fester Stimme und ernst und andächtig wiederholte Abraham die heilige Eheformel, die ihm der Vorbeter silbenweise vorsagt<: „Hare at .... Du bist mir angetrant nach dem Gesetze Moses und Israels" und zertrat darauf mit festem Tritt das Glas, damit andeutend, daß Trandel sein sei für's ganze Leben, ewig und unzertrennlich. ' Und in der That, Abraham hatte sich nicht getäuscht, und er war Reb Joffel von Herzen dankbar. Zugleich mit Trandel zog das Glück in sein Haus ein. Eine tüchtige und arbeitsame Fran, klug und fleißig, sie, das Kind armer Eltern, die in Armuth und Noth aufgewachsen war, zeigte sich von der ersten Stunde an als eine gute Hausfrau, indem sie an Alles die Hand mit einem Scharfsinn anlegte, welcher bewies, daß sie alle traurigen Lebensphasen durchgemacht hatte. Abraham verdiente zwar nicht übermäßig viel, da er blos nach wie vor seinen Antheil an dem Erlöse hatte, daher einen Tag mehr, den andern weniger. Um aber den Verdienst zu vergrößern, begann auch Trandel mitzuhelfen, da sie im. Nähen und