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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-10-01 · 40 (1.10.1897) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
40 (1.10.1897)
Date
1897-10-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 40 Vr. Vlvch's WochrnfthrM Seite 809 Mann. Die Spitze des Dramas trifft vielmehr den Wacherer. Indem ihn Shakespeare als Inden einkleidete, hielt er sich einfach an die Theatertradition seiner Zeit, die den Juden als Typus des Golddurstes gewöhnt war, wie den Mohren als Ausbund an Sinnlichkeit und Grausamkeit. Solche Auffassung hatte sich umso leichter entwickeln können, als der Hebräer wie der Mohr äußerlich auffallend und zugleich an der Themse selten genug war, um als Träger wildbewegter Fabeln zu dienen. Von Eduard I. bis Cromwell verbannte ihn ja das Gesetz vom englischen Boden, und ausnahmsweise nur zeigte sich der Mann mit den langen Haarsträhnen, bald als Kaufmann ans der Fremde, bald als Arzt von unheimlichem Wissen." Marlow hatte ihn mit machiavellistischen Farben zu einem teuflischen Tyrann ausgemalt und hiermit große Wirkung erzielt; sein „Jude von Malta" ist gewiß ein Hauptvorbild für Shylock gewesen; Shakespeare ist zahm im Vergleich mit diesem Vorgänger." Zur zionistischen Bewegung. Der Verein „Zion" publicirt folgenden Aufruf! Stammes und Glaubeusgenosseu. Das alte Israel verjüngt sich! Wie es gekommen? Ter Truck und die Schinach von Jahrhunderten machten das Volk gefühllos, unempfindlich gegen Angriffe auf seine Ehre, gegen die Mißachtung seiner Menschenrechte und die Behandlung als Parias der Gesellschaft. Eine kurze Spanne Zeit der Freiheit und Anerkennung seiner Rechte genügte, es empfindlich zu machen, empfindlicher als die Anderen. Natürlichermaßen, denn man empfindet das Verlorengeglaubte und Wiedererlangte intensiver als den unangefochtenen Besitz und ist um dasselbe besorgter. Kein Wunder, daß sich dieses Volk aufbäumt, da man ihm die kaum gewonnenen Menschenrechte wieder zu rauben sucht. Kein Wunder, daß es nach Mitteln trachtet, die es ein für alle Mal verhindern sollen, daß cs je wieder geschehe. Und das Trachten und Erwägen und das Studium der Geschichte des Qolus führt zu dem Schluffe, daß, solange wir zerstreut unter den Völkern leben, es ein solches Mittel nicht gibt. Die Völker haben durch Jahrtausende mit der Muttermilch gegen uns — als etwas Fremdartiges —• Vorurtheile eingesogen. Diese gelangen zwar hie und da, in raren, lichten Augenblicken der Aufklärung und Humanität unter die Schwelle des Bewußtseins, im Großen und Ganzen aber bilden sie ein unvertilgbares Inventar des Seelenlebens der Völker, eine erbliche Belastung, die solange nicht verschwinden kann, als es eine in die Augen stechende Anzahl von Juden gibt, welche die Vorurtheile über der Schwelle des Bewußtseins erhalten. Durch diese Erkenntniß ergibt sich die einzig mögliche Lösung von selbst: Organisirte Auswanderung aller Jener, welche sich nicht assimiliren können oder wollen und Gründung eines eigenen Gemeinwesens. Diese Erkenntniß ist in den intelligenten Köpfen der russischen Juden gereift und mit Blitzesschnelle Gemeingut fast des ganzen jüdischen Volkes in Rußland geworden, als anfangs der Achtziger-Jahre nach einer längeren Schonzeit, während welcher sich gerade die intelligenten Juden als gleichwerthige russische Bürger zu fühlen ansingen, die bekannten grausamen Judenverfolgungen ausbrachen. Die Erkenntniß wurde bald in That nmgesetzt. Einen Ort der Concentrirung brauchte man nicht lange zu suchen. Ist doch der historische Boden unserer Väter, das heilige Land, der geeignetste Ort dazu. Danach sehnt sich der fromme Jude sein ganzes Leben; daran denkt er im Gebete, wenn er aufsteht und wenn er schlafen geht. Danach fleht er zu Gott an den hohen Feiertagen. „Leschana haba bejeruschalaim“ ist der Gipfelpunkt seiner Wünsche. Und religiös ist das Gros des jüdischen Volkes. Deshalb ist dieses Land der Sehnsucht allein geeignet, ein Volk, das zweitausend Jahre dem Ackerbau entwöhnt ist, zu begeisterten Pionnieren der Agricultur zu machen, welche noch immer die unentbehrliche Grundlage eines Volkes, eines staatlichen Gemeinwesens ist. Dies hat sich zur Evidenz gezeigt, in dem Scheitern der argentinischen Colonisationsbestrebungen und im raschen Aufblühen der palästinensischen Colonien. Das Land ist auch fruchtbar, sehr schwach und zumeist von Fellahs und Beduinen bevölkert, bietet somit allen Juden Raum, die hingehen wollen, wofür die jndensrenndliche türkische Regierung unschwer zu gewinnen wäre. Diese Bewegung, die im Laufe der Zeit „zionistische" genannt wurde, ist nicht auf Rußland allein beschränkt geblieben. Sie hat in kurzer Zeit den Siegeslauf durch die Welt gemacht. In Frankreich steht nebst dem Oberrabbiner Zadoc Kahn die jüdische baute tinanee an der Spitze, in England die Eröme der jüdischen Gesellschaft, wie Colonel Goldsmith, Parlamentsmitglied Montague, Montefiore und Andere. In Deutschland zählt der Palästina- Eolonisationsverein „Esra" Tausende von Mitgliedern. Im praktischen Amerika gibt es zahlreiche Zionsgesellschaften, deren Zweck Bodenankauf und Ansiedlung in Palästina ist, und selbst aus Australien und dem neuesten Eldorado, Johannesburg im Transvaal, wissen die Zeitungen von einer zionistischen Thätigkeit zu berichten. Ter Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Mehr als 20 blühende Colonien zeugen von der Regenerirungsfähigkeit der Juden und des Landes, wo Milch und Honig floß. Tausende von jüdischen Acker- und Weinbauern bilden den Anfang des Rückgrates, welches Zur Aufrichtung der modernen jüdischen Gesellschaft bestimmt ist. Tie Erzeugnisse der Bodencultur sind die denkbar besten. Eine Ausstellung dieser Erzeugnisse, insbesondere von Wein und Cognac, auf der jüngsten Berliner Gewerbeausftellung, in Hamburg und in Köln hat allgemein berechtigtes Aufsehen und Bewunderung erregt und französische Autoritäten erklären, daß der Wein und Cognac der jüdischen Colonien in Palästina den besten französischen Sorten an die Breite zu stellen sind. Proben hievon stehen in unserem Vereinsloeale zur Verfügung. Am Zionistencongreffe in Basel begeisterten sich 200 Telegirte von Hunderttansenden von Juden ans allen Weltgegenden für die Durchführung dieser Idee und verpflanzen nun, nachdem sie auseiuandergegangen, diese Begeisterung unter Juden und Nichtjuden in allen Richtungen der Windrose. Ja, das alte Israel verjüngt sich. Ter nächste Beitrag zu dieser Verjüngung soll die Restaurirung der Colonie Mischmar Hajarden (Wacht am Jordan) sein. Es sollen dort 25 Familien, darunter zumeist Arbeiter, dw sich jahrelang in den anderen Colonien als Taglöhner durch Fleiß und Tüchtigkeit ausgezeichnet haben, als selbstständige Colonisten angesiedelt werden. Es sind hiezu 200.000 Francs nöthig. Tie englischen Zionisten haben hiezu 90.000 Francs, die russischen 70.000 Francs beigesteuert. Tie restlichen 40.000 Francs sollen wir nun aufbringen. In Oesterreich ist bis jetzt von den wohlhabenden Juden für die Realisirung der erhabenen Idee des Zionismus wenig geschehen. Tie brausenden Wogen des Antisemitisinns dürften nun aber auch hier die Ueberzeugung hervorgebracht haben, daß der Zionismus eine Nothwendigkeir ist. Wir wenden uns daher an Sie mit der Bitte: Treten Sie unserem Verbände bei, gründen Sie, wo Sie können, neue Gruppen unseres Verbandes und spenden Sie namhafte Beiträge zur (Gründung der Colonie Mischmar Hajarden. Sie fördern ein großes Werk, ein Werk, desgleichen die Welt noch nicht gesehen, ein Werk, das an Großartigkeit und Erhabenheit des Zieles feinem anderen nachsteht.. Es handelt sich um die Wiederbelebung des ältesten Cnlturvolkes der Erde, des Volkes, welches der Welt die Bibel der wahren Gotteslehre geschenkt und welches vielleicht berufen erscheint, auf eigenem Boden die größte Reife zu erlangen und der Welt eine zweite Bibel, die Bibel der wahren socialen Lehre, zu schenken. Eure Kinder und Kindeskinder werden Euch Tank wissen, daß Ihr ihnen in fürsorglicher Voraussicht eine Zufluchtsstätte gegen zukünftige Unbill geschaffen! Für die Leitung des „Z i 0 n", Verband der österreichischen Vereine für Colonisatio» Palästinas und Syriens in Wien: Tr. Nt. T. S ch n i r e r, Tr. O. K 0 k e s ch, XIX., Döblinger Hauptstraße :U>, I., Singerstraße 25, Obmann. Schriftführer. Montesquieu über dir Juden. Das rationalistische achtzehnte Jahrhundert war das erste das die modernen Inden von historischem Standpunkte aus betrachtete und ihre Eigenheiten erklärte. Es erfüllte auch sein Humanitätsideal dadurch, daß es die Emancipationsfrage auf's Tapet brachte und ein allgemeines Mitleid mit der Leidensgeschichte der Juden hervorrief, das seinen classischen und geläutertsten Ausdruck in Lessing's „Nathan denk Weisen" fand. Und merkwürdig, während fast alle französischen Aufklärer und Rationalisten, die geistigen Väter der neuen Zeit, — selbst ein Robespierre! — sich für die Juden aussprachen, war es nur Voltaire, das Haupt der französischen Aufklärung, der die Juden mit Schmähungen überschüttete. Darüber kann sich das Judenthum trösten, ein so genialer Geist Voltaire auch war, so schmutzig und gemein war er als Mensch. Wer aus so unsaubere Weife durch Wucher- und Speculationsgeschäfte sein großes Vermögen zusammengescharrt hat, wie Voltaire, ist gut genug dazu, auf die „Handelsjuden" zu schimpfen. Ungleich vorurtheilsfreier als Voltaire ist Montesquieu gewesen. Als Historiker mit weitem großem Blick beschränkte er sich nicht darauf, einfach einzelne hervorstechende schlechte Züge der Juden zu conftatiren, sondern der berühmte Verfasser des „Geist der Gesetze" sucht sie psychologisch und historisch zu begreifen (siehe „Geist der Gesetze" Deutsche Ausgabe. Abtheilung 1782. Band 2. Buch 20, Seite 319—323). Zuerst behandelt er das Ausleihen auf Zinsen. Er weist nach, wie die ethische Werthschätzung des Handels eine unglaublich geringe gewesen fei, und wie diese ethische Geringschätzung auf

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