Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 40 (1.10.1897)
- Date
- 1897-10-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021169-3021209--07155-3031470- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Sette 808 Nr. 40 Vr. Vlmtz's Wochenschrift Fast will es so scheinen, als hätten viele Frauen wirklich keine andere Beschäftigung! In einer Zeit, wo die socialen Fragen, sagen wir das sociale Elend, die Welt bewegen, gibt es immer noch Leute, welche sich nicht im Geringsten davon berührt fühlen. Man hört Männer sagen: Ich leide nicht unter dem Antisemitismus, weil man sie auf der Straße noch nicht am Barte gezogen hat; an das Ohr vieler Mütter und Töchter scheint die ernsteste Mahnung noch nicht geklungen zu haben, daß es mit dem Faullenzen zu Ende sei, daß Jeder hienieden arbeiten soll und muß, der Eine für sich, der Andere für die Anderen. Jene Menschen, welche diesen Fragen zu entschlüpfen glauben, gleichen Demjenigen, der sich zwischen die Regentropfen hindurch winden wollte, um nicht naß zu werden; aber diese müssen aufgerüttelt werden, aufgerüttelt zu ihrem Besten. „Alles ist eitel" — aber der freudestrahlende Blick eines Kindes, dem der Ferialausenthalt winkt, der stumme Dank einer armen Mutter, deren leidendes Kind in blühender Frische zurückgekommen, das fetzt sich tief ins Herz und ist mit nichts aufzuwiegen! Das große Ausgleichswerk kann nur von den Herzen begonnen werden, und deshalb sind Frauen und Mädchen die berufensten Pionniere, um gegen Unglück in jeder Gestalt ins Feld zu ziehen. Auch die Zeit ist um, wo die „Vereinsmaierin" verlacht wurde, denn man fängt langsam an, zu erkennen, daß Dank ihrer Arbeit viele Thränen getrocknet, viele Kinder geheilt, bekleidet werden, manche kalte Stube gewärmt wird und was sonst die diversen Vereine auf ihr Programm gesetzt. Vielleicht erröthet doch manche passionirte „Angeherin", wenn sie ihre geist- und nerventödtende Arbeit ruhigen Blutes überdenkt und schlägt sich zu den Pionnieren, welche der Armuth nachgehen, deren Ursachen suchen und gründlich zu helfen sich bemühen! Der socialistische Lyriker Maurice Reinhold - von Stern singt: „Recht auf Honig haben alle Bienen Und ein unsterblich Recht auf Glück hat auch der Mensch!" Durchdrungen davon, daß nicht nur Einzelnen ein Monopol für Glück verliehen worden ist, sondern auf Alle hienieden ein Strahl davon fallen solle, mögen sich die Glücklichen vereinigen und von ihrem Lickte Licht spenden in die Finsterniß, und dieses Licht wird ihnen umso heller zurückstrahlen! Nicht nur im Dulden, auch im Helfen kann man zur Heldin werden! Antonie Graf Schriftführerin des „Ferienheim". Namensänderung. Es ist eine allgemein bekannte Thatsache, daß die Juden in Oesterreich erst seit Erlassung des Toleranzedicts unter Joseph II. (1781) deutsche Namen führen durften; bis zu dieser Zeit gab es keine deutschen Familiennamen, sondern Jeder trug mit Stolz seinen hebräischen. Wir sagen mit Stolz, weil es heutzutage leider nur zu oft vorkommt, daß man sich des jüdischen Namens schämt, lieber statt Moses Moritz, oder statt Aron Arnold rc. genannt sein will. Nun erst der Familienname, der paßt so Manchem schon ganz und gar nicht. Die Griechen Abeles, Pineles, Taubeles rc. verwandeln sich über Nacht in Abel, Pinell, Taube u. s. w. Daß es keine leichte Aufgabe war, sofort passende deutsche Namen für die nicht unbeträchtliche Zahl von Juden zu finden, wird Jedermann einleuchten, aber um den Juden ein Schnippchen zu schlagen, gaben ihnen in manchen Gegenden des Reiches die damit betrauten und zumeist judenfeindlichen Beamten die lächerlichsten Namen; eine Reclamation war natürlich nicht zulässig und so finden wir noch heute Namen vor, die als Denkmäler für den damals wiederum in seiner Art blühenden höchst merkwürdigen Antisemitismus gelten können. Wenn nun solche Familien alle Anstrengungen machen, um eine Aenderung ihres Familiennamens zu erwirken, so läßt sich dagegen nichts einwenden, weil es wahrlich nicht angenehm ist, wenn schon das Kind in der Schule seines Namens wegen dem Gelächter und Gespülte ausgesetzt sein soll. Wenn aber die besten Namen über Nacht verschwinden, was soll man dazu sagen? Beispielsweise der Name Kohn, in Israel der v o rnehmste, weil die Träger desselben ihren Ursprung auf die Priester zurückleiten können, ist heutzutage nicht gut genug und muß geändert werden. Warum? Er klingt zu jüdisch, man weiß sofort, ohne das Individuum zu sehen, das ist ein Jude. Natürlich weg damit. Was würde man von einem Menschen, der j beispielsweise decorirt ist und den Orden wegwerfen wollte, halten? Man müßte ihn unbedingt für einen Narren erklären,! und nur so müssen Jene bezeichnet werden, welche den als Auszeichnung geltenden Namen Kohn wegwerfen und dafür einen französischen, deutsch oder englisch klingenden eintauschen? Diese Leute sind aber mehr als Narren, denn wer soll getäuscht werden, etwa der Nichtjude? Der wird im ersten Moment, wie sich der mit allen nationalen Eigenarten versehene Kohn als, sagen wir Herr Kohlwart, vorstellen wird, den Braten riechen und sich denken, der schämt sich, Jude zu sein, da heißt dies besonders vorsichttg sein; also das gerade Gegentheil wird mit der Namensänderung erreicht. Oder wollen diese Herren unseren Glaubensgenossen damit imponiren? Jeder wird und muß dies lächerlich und verwerflich finden. Oder ist die Namensänderung nur eine Vorstufe zur Taufe? Fast scheint es so — der Abt von Clermont und ein französischer Ministername müssen herhalten, um den heiligen Namen Kohn zu verwischen. Wir wollen gar nicht besonders betonen, daß ein sehr hoher kirchlicher Würdenträger es nicht verschmäht, seinen alten Familiennamen Cohn beibezuhalten und daß es auch bei Nichtjuden viele recht komisch klingende Namen gibt, die aber nicht geändert wurden. Nicht der Name macht den Mann, der Mann macht den Namen. Von Grillparzer wurde gesagt: „Ein Name schwer zum Aussprechen, aber die Nachwelt wird ihn aussprechen lernen." Klingt vielleicht Fleifchhacker, Rindskopf, Kußmaul, so hübsch? Der Träger macht den Namen und kann ihn mehr oder minder zur Bedeutung bringen. Wenn deutsche Namen magyarisirt werden, läßt sich dagegen auch nichts einwenden, weil der Jude eines jeden Landes, und das hat schon der Prophet gesagt, national sich als Bürger des Landes fühlen soll, aber Namen von so ausgeprägter Bedeutung wie Cohn und Levi sind international und die Träger derselben brauchen nicht bei anderen Nationen deswegen Anlehen zu machen. Der Träger der griechisch klingenden, auf e l e s endigenden Namen, sie mögen, wenn sie Lust dazu verspüren, eine zweite Beschneidung, nämlich die der letzten Silbe vornehmen, es sei ihnen verziehen, obfchvn es unter ihren Vorfahren genug gegeben hat, die denselben Namen führten und was Tüchtiges geleistet haben, nur Cohn und Levi bleibe unangetastet, sie sind die Ersten in Israel. S. W. Zur Statistik. Berlin, 21. September. Die „Stat. Corr." untersucht, wie sich die Blinden, Taubstumme n und Geisteskranken in Preußen auf die einzelnen Glaubensbekenntnisse vertheilen, und kommt dabei zu der Feststellung, daß Blindheit, Taubstummheit, namentlich aber Geisteskrankheit bei b e it Juden sehr viel häufiger vor kommt als bei b e n C h r i st e n und bei den männlichen Personen jedes Religionsbekenntnisses häufiger als bei den weiblichen. Während bei den Evangelischen unter 100.000 Ortsanweseuden nur 67 und bei den Katholiken 66 Blinde entfallen, beträgt die Verhältnißzahl bei den Juden 83. Taubstumme entfallen auf 100.000 Personen bei den Evangelischen 87, bei den Katholiken 94, bei den Juden aber 136. Bei den Geisteskranken haben die Evangelischen die Verhältnißzahl von 261, die Katholiken die von 250, während bei den Juden die Zahl auf 498 steigt. Es finden sich also bei den I u d e n f a st n o ch e i n m a l soviel Geisteskranke als bei den christlichen Confessionen. Für das männliche Geschlecht lauten die Verhältnißzahlen der Blinden bei den Evangelischen 72, bei den Katholiken 70, bei den Juden 100, der Taubstummen 97, 107 und 148, der Geisteskranken 278, 270 und 534; für das weibliche bei den Blinden 63, 63 und 66, bei den Taubstummen 78, 81 und 124, bei den Geisteskranken 246, 231 und 462. Das sind sehr bedenkliche Zahlen, die lauter sprechen als alle Tiraden und Angriffe der Antisemiten. Shylock. Einer unserer ersten Kenner der englischen Literatur, der tüchtige Shakespeare-Forscher, Professor Alois Brandt von der Berliner Universität sagt in seinem empfehlenswerthen Buche „Shakespeare" — (8. Band der Sammlung „Geistes Helden" — Seite 113): Shylock ist vielfach so aufgefaßt worden, als hätte Shakespeare, der auch sonst mit volksthümlichen Anzüglichkeiten über die Juden nicht zurückhielt, in dieser Figur eine Studie über Völkerpsychologie oder gar über Völkermoral niedergelegt. Doch ist aus der Rolle so wenig auf ein eigenthümliches Antisemitenthum Shakespeare's zu schließen, wie etwa aus der Greuelgestalt des Aron in „Titus Andronikus" auf ein Antimohrenthum oder aus den Blutthaten eines Richard III. auf i eine republikanische Gesinnung des Dichters. Ist doch gleich Shylock's Tochter anders geartet, tritt freiwillig in die Gemeinschaft der Christen , über und häuft alles Gold, das sie erreichen kann, auf den geliebten