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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-10-01 · 40 (1.10.1897) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
40 (1.10.1897)
Date
1897-10-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 40 Dr. Bloch'« Wochenkchrifl Seite 807 wird nicht eher kommen, als bis die Völker mit Bildung und Humanität gesättigt sein werden." Diese Zeit ist eben noch nicht da. Unsere Mission ist nicht die Zionsidee, dorthin zeigt die Magnetnadel dermalen k e i n e s w e g s, sondern unverzagt theilznnehmen an den Freuden und Leiden der Völker, unter denen wir leben, patriotisch zu denken nnd zu fühlen, uns «lateriell und geistig zu kräftigen, unseren Glauben, wo er angegriffen wird, laut und energisch zu vertheidigen, die politischen Freiheiten auszunützen; wir müssen aufrecht gehen mit erhobenem Haupte und steifem Nacken — wir haben selbst vor den Mächtigsten der Erde uns nicht zu beugen, vor Niemandem zu kriechen — denn wir können uns mit der „alma mater", unserer Religion, mit unserer Literatur überall zeigen und durchdrungen sein von dem Worte: „I a, wir sind He b r ä e r, f ü r chteit nur Einen Gott u n d sonst nichts a u f d e r Welt." Salomon L ö w i n ent. Handelskammerrath. Die jüdischen Schulen in Mähren. Nikolsburg (Orig.-Corr.) Die an der hiesigen Volksschule in derJsraelitengemeinde vollzogene Einschreibung zeigte wieder, wie sehr das christliche Element in unserer Gemeinde zugenommen hat. 104 jüdische gegen 220 christliche Kinder! Zahlen sprechen mehr als Beweise. Durch die stetige Auswanderung der jüdischen Bevölkerung und Einwanderung von Christen in die einstigen Ghettos werden diese ganz ihres jüdischen Charakters entkleidet. Und diese Beobachtung kann man nicht nur in Nikolsburg machen, überall vollzieht sich dieser langsame, aber stetige Proceß, so daß die Möglichkeit nicht ausgeschlossen ist, daß in absehbarer Zeit die Juden die Majorität auch in der Gemeiudestnbe verlieren können. Die mährischen Behörden, so scheinbar gleichgiltig sie sich dieser ganzen Bewegung gegenüber verhielten, beförderten dennoch diesen Zerklüftnngsproceß. Ihr Augenmerk war zunächst auf die in den Jsralitengemeinden befindlichen Schulen gerichtet; sobald ein kleiner Brnchtheil christlicher Kinder die Schule besuchte, wurde sofort aus den § 3 des mährischen Landesgesetzes hingewiesen, welcher die Vertretung der betreffenden Confession im Ortsschulrathe verlangt. Im umgekehrten Falle jedoch stellten sich die maßgebenden Organe derart, als ob sie von diesem Gesetze, welches den Inden gestattet, auch einen Vertreter in den christlichen Ortsschulrath zu entsenden, gar keine Ahnung hätten; ja einige Gemeinden verzichteteit mit Verleugnung ihrer eigenen Interessen auf dieses Recht, um ja nicht die Christeltgemeinde, der ein jüdischer Vertreter im Ortsschulrathe ein Dorn im Auge gewesen wäre, unwillig zu machen. In Eibenschitz itub anderen Orten, wo die Inden den Math fanden, einen Glaubensgenoffen irt den Ortsschulrath der Christengemeinde zu wählen, sträubte sich diese mit Händen und Füßen und ging sogar bis zum Verwaltungsgerichtshofe, welcher zu ihren Ungunsten entschied. Diese geringe Anzahl christlicher Kinder veranlaßte die Behörde, auf die Schnlgesetznovelle vom Jahre 1883 hinzuweisen, nach welcher in einer Schule, iit welcher eine Anzahl von Kindern einem andern Glauben als die Mehrheit angehört, miitdestens eine Lehrkraft augeftellt werden muß, welche dieser Conseffion angehört. Bei Abgang einer israelitischen Lehrkraft wurde diese Stelle entweder mit einer christlichen Lehrkraft provisorisch besetzt oder es wurde in der betreffenden Concnrsansschreibung ausdrücklich betont, daß diese Stelle nur für einen Bewerber katholischer Cvnfeffion erreichbar sei. Dagegen brachte die Regierung den jüdischen Minoritätelt, welche in den Schulen Brünns und Olmütz sehr bedeutend und in anderen mährischen Städten namhaft sind, auch nicht das mindeste Wohlwollen entgegen und drang keineswegs darauf, daß daselbst eine jüdische Lehrkraft angestellt werde. Die deutschen Städte Mährens, so gerne sie auch als liberal gelten möchteit, so sehr sich auch die Juden bei den Wahlen förmlich opfern und so viel jüdisches Geld auch in den Gemeindesäckel der betreffenden christlichen Gemeinden fließt, sind durch und durch antisemitisch, was am besten bei beit Lehreranstellungen zn ersehen ist. Brünn mit seinen 10.000 israelitischen Einwohnern hat nicht eine einzige jüdische Lehrkraft und der Behörde ist es nie im Traume eingefallen, in diesem Falle, wo das Gesetz zu Gunsten der Juden spricht, diesem Geltung zu verschaffen. Unsere Glaubensgenossen haben sich um all das sehr wenig bekümmert. In den Körperschaften, wo dieselben Sitz und Stimme haben, schämten sie sich, für speciell jüdische Interessen einzutreten, und bei den Wahlen haben sie wacker mitgeholfen, ihren maskirten Feinden zum Siege zu verhelfen. Ja, man muß es offen sagen, daß sie den christlichen Unterlehrern, die in den Schulen der Jsraelitengemeinden wirken, weit mehr Wohlwollen entgegenbringen, als sie es bei den jüdischen Unterlehrern gethan haben. Niemals ist es den jüdischen Gemeinden eingefallen, ihren Glanbensgenoffen, der als Unterlehrer ein wahres Elend mitmachen mußte, Quartiergeld und eine kleine Bonifieation zn geben, ja der Vorsteher nahm es sehr übel, wenn ein Unterlehrer sich erkühnte, auch nur das Geringste zu verlangen. Und siehe da! Den anfoctroyirteu christlichen Unterlehrern werden mit größter Bereitwilligkeit Qnartiergelder verabreicht. Das heißt zu deutsch: „Antisemitismus im eigenen Lager." _ Vom Jahrmarkt des Lebens. Heldinnen. Goethe sagt: „Die beste Frau ist diejenige, welche ihren Kindern auch den Vater zn ersetzen im Stande ist." Es ist tvohl unsäglich traurig, wenn ein Vater von den Seinen gerissen wird; aber auch bei diesem großen Leid, welches über eine Familie hereinbricht, spielen die materiellen Verhältnisse eine wesentliche Rolle. Hilflosigkeit und schwere Sorge sind wenigstens von dem Haupte der in guten Verhältnissen zurückgebliebenen Witwe genommen, sie kann ihre Lebensweise, die Erziehung ihrer Kinder in der gewohnten Art fortführen, nur tritt die Erfüllung doppelter Pflichten an sie heran. Wie anders gestaltet sich aber die Perspective für jene Frau, welche ihren und ihrer Kinder Ernährer verliert urid mit dem Seelenschmerze zugleich in eine jammervolle Zukunft schaut! Und die Zahl dieser Witwen ist die weitaus größere; der geistige Arbeiter beispielsweise, der von der Erde abberufen wird, bevor er das Los der Seinen sichern konnte, muß sie zweifach trostlos zurücklassen. Wenn eine solche Frau nicht dumpfer Verzweiflung verfällt, sondern muthig von sich streift, was gewesen; ihre Lebensgewohnheiten umgestaltet, die Behaglichkeit, die vielleicht der Verdienst des Gatten möglich gemacht hat, aufgibt, und mit der Energie der Mutterliebe nach irgend einem Erwerbszweig sucht, alle Entbehrungen erträgt, nnd dann wunschlos für sich. Tag um Tag den stummen Kampf gegen das Elend um ihrer Kinder willen kämpft, — fürwahr, eine solche Frau ist nicht nur die beste Frau, sondern vielmehr noch, eine Heldin! Wir in unserem Bereinsleben begegnen gar vieler solcher Heldinnen, denn vor unseren Augen entrollt sich das ganze Lebensweh: die Tragödie des Kindes, des Weibes, der Familie. Vor zwei Jahren bat eine imposant schöne, elegante Frau in tiefer Trauer um die Aufnahme ihres Kindes in unsere Feriencolonie, da ihr Gatte, der Toukünstler gewesen, plötzlich gestorben war; seitdem ernährt sie ihre Kinder durch Schirmenähen, und mit dankbarem Blicke nimmt sie, die jetzt bescheiden im Kopftuch erscheint, die Nachricht von der abermaligen Aufnahme ihres Kindes entgegen. — Ein Advocat hinterließ eine junge Frau mit vier kleinen Kindern vermögenslos; Tag und Nacht nähte die arme, junge Witwe, um ihre Kinder zu erziehen. Heute ist die feine, intelligente Frau in einem Geschäfte angestellt, vernachlässigt aber nichts in der Erziehung ihrer Kinder und thatsächlich sind die Knaben auch Musterknaben unserer Colonie. — Die Witwe eines sehr gut situirt gewesenen Geschäftsreisendert, der fern von der Familie einem Herzschlag erlag, ernährt und erzieht ihre vier Knaben mit dem kümmerlichen Verdienst einer Schürzennäherin, und allem Anscheine nach dürften tüchtige Menschen aus ihnett werden. — Es sind hier ans der Fülle von Beispielen nur einige Momentbilder hervorgehoben. Wir sind aber oft ganz betäubt von den vielen schmerzlichen Eindrücken des alltäglichen Lebens, in welches wir so tiefen Einblick erhalten, welches die Regel, und leider nicht die Ausnahme bildet. Nun treten wir auf die Straße; an uns rollen Wagen und Equipagen vorüber mit ihren über und über geputzten Insassinnen. Die Contraste sind zu grell: Dort die entbehrende, hier die genießende Frau, auf welche ein zweiter Ausspruch Goethe's paßt: „Die Frau hat nur zwei Beschäftigungen; die eine, sich zu putzen, die andere, ihren Putz zu zeigen".

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