Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 40 (1.10.1897)
- Date
- 1897-10-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 806 Vr. VUnh's WochrnlchrM Nr. 40 diese Herrlichkeiten zu, als wenn es ihr Ureigenthum wäre. Sie rissen dem jüdischen Volke die Krone vom Haupte, setzten sie sich auf und beerbten den Lebendigen. Diese Jammerscene darf die Geschichte nicht verschweigen, muß sie vielmehr vorführen und veranschaulichen, nicht um den Enkeln der gehetzten Schlachtopfer einen Stachel in die Brust zu sanken und die Rachegeister wachzurufen. sondern um für die Duldergröße dieses Volkes Bewunderung zu erwecken und die Thatsache zu bezeugen, daß es, wie sein Urahn, mit Göttern und Menschen kämpfte und Sieger blieb." Passirt man z. B. die Judenstadt par excellence in Wien, die Praterstraße, so sieht man au der Vorderseite der Johanneskirche zwei eiserne Tafeln, die bereits von dem Alter der Zeit mit patina überzogen sind; auf diesen Tafeln, rechts und links des Einganges zu der Kirche, sind die Worte eingemeißelt: »la biasacerdotis custodient scientiam, lingua ejus loquetur judicium«. Der gebildete Jude wird sofort wissen, daß diese Worte ein Vers aus dem Propheten Maleachi sind, Ik. 7, welche heißen: „Die Lippen des Priesters mögen die Wissenschaft bewahren, dessen Zunge nur Gerechtes sprechen". Auf der Frontispice der schönen „Karlskirche" leuchten weithin die Worte: »Vota mea reddam in conspectu timentium Deum«. Der schriftkundige Jude wird sofort erkennen, daß diese Worte ein Vers der Psalmen sind: „Meinen Dank will ich abstatten, angesichts der Gottesfürchtigeu". — Gehen wir in die Votivkirche, finden wir hebräische Buchstaben, ja in der Salvatorcapelle, Eigenthum der Commune Wien, steht in großen goldenen Lettern der Name Gottes in hebräischer Schrift, die jeden jüdischen Tempel zieren würden. Die Königin Victoria in England feierte vor Kurzem das 60jährige Regierungsjubiläum — es wurde zu Ehren des Tages eine goldene Medaille geprägt — die Inschrift lautete: „Longitudo dierum in dextra ejus et in sinistra gloria." Der schriftgelehrte Jude wird sofort wissen, daß dies ein Vers aus den Sprüchen Salomonis 111 16 ist: „Langes Leben ist in ihrer Rechten und in ihrer Linken Reichthnm und Ehre". In Wien wurde zu Ehren der Königin vom Reverend William Hechler gepredigt und der Text wurde gewählt aus dem I. Buche der Chronik über die Jubelfeier des „Königs David in Jerusalem". Nicht, daß diese Benützung jüdischer Schriften den gebildeten Juden verdrießen würde, im Gegentheile, er fühlt sich befriedigt und gehoben. Es gibt aber Plagiatoren, die bewußt oder unbewußt die jüdischen Schriften benützen, ohne daß dies ruchbar würde — so daß sie den Ruhm allein davon tragen — ein solcher Plagiator ist der Fürst Bismarck, von ihm stammt das Wort, welches die Runde durch die ganze Welt machte, nämlich: „Wir Deutsche fürchten Gott und sonst Nichts in der Welt." Mich hat dieser Spruch schon lange angeheimelt, er kam mir bekannt vor und ich muß die Priorität für uns Juden irr Anspruch nehmen. In dem Prophetenbuche „Jona" kommt folgende Stelle vor: Als die Schiffer bei hereinbrechendem Sturme den Propheten Jona frugeu: „Sage uns, warum geht es uns so übel? Was ist Dein Gewerbe? Und wo kommst Du her? Aus welchem Lande und von welchem Volk bist Du?" Da sprach er zu ihnen: „Ich bin ein Hebräer und fürchte nur einen H e r r n, G o t t vom H i m m e l" rc. rc. (Jona, Caput I. Vers 9). __ Waren diese Worte nicht ein Vorbild für Bisniarck? Es ist also abermals bewiesen, wo die Herrschaften eilt kräftiges Wort brauchen, beuützeu sie unsere Schriften. Mit dem Dichter Joses Victor Scheffel hatte ich selbst vor Jahren folgendes Erlebniß. In seinem berühmten Werke „Ekkehard" befindet sich folgende Stelle: „Die Mönche von St. Gallen stimmten den frommen Schlachtgesang media vita an. Er fand so großen Anklang im Gemüthe frommer Streiter, daß eine Synode zu Köln sich bemüssigt sah, anzuordnen, Niemand solle ohne seines Bischofs Erlaubniß gegen irgend einen Menschen das media vita singen. In das evangelische Kirchenlied ging es über durch Luther's Uebersetzuug „Mitten wir im Leben sind von dem Tod umfangen."" In der Anmerkung Seite 470 kommt Folgendes vor: „Wir können uns nicht enthalten, den einfach großartigen Text des Notkerischen Liedes media vita mitzutheilen, so wie ihn I. v. Arx seinen Geschichten des Cantons St. Gallen I pag 95 einverleibt hat. 1. Media vita in morte sumus, quem quaerimus adjutorem, nisi te domine, qui pro peccatis nostris juste irasceris. 2. In te speraverunt patres nostri, speraverunt et liberasti eos. 3. Ad te clamaverunt patres nostri, clamaverunt et non sunt confusi. 4 Ne despicias nos in tempore senectutis, cum defecerit virtus nostra ne derelinquas nos « Wie jeder Hebraist sofort herauskennen wird, ist dieser Gesang mit dem einfach großartigen Text, wie sich Scheffel ansdrückt, eine Compilation einiger Verse der Psalmen, mit einer Variante, wie solche in den Slichot vorkonnnt, und zwar ist der erste Satz eine solche Variante, der zweite und der dritte Satz eine einfache Uebersetzung von den Versen V und Vl des 22. Psalmes, der Satz IV vom 71. Psalm, Vers 9 mit denl Unterschiede, daß es im erwähnten Schlachtgesange wie in den Slichot in der vielfachen Zahl ansgedrückt ist. Dies theilte ich Victor Scheffel mit. Ich erhielt hierauf folgendes Schreiben von demselben, das ich heute noch als Reliquie aufbewahre: „Herr Musikdirector Szadrowsky am Seminar Marienberg bei Rohrschach am Bodensee (Canton St. Gallen) hat die musikalische Compofition des Liedes ,,media vita in morte sumus1' in der alten St. gallischen Notensetzung des zehnten Jahrhunderts. Ich ersuche Sie, ihin die Musikbegleitung der altjüdischen Gebete des Versöhnuilgstages mitzutheilen; es wird für die Culturgeschichte interessant sein, Ihre Mittheilung von sachverständiger Feder geprüft zu sehen." Die Musikbegleitung konnte ich nun allerdings dem Dichter Scheffel zu meinem Bedauern nicht einsenden, da wir im zehnten Jahrhundert noch keinen Altmeister Sulzer hatten; mir war es nur darum zu thun, das Plagiat an dem einfach großartigen Texte nachzuweisen. Unsere Jugend weiß es kaum, was der „Talmud" ist — ein homunculus; wie, ein „Schneider" wagt es, im Landtage den „Talmud" anzugreifen — der Schriftkundige lacht einen solchen Wicht einfach aus und blickt mit Ehrfurcht auf diese großen Folianten, ein grandioses Werk aller Zeiten, ohne daß man Alles zu unterschreiben braucht, was in diesem Riesenwerke vorkommt. In Wien befinden sich unter den 1000 Advocateu einige Hundert Israeliten — es dürften kaum drei unter ihnen sein, die da wissen, daß im Tractat „Sanhedrion" über das jüdische Recht verhandelt wird, und daß die Juden schon damals ein öffentliches mündliches Verfahren hatten — dieses wird nun bei uns, nachdem lange genug das verknöcherte „römische Recht", das „schriftlicheVerfahreil", prakticirt wurde, eingeführt. Das jüdische Strafrecht war ein sehr sorgfältiges — mail ließ lieber 20 Schuldige laufen, ehe man einen Unschuldigen vernrtheilte — wie stringent mnßteil die Beweise sein, ehe das Collegium Jemand vernrtheilte. Das Werk vom verewigten Rabbiner Fasset, welches das jüdische Recht codificirte und welches seinerzeit mit Subvention der österreichischen Akademie der Wissenschaften heransgegeben wurde, ist so gut wie verschollen, und doch wäre es eine Fundgrube für den jüdischen Rechtsgelehrten. Das Buch der Bücher, die biblia sacra, kommt erst jetzt zu Ehren — die socialpolitischen Grundsätze, die Moses hinterließ, sind ja nun das punctum saliens aller Regierungsweisheit; um nur Eines hervorzuheben — die: Agrargesetzgebung — die alten Juden kannten keine Fideicommisse, im Gegentheile Grund und Boden konnten Niemandes Eigenthum werdeil. Ist vielleicht unsere Gesetzgebung besser, die, abgesehen von den Gütern der todten Hand, noch immer Grund und Boden für ewige Zeiten binden will? Wie lauten die Vorschriften über die Behandlung der Arbeiter in der Bibel? Hier waltet die größte Humanität und Menschenfreundlichkeit, und nach Verlauf von Jahrtausenden machen sich die Gesetzgeber der modernen Staaten mit den Grundsätzen des Alten Testamentes vertraut. Wer daher die jüdische Literatur kennt, deni ist nicht bange um sein Jndenthum — es sagt zwar ein bekannter Dichter: „Das Judenthum ist kein Verbrechen, sondern ein Unglück." Es ist aber wahrlich nichts weniger als ein Unglück. Wir Juden haben absolut keine Ursache, verzagt zu sein, weil hie und da der Antisemitismus sein Medusenhaupt erhebt — wer aber das Werk von Josef ha Kohen „Emek habocho" „das Thal der Thränen" gelesen hat, der kommt zum Bewußtsein, daß die heutigen Drangsale der Juden in manchen Staaten, in manchen Orten nicht im Mindesten zu vergleichen sind mit den früheren Drangsalirungen, und welcher Jude nicht der festen Ueberzeugung ist, daß die Gebeine der Führer der häßlichen Bewegung längst im Grabe verf—lüchtigt sein werden, während das Judenthum bestehen wird, dem ist nicht zu helfen. Der Schriftgelehrte wird sich an die Worte des Talmud erinneru: „Der Messias (was ich mit „Bölkerftieden" übersetze)