Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-10-01 · 40 (1.10.1897) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
40 (1.10.1897)
Date
1897-10-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021169-3021209--07151-3031466
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 804 Vr. Vloch's Wochenschrift Nr 40 Wunder der gesammtjüdischen zionistischen Idee: es geht ein Zug von Einkehr und Selbstbesinnung durch die jüdische Welt, wie ihn unsere Geschichte seit Jahrhunderten nicht gesehen hat, ein belebender Strom durchfließt den alten vielgliederigen Stamm, was starr und abgestorben schien, fühlt auf einmal Wärme und Bewegung — der Stamm lebt und grünt und blüht und verspricht ein herrliches Gedeihen. Deshalb haben die Zionisten ein Recht, von Versöhnung und Frieden zu reden in diesen Tagen der Versöhnung. Sie haben die Juden der verschiedensten Zungen vereinigt, sie haben die Väter mit den Söhnen, die Gegenwart mit der Vergangenheit versöhnt. Graf Badeni und — Vr. Lueger. Der österreichische Ministerpräsident hat einen antisemitischen Abgeordneten, der ihm das Wort „Schufterei" zugerufen hatte, zum Duell gefordert und ist in demselben verwundet worden. In einer christlich-socialen Versammlung, welche am Tage nach diesem Sensationsereignifse stattfand, wurde das Vorgehen des Grafen Badeni vom Standpunkte der „christlichen Moral" auf das Schärfste getadelt und das Duell als eine ebenso unsittliche als unchristliche Einrichtung verurtheilt. Man beachte wohl! das Duell selbst, nicht aber die Veranlassung dieses Zweikampfes. Die Beschimpfung eines Politischen Gegners, die Besudelung seiner Privatehre und der Ehre seiner Familie, die Verdächtigung, Verleumdung und grundlose Brandmarkung eines einzelnen Menschen und selbst ganzer Gesellschaftsclassen nur deshalb, weil sie einem anderen Glauben, eineranderen Partei oder einem anderen Volksstamme angehören — das ist nicht nur die specifische Eigenthümlichkeit des christlichsocialen Antisemitismus, sondern es ist geradezu das Geheimniß seiner rapiden Erfolge. Aber diese Art von „christlicher Moral" verlangt, daß sich das Opfer wehrlos hinschlachten lasse, daß es die antisemitischen Ehrabschneider für die Vernichtung seinerbürgerlichen Existenz nicht zur Rechenschaft ziehe, weder vor dem Gerichte der Menschen, noch durch ein Gottesgericht. Was dem Grafen Badeni geschehen ist, das ist vor ihm Hunderten und Tausenden widerfahren. „Vor dem Grafen Badeni", schreibt die „Neue Freie Presse" vollkommen richtig, „und lange vor den leidenschaftlichen Ausbrüchen des Obstructionskampfes sind Viele im Abgeordnetenhaus beschimpft worden. Die persönliche Ehre von Privatleuten wurde geschmäht, Männer, die nicht im Hanse saßen und sich dort nicht vertheidigen konnten, wurden schwerbeleidigt, und die politischen Freunde der Regierung, sowie ih e Vorgänger im Amte haben nicht den Finger gerührt, um Wehrlose zu schützen. Es hat arme, unglückliche Menschen gegeben, deren Lebensnerv durch diese Angriffe zerrissen wurde, die zu schwach waren, den Druck einer öffentlichen Herabsetzung zu ertragen. Dann führte die Qual elender Hilflosigkeit zum Wahnsinn oder zur Selbstzerstöruug. Die Kugel, der sich der Gegner nicht stellen wollte, wurde ins eigene Herz geschossen. Niemals sind die Erfinder und Vollstrecker dieser moralischen Schlächtereien im Hause zur Verantwortung und Rechenschaft gezogen worden... Wer ist nicht verdächtigt und besudelt worden? Gesellschaften, Firmen, Beamte, Professoren, Gelehrte, Schriftsteller, große und kleine Geschäftsleute waren das Opfer dieser geduldeten, ja sogar geförderten und begünstigten Ausartung.. . Erst wurden Andere nicht geschützt und jetzt kann sich überhaupt Niemand schützen." Die ehrenräuberische Schurkenbande, die hinter Dr. Lueger einhermarschirt, hatte sich's recht bequem gemacht. Unter dem Schutze der Immunität zerrte sie ihre politischen Gegner, Juden und Christen, in den Koth, und wenn die Beschimpften den einzigen Weg betraten, auf dem sie ihre besudelte Ehre wieder Herstellen konnten, dann verschanzten sich die Beleidiger feige hinter den canonifchen Satzungen, hinter der „christlichen Moral", die das Duell verbietet. Es ist heute die Zeit, daran zu erinnern, daß an der Spitze der Reichshaupt- und Residenzstadt ein Mann steht, dem das Brandmal der Satisfactionsunfähigkeit an der Stirne hastet. In der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 18. April 1894 schleuderte Dr. Lueger der liberalen Partei eine Beschimpfung entgegen. Der Abgeordnete Dr. M e n g e r rief ihm darauf zu : „Wer so spricht, ist ein gemeiner, feiger Geselle!" Dr. Lueger erwiderte darauf: „Ich werde Herrn Menger nicht fordern, denn- Jeder, der fordert, ist ein gemeiner, nichtsnutziger Verbrecher!" Am folgenden -Tage traten auf Verlangen des Abgeordneten Menger zwei Mitglieder des Abgeordnetenhauses zusammen und bestätigten dem Dr. Lueger auf dessen Wunsch, daß er nicht satisfactio nsfähig sei. Auch im April 1892 acceptirte Dr. Lueger die Anschauung des Gemeinderathes Dr. Friedjung, den er irr öffentlicher Gemeinderathssitzung angegriffen hatte, daß er zu „feige" sei, um auf ritterlichem Wege Genugthuung zu geben. Nicht anders erging es dein unglücklichen Oberinspector E t i e n n e, dem der biedere Dr. Lueger unter dem Schutze der Immunität meuchlings die Ehre abgeschnitten hatte und der sich eine Kugel durch den Kopf jagte, weil er teilt Mittel fand, seine geschändete Ehre zu repariren. Nicht anders erging es dem ehemaligen Bürgermeister Dr. Grübl. Auch einem Redacteur des „Pester Lloyd", den er beschimpft hatte, verweigerte Dr. Lueger im Mai 1892 die Satisfaction mit den Waffen. Nur ein einziges Mal hat Dr. Lueger den bequemen „christlichen Standpunkt" verlassen — es war dies gegenüber dem Abgeordneten W r a b e tz, der sich schon vorher wiederholt als principiellen Gegner des Duells erklärt hatte. Diesen Mann wagte Dr. Lueger im November 1887 zu fordern, weil er sicher war, daß sich derselbe nicht stellen werde. So oft aber der heutige Wiener Bürgermeister selbst gefordert wurde, recitirte er den Vers aus dem „Armen Jonathan": „S i e, mit mir f a n g e u S i e n i ch t s a n, denn ichbin ein Feigling." Nach all' diesen Vorgängen begreift man den Standpunkt, den die Christlich-Socialen gegenüber dem Duell Badeni-Wolf einnehmen. Daß sich einmal ein antisemitischer Abgeordneter — freilich ein deutsch-nationaler! — der Pistole des Beleidigten gestellt hat, ist ein sehr gefährliches Präjudiz für die Christlich- Socialen! Wenn man nicht mehr ungestraft schimpfen und verunglimpfen kann, was ist denn noch die parlamentarische Immunität werth? Da muß denn sofort die „christliche Moral" heraus, die das Duell als unsittlich verbietet. Die „christliche Moral" ist mehr werth, als die parlamentarische Immunität, denn sie schützt unter allen Umständen das kostbare Leben des Dr. Lneger und seiner ehreuwerthen Genossen. Es liegt uns fern, eine Satzung der christlichen Religion auch nur im Geringsten antasten zu wollen. Die Verwerflichkeit des Duells ist nicht nur in der christlichen Lehre, sondern auch vom bürgerlichen Gesetze ausgesprochen, und in unseren Augen erleidet die Ehrenhaftigkeit eines Mannes nicht den geringsten Abbruch, wenn er sich als principiellen Gegner des Duells bekennt. Aber von einem solchen Manne muß, wenn er einen Funken Ehre im Leibe hat, Eines gefordert werden: Da er selbst grundsätzlich für eine Beleidigung, die auf einen anderen Weg nicht gesühnt werden kann, keine Genugthuung geben will, darf er einen Andern nicht in die Lage bringen, auf diese Genugthuung verzichten zu müssen. Mit anderen Worten: Einem principiellen Gegner des Zweikampfes muß die Ehre seines Nächsten doppelt heilig sein, und doppelt niederträchtig ist derjenige, der in dem Bewußtsein, nicht zur Rechenschaft gezogen werden zu können, mit Beschimpfungen und Verleumdungen um sich wirft. Dieser Niedertracht machen sich die Christlich-Socialen täglich und stündlich schuldig. Pikante Wiener Stadtrattz-Vlatter. „Charlotte Lea Merore s." Ein Name von diesem Klang verursacht für gewöhnlich in der Officin des „Deutschen Volksblatt" einen Massenverbrauch von Ausrufungszeichen. Was ist dem südlich klingenden „Charlotte" plus dem alttestamentarischen „Lea" plus dem Ghettoerinnernngen weckenden „Merores" Alles zuzutranen? Für einen findigen Vergani-Söldling bedeutet ein derartiger Name eine Goldgrube von Criminalgeschichten, die eine deutlicher wie die andere die ganze Schlechtigkeit, moralische Verworfenheit und bodenlose Gemeinheit der Juden in's rechte Licht setzen. Und siehe da, unsere „Charlotte Lea Merores" figurirte in den Antisemitenblättern ohne das kleinste Rufzeichen. Sie wurde nicht verunglimpft und nicht in den Koth gezerrt, denn sie war eine — W o h l t h ä.t e r i n. Ja, seit wann denn schützt Derlei gegen Vergani'sche Mistkübel. Man kennt doch die jüdischen Wohlthäter, denen die von Ernst

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.