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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-10-01 · 40 (1.10.1897) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
40 (1.10.1897)
Date
1897-10-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 40 Vr. Blach's Mochrnsttzrist. Srtte 803 einen Tage sind nufere Gotteshäuser in der ganzen Welt überfüllt. Wir brauchen ihn dringend, diesen einen Tag der Einkehr, der inneren Ruhe, der Versöhnung; wir brauchen ihn jetzt dringender als je. Die zionistische Bewegung, welche es als eine ihrer segensreichsten Wirkungen ansieht, daß sich die weit auseinanderliegenden Culturen Halbasiens und Westeuropas in dem neugefundenen gesammtjüdischen Bewußtsein begegnen, daß Alt- und Neujudenthum, die einander so viele Jahre hindurch entfremdet waren, auf dem Boden der Zukunftsidee einander die Hände reichen — dieselbe zionistische Bewegung hat in den letzten Monaten ohne ihr Verschulden einen Kampf entfesselt, der verhängnißvoll zu werden droht für die eben errungene Einheit. Ein förmlicher Kreuzzug wurde gegen die Zionisten gepredigt, und es wurden von Juden gegen Juden Waffen und Worte gebraucht, welche geeignet, vielleicht auch darauf angelegt waren, einen unheilbaren Riß in das „Haus Israel" zn bringen und das kleine Häuflein, das sich noch für sein Judenthum intereffirt, in zwei feindliche Lager zu spalten. Nein, wir Inden können uns den Luxus eines neuen Bruderzwistes nicht gestatten! Halten wir nach altjüdischer Weise Rück- und Einschau an dem großen Ruhetage, der ja uns allen obne Unterschied des engeren Bekenntnisses einen Tag der Waffenruhe bedeutet. Der Schreiber dieser Zeilen ist ein Zionist; aber er ist ebendeshalb in erster Reihe Jude und deshalb wohl in der Lage, sich in den Gedankengang der Nichtzionisten hineinzuleben und ans ihm heraus die Bekämpfung einer gesammtjüdischen Zukunft zu begreifen. Wir Zionisten haben im abgelaufenen Jahre so große Erfolge gehabt, daß wir unseren Gegnern gegenüber nachgiebig sein können; wir wollen unseren Angreifern entgegenkommen und im Augenblick absehen von den äußersten Zielen, dem letzten Ideale der zionistischen Idee. Lassen wir die Dinge, die nach unserer Ueberzeugung sein werden, und halten wir uns an das, was der Zionismus bis jetzt geleistet und erreicht hat. Hatder gesammtjüdischeGedanke, wie er im Zionismus zum Ausdrucke kommt, I u d e n und Judenthum irgend welchen moralischen oder materiellen Schaden gebracht? Darauf kommt am Ende jede Prüfung eines neuen Ge dankens heraus; nicht die stets mehr oder weniger persönliche Meinung, nicht metaphysische und andere Ermahnungen ungreifbarer Natur sind maßgebend bei der Schätzung einer strittigen Idee, sondern die eine allentscheidende Frage: Hat sie Schaden gestiftet oder Nutzen, bringt sie Segen oder Fluch? Einer der nationalsten, der fanatischesten Deutschen, ein berühmter Professor an einer norddeutschen Universität, dessen ganze Seele der studentischen Jugend gehört, opferte seine Popularität und seinen Einfluß, weil er das antisemitische Bekenntniß nicht unterschreiben wollte. „Aber Sie sind ja kein Judenfreund!" sagte ihm ein College, „und der Antisemitismus bedeutet die Stärkung des nationalen Gefühles." „Das mag sein," antwortete der Professor. „Sie haben vielleicht Recht, vielleicht auch nicht, das ist reine Theorie; aber was ich mit meinen Augen sehen und was keine Theorie der Welt erschüttern oder gut machen kann, das ist das bittere Leid, welches Ihr über Hunderte von Menschen gebracht habt." Darin liegt der Kern; wem haben wir ein Leid zugefügt, wem haben wir auch nur ein Jota von seiner Lebensfreudigkeit genommen, wem haben wir seine Lage verschlimmert? Der Mann, dem durch den Zionismus ein Schaden an Leib oder Seele geschehen ist, stehe auf und klage uns an! Und ist die gesammtjüdische Bewegung eine müßige Spielerei, die nicht schadet, aber auch nicht nützt, der Zeitvertreib von Weltverbesserern, eine Schrulle, wie seinerzeit das Volapük und ähnliche Dinge? Ist der Verein „Zion" in Wien einfach ein Sammelpunkt von redelustigen Leuten, die großen Ueberfluß haben an Zeit und Geld, ihre Abende in origineller Weise verbringen und aus purem Ehrgeiz nach einer Weltverbreitung suchen, wie z. B. die harmlosen „Schlaraffen"? Gesetzt den Fall, die Zionisten wären so belanglos, wie das harmlose Völkchen der Bolapükisten oder Schlaraffen, gefetzt, wir hätten auf keinem Punkte der Erde mit unseren Grillen etwas Gutes gestiftet — wo ist da die Veranlassung, gegen uns aufzutreten mit Feuer und Schwert? Ja wohl, mit Feuer und Schwert; das ist keine Redensart und rhetorische Uebertreibung. Der Fanatismus der Antizionisten steht an Innigkeit und gutem Willen hinter dem keines sonstigen „Anti" zurück. Was Verleumdung und Denunciation thun können, das haben die fanatischen Gegner der Zionisten gethan. Aber mit diesen Leuten suchen wir keine Verständigung, denen bieten wir keine Versöhnung, auch nicht am Tage der Versöhnung. Aus guten Gründen. Diese Fanatiker gehören nicht zn uns, ihr Fanatismus ist derjenige der Renegaten, die an ihrem Abfalle moralisch zu Grunde gehen und dafür nach menschlicher Weise jene verantwortlich machen, die sie verrathen. Die Empörten, die Entsetzten, welche den zionistischen Gedanken so haarsträubend finden, daß sie die gemüthliche Abhilfe „Alle erschlagen!" im vertrauten Gespräche proponiren, diese Leute haben innerlich längst mit dem Judenthum gebrochen, diese Leute haben nicht das geringste Recht, über eine jüdische Bewegung auch ein Wort zu sprechen, sie haben mit einer jüdischen Angelegenheit überhaupt nichts zn thun. Mit denen reden wir nicht von Versöhnung, denn dieser Begriff, sowie die Empfindung für die Zeit, welche ihn weckt, ist ihnen verloren gegangen. Diese Leute haben für uns nicht die allergeringste Bedeutung. Aber es gibt eine große Zahl von jüdisch fühlenden Herzen, die sich dem zionistischen Gedanken verschließen, vielleicht weil sie den Zionismus nicht kennen, weil sie mit den Wegen und Mitteln nicht ganz sympathisiren. Diese Juden wollen wir versöhnen und gerade an diesen Tagen gedenken wir mit schmerzlicher Sehnsucht all der bedeutenden Männer, zu denen wir mit Hochachtung und Liebe emporsehen, die uns Führer waren in finsterer, schwerer Zeit, die „mit ganzer Seele und ganzem Vermögen" zu unserem Volke gehören. Um diese Männer ist es uns zn thun, und ihnen wollen wir zeigen, daß wir schon jetzt Gutes, viel Gutes gethan haben mit unserer Bewegung, gleichviel, was sie von der Zukunft halten mögen. Der gesammtjüdische, der zionistische Gedanke hat unsere Jugend dem Judenthum gerettet. Was war das für ein Jammer vor fünfzehn, vor zehn Jahren an unserer Technik, unserer Universität! Wenn unsere jungen Leute aus dem Gymnasium, aus der Realschule kamen, stürmte die Bitterkeit ihres Schicksals unvermittelt mit aller Wucht auf sie ein: die Mitschüler von früher kannten sie nicht, erwiderten ihren Gruß nicht, beschimpften sie im Hörsaal und ans der Straße; wenn es sich um ein Stipendium handelte, nützte kein Fleiß, kein Talent, keine Empfehlung; waren die Studien absolvirt und man begann Umschau zu halten nach einem brodbringenden Erwerb, stand einem -der Geburtsschein überall im Wege. Doch wozu das auch nur in kurzen Worten wiederholen? Das Judenschickfal von heute stand auch damals mit dem flammenden Schwerte vor dem Paradiese und scheuchte unbarmherzig jeden Besitzer eines Geburtsscheines zurück; die jungen Leute litten, wie wir heute leiden, wie unsere Vorfahren litten, aber mit einem kleinen Unterschied — sie wußten nicht wofür! Die jüdische Vergangenheit war ihnen niemals bekannt geworden, der Geist unseres Volkes war ihnen niemals zum Bewußtsein gekommen, die Stimme des in jedem Juden schlummernden Stammes- und Zusammengehörigkeitsgefühls wurde in dem Alter, da tausend überwältigende Eindrücke auf lins einstürmen. nicht gehört, die natürliche Folge war der Massenabfall, das anwidernde Schauspiel des Renegatenthums en gros. Und heute? Die jüdischen Studenten an unseren Hochschulen stehen in hochgeachteten wehrhaften Verbindungen wie e i n Mann da, geschloffen, einig, hoffnungsvoll, denn die düstere Gegenwart wird durch das Zukunftsideal verklärt. Wir erleben da die rührendsten Dinge. Bor Jahr und Tag klagte mir der Vater dreier Söhne seine Noth. Er war von seinem Vater im Glauben und Hoffen unserer Ueberlieferung erzogen worden und hatte trotz Reichthum und Welteitelkeit ein frommes jüdisches Herz. Aber feine Söhne waren sammt und sonders — „drüben", wie er sich verschämt ausdrückte. Und der arme Mann wollte einen Rath. „Ich bin ein alter Mann", klagte er, „und denke nur noch an den Tod. Wo soll ich mir betten? Wo soll ich mir betten? Bei meinem Vater oder bei meinen Kindern?" Heute geht wahrhaftig das meffianische Wort iit Erfüllung: die Herzen der Söhne wenden sich den Eltern wieder zu. Mehr als das. Die Alten, welche den Zusammenhang mit ihrer im Judenthume wurzelnden Kindheit durch die lange Entfremdung beinahe verloren hatten, werden durch die Jungen wieder der alten Heimat, der einzigen unverlierbaren, die der Mensch hat, der Erinnerung an das Vaterhaus zugeführt. Das ist das

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