Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 40 (1.10.1897)
- Date
- 1897-10-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 802 Dr. Vlmtz's Wochrnzchrtfl. Sir. 40 Hast Du Deine Schwester Geduld vergessen? Wo wären Deine Getreuen, wenn ich sie nicht hielte und stützte. Werde nicht müde, verzweifle nicht, je schwerer der Kampf, desto süßer die Ruh'. Wir sind endlich, — nur Einer, der über uns ist, Er ist unendlich, Er bestimmt unser Ziel, Er weist uns den Weg. So lege Deine Rechte in die meine. Halte zu mir, dann wird Dein Fühlen und Denken sich klären und Dein Los Dir nicht unerträglich scheinen." Liebevoll stützt Geduld das sich nun langsam erhebende Leid und Beide schickten sich an, sich zu entfernen und in die dunklen Fittiche der Nacht zu verschwinden. Da glühte Plötzlich blendend hell ein Stern am Firmament auf. Geduld sah selig lächelnd auf. Das Leid schlug die müden Augen nieder, der Glanz that ihr weh. Es war, als glühte von steiler Höhe auf blaßblauem silberumrandeten Wolken ein sonniges Etwas durch die schweigende Nacht Sanfter, kosender Blüthenwind berührte die Wangen der Harrenden. Süße, zauberhafte Klänge ferner Sphärenmusik umschmeichelten das Ohr der Lauschenden. Langsam nahte sich das Wundergebild und aus Wolken und Silberglanz leuchtete den Schauenden eine Gestalt entgegen, so lieb und hold, wie sie nie eines Menschen Auge geschaut. — Sie eilte auf die Beiden zu und streckte ihre lilienweißen Hände ihnen entgegen. Ihre Augen leuchteten und in den goldenen Locken fingen sich die Strahlen des aufgehenden Mondes. „Friede, Freude sei mit Euch", rief sie mit bestrickend süßer Stimme. „Habt Ihr mich vergessen? Bin ich nicht immer bei Euch und fehlte ich eine Stunde? Thörichte Schwestern, was sinnt Ihr und träumt? Seht mich an, ich bringe den Trost, das Licht auf die dunkeln Wege, die Eure Getreuen wandern. Hoffnung — wenn ließe sie jemals warten. Ich schmeichle mich ja überall hinein. In jeder Menschenbrust wohne ich. Jeder hat für mich ein stilles heimliches Plätzchen. Da darf ich wirken und walten in rastlosem Eifer. Wieviel Thränen darf ich trocknen, wieviel sonnige, freudige Momente darf ich schaffen. Meine Kraft reicht bis über das Grab hinaus und Niemand, Niemand lasse ich vergebens warten. Wenn müde der Leib , und matt die Seele, todeswund das Herz, dann breche ich hervor mit siegender Allgewalt. Neue Kraft bringe ich, neues Leben, selbst für die, deren Erdenlauf sich erfüllt." „Haltet zu mir, daun wird Eure Aufgabe Euch nicht zu schwer, Euer Los Euch nicht so bitter erscheinen und kommt mit mir zu den Menschen, bringt ihnen Eure Gaben nach dem Willen des Ewigen. Mit mir lernen sie Dich, Leid, ertragen, mit ulir nehmen sie Dich, Geduld, froh und heiter auf sich, mit mir genießen sie in thöricht, echt menschlich kurzsichtigem Blick die Freuden, die Genüsse des Daseins, die eigentlich so gering, so werthlos sind. Auch heute ziehe ich nun in die Herzen Aller, die in stiller Andacht mit ernstem Sinn, der ersten Stunde des neuen Jahres entgegenfehen." „Kommt, uns ruft die Pflicht zu den Menschen, die unser warten. Sie winkte lächelnd, ermuthigend den Gefährtinnen. Leis' hoben sich die lichten Wolken und trugen sie fort in die weite Ferne. Zu dem einsamen Stern am Himmel hatten sich andere gesellt. Des Mondes blasses Licht beleuchtete matt die Stelle, auf der Geduld, Leid und Hoffnung gestanden. — Sie war jetzt leer, und die wandernden Wogen schmückten sie mit feuchten Schaumkronen. Wie war's mir so eigen ums Herz und dennoch so klar und ruhig. Leid, Geduld und Hoffnung, sie führen den Menschen durchs Erdenleben. Sie kennen in ihrer Arbeit kein Aufhören, kein Ende. Im neuen Jahr meldet es sich wieder, das alte Leid und fordert mit Macht die nie endende Geduld, wenn auch der Hoffnung rosiger Schein auf kurze Zeit Freude und Frieden bringt. Von Außen her kommt uns der erste Trost, die Ruhe, der Friede nicht, die wir ersehnen- Das Glück, das uns durch das Schicksal wird, es ist nicht das reine, das dauernde, die Freude, die so kurz, ach so kurz währt, sie ist nie vollkommen. Einen Tropfen gießt das Leid in jeden Becher, den das dürstende Menschenkind an die Lippen führt. So ist das Los aller Erdenkinder. Doch noch schwerer, noch tief eingreifender ist unser Los. Wir leiden als Menschen, doch noch schwerer und härter als Juden. Von der Stunde der Geburt an tragen wir das Geschick. Das Kind wird in seinen süßen Träumen geweckt. Man macht das ahnungslose Geschöpf schon aufmerksam, daß es nicht eins ist mit allen anderen, daß es eine Sonderstellung einnimmt. Wie weh thut die Frage halb traurig, halb trotzig von blühenden Kinderlippen. „Warum bin ich Jude? Was ist ein Jude?" Wie selten wird dem Kinde eine rechte Antwort zu Theil. Wie oft senken Eltern die Stirn und suchen der Frage auszuweichen und in der Kindesseele erwachen falsche Begriffe, irrige Vorstellungen. Es verliert seine Unbefangenheit. Wird es wieder einmal in unliebsamer Weise daran erinnert, so ist es beschämt, verwirrt. Stillschweigend nimmt es den Vorwurf hin. Ein Rauhreif fällt auf seine Seele, seine Unbefangenheit ist hin. — Es gehört ja nicht zu den Andern, es ist verstoßen, zurückgesetzt überall. Wieviel Gutes und Edles geht wohl in solchen Momenten verloren. Ein solches Kind trägt als erwachsener Mensch sein Leid nicht in Geduld und Hoffnung. Es sprengt die Fesseln und eilt zu den Andern. Doch wie selten ziehen Friede und Freude niit ihm. Wohl gestaltet sich sein Los nach Außen hin besser und reicher. Doch im innersten Herzen lebt ein Etwas, das nie zur Ruhe kommt und sich durch nichts hinwegtäuschen läßt. Das Gewissen mahnt und bleibt wach. Die äußere Freiheit ist solchen Menschen geworden, dennoch sind sie Sclaven. Wir bitten und flehen zu Gott um reichen Segen für das neue Jahr. Leid, Geduld und Hoffnung sie leiten uns. — Wir wissen, daß zu aller und jeder Zeit Kampf, Mühe und Arbeit sich gleich bleiben. Wir selbst nur können ausreifen und von größerer geistiger Höhe um uns schauen, dann werden wir das Leid nicht so bitter empfinden. Geduld und Hoffnung bleiben treuer, fester uns zur Seite. In uns liegt das Glück. In stetem Zusammenhalten unter einander, in innigem Bemühen, das zu erhalten und zu fördern, was sich Jahrtausende lang bewährt. Wenn wir uns selbst frei machen von jeder Schwäche und dastehen als ein Volk, das ein geistiges Band umschlingt, dann werden wir uns mit edlen Waffen die Achtung all unserer Mitmenschen erzwingen und unsere Wege werden sich ebnen. Wenn uns eine gemeinsame Heimat versagt ist, wir werden in uns die Ruhe, den Frieden finden, das warme innige Gefühl des Geborgenseins, das wir vergebens Außen suchen. Das kommende Jahr möge zum Segen Allen werden. Es möge das echte Glück, die wahre Freiheit bringen. Dann wird das Leid seine Härte und Bitternis; verlieren. Geduld und Hoffnung werden mit ihren reichen Gaben uns ermuthigen, bis sich die Zeit erfüllt, da der Ewige König sein wird über dem ganzen Erdenrund und die Menschen ein einig Volk von Brüdern. Versöhnung.*) Von Leo Rafaels. Ein Tag der Ruhe mitten in der ununterbrochenen Folge von Arbeitstagen; ein Tag der Einkehr und Beschaulichkeit mitten ini Hasten und Jagen der modernen Ueberstürzung; ein Tag der Versöhnung mitten in den Kämpfen unserer von tausend widerstreitenden Interessen zerrissenen Zeit. Der wöchentlich wiederkehrende Sabbath als Tag der Erholuug und Sammlung ist uns neueren Inden bei den furchtbar erschwerten Daseinsbedingungen vielfach abhanden gekommen; aberdereine, der große Sabbath ist uns Gott sei Dank noch geblieben: am Versöhnungstage halten wir fast ausnahmslos fest; an diesem *) Der Verfasser des vorstehenden Artikels ist einer der leitenden Geister der zionistischen Bewegung. Wir geben feine Ausführungen unverkürzt, jedoch mit dem Vorbehalte wieder, auf dieselben zurückzukommen. Die Redaction der „Oesterr. Wochenschrift".