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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-10-01 · 40 (1.10.1897) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
40 (1.10.1897)
Date
1897-10-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nr. 40. Dr. Bloch’s Jahrgang XIV. Centralorgan für die grfammten Interessen des Iudenthums. X= A. k. Poysparksssrn-Amt Tlrarinsvrrkrhr Ar. 810.976. SrdsrNon und Admisistratton: Wien II., Untere Augartenstr. 1s. Talephoo - Nr. 6535. -X Wien, 1. Orwbrr 1897. Erscheint jeden Freitag. Brief-Adresse: Wien, I., Hauptpostamt — Fach. Telegramm-Adresse: Bloch'S Wochenschrift Wien X= Bepigaprita für Oesterreich: Halbjährig 4 fl. — S Ar. Einzelexemplare SS kr. Mr'» Ausland: halbjährig L fl. — 10 Ar. ganzjährig 10 „ — 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile IS kr. -X Inhalt. Leitartikel: Zur Jahreswende. — Versöhnung. — Gras Badetli und — Dr. Lueger. — Pikante Wiener Stadtrath-Blätter. Weg mit den Hetzern! — Jüdische Wissenschaft und Antisemitismus. — Die jüdischen Schulen in Mähren. — B o in I a h rmarkt des Lebens: Heldinnen. Namensänderung. Zur Statistik. Sbnlock. Zur zionistischen Bewegung. — Montesquieu über die Juden. — Correspondenzen: Wien, Floridsdorf, Teschen, Glbekosteletz, Weg, Szigetvar, Karansebes, Äarlstadt, Sarajevo, New-Uork. — Vermischtes: Wien, Proßnitz, Koschmin, Ärakau. — Feuilleton: Vom Schicksale verfolgt. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Zur Jahreswende. Von Jda Oppenheim. Scheidende Sonnenstrahlen tauchen in sanft wogende Meeresfluthen. In heißer Glut vereinen sich Wasser und Himmel in feurigem Kuß. Rosige Wolken ziehen leise vorüber, in träumender Ruhe liegt der weiße Meeresstrand, nur das Wasser rauscht das ewige Lied vonr Kommen und Gehen, voni Werden und Erstehen, vom Vergehen und Welken. Das Auge folgt den wandernden Wolken, das Ohr lauscht dem Singen der Wellen und durch die Seele ziehen Bilder längst vergangener Tage mit ihrem Licht, ihren dunklen Schatten. Traum und Wunsch werden wach, bang hebt ein Seufzer die beklommene Brust. Einsam, fern von den Menschen, inmitten der großartigen Natur, im Schauen der nie rastenden Arbeit der Elemente, da weitet sich der Blick, die Seele löst sich vom Erdenstanb, von allem kleinlichen Denken, frei schwingt sie sich auf nach oben, zu ihrer Heimat — zu Gott. Sie sucht Gott, sie sucht Trost, sie sucht Ruhe, sie sucht Antwort für all' die tausend Fragen, die rastlos, wie wogende Wellen, sie bewegen. Sie sehnt sich nach einem erlösenden Wort, das alle bangen Zweifel nimmt, das das Dunkel lichtet, mit dem das Werdende sich umgibt. Wie die Mutter mit liebevoller Geduld dem fragenden Kinde ein Märchen ersinnt und es in holdem Traume der Sterblichkeit entrückt, ihm eine Welt zaubert, so farbenreich, so duftig und schön, daß es oft kleine Schmerzen, unerfüllte Wünsche vergißt und froh und heiter um sich schaut; so führt die Phantasie die Menschen in lichte Gefilde. Die nüchterne, kalte Welt versinkt vor seinen Augen und all' das Trübe und Traurige, das seine Seele beschwert, löst sich auf in rein tönende Harmonien. Phantasie, du von Gott gesandte, ewig junge, blühende, bring' uns den Gruß zur Jahreswende, daß ich ihn hinanstrage Allen, die mit gleichem Fühlen und Empfinden der ersten Stunde eines neuen Zeitabschnittes entgegenblicken! Die Holde lächelt. Die Sonne sinkt. Kühler weht der Abendwind, dunkler wird der Himmel, die Wogen rauschen stärker, sie umspüle» schäumend den feuchten Strand. — — — Da löst sich aus Wolkendickicht und Dunkel eine Gestalt. Ihr wehend Gewand hebt der Wind vom flüchtig eilenden Fuß. Ihre Hände verhüllten mit schwarzem Schleier ein gramverzerrtes Antlitz. Die glanzlosen Augen sind starr nach oben gerichtet und ihre bebenden Lippen murmeln leis' traurige Worte, innige Bitten. Sie sinkt am Strande nieder, ihre Hände heben sich flehend gen Himmel. „Ewiger, ich rufe Dich. Das Leid, das durch die Welt jagt ohne Rast und Ruh, bei Jedem weilend und Niemand vergessend. Als des Paradieses Pforten sich schlossen, erstand ick auf Dein Geheiß. Ich führe Dein Volk und mit mir verfolgt es durch Jahrtausende den rauhen Pfad, den ja ich nur zeigen kann. Laß' mich ruhen, laß' mich rasten heut, wo eine Spanne Zeit sich erfüllt und eine neue ersteht. Hat meine unglückselige Führung nicht genug Schmerz und Kummer gebracht. Aus tausend, tausend Wunden bluten Deine Kinder. Verfolgt, verhöhnt, verspottet,' zerstreut, heimatlos leben sie in der Welt, Niemand zu Gefallen, Jedem ein Hinderniß im Weg. Laß' es genug sein der Qual, die ich ihnen bereitet, erlöse Dein Volk, das Du zu so schwerem Geschick ausersehen, und gib uns Ruhe, ewige Ruhe. Siehe, die. Welt, der Abglanz Deiner Herrlichkeit, das Zeugniß Deiner Kraft und Stärke, soll gerade aus ihr Dein Volk gedrückt und geknechtet einhergehen. Gib' ihnen Freiheit, erhebe sie, die in den Staub Gesunkenen, richte sie auf, wie Du es selbst verheißen, sende ihnen den Frieden, die Freude, damit ich, das Leid, von ihnen gehen kann." So flehte die in sich zusammengesunkene Gestalt und rang die Hände. Die schwarzen Schleier umwehten ihre faltenreiche Stirn, der Busen hob und senkte sich langsam wie unter schwerem Druck. Regungslos verharrte das Leid in stummem Gebet. Tiefer siel das müde Haupt auf die Brust. Momente lang blieb's still. Die Nacht brach herein und umhüllte Alles mit ihren finstern Schatten. Da schlangen sich zwei weiche Arme um die in sich Versunkene, eine linde, sanfte Stimme rief leis' ihren Namen. „Meine Schwester hörst Du mich. Siehe, ich folge Dir und laß' Dich nicht einsam und allein in Deinem Weh. Ich stütze Dich, wenn Deine kummervolle trübe Aufgabe Dich entmuthigt und ermüdet. Ich führe Deine Lieblinge weiter und tröste sie. Ich fühle ihr Herz und gebe ihnen Ausdauer, zu überwinden, zu tragen, still und klaglos. Ich kann weder helfen noch lindern, doch meine schwache Kraft bringt Ruhe und Ergebung in die Fügung, die nach des! Ewigem Rathschluß sich vollzieht. Wo Du hiugehst, dahin geleite 1 ich Dich. In treuer Bereinigung wirken wir Beide.

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