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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-09-24 · 39 (24.9.1897) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
39 (24.9.1897)
Date
1897-09-24
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Nr. 39 Dr. Vlortz's VochrnptzrM Seite 799 mit der größten Vorsicht her. Abraham war auf der obersten Stufe, Dank der Ermuthigungen, die ihm zu Theil wurden. Das Faß war bereits auf halbem Wege, als Abraham, sei es aus Ungewohntheit, sei es aus Uiworsichtigkeit oder daß ihm der ungewohnte Wein allmälig zu Kopf gestiegen war und ihn schwindlig machte, einen Fehltritt machte; sein Fuß klemmte sich zwischen den Seilen ein und er stieß einen markerschütternden Schrei aus. * Vergebens versuchten es die Männer, ihn frei zu machen, das Faß zog mit Riesenkraft nach unten. Um ein Menschenleben zu retten — denn Abraham lvar bereits ganz blau im Gesichte und athemlos — ließen die Männer die Seile auf gut Glück los. Das Faß polterte mit großem Lärm hinunter, stieß sich an den Kellerstnfen an und zerfiel in hundert Theile, während der Wein sich in Strömen ergoß und die Taglöhner sowie der Weinhändler in Schimpfen und Toben ansbrachen. Und Abraham? Er wurde mehr tobt als lebendig aufgehoben, auf eine Tragbahre gelegt und in das jüdische Krankenhaus gebracht. Hier blieb er drei Monate zwischen Leben und Tod schwebend. Aber der Arme und Verfolgte hat gewöhnlich eine zähe Natur, und obwohl Abraham, sobald er das Bewußtsein erlangt hatte, sich tausendmal den Tod herbeiwünscbte, so blieb sein Wunsch unerhört, er kam nicht und wollte durchaus nicht endlich einmal seinen Qualen und seinem hoffnungslosen Leben ein Ende machen. Nach fünf Monaten wurde Abraham aus dem Krankenhanse entlassen. Er war schwach, blaß, abgemagert, von physischen und moralischen Leiden gequält. Und wieder stand er vor dem Problem. Was anfangen? Was sollte nun ans ihm werden, da auch seine letzte Hoffnung vernichtet war? Jetzt blieb ihm nur noch das Betteln als letztes Mittel übrig. Aber Abraham war nicht zunr Betteln geschaffen, und oftmals hungerte er einen ganzen Tag, bis er sich entschließen konnte, die Hand hinzuhalten. Er war entstellt, bucklig, häßlich anzuschauen, eine Mißgeburt, aber er fühlte sich Mensch so wie alle Menschen, er fühlte, daß er starke Arme hatte, und diese Arme, die zur Arbeit geschaffen waren, konnte er sich nur schwer entschließen durch Betteln zu schänden. Während nun Abraham auf dem Höhepunkte seiner Verzweiflung stand und sich vergebens sein Hirn zermarterte, wie er es anfangen sollte, um sein Leben fristen zu können, sollte ihm ein wahres Glück wie aus den Wolken znfallen Während seiner langen Krankheit besuchten mehreremale die Verwalter des Krankenhauses dasselbe. Sie bemerkten den Abraham, der ihnen noch außerdem vom Arzte und den Krankenpflegern bezeichnet wurde. Einer unter ihnen, ein sehr mildthätiger Mensch, erkundigte sich näher nach ihm und erfuhr das schreckliche Mißgeschick dieses Menschen. Von Mitleid ergriffen veranstaltete er eine Sammlung unter seinen Freunden und Bekannten; er wollte ihm das Geld bei seinem Austritte aus dem Krankenhause überreichen, kam aber zu spät au. Er erkundigte sich überall, um ihn ausfindig zu machen und gerade in dem Augenblicke, als Abraham am verzweifeltsten war, wurde er zum Gemeindevorstand gerufen, wo ihm 80 Piaster als das Resultat der Sammlung überreicht wurden. Abraham wollte das Geld nicht anuehmen, er wollte kein Almosen; aber der Vorstand bestand darauf, indem er ihm erklärte, daß es seine Pflicht sei, anzunehmen, und daß ihm nichts abhalte, dasselbe der Gemeinde zurückzuerstatten, damit es yon Neuem Anderen nützen könne, nachdem es ihm geholfen haben wird. Angesichts dieser Deutung konnte Abraham nicht anders, als annehmen, dankte aus frohem Herzen und ging heim. Sein Herz klopfte vor unaussprechlicher Freude. Achtzig Piaster waren in seinen Augen ein ungeheures Vermögen, denn nie in seinem Leben hatte er weder in seiner Hand, noch in derjenigen seines Vaters einen goldenen Ducaten gesehen. Sein Entschluß war bald gefaßt. Noch bevor er sein Heim erreicht hatte, wußte er auch schon, was er beginnen werde; er wollte gleich seinem Vater Trödler werden. Mit Anbruch des nächsten Tages warf er einen Sack über die Schultern, und die Straßen durchziehend, rief er mit feiner schwachen Fistelstimme: „Etwas zum Verkaufen! Zum Verkaufen etwas!" Die Leute betrachteten ihn. Einige erstaunt, Andere spottend und lachend ob dieses zwerghaften und häßlichen Trödlers, der wie ans dem Erdboden emporgeschosfen war. Da sie aber sich ihrer unbrauchbaren Sachen entänßern wollten, der Eine einer alten Hose, der Andere eines alten Rockes oder Hnles, eines abgetragenen Kleides oder eines verrosteten Gewehres, so entschlossen sie sich dennoch, ihn hereinzurufen. Sein schwaches, kränkliches Aussehen war hierin eine Tugend und Hilfe. Keiner brachte es übers Herz, mit einem solchen unglücklichen Menschen zu handeln. Abraham, der klug und aufgeweckt war, verstand es, von diesem Zustande Nutzen zu ziehen; seine Stimme wurde noch schwächer, noch einschmeichelnder, und er, der von seinem Vater her sich im Trödelhandel auskaunte, machte bedeutend besseren Einkauf als jeder Andere. Gleich am ersten Tage brachte er ein umfangreiches Bündel heim, das er einem Flickschneider übergab, der eben so unglücklich als er war, damit er die Sachen ausbessere, eventuell einige neu herstelle. Half ihm seine Mißgestalt zum Einkäufen und ging der Handel wie am Schnürchen, so war sie ein Hinderniß, und ein ernstes Hinderniß zum Verkaufen. Das Mitleid kommt zu Statten, wo es sich darum handelt, sich von einem unnützen Gegenstände lvsznmachen, oder von einem solchen, der geschenkt wurde, wie es bei den herrschaftlichen Dienern der Fall ist; aber Derjenige, der kaufen will, der hat andere Rücksichten zu beobachten, die Oekonvmie wird zum Wahlspruch, und er beobachtet stets das Sprichwort: „Dich bedauere ich, aber um mich ist es mir leid." Und endlich, da wo es sich um den Trödler handelt, kann doch von reichen Leuten nicht die Rede sein, dies ist doch selbstverständlich; und daher muß derselbe Zutrauen und nicht Abscheu einflößen. Und welches Zutrauen sollte eine solche Mißgeburt wie Abraham einflößen. Noch mehr, seine Kunden trieben allerhand Spott mit ihm, mißhandelten ihn, zupften ihn am Bart, spieen ihm in's Gesicht, behandelten ihn ärger als einen Hund, und es gelang ihm feite« ein Stück zu verkaufen, trotzdem er alles Mögliche auswandte. Oftmals wurde er schimpflich beleidigt, und unmenschliche Dienstboten regalirten ihn mit Stößen und Hieben. Nichtsdestoweniger fristete er sein Leben schlecht und recht weiter fort. Mit Mühe und Noth ging es elendiglich weiter. Er hatte blos das trockene Brot, aber er hatte es, und dies genügte ihm, er war schon zufrieden, daß er nicht verhungern mußte. Aber es stand geschrieben, daß er keine Ruhe haben sollte. Schimpfworte, Stöße, Hiebe, Spöttereien waren ihm schon gleichgiltig, war er doch seit seiner Kindheit daran gewohnt. Sehr oft hetzten die Diener die Hunde auf ihn, und sein Lrtvck war ihm in solchen Fällen sehr unzureichend, um sich gegen diese Bestien zu schützen. Wieviele Hundebisse er verschmerzen mußte, wußte nur er allein, und dennoch schwieg er und murrte nicht; so war Gottes Wille, und wie der Weise im Talmud, so sagte auch er: „Gamzu letowu". „Auch das führt zu unserem Besten." Eines Morgens jedoch, da er nach einem langen und vergeblichen Feilschen mit dem Diener eines Bojaren (rumänischen Edelmann) nicht Handeleins werden konnte, entschloß er sich zum ersten Male unverrichteter Sache davonzugehe». Der Diener, der ohnedies böse und aufgeregt war, da er allein das ganze Haus hüten mußte, indem seine Herrschaft abwesend war, durch die Unnachgiebigkeit des Inders noch mehr aufgebracht, hetzte aus Verdruß den großen Hofhund auf denselben. Der Hund, ein bösartiges Thier und wütheud, daß er bis nun an der Kette war, stürzte sich über den armen Menschen her, warf ihn zur Erde, zerbiß und zerfleischte ihn mit einer wahrhaft bestialischen Wuth. Endlich erreichte das schreckliche Schreien Abraham's die Ohren der Nachbarn und Vorübergehenden, sie eilten herbei und konnten nur mit Mühe ihn ans den Klauen der Bestie befreien. Aber in welchem Zustande! Er blutete am ganzen Körper, sein linkes Auge war fast heransgekratzt, seine Kleider hingen in Fetzen um ihn her und seine Waare lag herumgestreut und beschmutzt. Und Abraham wurde von Neuem ins Krankenhaus gebracht. Ein Unglück kommt s-lten allein, und namentlich bei armen unglücklichen Leuten. Die Waare verfaulte, da Niemand da war, der sie trocknen und lüften sollte. Zudem erkrankte der Flickschneider, es war kein Stückchen Brot im Hause, die vier Kinder hatten Hunger. Die Frau des Schneiders kämpfte, fo lange es ging, und schließlich, gleichzeitig mit dem Uebrigen wurde auch Abraham's Waare verkauft.

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