Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 39 (24.9.1897)
- Date
- 1897-09-24
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Sette 798 Vr. Vlortz's »orhrnkrtzrM Nr. 39 werden, daß jeder Israelit auf dem weiten Erdenrunde auf uns Anspruch hat. Wohl dem, dem im Hause Heil bereitet ist; der kanu es leichter überwinden, wenn draußen in der Welt ihm gerechte Anerkennung versagt wird. . Die Erkenntniß dämmert auf, daß Einigkeit uns noththut, daß es ein Verbrechen ist, wenn Israeliten, um irgend einen Brauch, um irgend eine Gebetformel sich spalten. Freilich, wir können uns der Sorge um die Zukunft nicht ganz entschlagen. Der Dichter sagt: „Um das Roß des Reiters schweben um das Schiff die Sorgen her, morgen können wir's nicht mehr, darum läßt uns heute leben". Etwas anders lautet die Losung Israels: auch wir sollen das Heute nicht verschmähen; in unseren Familien, in Werken der Nächstenliebe, können wir Glück schaffen und genießen, auch wenn wir vom lauten Markt des öffentlichen Lebens uns zurückziehen; aber da wir doch die Sorge um die Zukunft nicht loswerden, so sollen wir heute, soviel wir vermögen, durch Frömmigkeit, durch Selbsterziehung, durch Eintracht den Morgen vorbereiten, den leuchtenden Morgen für uns, für Israel, für die ganze Erde. B. R. Vom Schicksale verfolgt. Novelle nach einer wahren Begebenheit aus dem Jahre 1872. Aus dem Rumänischen des Dr. E. Schwarrfeld, frei übersetzt von Annette Kowler. (Fortsetzung.) Mit dem Tode seines Vaters begann für Abraham ein neues Leben. Er blieb arm, einsanr und schwach. Wohl hatte er Brüder und Schwestern, aber was konnten diese für ihn thun? Der eine war Schuster, der andere Schneider, der dritte Spengler rc., Alle arme Leute, die oftmals Mangel an den nöthigen Lebensmitteln hatten, die den Teufel bei den Hörnern herbeizuschleppen suchten, nur um das Nöthigste herbeischaffen zu können für sich, ihre Weiber und Kinder. So lange sein Vater am Leben war, hielt er sich an ihn, half ihm in seinen Beschäftigungen, so gut es ging. Er konnte nicht viel leisten, aber das trockene Brod aß er dennoch nicht umsonst. Aber nun? Ohne Geld, ohne Stütze, ohne Beruf, was konnte der Arme beginnen? Und trotzdem war es ja nicht seine Schuld, daß er keinen Beruf hatte. Als er noch jung, 14 Jahre alt war, wollte er ein Handwerk erlernen, um, wie Jedermann mit Ehren sein Leben friften zu können; er lechzte danach, obzwar er sich seines Werthes vollkommen bewußt war. Mit schwerer Mühe fand sein Vater einen Schuster, der einwilligte, ihn als Lehrling aufzunehmen. Abraham wendete von der ersten Stunde an seinen ganzen Fleiß und guten Willen auf, leider war er aber vom Schicksal verfolgt. Die Arbeiter und Lehrlinge empfingen ihn mit Gelächter und Spott. Beleidigungen und Sarkasmen flössen in Strömen um ihn her, sie verschonten ihn nicht mit den ärgsten Schimpfworten, ja, so wie einst die Kinder im Cheder, so stießen und zwickten sie ihn, unterwarfen ihn den ärgsten Quälereien und verklagten ihn wegen der unbedeutendsten Sachen bei dem Meister. Abraham, der an solche Spöttereien, an solche unbarmherzige Quälereien schon gewöhnt war, ertrug Alles mit der größten Geduld und Sanftmuth, ohne sich dagegen im geringsten auszulehnen, und dies brachte seine Peiniger noch mehr auf. Der Meister, der ein bedeutendes Erschlaffen in der Arbeit erkennen mußte, versuchte es vergebens diesem Zustande ein Ende zu machen und die Ordnung wiederherzustellen. Dies gelang ihm jedoch nicht, und da er seine geschäftlichen Interessen Abraham zuliebe nicht opfern konnte, so sah er sich gezwungen, das Hinderniß im regelmäßigen Gange seines Geschäftes zu beseitigen, und Abraham wurde entlassen. Ebenso unglücklich war Abraham in der Werkstatt eines Tischlers oder Spenglers, im Atelier eines Schneiders u. s. w. Denn sobald er sich schon sicher wähnte und sich dem neuen Fache in Ruhe widmen wollte, begannen die früheren Scenen von Neuem, dieselben Quälereien und Verfolgungen wiederholten sich und Abraham wurde der Reihe nach von allen Meistern, die aus Mitleid eingewilligt hatten, ihn unentgeltlich aufzunehmen, entlassen. Und so stand er datrotz seines Willens lernen zu wollen, inmitten dieser großen Welt, als ein Gegenstand des Spottes und der Verfolgung, blieb auf dem Straßenpflaster ohne Geld, ohne Stütze, ohne Beruf, nicht wissend, womit er den kommenden Tag fristen werde. Oh, seine Hoffnungen zerrannen wie der Rauch in der Luft, und seine letzte Hoffnung war der Tagelohn. Sein schwacher und gebrechlicher Körper konnte zwar nicht Vieles leisten, aber was versucht nicht der Mensch und wie Vieles unternimmt er nicht, um das tägliche Brod verdienen zu können.. Aber auch hier erwarteten ihn Kümmernisse; sogar diese auf der niedrigsten Stufe stehenden Menschen verfolgten ihn. Sein erstes Erscheinen am Standplätze^ der Taglöhner erregte ein endloses lärmvolles Gelächter. Die Spottreden nahmen von Neuem ihren Lauf, Jeder versuchte an ihm seinen Sarkasmus; jeder Schimpfname wurde ihm angeheftet, Alles an ihm, seine Gestalt, sein Buckel, seine krumme Nase, seine schiefen Beine wurden ihm vorgeworsen. Ja! einige Unmenschliche warfen sich ihn gleich einem Gummiball Einer dem Andern zu. Noch andere Unmenschlichere fanden ein teuflisches Vergnügen daran, ihn zu stoßen, mit Nadeln zu stechen, ihn an der Nase zu ziehen, ihm den Bart und die Locken zu zupfen u. s. w. Und er, das arme Opfer ertrug Alles mit einer wahren Engelsgeduld, ließ nicht das leiseste Murmeln hören, er wußte, daß er verdammt, von Gott verlassen und seine Bestimmung Ergebung sei. Und was sonst konnte er thun? Es war doch zu offenbar, daß gerade der Mensch, das Ebenbild Gottes, unglücklicher und elender als der Hund ist, der doch starke Zähne hat, mit denen er sich wehren kann, und der wenigstens einen hingeworfenen Knochen zum Abnagen finden kann, der ihn vor dem Verhungern schützt. Seine Ergebung hatte dennoch eine Belohnung. Nach Verlauf einiger Zeit wechselten diese Menschen ihr feindliches Verbalten, ja, sie begannen Mitleid mit Abraham zu haben. Spöttereien, Stöße, Zwicken, Zerren, Verfolgungen, Alles nahm ein Ende. Arme Leute gelangen gewöhnlich dahin, mitleidig zu werden, in ihrer leidenden Seele erwachte der Funke des aufrichtigsten Mitgefühls, und war Abraham nicht dazu geschaffen, um Mitleid und Erbarmen einzuflößen? Die Bösgesinnten wurden gutwillig, umsomehr als Abraham kein gefährlicher Concurrent war. Aber was half ihm die Freundschaft dieser Leute? Nur so viel, daß die Quälereien aufhörten und ihm die Erlaubniß ertheilt wurde, sich neben ihnen auch in der Sonne braten zu dürfen. Das war Alles! Sie konnten ihm keine Arbeit verschaffen, sie konnten ihm gar nicht helfen. Nur Derjenige, der ihrer bedurfte, hatte das Recht zu wählen, und wer würde ihn gewählt haben, wenn er vor sich eine solche Zahl großer und rüstiger Männer hatte? Vergebens wartete Abraham, im ärgsten Sonnenbrand, unter feinrieselndem Regen, bei entfesseltem Sturm, oftmals vor Hunger, Kälte oder Hitze fast zusammenbrechend, er wurde zu keiner Hilfeleistung gerufen. Jedermann ging an ihm mit einem verächtlichen Lächeln vorüber, Niemand erbarmte sich seiner. Und nach einem langen endlosen Tage, nachdem er vergebens dagestanden hatte, ging er oft heinr mit vor Hunger zusammengeschrumpftem Blagen, mit Verzweiflung im Herzen. Endlich erbarmte sich seiner ein jüdischer Weinhändler, der ihn schon lange Zeit beobachtet hatte. Er hatte Mitleid mit ihm, und eines Tages inachte er ihm ein Zeichen, daß er sich ihm nähern solle. Oh! Das Glück, das Abraham empfand, war wahr und aufrichtig, und prägte sich deutlich auf seinem Antlitze aus, aus der tiefsten Tiefe seines Herzens sprach er seinen Dank diesem mitleidigen Menschen aus. Der Weinhändler hatte mehrere Fässer Wein, große und kleine, die in den Keller hinuntergeschafft, während andere leere hinaufgeschafft werden mußten. Hie und da mußten die zwar starken Leute dennoch innehalten, um auszuruhen, und für diese Fälle glaubte der Weinhändler auch Abraham brauchen zu können. Und so war es auch. Die Arbeit ging fast den ganzen Tag wie am Schnürchen; feine Collegen waren erstaunt und verwundert über die ungewöhnliche Kraft und Ausdauer, die in diesem schwachen und gebrechlichen Körper wohnte, und sprachen sich darüber laut aus, ja, zum erstenmale beehrten sie ihm mit ihrer Freundschaft. Sie luden ihn zur gemeinschaftlichen Tafel ein, stießen mit ihm an und zwangen ihn trotz seines Sträubens, ein Glas Wein mit ihnen zu trinken; denn Zeit seines Lebens hatte er noch keinen getrunken. Der Weinhändler fteute sich, daß es ihm vergönnt war, einem armen unglücklichen Glaubensgenossen helfen zu können. Die Freude und das Verwundern waren aber nicht von langer Dauer. War doch Abraham der vom Schicksal Verfolgte. Gegen Abend sollte ein sehr großes Faß, das mehrere hundert Liter Wein enthielt, hinuntergelassen werden, und die Männer richteten demzufolge Alles, die Balken, die Seile und die Stützen,