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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-09-24 · 39 (24.9.1897) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
39 (24.9.1897)
Date
1897-09-24
Page
– (sequence 11)
Language
German
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»ic. 39 Vr. Nlmtz's MortzenptzrM- 79 I und sauere Herlinge gezeitigt. Natürlich trugen hieran die politischen Verhältnisse die Hauptschuld. Au der Hand der geschichtlichen Daten wird uns dieser Rückschritt, diese Decadenz der auf der Balkan-Halbinsel ansässig gewordenen spanischen Juden als das naturgemäß nothwendige Ergebniß einer streng in einander greifenden, lückenlos sich forterzengenden Ursachenkette erscheinen. Bekanntlich lebten die Juden in Spanien bis zur Regierung Ferdinand des Katholischen und seiner fanatischen Gemalin Jsabella von Arragonien in Frieden und Ruhe. Doch als zum Schutze des katholischen Glaubens die schreckensvolle Inquisition eingesührt wurde, änderte sich auch ihre bisher so günstige Lage. Dem finsteren Glaubenswahne der blutgierigen Großinquisitoren Thomas Torqnemada und Peter d'Arbnes fielen Tausende von Unschuldigen zum Opfer. Infolge der unsäglichen Marter und Peinigungen traten viele spanische Inden scheinbar zum Christenthum über, in ihren Verstecken und Schlupfwinkeln übten sie jedoch gleich den Christen Roms, die Satzungen ihrer angestammten Lehre. Diese scheinbaren Apostaten — Marranen genannt — erfreuten sich noch zum Theile des Schutzes der spanischen Gesetze. Schließlich Ivurden sie nach einem Jahrtausende währenden Aufenthalte in Spanien, zu dessen Ruhme und Glanz sie Bedeutendes beigetragen — ohne Schonung, ohne Erbarmen expatriirt. Die verzweifelten Juden wandten sich nach der Türkei, Italien und Holland, wo sie nachmals blühende Gemeinden gründeten. Wir finden sie in der Türkei, wo sie als tüchtige Aerzte, Gelehrte und Handelsleute sich Ansehen, Einfluß und Vermögen schafften. Unter merkwürdigen Umständen, oie einer dramatischen Bearbeitulig nicht unwürdig wären, gelang es im Jahre 1571 einem spanischen Juden Namens Don Josef Nassi zum Fürsten von Naxos und der Cykladen erhoben zu werden. Dieser Mann war es auch, dem die heutige spaniolische Colonie in Bosnien ihren Ursprung verdankt. Dies ereignete sich in folgender Weise: Der kluge, erfahrene und geistreiche Don Josef Nassi war nicht nur Bankier, sondern auch Rathgeber und Freund des Sultans Selim, eines Sohnes des berühmten Eroberers Soliman. Der edle Mann, vielfach unterstützt von seiner humanen Tante Donna Gracia, wirkte nach Möglichkeit zu Gunsten seiner Glaubensgenossen. So errichtete er Schulen, gründete Colonien in Tiberias und Umgebung und erbat sich dom Nachfolger Selim's, Murad III, die Gnade, im damaligen Raszien und Mösien, das ist im heutigen Serbien und Bosnien eine jüdische Colonie ansiedeln zu dürfen. In solcher Weise gelangten laut archivalischen Aufzeichnungen die Spaniolen im Jahre 1574 nach Bosnien, demnach gehören sie schon seit mehr als drei Jahrhunderten zu den Autochthonen des Landes. Mit erstaunlicher Treue bewahrten sie bis heute ihre Traditionen, hielten zäh an alten Sitten und Gebräuchen und wehrten sich mit Ausdauer gegen jede Aenderung ihrer durch historisches Recht begründeten Verhältnisse. Die Hauptursache dieser Stagnation mochte der stark ausgeprägte Familiensinn sein, welcher sie veranlagte, sich von anderen Nationalitäten abzusondern und sich gleichsam krampfhaft in sich selbst zurückzuziehen; anderseits aber begünstigte diesen Stillstand auch die geographische Geschlossenheit und Abgeschiedenheit des Landes. Nur so ist es uns begreiflich, wie dieses Völkchen unberührt vom Hauche der Neuzeit, unbeeinflußt vom Geiste des Fortschrittes an vielen Orten auch noch heutigen Tages in der Weise lebt, wie dies ihre Vorfahren vor Jahrhunderten gethan. Hieraus ergibt sich auch die merkwürdige Erscheinung, daß sich die patriarchalischen Urzustände bezüglich des geistigen, socialen und religiösen Lebens selbst im heiligen Lande nicht in solcher Reinheit erhalten konnten, wie in diesem bis vor kurzer Zeit noch ganz weltvergessenen Erdenwinkel. Doch im Jahre 1880, nach der Occupation Bosniens, begann auch hier eine neue Aera. Die verschiedenartigsten und verschiedensprachigen Elemente überschwemmten einer Sturmfluth gleich das Land, die Verwaltung wurde eine bessere, tiefgreifende Aenderungen mußten auch infolge des entwickelten Communicationswesens und der stets lebhafter sich gestaltenden Handelsverbindungen im Leben des Volkes sich geltend machen und wohlthätigen Einfluß üben. Auch die von altersher hier ansässigen Spaniolen mußten sich dem neuen Zeitgeiste fügen, anfangs thaten sie dies etwas mißtrauisch, später doch mit bedingungsloser Hingebung und Bereitwilligkeit. Dessenungeachtet bleiben die Alten im wahren Sinne des Wortes konservativ, unbekümmert um die rüstig vorwärts strebende und streitende Jugend verharren sie starrsinnig in ihrer altgewohnten Lebensweise und bei ihrem Kanderwälsch, welche-- sie mit Stolz „lingaa franca-1 nennen. Die Anzahl der Spaniolen in Bosnien schwankt heute zwischen 6000—7000 Seelen. Am dichtesten wohnen sie in den Städten, Sarajevo allein zählt deren 3000. Die steinige Herzegowina schien ihnen weniger zu behagen, wahrscheinlich weil sich dort für den Handel und den Geldwechsel ein minder günstiges Terrain bot. Für Ausübung von Handwerken besitzen sie nur geringe Vorliebe. Hinsichtlich der Tracht gleichen sie den Türken, von welchen sie blos der Mangel des Turbans und der gewöhnlich mit Pelz verbrämte Talar unterscheidet. Die „Neologen" kleiden sich jedoch ganz nach französischem Muster, als Kopfbedeckung behalten sie jedoch in den meisten Fallen den Fez bei. Derjenige Spaniole, der auch diesen ablegt und einen modernen Hut trägt, wird bei den Spaniolen mit Mißtrauen und Geringschätzung behandelt. Die Frauentracht gleicht jener der „tedeschi“, das heißt der deutschen Frauen, mit dem Unterschiede, daß die verheiratete Spaniolin die Stirnbinde ans Seide oder buntem Tuch trägt, welche bei den Wohlhabenden noch mit einer Silber- oder Goldborte, oder auch mit einer Dukatenreihe besetzt ist. Dieser Schmuck läßt die an und für sich feinen und weichen Züge der Spaniolinnen noch vortheilhafter zur Geltung kommen. Aeltere Frauen, besonders aber Witwen, benützen auch große weiße Umhängtücher, welchen sie schon Türkinnen ähnlicher erscheinen lassen. Interessant ist es, daß Gold- und Silbermüuzen bei ihnen als gute Palliative gegen gewisse Krankheiten gelten. So zeigt sich schon bei den uncivilisirtesten Bolksstärnmen die magische Gewalt, welche die Edelmetalle von jeher auf die Menschen geübt. In ihren Volksglauben spielt aber auch der bei uns so oft geringschätzig behandelte Knoblauch eine große Rolle. Diese nützliche Knollenpflanze wird als Universal-Hausmittel in vielen Krankheiten verwendet, gegen die bösen Folgen des „ajin horah-1 des bösen Blickes, des Behextwerdens und des Verschreiens soll er das wirksamste Mittel sein. Aus-diesem Grunde unterläßt es eine Spaniolin beim Anziehen eines neuen Kleides niemals, in jede Tasche einen Knoblauch zu stecken; jede Wöchnerin schmückt in den ersten drei Tagen ihren Kopf mit einem Knoblauchkranze, ja sogar das nengeborne Kind bekommt einen derartigen Kranz um den Hals, dem noch, um dessen Wirkung zu verstärken, ein Ducaten an einem Bande beigefügt wird. Die Vorliebe für die Lauchpflanzen mag möglicherweise noch aus Egypten stammen, wo dieselben auch noch heute als wichtiges, beinahe unentbehrliches Nahrungsmittel dienen. Die Religiosität der Spaniolen ist beiweitem größer und inniger, als die der Tedeschi oder deutschen Juden, überhaupt durchdringen ihre religiösen Anschauungen tief ihr häusliches und sociales Leben. Jeder Gruß, jedes Gespräch, jeder Brief uud jedes andere Schriftstück beginnt mit einem der Bibel oder den Propheten entnommenen religiösen Spruch. Sabbath- und Fefttagsruhe ist ihnen heilig, selbst die Halbfeiertage des Passah- und Laubhüttenfestes werden peinlichst gehalten, Handel und Gewerbe ruhen an denselben. Das Verhältniß der Spaniolen zu ihren Stammesgenossen aus der Monarchie ist ein ganz loses, nur die Handelsbeziehungen bringen sie miteinander in Berührung. Sonst herrscht zwischen ihnen keine besondere Interessengemeinschaft, auch die stammesverwandtschaftlichen Gefühle äußern sich nur in den seltensten Fällen. Auffallend ist es, daß alljährlich zahlreiche fromme spaniolische Greise nach Jerusalem ziehen, um dereinst in der Erde ihrer Väter zu ruhen. Unter diesen gibt es Viele, die sich durch große rabbinische Gelehrsamkeit, seltene Willenskraft, tiefe Religiosität und rühmlichen Wohlthätigkeitssinn auszeichnen. Im Großen und Ganzen sind die Spaniolen Bosniens ein bisher stark zurückgebliebenes, durch die Verhältnisse vernachlässigtes, doch ziemlich begabtes cultnrfähiges Völkchen. Ihre geschäftliche Routine uttb Tüchtigkeit, ihr Sprachentalent, ihr Anpassungsvermögen, ihr lebhaftes, leicht zu weckendes Naturell, ihre Genügsamkeit und nüchterne Weltanschauung machen sie zu den berufenen Trägern und Vermittlern des Handels zwischen dem Orient und dem Occident. N. S ch w a r z.

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