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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-09-24 · 39 (24.9.1897) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
39 (24.9.1897)
Date
1897-09-24
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr 39 Idr. Bwch's »oarrnprpcM. Serie 789 welcher er die Verdienste Kohn's um die Ausgestaltung des Gottesdienstes, um die Erziehung der Jugend und um die Verbreitung fortschrittlicher Anschauungen im Allgemeinen hervorhob. Am eigentlichen Gedenktage versammelte sich auf dem alten israelitischen Friedhofe eine auserlesene Schaar und am Grabe des unvergeßlichen Seelsorgers wurde abermals eine besonders erhebende Andacht abgehalten. Die Tempelverwaltung wollte mit dieser Trauerkundgebung der Reform neue Impulse geben, gleichsam den Schatten Abraham Kohn's als Ankläger gegen die Orthodoxie heraufbeschwören. Sie hat zu diesem Zwecke auch eine Broschüre veröffentlicht : „Leben und Wirken Abraham Kohn's", welche sie mit allen den Redensarten einleitet, die in den Anfängen der Reform gang und gäbe waren. Auch Dr. Caro soll sich in seiner Predigt im Tempel heftiger Worte gegen die Orthodoxen bedient haben. Als ob die ruchlose Hand, die vor fünfzig Jahren das Gift in die Speisen Abraham Kohn's mischte, ein specifisches Werkzeug der Orthodoxen sei, wie etwa die Hand Ravaillacs das Werkzeug der Jesuiten ist, und als ob die Orthodoxen wirklich „Gegner des Lichts" wären, wie die Jesuiten, die man auf Tod und Leben bekämpfen muß. Diese Art Propaganda für die Reform muß in orthodoxen Kreisen nur böses Blut machen und läßt befürchten, daß sie die Parteikämpfe, die bislang geruht haben, wieder anfacht, nicht nur in Lemberg, sondern deren Wellenschlag man in ganz Galizien verspüren wird. Die Schärfe der Orthodoxen in Galizien gegen die Reform vor fünfzig Jahren ist begreiflich. In Deutschland, von wo die Reform des Judenthums ausging, war diese ein Bedürfnis, denn während die Juden mit Riesenschritten in allen Gebieten, die ihnen nach und nach geöffnet wurden, sich heimisch machten, blieben die jüdische Schule und das jüdische Gotteshaus, der Religionsunterricht und der Cultus auf der früheren Stufe stehen, so daß die Lehrer den Schülern, die Rabbiner ver Gemeinde unverständlich, die Schulen daher wüst und die Synagogen nur bei besonderen Gelegenheiten besucht wurden, um mit leerem Gemüthe, gelangweilt und unbefriedigten Sinnes wieder verlassen zu werden. Daraus entstand eine Generation, die schon von Religion gar nichts mehr wußte und die noch für die Religion Fühlenden mußten ihre ganze Energie herausfordern, um das Judenthum dem neuen Geschlechte anzupassen, nur daß sie in den Leitern der Bewegung fehlgriffen. In Galizien fehlten jedoch diese Vorbedingungen zur Reform. Die jüdischen Kinder sogen noch mit Wollust an den Brüsten des Cheders ihre geistige Kost, die Gemeinde verstand den Rabbiner, in jeder Synagoge geschah das ganze Jahr tagtäglich das Wunder vom Tempel zu Jerusalem, daß man gedrängt stand und sich geräumig bückte, denn die Gasse bildete noch eine Welt für sich. Und dennoch verlangten einige Wenige, nicht aus Mangel an religiösem Wissen, wie in Deutschland, sondern aus Unlust an dem alten Judenthum, um in ihre Zerrissenheit, in ihren Widerspruch eine Einigkeit zu bringen, eine Reform, und sie betrieben die Propaganda mit einem Eifer, der die Mehrheit der jüdischen Bevölkerung in Hinblick auf die Unersättlichkeit der Reform in Deutschland, über die Zukunft des Judenthnms erschreckte. Aus dieser Angst entsprang der Wahnsinn des Attentäters, gegen den edelherzigen Abr. Kohn, der zwar nicht wie die an der Spitze der Reform stehenden Rabbiner in Deutschland war, die ein Behagen darin fanden, das, was ihren Vätern, ihnen selbst einmal würdig und heilig war, in den Koth zu zerren und ihr jüdisches Wissen als Waffen gegen das Judenthum zu gebrauchen. Gewiß hat Abraham Kohn noch alle Fasttage streng gehalten, wie die von der Lemberger Tempelverwaltung herausgegebene Schrift versichert. Er war ein edler Mensch von hoher Gelehrsamkeit. Aber immer ist ein Unschuldiger das Opfer der Sünden seiner Gattung. Die Orthodoxie hat aber seitdem das Grauen vor den Reformern verloren. Noch findet sie ihre religiöse Befriedigung nur in ihren Synagogen, sie läßt jedoch Anderssühlende nach ihrer Faoon selig werden, so lange diese sie nicht herausfordern, solange die Reformer nicht intolerant sind. Begehen die Letzeren diesen Fehler, dann allerdings wird sie ihnen den talmudischen Spruch entgegenschleudern: „Sie thun, was Simri gethan und verlangen den Lohn des Pinehas", und mit denselben wieder den Kampf aufnehmen wie vor fünfzig Jahren. Der dem religiösen Hader Fernstehende kann aber auch für das ganze Convolut von aus dem Reformlexikon von vor 50 Jahren entlehnten Redensarten wie sie die Temvelverwaltung in der Einleitung zu ihrer Broschüre in der Feder führt, nur ein mitleidiges Lächeln haben. Was hat „das Lichr des Jahrhunderts", was haben „die Güter der Freiheit und des Fortschrittes" oder „der Kamps für die Wahrheit" mit der Reform zu thun? Kann man denn nicht ein ganz gebildeter, die Freiheit und die Wahrheit liebender Mensch und dabei ein conservativer Jude sein? Oder trifft man nicht so manchen unwissenden Geldprotzen, der vor jedem Adeligen sich krümmt und dessen Lebenselement nur List und Lüge bilden und dabei der größte Reformer ist? Kann man nicht ein Weiser sein und doch nur koscher essen, und wieder ein recht dummer und schlechter Kerl bei einem Backhendel in Butter am Jom-Kippur? Proselytenmacherei in der Negation ist die allergrößte Geschmacklosigkeit. Es war zweifellos löblich von der Lemberger Tempelverwaltung, daß sie den 50. Todestag ihres ersten gelehrten Predigers in Pietät beging; es ist ihr auch nicht übel zu nehmen, wenn sie von dieser Todtenfeier Anlaß nimmt, ihre Gemeindemitglieder im Reformbewußtsein zu stärken, aber daß sie es auf Kosten der Orthodoxie thut, ist nicht zu billigen. Die Aufstellung einer Orgel, was das erste Lebenszeichen des wiedererwachten Reformgeistes sein soll, um dessen Willen die Orthodoxie angegriffen wurde, ist wahrlich nicht der Aufregung eines einzigen Juden werth, und am Ende fürchtet man sogar, dieses Lebenszeichen von sich zu geben. Denn ein besonderer Freund der Orgel schreibt uns: „Wir vernehmen zu unserem Bedauern, daß die Tempelverwaltung von ihrem ursprünglichen Beschlüsse, die neuerbaute Orgel am Neujahrsfeste ihrer Bestimmung zuzuführen, abgekommen ist. Man muß darin eine etwas übertriebene Conceffion gegenüber den conservativen Mitgliedern des Gotteshauses erblicken, die wir darauf verweisen wollen, daß in anderen berühmten Gemeinden die Orgel selbst am Versöhnungstage gespielt wird, die Tempelbesncher aber nichtsdestoweniger viel andächtiger beten als im Lemberger. Für einige Seelenandachten und Trauungen war die Beschaffung eines derartigen Instrumentes denn doch zu kostspielig, und wäre es in diesem Falle entsprechender gewesen, durch Berufung eines Hilispredigers der Fortschrittsidee in weiten Kreisen Verbreitung zu sichern. Auf jeden Fall empfehlen wir der Tempelverwaltung, wenigstens vor dem Beginne des Colnidre-Gebetes ein längeres, stimmungsvolles Orgelpräludium anzusetzen, da ein solches die anwesende Gemeinde in eine andächtige Stimmung zu versetzen geeignet ist." Bei solch lendenlahmer Reform ist die Herausforderung an die Orthodoxie sicher nicht nothwendig. Ohne diese neuen Angriffe würden sich die Gegensätze zwischen Orthodoxie und Reform von selbst ausgleichen, denn die „religiöse Fortentwicklung" ist ja selbst in der Metropole der Reform, in Deutschland, seit Langem schon nicht nur stehen geblieben, sondern sogar etwas zurückgewickelt worden und die Parteien werden sich bald in der Neu-Orthodoxie begegnen. Dr. A. „Heine's jüdisches Wissen." Unter obigem Titel versuchte in Nummer 36 der „Oesterreichischen Wochenschrift" ein Anonymus durch einige aus dem Zusammenhänge gerissene Stellen, durch einige lendenlahme, sophistische Superklugheiten zu beweisen, daß es Heine an wirklich jüdischem Wissen gemangelt habe. Angenommen, aber nicht zugegeben, daß Heine wirklich in Mischen und talmudischen Dingen ein Ignorant gewesen wäre, so kann uns das herzlich gleichgiltig sein, da wir einen Renegaten nicht mehr zu den Unsrigen zählen; daß dieser Mangel übrigens Heine's Genie ebensowenig schmälert, als der Mangel an geographischem Wiffen das Genie Shakespeare's, gibt selbst der Verfasser des Artikels zu. Wozu also dann der Artikel? Dabei begeht der anonyme Verfasser noch einen schwerwiegenden Fehler. Er beginnt mit einer Anekdote: „Als Jemand einst Hercules loben wollte," so erzählt Plutarch, „rief man ihm zu : „Wer hat ihn je getadelt?" und folgert merkwürdigerweise daraus, es müsse ihm gestattet sein, Heine's jüdisches Wiffen „niedriger zu hängen". Zur Entschuldigung führt er einen Satz an, den ein jüdischer Geschichtsschreiber über Heine schrieb: „Die Blitze, die er bald in regenbogenartigen Farben, bald in grellen Streifen über Deutschland fallen läßt, waren mit jüdisch-talmudischer Elektricität geladen." Ja, kommt denn in dem Satze etwas von jüdisch-talmudischem

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