Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 39 (24.9.1897)
- Date
- 1897-09-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 786 Vr. Vloch's Mochrnrchrtfr. Nr. 39 Antwort, welche der Papst an den König von Frankreich gerichtet hat, damit er die Juden beschirme, denn sie tragen keine Schuld an der Tödtung des Stifters der christlichen Religion. Ein Gleichniß hiefür stellt sich in jenem Könige dar, der seinen Garten der Obhut eines seiner besten Freunde überließ, mit dem Befehle, daß er Niemanden in den Garten einläffe. Jeder, der es versuchen sollte, in den Garten zu dringen, der sollte des Todes sein. Eines Tages wollte der König seinen Freund prüfen; er verstellte sich daher, zog andere Kleider an und trat an den Eingang des Gartens, um in denselben einzudringen, indem er vorgab, er sei der König. Da antwortete der Wächter: „Du darfst nicht eintttten, denn der König hat es verboten, Du aber bist nicht der Honig." Als nun der König seine Stärke zeigen wollte, da stand der wachthabende Freund auf und erschlug ihn. So auch in dem vorliegenden Falle; Gott hat seinem Volke Israel die Lehre gegeben und darin geboten: „Ich bin der Ewige, dein Gott; du sollst keine anderen Götter neben mir haben. Ihr sollt euch wohl in Acht nehmen, denn ihr habt Line Gestalt gesehen am Tage, da der Ewige zu euch auf Choreb geredet hat." (5. Buch Moses, Cap. 5, V. 15.) Ferner: „Mich sicht kein Mensch und lebt." Als nun der Stifter unserer Religion auftrat, kam er in Menschengestalt, machte sich selbst zum Gotte, so daß sie ihn nach gesetzlicher Vorschrift tödtetey. Hätten sie gewußt, daß es Gott selbst sei, sie würden ihn keineswegs umgebracht haben. Auch bei der Verantwortung im künftigen Leben werden sie sich damit vollständig rechtfertigen können. So hat ein edler Papst im finsteren Mittelalter über die Sache gedacht. $ sfc * Unter dieser Überschrift bringt die „Times" vom 4. September einen Leitartikel, dem wir Folgendes entnehmen: „Derartige Versuche der Juden, sich aus einer mißlichen Lage zu befreien, dürften sie vielleicht in eine noch unangenehmere Lage bringen; diese Thatsache scheinen die Befürworter der zionistischen Pläne nicht sehen zu wollen oder zu können. Ist denn nicht die volle Emancipation als eingeborene Bürger der Länder, in denen sie leben, ein Ziel, das eher werth ist, daß man darauf hofft und dafür kämpft? Einst litten die Juden auch in England Unrecht, doch diese Zeiten sind nun vorbei und sie genießen heute religiöse Frecheit und politische Gleichheit in demselben Maße, wie alle anderen Bürger des britischen Kaiserreichs. Ist denn keine Hoffnung da, daß sie im Laufe der Zeit auch in den Ländern mit derselben Gerechtigkeit werden behandelt werden, in denen die persönliche Freiheit heute noch nicht so verstanden und geschätzt wird, wie bei uns? Wir beklagen die Thatsache, daß civilisirte Regierungen im 19. Jahrhundert einen solchen Mangel an Willenskraft zeigen, daß sie nicht die erste Pflicht gegen ihre Bürger erfüllen und sie gegen das Borurtheil der Masse in Schutz nehmen und ihnen die Sicherheit ihres Eigenthums und ihrer Person garantiren. Antisemitismus und Judenhetze scheinen uns mittelalterliche Anachronismen, aber weil die Juden in anderen Ländern, welche ihre mittelalterlichen Borurtheile noch nicht abgeschüttelt haben, Unrecht leiden, so gibt uns dies kein Recht, sie zu einer von unpraktischen Enthusiasten geleiteten Agitation aufzufordern, welche die einsichtigsten ihrer Glaubensgenossen verurtheilen, deren religiöse Sanction äußerst zweifelhaft, deren Erfolg ein problematischer ist, während ihr Mißerfolg geradezu ein Unglück sein würde." Die „Allgemeine Zeitung des Judenthums" setzt die Warnungen vor dem Zionismus in der neuen Nummer also fort: „Aber kaum ist die Gefahr des Antisemitismus im Schwinden begriffen, so ensteht uns eine viel größere und ernstere, die in ihren Urkeimen aus jenem hervorgegangen ist. Der Zionismus ist für uns ungleich gefährlicher. Angesichts dieser beiden Gefahren für das Judenthum kann man wohl mit Recht ausrufen: „Gott behüte mich vor meinen Freunden, vor meinen Feinden werde ich mich selbst schützen". Hat der Antisemitismus die Juden nur in ihren staatsbürgerlichen und materiellen Interessen bedroht, so bedroht der Zionismus das Judenthum in seinem ganzen Bestände. Es sei uns fern, hier den Propheten spielen zu wollen und warnende Kassandrarufe auszustoßen, die nichts nützen und helfen können. Ist ja nach dem Talmud seit Zerstörung des Tempels der Prophetenberuf sehr in Mißcredit gerathen, und den Unheilverkündern ist es von jeher schlecht ergangen. Aber die Geschichte des Judenthums bietet uns leider Beispiele die Menge, zu welchem Ende solche Bestrebungen geführt haben, welch unermeßliche Leiden und das Judenthum in seinen Grundfesten erschütternde Gefahren sie immer im Gefolge hätten. Wer nur irgendwie die jüdische Geschichte, die ununterbrochene Leidenskette der Juden und des Judenthums kennt, dieselbe einigermaßen richtig erfaßt hat, der wird mir zugeben, daß alle jene Schwärmer, falschen Messiasse und dergleichen von den ältesten Zeiten an mehr Leid über unsereu Volksstamm gebracht und Gefahren für unseren Glauben herbeigeführt haben, als die ärgsten Feinde es je zu thun vermochten. Ein Bar Kochba und ein S a b b a t a i Z e b i haben dem Judenthum mehr geschadet, ihm tiefere und dauerndere Wunden geschlagen als sämmtliche offenen und geheimen Feinde desselben. Besonders die Geschichte des Letzteren zeigt soviel Symptomatisches, das auch auf die moderne Zionistenbewegung zutrifft, daß eine ungeschminkte Darstellung derselben sich jetzt wohl verlohnen würde, und wir behalten uns bte allgemein verständliche Bearbeitung dieser Geschichte für diese Blätter vor, wenn sich keine geeignetere Kraft für diese Arbeit finden sollte. Für jetzt genüge es, den verehrten Leser auf den Namen Sabbatai Zebi hinzuweisen und zu bemerken, daß jene ums Jahr 1660 entstandene Bewegung noch jetzt ihre unheilvollen Wirkungen innerhalb eines Theiles der Judenheit ausübt." Der orthodoxe Mainzer „Israelit" schreibt: „Die jüdische Geschichte weist, gar manches Blatt auf, das mit Blut und Verderben, sowie mit Verirrung der Geister beschrieben ist, hervorgerufen durch das Auftreten eines falschen Messias, durch' zur Unzeit erweckte Hoffnung auf das sichere und nahe Kommen der Erlösung. Welch ernste Mahnungen enthalten, um nur das Folgenschwerste zu nennen, der Aufstand des Bar Kochba und das Erscheinen desSabbataiZebi? Wie wurden bei dem Taumel beider Ereignisse selbst hervorragende Männer mit in den Strudel gerissen! Als das schwertgegürtete Rom die Welt beherrschte und es noch frisch in der Erinnerung war, welch hohen Muth und welch allsgezeichnete kriegerischen Eigenschaften das jüdische Volk im Verzweiflungskampfe um Land lind Tempel bewiesen hatte, da glaubten die Nachkommen, durch Muth und Kriegstüchtigkeit lasse sich die Erlösung herbeiführen, und als in Bar Kochba der Mann gefunden war, der diesen Glauben und diese Wünsche in sich verkörperte, da stand das ganze Volk auf, um die Erlösung mit Waffengewalt sich zu erzwingen. — Zu einer Zeit, da auch Unberufene sich mit dem Studium der Kabbala befaßten und die Masse des Volkes sich viel von Wunderil erzählte, welche durch diese geheinrnißvolle und unverstandene Wissellschaft inöglich geworden seien, lag der Gedanke nahe, daß durch die wunderwirkende Kabbala sich die Erlösung herbeizaubern lasse und im phantastischen Kabbalisten Sabbatai Zebi sah man einen Mann, von dem man glaubte, daß dessen Wunderkraft für den Messias ausreiche. Fünfzehn Jahrhunderte liegen zwischen Bar Kochba und Sabbatai Zebi, gar oft würde während' dieses großen Zeitraums Israel dadurch irre geführt, daß sie das Ende der Leiden herausgerechnet zu haben glaubten und zu spät ihren verhängnißvollen Jrrthum erkannten. .Heute herrscht in weiten Kreisen die Ansicht von der Allmacht des Capitals, von dem man sagt, und nach unserer Ansicht mit Unrecht sagt, daß es die heutige Welt beherrsche. Muß es sich da nicht als fast selbstverständlich erweisen, daß die Sehnsucht nach der Erlösung, die bei vielen Juden eine unjüdische Form angenommen hat, daß diese Sehnsucht sich des Capitals bedienen will, um sich die Erlösung zu erkaufen? Kann es dem Kenner der Geschichte, dem rückwärts schauenden Propheten, zweifelhaft sein, daß diese Schwärmerei, so modern ihr Gewand auch ist, kein anderes Ende nehmen wird, als die messianischen Irrungen der Vergangenheit und daß ihr Fortgang sowohl, als ihr endgiltiges Scheitern im Stande ist, furchtbare Gefahren für Israel heraufzubeschwören?" Inder „Jüdische Presse" spricht ein conservativer Jude ein unbarmherziges Wort für die „Zionisten". Die Redaction selber dagegen erklärt: „Zum ersten muß sie, der die Liebe zum heiligen Lande nicht plötzlich über Nacht aufging, sondern die seit jeher gewöhnt war, für Zion durch die T h a t zu wirken, auf Grund ihrer praktischen Erfahrung die Herrschen Pläne als Utopie erachten, die darum besonders gefährlich ist, weil sie alle besonnene Arbeit für Palästina, wie die Eolonisation u. s. w., zu discreditiren und zu stören geeignet ist." „Bemerken wollen wir gegenüber dem Herrn Verfasser nur noch, daß die Rabbiner-Erklärung sich lediglich gegen das e r st e Programm des Zronisten-Congresses, also gegen den" radicalen Herzlianismus, richtete, der schließlich von allen Seiten so vollständig preisgegeben wurde, daß seiner an den drei Verhandlungstagen kaum mit einem Worte Erwähnung geschah. Gegen die Eolonisation Palästinas in vernünftigen Grenzen und Maßen hat u. W. noch kein deutscher Rabbiner sich ausgesprochen." Vom Jahrmarkt des Lebens. Oberlandesgerichts-Präfident Krall und die Unterrichter. Wir erhalten aus juristischen Kreisen die hier folgende Zuschrift, welcher wir nicht nur der mitgetheilten Fälle, sondern und hauptsächlich der Conclusionen wegen, welche an sie geknüpft werden, gerne Raum geben. Der geehrte Einsender schreibt uns: Wir haben letzt mit großer Genugthuung die ausgezeichnete Rede gelesen, mit welcher