Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 39 (24.9.1897)
- Date
- 1897-09-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 39 Vr. Bloch » Wochrnphrtfl Sette 785 nicht geachtet. So lange Jahre trug dieser Mann den Ruhmesnamen des ersten deutschen Schauspielers, so unerhört sind die Ehren, die ihm erwiesen wurden, der persönliche Adel, das Bild des Kaisers damals, als eine verehrliche Stadtvertretung ihm die Auszeichnung bewilligte, ihn auf das Bestimmteste' als Widerpart von Wilhelm Pfister zu kennzeichnen, daß er den Haß aller Derer wohl verdient, die aus dem Rechtstitel unbedingter Unfähigkeit über jedes Können urtheilen zu dürfen glauben . . . Ueberhaupt — sie werden die Juden nicht mehr weggraulen aus der Literatur. Selbst wenn heute schon der Traum der Zionisten eine Wirklichkeit wäre, wenn der letzte Judenstämmling schon in Jerusalem süße, so sind die Spuren ihrer Wirksamkeit schon viel zu tief in der Geschichte der deutschen Dichtung eingegraben, als daß die Herren Antisemiten mit noch so schmutzigen Fingern sie auswischen könnten. Und wenn die Schnitzler, Fulda, Ebermann, Rosner, Hirschfeld ihre Erstaufführung am Hofburgtheater auf Zion erlebten, so müßte man ihre Arbeiten dennoch in aller Welt spielen, wie heute. Denn der Jude ist nun einmal ein L-terüturmensch: er ist durch Jahrhunderte erzogen dazu, sich mit der Dichtung innig und hingebend zu beschäftigen. Wem die großartige Lyrik der Psalmen und des Jesaias vertraut ist, wer in die ungeheuere Tragik des Hiob, bei dem Goethe eine Anleihe für den Faust nicht verschmäht, in die Anmuth der Ruth eingedrungen ist und die schwüle Luft des Hohen Liedes athmen gelernt, der ist denn doch einigermaßen geschult für jede Gattung der Dichtung, der muß doch mindestens Sinn dafür haben und Hütte er nie ein deutsches Werk gelesen. Nun aber ist der Jude überhaupt ein Büchermensch; er achtet das Buch; er liest gerne. So sind denn, besonders nachdem man seiner Raee eine gewisse Beweglichkeit des Geistes nicht absprechen kann, nachdem man wohl nicht ganz umsonst von einer orientalischen Phantasie spricht, Vorbedingungen zu einer rüstigen Bethätigung genug gegeben. Das mag sie reizen — sie mögen sich inimer daran ärgern, ändern können sie nicht einen Buchstaben daran, und was von antisemitischen „Dichtern" bisher seine Stimme erhob, das ist ein klägliches Gepipe neben Lerchenjubel! Und nun gar erst in der Schauspielkunst! Daß der Jude dafür eine besondere Veranlagung hat, geben selbst seine Gegner zu, die sogar einen Grund nach ihrer Weise dafür haben. Es wimmelt von Juden unter den allergrößten Namen dieser Kunst. In Frankreich haben wir die große Rachel, der eine That gelang, wie sie selten glückt — ihr unerreichbares Talent hat die ersterbende classische Tragödie der Franzosen wieder zum Leben geweckt. Nach ihr kam Sarah Bernhardt, welche sie mit etwas überschwänglicher Begeisterung die göttliche Sarah nennen. Auf deutschem Boden aber der große und geniale Bogumil Dawison, die vielgerühmte und den Devrients ebenbürtige Schauspielerfamile der Dessoirs (Dessauer), der von Mutterseite her Theodor Lobe entstammt; und endlichen unserer Zeit die Zierden des Burgtheaters, selbst zu jener Zeit, da es noch wirklich und ohne alle Einschränkung die erste deutsche Bühne heißen dürfte: Zerline Würzburg, späterhin Gabillon, gleich gefeiert an Geist, wie Sittenreinheit, wie Können. Adolf Sonnenthal, der über'm Ocean den Ruhm deutscher Schauspielkunst gemehrt, vor dessen innerlich vornehmer Gesinnung selbst die Verleumdung zurückschreckt, Emerich Robert, der finstere und tiefsinnige Mann der Räthsel: Das ist genug für einen Anhieb und einen Imbiß, und diese Reihe wäre unschwer, ins Endlose fortzusetzen. Es kränkt die Herren vor Allem Eines: man frägt in der Kunst immer noch mehr nach dem Können, als nach dem Stammbaum. Und da müssen sie doch ihrem bedrängten Herzen Luft machen. Wer sich aber erbricht der kann nur das von. sich geben, was er vorher zu sich genommen — hier somit Gift und Galle. Es kann also auch Herrn Gustav Mahler vollkommen gleich sein, wmn man ihn angeifert. Auch das ist in Zuschriften an Die vermerkt worden. Derselbe Mann, der das böse Wort vom Judenthum in der Musik erfunden, hat es nicht verschmäht, beim Juden Meyerbeer zu lernen; hat sich willig die Hilfe von Juden, wie Richard Levi oder wie der selbstlose und edle Porges, der Vater der Rosner, gefallen lassen. Man hat Mahler gerufen, damit er der Zuchtlosigkeit in der Oper ein Ende mache; damit er Ordnung schaffe, nachdem arische Bequemlichkeit die unerhörtesten Mißstände einreißen ließ. Man wußte wohl keinen Besseren dazu, als ihn, der sich der Magnaten-Wirthschaft in der Oper zu Budapest gegenüber als ein Mann bekundet, der als Dirigent und tüchtiger Verwaltungsmensch sich seinen rechtschaffenen Ruf erarbeitet. Wegekeln können sie ihn nicht; seine Fähigkeiten bestreiten sie nicht einmal. So mögen sich denn die Juden feiner Berufung freuen. Nicht allein, weil sie Einen der Ihren traf, mehr weil sich an einem unzweifelhaften Exempel anläßlich der Reconstruction der Hoftheater gezeigt hat, daß man an dieser Stelle ändern und umbauen mag nach Belieben — im Geiste der Herren Vergani und Consorten, des großen Carl, der nun ja auch ex 080 sich um die Kunst zu kümmern hat, zu der er nach seinem eigenen Geständniß nicht die mindeste Beziehung hat, wird diese Reconstruction niemals erfolgen. Der antisemitische Styl ist noch nicht erfunden: im Krypten aber, wo sie sich verstecken sollten, haust die Kunst nicht. Nemo. Zur zionistischen Bewegung. Der Papst und die Juden. „Der Papst," so berichten englische Blätter, „ist ziemlich besorgt, die zionistische Bewegung zur Rückkehr der Juden nach Palästina möge größeren Umfang annehmen. Die Besorgniß, der Sultan habe den Zionisten schon Versprechungen gemacht, veranlaßt»: den Papst, M r. B e n e t t i, den apostolischen Delegaten in Constantinopel, nach Rom zu berufen, um sich mit ihm zu beberathen, wie man den jüdischen Plänen, welche allen guten Katholiken ein Dorn inr Auge bilden, entgegenarbeiten solle. Der Plan widerstreite dem Wunsche des Papstes, das nöthige Geld aufzutreiben, das heilige Land anzukaufen und es den Ungläubigen zu entreißen. Der Vatican hat bereits Frankreich, welches die Schutzmacht über die katholischen Interessen im Orient ist, Vorstellungen gemacht." Auch die römische „Jtalie" brachte folgende Marmnote in dieser Angelegenheit: „Nach dem Congreß zu Basel hat Se. Heiligkeit als Oberhaupt der katholischen Kirche es für seine Pflicht gehalten, alle Maßregeln zu ergreifen, um die Wiederherstellung einer jüdischen Nationalität in Jerusalem zu verhindern. Se. Heiligkeit wird in wenigen Tagen einen Curier nach Constantinopel mit dem Aufträge senden, dem Sultan einen eigenhändigen Brief mit der dringenden Bitte zu überreichen, selbst nicht für eine Reihe von Jahren Palästina den Juden abzutreten, die hoffährtig genug sind, die Prophezeihung Lügen zu strafen, nach welcher sie über die ganze Erde zerstreut sein und niemals wieder eine Nation bilden sollen." Die „Politische Korrespondenz" erhält dagegen aus Rom von „vaticanischerSeite"die Mittheilung, „daß die in mehreren auswärtigen Blättern aufgetauchte Nachricht, nach welcher der heilige Stuhl in Folge der Beschlüsse des jüngst in Basel abgehaltenen Zionistischen Congresses Schritte beim Sultan behufs Verhinderung der eventuellen Ueberlassung Palästinas an die Juden unternommen hätte, als jeder tbatsächlichen Begründung entbehrend" bezeichnet wird. Der Vatican habe sich weder bisher mit dieser Frage in irgend einer Weise beschäftigt, noch habe er die Absicht, die Verhandlungen des genannten Congresses „in Zukunft" zum Gegenstände von diplomatischen Actionen zu machen. Aus diesem Anlaffe soll hier eine lehrreiche Stelle aus einer von Dr. Dr. A. Berliner verfaßten Schrift, „Persönliche Beziehungen zwischen Christen und Juden im Mittelalter", Platz finden. Berliner sagt: Am Schluffe einer der verschiedenen Ahhandlungen, welche der handschriftliche Sammelband in der Nationalbibliothek zu Parma, Nr. 402, enthält, befindet sich eine Schutzschrift, die hier in der Übersetzung folgen möge: