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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-09-24 · 39 (24.9.1897) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
39 (24.9.1897)
Date
1897-09-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 784 Vr. Vloch's MochrnptzrM Nr. 39 Diese rechtsstehenden Parteien haben es also gut und bequem. Die armen Nationalliberalen dagegen waren in der größten Verlegenheit. Ach, die schönen Zeiten sind dahin, wo man die politischen Kinder mit dem schwarzen Gespenst aus Rom gruseln machen konnte. Den Kindern ist so oft damit gedroht worden, daß sie aufgehört haben, sich davor zu fürchten. Die Herren von Besitz und Bildung, mit den schwerbäuchigen Commerzienräthen und langzöpfigen Professoren an der Spitze, haben ihre culturgeschichtliche Rolle ausgespielt, nachdem der sogenannte Culturkampf, ihre eigentliche Lebenskraft, aufgehört hat. Freilich hören wir heute noch die'Nachklänge dieses Kampfes, aber es ist eine gar traurige Existenz, jeden Tag einige neue Pfaffen verzehren zu müssen. Da kam ihnen die Vorsehung zu Hilfe. Es wurde ein Sturmlauf gegen den Umsturz inscenirt. Dieses Ungeheuer, das all den lieben Kindern den Schlaf raubt, muß mit allen Mitteln des Geistes und der Humanität bekämpft werden und Niemand ist so sehr dazu berufen als diese Salonpatrioten vom Orden Bennigsen. Nun ist jegliche Schwierigkeit gewichen. Jetzt werden Flugblätter geschrieben werden, in denen durch Illustrationen mit erläuterndem Text die Hölle des Umsturzes dem Volke vor Augen geführt wird. Das wirkt schauerlich und der brave Bürger lernt endlich das Gruseln. Nun werden die schönsten Reden zur Rettung der Cultur, der Ordnung und der Sittlichkeit gehalten. Die ganze erprobte Weisheit wird entfallet werden, um zu beweisen, wie schrecklich der Umsturz der gesegneten Ordnung ist, und das Volk wird endlich einsehen, wo seine wahren Freunde sind. In einer gar unangenehmen Lage befinden sich zur Zeit noch die freisinnigen Parteichen des Reiches. Das Volk hat in den letzten Jahren kein großes Verständniß für das Ideal der politischen Freiheit gezeigt, es bekümmert sich in erster Reihe um seine eigene Existenz, um die Erleichterung seiner Daseinsbedingungen und kehrt jeder Partei den Rücken, die die sociale Frage ignorirt. Das sogenannte Bürgerthum, ein Mischmasch, bestchend aus Kaufleuten und Handwerkern, aus dem sich ehemals das Heer der fortschrittlichen Wähler recruttrte, ist fast gänzlich dem Jndifferenttsmus verfallen und sehr schwer aus dem narkotischen Zustand zu wecken. Ein großer Theil der Handwerker ist zu den Anttsemiten gegangen, um da sein Heil zu suchen. Dazu kommt noch, daß diese Rudimente ehemaliger Parteien, die — um mit Richter zu sprechen — ihre Fractionssitzungen in einer Droschke abhalten könnten, sich den Luxus gestatten, miteinander zu stteiten und zu raufen. Um was? Um schöne Worte, die man mit dem Fremdwort Principien naiv bezeichnet. Der sanfte Heinrich hat dem grollenden Eugen seine Hand angeboten, um ein Wahlcartell zu erzielen. Wäre dieser Waffenstillstand gelungen, so könnte man dann den freilich nicht mehr neuen, aber doch immerhin wohltönenden Ruf in die Welt Hinausschleudern: „Gegen Junker und Reaction!" Aber der freisinnige Parteipapst, der anfangs eine versöhnliche Haltung zeigte, besann sich schnell auf seine Rolle. Er wollte auf den Ehrentitel, der Starrköpfigste aller Politiker zu sein, nicht verzichten, und so zerschlug sich das Geschäft. Geschieht nicht noch in zwölfter Stunde ein Wunder, dann stehen die beiden freisinnigen Parteien bei der nächsten Reichstagswahl ohne Schlagworte und ohne Wähler da. Die Prognose für die nächste Reichstagswahl ist nicht gar zu schwer zu stellen. Wir glauben kaum, daß man da große Ueberraschungen erleben wird. Man täusche sich nicht, die Socialdemokratte wird man durch all diese homöopathischen und allopathischen Mittel nicht überwinden. Der Socialismus ist kein künsttiches Product, er bildet den Sauerteig des modernen Lebens, er beeinflußt alle Ideen der Neuzeit und wird wahrscheinlich im nächsten Jahre noch stärker aus der Urne hervorgehen. Von welcher Sette hat denn die Socialdemokratie Gefahr zu erwarten? Sie hat auch heute schon bei den Stichwahlen von keiner Partei Hilfe vorauszusetzen.. Was sie erringt, erringt sie durch eigene Kraft. Auch der eiserne Bestand des Centrums wird schwerlich vermindert werden. Diese hohe Burg ist heute noch unüberwindbar, weil die Kirche ihre Wälle schützt. Die katholische Partei ist die best organisirte Partei und ihre Wälle sind meistens anderen Einflüssen unzugänglich, weil sie eine andere Richtung weder kennen, noch kennen wollen. Kein General kann so sicher auf die Treue seiner Soldaten rechnen, wie das Centrum auf seine Anhänger. Die Nattonalliberalen und Conservativen werden so lange existiren, so lange die Huld der Regierung sie schützt. Aus eigenen Kräften könnten sie zusammen kaum zehn Mandate zur Staatserhaltung auftreiben. Nun, diese Huld bleibt ihnen ja, wenn sie hübsch brav sind, die Mehrforderung der Marine bewilligen und zu drakonischen Maßregeln gegen den Umsturz ihre Hand bieten. Das thun diese biederen Patrioten auch gern. Besonders die lieben Nationalliberalen bilden die dankbarste Partei der Regierung, sie bewilligen ihr Alles, verzichten auf den unmodernen Luxus der Gesinnungstreue und verlangen demüthig nur Rettung vor dem Umsturz und etwas Culturkampf. Ob die feindlichen Brüder der verschiedenen freisinnigen Schattirungen noch einige Mandate verlieren oder gewinnen, ist sehr unwesentlich. Viel mehr verlieren können sie ja nicht, denn sie sind beinahe auf dem Standpunkt angelangt, wo eine Veränderung nur noch zu ihrem Vortheile möglich ist. Und die Antisemiten? Diese Hauptschreier des politischen Jahrmarktes, die so thun, als wenn das ganze Deutschland bereits ihnen gehört, haben keine allzuglänzenden Aussichten für die Zukunft. Es ist ein offenes Geheimniß, daß diese Partei längst ihren Höhepunkt überschritten hat und schon in nächster Zeit wie ein Kartenhaus in sich zerfallen wird. Zweifellos werden die Socialreformer des Systems „Juden hinaus!" einige Mandate verlieren. Aber ihre Herrschaft werden höchst wahrscheinlich die Herren vom Bund der Landwirthe antreten, und die sind im Grunde genommen eben so gut antisemitisch wie Ahlwardt und Genossen. Man sieht also, es ist kein verändertes Bild. Soviel ist heute schon sicher, die Regierung wird im nächsten Reichstag ebenso wenig eine stets gefügige Majorität finden wie im heutigen. Sie wird sich mit einer Majorität von Fall zu Fall begnügen müssen und sie wird, wieder feilschen und Concessionen machen, um wenigstens etwas zu erreichen. Ihr Herzensideal, eine starke Stütze zu gewinnen, die mit ihr durch Dick und Dünn geht, wird ein frommer Wunsch bleiben. Es geschehen keine Wunder und Zeichen in der politischen Welt, es ist auch hier ein Exempel : man rechnet nicht mit Zahlen, sondern mit Factoren. Das Volk ist nur unerreichbar für den, der die Zeichen der Zeit nicht zu lösen vermag. F. S. Reronstrurtwnrn in den Hofthratrrn. Sie haben, Herr Redacteur, Zuschriften aus dem Publicum bekommen, welche sich über den Ton beschweren, den das „Deutsche Volksblatt" anläßlich des Umbaues des Burgtheaters gegen die Direction anschlägt, weil sie Herzl-Wittmann's „Wilddiebe", noch dazu mit Herrn Sonnenthal, spielte? Aber Diejenigen, welche sich darüber in ihrem Gewissen beschwert fühlen, ihnen Unrecht. Denn Sallustius Crispus — nicht zu verwechseln mit dem Schirmherrn des Referenten besagten Blattes, dem Schutzpatron der Innung der Stiefelerzeuger, dem heiligen Crispian — sagt einmal irgendwo: „Durch dieselben Mittel behaupten sich Staaten, durch welche sie begründet wurden." Das gilt auch für Parteien. Diese ist durch Anstänkerung alles dessen groß geworden, was ihr im Wege stand, was ihr nicht nach dem Gesichte war; durch einen unerhörten Terrorismus hat sie Alles eingeschüchtert, was sie in ihrem Siegesläufe hätte hemmen können, ja müssen. Denn ein wohlgesitteter Mann ist inmitten eines Rudels von Lausbuben verloren. Sie zu hauen, bringt ihm keine Ehre und der Straßenkoth, ihre liebste Waffe, besudelt und ist unangenehm. Daß dies Stück gerade gewählt wurde, hat die Leitung des Burgtheaters genugsam begründet. Es mußte, wenn eine Probe auf die Acustik gemacht sein sollte, ein Lustspiel sein, und zwar eines, das Gelegenheit gibt, in allen Tonstärken zu reden. Man muß flüstern, plaudern, selbst schreien können. Dazu bietet sich die Gelegenheit und so, nicht einmal um symbolisch die vollkommene Parität zu bekunden, wurden des Ariers Wittman und des Zionisten Herzl „Wilddiebe" gewählt. - Und Herr Sonnenthal gab dabei dieselbe Rolle, die er seit Annahme des Stückes spielt. Man konnte doch nicht gut die Umgestaltung des Burgtheaters damit feiern, daß man seiner besten Stütze diese empfindliche Kränkung zufügte. Noch ist des Kaisers Haus rein von den Einflüssen der Gaffe geblieben und hier wird ihr Schreien und ihr Tumult noch

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