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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-09-24 · 39 (24.9.1897) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
39 (24.9.1897)
Date
1897-09-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 39 Dr. Bloch'M Wochrnfchrift. Sette 783 die Ausnahmsgesetze, denen die Juden unterworfen waren, in vielen Stücken milderte, um auf diese Weise die Bauern und Großgrundbesitzer aus beit Händen gewissenloser, der orthodoxen Kirche angehörenden Händler zu befreien, und daß selbst ausgesprochen judenfeindliche Journale diese Entschließung des Ministers vollkommen billigten? Die Lage ist eine derartige, daß man beispielsweise in dem durch seinen Mehlhandel weit bekannten District von Elez über die Ankunft der Juden erfreut war, als diese als Agenten verschiedener Handelshäuser dorthin kamen. Nunmehr verkauft kein Grundbesitzer sein Getreide einem orthodoxen Kulak, sondern immer nur einent Juden. Und fragt man die Bauern, ob die Juden den Handel redlich abwickeln, so lautet die stereotype Antwort: „Auf die redlichste Weise, die Juden sind unsere Wohlthäter." Die Juden betrügen weder bei der Waage itoch beim Maß, und dabei richten sie sich nicht wie die Orthodoxen zugrunde, in Folge der außerordentlichen Raschheit ihrer Operationen. Wo sich der Jude mit einem Gewinn von einem Rubel begnügt, ist der Russe nicht mit zehn zufrieden. Der Jude nimmt für einen Waggon Getreide 50 Rubel als Provision, der Russe fordert dafür 150. Der Jude hat weniger bei einem Waggon verdient, allein es gelingt ihm, dreimal so viel zu expediren. Der Getreide-Export liegt hauptsächlich in den Händen der Inden, weil die Grundbesitzer seit ihrer Ankunft keine Beziehungen mehr zu den orthodoxen Kulaks haben wollen, die in Folge dessen, blos die armen Muschiks schinden können, was sie natürlich bei jeder Gelegenheit thun. Ausschließlich dem Umstande, daß die Juden sich in den Dörfern nicht aufhalten dürfen, ist die traurige Lage der Bauern zuzuschreiben, sie sind der Willkür ihrer Ausbeuter wehrlos überlassen. Das deutschnationale Antisemitenblatt meint, die Juden wären „als Bettler gekommen" und haben Reichthümer erworben. Ach, die Deutschen haben es nicht anders gemacht. Am 8. September berichtete Prediger W. F a b e r über seine Reise nach dem Ararat vor einer Versammlung des „Kirchlichen Männervereines von St. Simeon" zu Berlin. Nach der „Kreuzzeitung" vom 10. September erzählt er: „Endlich fuhren wir in Tiflis ein, eine Stadt, die wie ein Diadem daliegt, die ein wahrer Schmuckkasten ist. Die reichsten Leute von Tiflis sind — Deutsche! Noch nicht lange ist es her, da mußten Deutsche vor den Thüren der Muhamedaner um Brod bitten; aber jetzt sind sie geachtet und sie haben sich eine feste Stellung erworben." Allerdings, wären die Juden die reichsten Leute, was hätte die „Kreuzzeitung" für eine Klage erhoben! Von den Bergjuden erzählte Pastor Faber: „Bald stößt man auf die B e r g j u d e n, kriegerische, tapfere Völker, die den Tscherkessen außerordentlich ähnlich sind" — eine interessante Illustration zu der Behauptung, daß die Juden nur Handel treiben und Furcht vor den Waffen haben! -i- * * Die Bedrückung Israels hat noch nie einem Volke Segen gebracht. Angefangen von dem großen Tyrannen A n t i o ch u s bis zu dem Nußknacker-Despoten B r a t i a n o, hat kein Einziger von den antisemitischen Staatsrettern ein ehrenvolles Ende genommen, ist jeder von ihnen jäh gestürzt, belastet mit dem Fluche der Völker. Warum sollte also Israel auch den Muth sinken lassen? „Ist Israel doch", wie der auch den Christen heilige Prophet ausruft, „ein Scheit aus dem Feuer gerettet." Sind. doch bis nun all' die Gluthen und Brände vergeblich ihm geschürt worden; hat es doch unter Druck und Elend, unter Schmach und Verfolgung — in dem Gewühle aller Widerwärtigkeiten und Bedrängnisse sich bewährt und steht noch heute da, ein Zeuge, daß unverwüstlich und unsterblich dauert der Geist und das Göttliche, daß in unzerstörbarer Gewalt der Gedanke, die Wahrheit jeder Erdenmacht trotzt. Daß, wie gering und unscheinbar, wie macht- und glanzlos auch Israel in seiner äußeren Stellung und Geltung sei, es in der Kraft seines Geistes unbezwinglich ist und bleibt. Zerrissen und zersplittert nach allen Himmelsgegenden, hier ragend wie die Ceder am Libanon, dort am Boden strebend, wie der schwache Mop, ungebeugt von der Last seiner zahllosen Jahre, hat es noch immer am Grabe seiner haßglühenden Feinde gestanden, die es auszutilgen betrachteten. Es blickt zurück auf eine viertausendjährige ruhmreiche Vergangenheit und spottet allen Verwünschungen der Feinde, und bei jedem günstigen Blicke von Außen zeigt es sich in seiner ganzen Schönheit, wie in den Geistergeschichten die verwunschene Prinzessin, wenn sie geküßt wird. Und wenn auch diese Lichtblicke wieder sich verfinstern, einmal wird doch die völlige, dauernde Erlösung kommen. Das Judenthum ist mit seinen Hoffnungen die harrende Penelope, die täglich webt und täglich ihr Gewebe wieder zerstört, um nur Zeit zu gewinnen, bis zur Zeit des rechten Mannes, und er wird kommen — wenn Recht und Gerechtigkeit, Menschenliebe und gegenseitige Duldung zum endlichen entscheidenden Sieg gelangen und die Geister des Mittelalters für ewig gebannt sein werden. Die politische Perspectivem Deutschland. Die Reichstagswahlen von 1898 werfen ihre Schatten voraus und machen schon heute ihren Einfluß auf das politische Leben geltend. Die schlummernden Parteien erwachen und fangen an, um ihre Existenz und ihre Zukunft zu sorgen. Der schwere Kampf nms Dasein, der sich für Parteien oft noch verzweifelter als für einzelne Individuen gestaltet, rüttelt auch die schlaffe und denkfaule polittsche Masse auf, fie beginnt sich zu fühlen — wie der Berliner sagt — wenn sie mit dem Wahlzettel in der Hand die Welt erobern soll. Die Führer schaaren das Volk um ihre Fahnen und Alles, was noch Bürgerstolz besitzt, rüstet sich zum Wahlkampf. Die guten Bürger brauchen ja auch nur den „richtigen" Zettel in die Urne zu werfen und alle Probleme sind gelöst, und alle Ideale sind gerettet. Nun fängt eine lebendige, bewegte Zeit an, interessant für Zeitungen und politische Vereine. Die ganze politische Comödie der Irrungen, das weibliche Bild des siegreichen Wortgefechtes „zum Wohle des Vaterlandes" zeigt sich schon jetzt in der politischen Arena. Unsere Gladiatoren kämpfen mit Todesverachtung, und das schaulustige Volk ergötzt sich an dieser wundervollen Erscheinung. Wie viel Idealismus, wie viel Enthusiamus für edle Ziele in unserer für materialistisch verschrieenen Zeit in Deutschland noch lebt, das erfährt man erst kurz vor den parlamentarischen Wahlen. Alle Parteien sind selbstlos, ohne jegliches persönliches Interesse, Alles arbeitet für das Volk, beseelt von dem Gedanken, ihm den Weg zur Glückseligkeit zu bahnen. Nichts charakterisirt so sehr das zerfahrene, corrumpirte politische Leben in Deutschland als das Haschen nach Schlagworten im heißen Wahlkampfe. Man will das Volk nicht aufklären und es zum selbstständigen politischen Denken erziehen, sondern es durch schöne Worte locken, seine „heilige Pflicht" bei der Wahl zu thun. Nach der Wahl kann es dann in sein traditionelles Philisterthum zurückkehren und mit dem nervenberuhigenden Bewußtsein, sein stolzes Bürgerrecht bekundet zu haben, um so süßer schlafen. Die Herren Erwählten werden schon die heikle Politik allein besorgen und die Geschicke der Nation lenken. Diese Scklagwocte zit finden, ist aber keine leichte Aufgabe. An schönen Worten fehlt es in der politischen Terminologie nicht, aber sie müssen auch ziehen, und man glaubt gar nicht, wie schwer das ist. Das Arsenal der politischen Rüstzeuge mag noch so reich sein, wenn die „geistigen Waffen" beim ewigen Kämpfen so schnell verbraucht werden, dann entsteht bald ein Mangel. Ein politisches Zeughaus, das wäre das höchste Culturwerk der Gegenwart, daher müssen sich die weisen Parteiführer schon ein Jahr vor der Wahl die gelehrten Köpfe zerbrechen, um kraftvolle und erfolgreiche Losungsworte zu ersinnen. Die Herren vom Bunde der Landwirthe. die erst vor einigen Monaten in siegesfroher Stimmung im Circus Busch zu Berlin Heeresschau abhielten, wollen unter der bewährten Leitung des agrarischen Feldmarschalls v. P l ö tz das Volk durch den Kriegsruf alarmiren: „Rettet die nothlcidende Landwirthschaft! Rettet die bedrohten Staatserhalter!" Die fürsorgliche Regierung will an der Verstärkung der Marine, also dem eigentlichen Schutze des Vaterlandes, ihre Kraft und des Volkes Treue messen. Die conservativen Führer, die privilegirten Schirmer des Staates und der heiligen Ordnung werden die monarchische Fahne entrollen, um die Gläubigen anzufeuern gegen die offenen und versteckten Antimonarchisten — und zu dieser Kategorie gehört Alles, was nicht gut conservativ ist — bis zum letzten Blutstropfen zu kämpfen.

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