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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-09-17 · 38 (17.9.1897) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
38 (17.9.1897)
Date
1897-09-17
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Nr. 38 Vr Vloch's WochrnschrM Sette 779 Lehrers vermag, wenn die Schüler blöden Sinn und engen Verstand besitzen. Und nicht nur der Lehrer, sondern auch dessen Weib und sogar der Belfer (Schuldiener) ergossen über ihn ihren Zorn oder überluden ihn mit den verschiedenen Schul- und Hausarbeiten. Weinte der Erstgeborene des Lehrers, während die Frau mit Haus- oder Küchenarbeit beschäftigt war, so mußte Abraham den Teufelsjungen in den Schlaf wiegen, nachdem sie es nicht zu Wege brachte, zwei Arbeiten zu gleicher Zeit zu verrichten. An solche Beschäftigungen war Abraham schon gewöhnt und es fiel ihm niemals ein, darüber sich zu beklagen. Indessen kam es vor, daß das Kind, das heftigen Hunger verspürte, laut zu weinen anfing, wogegen das Einwiegen nicht Helsen wollte, oder daß die Suppe überschäumte, der Braten anbrannte. In solchen Fällen war das Weib nervös und schrecklich aufgebracht und da mußte abermals Abraham herhalten. Und die Kinder? Seine Mitschüler? Auch die behandelten ihn nicht besser. Bösartig von Natur aus, brauchten dieselben nur ein schlechtes Beispiel vor Augen zu haben, um Tyrannen, Henker zu werden; und solche wurden sie auch für den unglücklichen Abraham. Anders als „Buckeliger", „Krummnasiger" oder mit ähnlichen Spottnamen wurde er nie genannt. Täglich liefen Hunderte Verleumdungen ein, Stöße. Hiebe gab es in Unzahl, und nicht selten trafen dieselben Kopf und Antlitz. Einige trieben die Schlechtigkeit so weit, ihn auch noch außerhalb der Schule zu verfolgen. Die Strenge seines Vaters kennend, machten sie sich ein Vergnügen daraus, den Armen bei demselben für Vergehen anzuklagen, die er nicht einmal im Traume begangen hatte, und sie hatten eine wahrhaft teuflische Lust, mitanzusehen, wie die Peitsche des strengen Trödlers den Rücken des unglücklichen Verfolgten bearbeitete. Abraham ertrug Alles in Geduld und Ergebung. Anfangs empörte er sich oftmals, protestirte soviel er konnte, stemmte sich dagegen aus Leibeskräften; aber gerade dieses Aufbrausen zog ihn noch strengere Strafen zu. Nach den verschrobenen Begriffen der Alten jener Zeit waren es geradezu schlagende Beweise seiner Schuld, ebenso wie auch sein ruhiges Ergeben als ein stilles Anerkennen derselben galt. In dem einen wie in dem anderen Falle war seine Schuld eine anerkannte, somit blieb ihm nichts anders übrig, als zu schweigen und Alles über sich ruhig ergehen zu lassen. Von allen Seiten gehetzt, geschlagen, gemartert, oftmals den ganzen Tag über hungernd und durstend — seine regelmäßige Kost war altes trockenes Brot und sein Nachtlager faules Stroh — erreichte Abraham nichtsdestoweniger sein dreizehntes Jahr, d. i. der Lebensabschnitt eines jeden jüdischen Knaben, in welchem er Mann wird, in welchem er in der Gemeinde als Mitglied betrachtet und zum Minjan gerechnet wird. Um dies Alles erreichen zu können, mußte er das Anlegen der Teffilim (Gebetriemen) erlernen, und er bereitete sich zu dieser Pflichterfüllung mit allem möglichen Ernste vor. Jeden Tag ging er, den Teffilimbeutel unter dem Arme, zu seinem Lehrer, der ihm den Unterricht darin ertheilte und ihm beibrachte, wie man die Riemen auf die linke Hand zu wickeln hat, (die siebeneinhalb Streifen), und ihm die Stellen zeigte, wo mau die Teffilim schel Rosch (Kopfriemen) und die Teffilim schel Jad (Handriemen) zu legen hat. Abraham erlernte dies alles sehrschnell, und sein Lehrer war äußerst zufrieden mit ihm, ja, er sprach seine Zufriedenheit öffentlich aus, in Gegenwart seines Vaters, seiner Mitschüler und sogar der Nachbarn, und zum ersten Male in seinem Leben hatte Abraham eine Genugthuung zu verzeichnen. Endlich erschien der langersehnte Tag, an welchem er sein dreizehntes Jahr vollenden sollte. Neben seinem Vater, der ihn zum ersten Male an der Hand führte, den Teffilimbeutel unterm Arme, trottete er zeitlich Früh am Morgen dieses Tages, ohne auch nur einen Bissen gegessen zu haben, der Synagoge zu. Alles hatte sich pünktlich vollzogen. Die ganze Gemeinde war mit ihm äußerst zufrieden. Abraham jedoch war zum Unglück geschaffen. In dem Augenblicke, als er die Teffilim zusammenrollte und sie in den Beutel hineinlegen wollte, riß die wahrscheinlich schwache Schnur, der Beutel fiel zur Erde und die Teffilim rollten auf dem Boden umher. Sein Vater, der bis dahin stolz dageftanden hatte, runzelte die Brauen, eine Wolke lagerte sich auf seiner Stirne und schwer fiel seine Hand auf die Schultern des armen Kindes. Sein physischer Schmerz war jedoch nichts gegen den moralische». Abraham hätte sicherlich tausend Stockhiebe diesem aus heiteren Himmel über ihn hereingebrochenen Unglück vorgezogen. Einerseits die Schande über seine Ungeschicklichkeit und andererseits die bevorstehende Strafe des dreitägigen strengen Fastens schmetterten ihn nieder. Der Rabbiner protestirte allerdings gegen das Fasten des Kindes, das nur für Erwachsene vorgeschrieben sei, und das insbesondere bei der schwachen Constitution des Knaben verhängnißvoll werden könne. Aber Abraham war kein Kind mehr, Noch und Kumnrer hatten ihn abgehärtet; er war sich seines Vergehens bewußt und trotz den Vorstellungen seines Vaters, der seinen Zorn bereute und einsah, daß er.seinem Sohne zu schwere Teffilim gegeben hatte, trotz der Bitten der ganzen Gemeinde, beobachtete Abraham strenge das vvrgeschriebene Fasten. Derjenige, der von den Menschen verfolgt wird, ist es auch von Gott. Das Unglück verfolgte ihn unaufhörlich. Bereits hatte er das achtzehnte Lebensjahr erreicht und arm und entstellt wie er war, hatte er, ein Sohn Israels, es noch nicht erreichen können, einmal wenigstens zur Thora gerufen zu werden, mit Ausnahme des Simchat-Thora- (Freuden) -Festes, wo dies für Jedermann vorgeschrieben ist. Dies schmerzte ihn sehr; denn der Arme war sehr gottesfürchtig und fand nur in der Ausübung der religiösen Vorschriften eine Zerstreuung und fühlte sich nur darin als Mensch wie alle Menschen. Es war an einem Samstag, und der Zufall wollte es, daß einer der Vornehmen der Gemeinde sich neben ihn niedersetzen sollte. Als Abraham denselben zur Thora rufen hörte, verfolgte er ihn niit einem solch wehmüthigen und zugleich feindlichen Blick, daß der reiche Mann, der ein sehr mildthätiger Mensch war, eine Thräne in seinem Auge verspürte und sein Herz sich ihm mitleidig zusamnrenzog. Es that ihm das moralische Leiden Abrahams weh und er faßte den Entschluß, demselben ein Ende zu machen. Er machte dem Schames (Tempeldiener) ein Zeichen und derselbe näherte sich ihm mit großer Unterwürfigkeit. Beide flüsterten sich etwas in die Ohren; der Schames ging fort, kam bald zurück, flüsterte wiederum etwas dem reichen Manne ins Ohr und ging wieder fort. Sowie aber Letzterer zur Hafthora gerufen wurde, ertönte eine wunderbare Musik in Abrahams Ohren, und er blieb wie gelahmt sitzen. Hatte er auch wirklich gut gehört, hatte er auch richtig verstanden, trogen ihn seine Ohren nicht? Aber die Stimme des Chasan (Borbeter) wiederholte von Neuem: — „Reb Abraham ben David wird die Ehre, zur Thora zu kommen, ertheilt." Nein, es war kein Trug! Abraham erhob sich, er wankte wie ein Trunkener, eine unaussprechliche Freude verklärte sein Antlitz, Thränen glänzten in seinen Augen. Aufrecht, so gut er konnte, das Haupt hoch, mit klopfender Brust, näherte er sich der Kanzel und erstieg die drei Stufen. Nein! Eine solche Freude hatte er noch nie empfunden. Die Brust drohte ihm zu zerspringen. Das heißersehnte Glück, in der heiligen Thora lesen zu können, wurde ihm allerdings nicht zutheil, alle Abschnitte waren bereits vergeben, und eben dies war der Gegenstand der Besprechung zwischen dem reichen Manne und dem Schames gewesen, indessen blieb dennoch noch ein Ehrenamt zurück, für Abraham eine große Ehre; er sollte die heilige Thora, das theuere Bermächtniß, zum Bekleiden halten, bevor dieselbe in die Bnndeslade zurückgetragen wurde. Abraham setzte sich mit großer Mühe auf die schmale Bank links von der Kanzel, empfing die heilige Schrift, küßte dieselbe mit großer Inbrunst zweimal, sprach den Segen darüber, und mit aller ihm zu Gebote stehenden Kraft hielt er dieselbe mit beiden Händen fest, während die Anderen sie einrollten, sie mit dem blauen Bande umwickelten, ein schweres, goldgesticktes Sammigewand darüber streiften, und die schwere imposante Krone aufsetzten. In dem Augenblicke aber, als der Chasan sich ihm näherte und Abraham sich mit Mühe erhob, um ihm die heilige Schrift zu überreichen, verwickelte sich fein Fuß in den Tales, in welchen er eingehüllt war, er stolperte, verlor das Gleichgewicht und unter einem allgemeinen, Schrei des Entsetzens der ganzen frommen Gemeinde stürzte er zu Boden, und neben ihm im Staube lag das theuere, seit Jahrtausenden heilig bewahrte Bermächtniß — die Thorarolle. O! Dieses Durcheinander, dieses Schreien und Toben! Einige Nervösere und Aufgeregtere ließen sich vom Zorne so-

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