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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-09-17 · 38 (17.9.1897) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
38 (17.9.1897)
Date
1897-09-17
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Seite 778 Vr. Vlvch's MochrMchrift Nr. 38 Wenn Einer der hier Anwesenden eine Geschichte gehört hat, die er früher schon gewußt und besser erzählen gehört hat. mag er seine Erfahrung zu der anderer Schlemiels hinzufügen. Und an Alle von uns, wenn ich so sagen darf, appellirt das so eminent jüdische Gefühl für Mißgeschick, das uns einnial gestatten wird, uns über den Schlemiel lustig zu machen, ohne ihm zu helfen. _ Vom Schicksale verfolgt. Novelle nach einer wahren Begebenheit aus dem Jahre 1872. Aus dem Rumänischen des Dr. E. Schwarzfeld, frei übersetzt von Annette Kowler. „Der arme Abraham!" „Der arme Abraham!" Die ganze jüdische Bevölkerung der Vorstadt „Rothe Brücke" war in großer Aufregung. Ueberall, in den Straßen, vor den Häusern, auf den Plätzen vor den Synagogen standen Männer, Frauen und Kinder mit vor Schmerz verzerrten Zügen und besprachen das letzte Tagesereigniß. „Haben Sie ihn auch schon gesehen?" „Wie nicht! Ich war gerade zugegen, als man ihn heimbrachte." „Und ist gar keine Hoffnung auf Rettung?" „Leider nein! Der Aermste hat bereits seine Seele ausgehaucht." „Der arme Abraham! Der arme Abraham!" Solche und ähnliche Ausrufungen waren in Jedermanns Mmrde. Die Männer waren empört, die Frauen vergossen Thränen, indessen die Kinder sich in aller Stille unterhielten, als begriffen sie, um was es sick handelte. In der That, etwas Außerordentliches hatte sich ereignet, und die Leute waren mit Recht aufgebracht. Vor einem halbverfallenen Häuschen im Hintergründe eines großen Hofes hatte die Menge sich immer mehr und mehr angesammelt. In dem vorderen Zimmer dieses Häuschens lag eine Leiche auf dem Fußboden; sie war mit einem schwarzen Tuche bedeckt. Zu Häupten brannten einige Kerzen und zu beiden Seiten verrichteten einige alte ärmlich gekleidete Männer die Todtengebete. Weiter rückwärts in einem Winkel lag ein in sich zusammengekauertes Weib und schluchzte; ein schauderhaftes, herzzerreißendes Schluchzen, um sie herum sechs kleine unmündige Kinder. Als der Bezirksarzt erschien, um den Leichenbefund aufnehmen und die Bewilligung zur Beerdigung ertheilen zu können, zog er das schwarze Tuch etwas zur Seite. Der Todte war ein Mann von ungefähr sechsunddreißig Jahren, sein Antlitz war blaß und diese Blässe wurde noch mehr durch eine an der Schläfe weitklaffende Wunde hervorgehoben; eine ähnliche Wunde sah mau weiter unten am Fuße. Als das Weib, das bis nun im Winkel zusammengekauert lag, die aufgedeckte Leiche erblickte, stürzte sie sich gleich einer Wahnsinnigen über sie her, umarmte sie, küßte sie und stieß Wehlaute aus, die schrecklich anzuhören waren und einen Stein erweicht hätten. Alle, die sie umgaben, weinten mit. Armer Mann, armes Weib und noch mehr arme Kinder! Am Morgen desselben Tages ging er gesund und wohlgemuth aus, nichts ließ ein solch schreckliches Ende voraussetzen, und nun lag er da, Kerzen zu Häupten — eine Leiche! Armer Abraham! Armer Abraham! Die Leute wiederholten beständig diese Worte und vergossen Thränen des aufrichtigsten Bedauerns. * * * Es gab überhaupt in ganz Jassy keine unglücklichere und vom Schicksal mehr verfolgte Person, als diese am Boden liegende Leiche. Die Geschichte des Abraham Gaznik (Gaz bedeutet im Rumänischen Petroleum), wie man den Tobten nannte, ist nicht diejenige eines Märtyrers, sondern diejenige eines unglücklichen, vom Schicksal auf Schritt und Tritt verfolgten Menschen. Von seiner Wiege an bis zu seinem Tode war ihm Alles feind; die Menschen und die Arbeit, Alles verfolgte ihn. Wer ihn sah und kannte, frug sich unwillkürlich, warum der Herr, der Allmächtige und Allerbarmer eines seiner Geschöpfe soweit verfolgen konnte und ob dieser Mensch nur dazu geschaffen war, um ein knmmer- und schmerzensreiches Leben zu führen. Denn dieser arme Mensch hat sich Zeit seines Lebens keines einzigen glücklichen, frohen Tages erfteut. Die Feen, die an seiner Wiege standen, haben für ihn den Faden der Verfolgung gesponnen, sowie sie für Andere ein glückliches und gesegnetes Leben spinnen. 9 Er war der Sohn Zeines armen Trödlers, der es verstanden, die Welt mit einer Unzahl von Kindern zu bereichern, von denen Abraham das jüngste war. Seine Geburt kostete seiner Mutter das Leben. Als sie noch im Wochenbette lag und Niemanden hatte, der sie bedienen sollte, schickte die Arme sich an, ihr neugeborenes selbst zu baden; die Badewanne stürzte um und das Kind fiel zur Erde. Das Kind kam gut davon, aber der Schreck tödtete die Mutter; ein heftiges Fieber stellte sich ein und am Tage nach der Beschneidung hauchte die Arme ihre Seele aus. Einen Tag früher und er hätte mit Recht Benjamin nach dem jürrgsten Sohne unseres Erzvaters heißen können. Somit war dem Abraham die Mutterbrust entzogen, und da sein Vater ju arm war, um ihm eine Amme zu halten, so blieb er oftmals stundenlang ungenährt, bis sein ohrenzerreißendes Schreien irgend eine mitleidige Nachbarin herbeirief, die ihn an ihrer halb ausgepreßten Brust kärglich stillte. Indessen wuchs und gedieh das Kind und hatte eine zähe widerstandsfähige Natur. Im Alter von vier Jahren, den ganzen Tag sich selbst überlassen, stieg Abraham auf einen Sessel hinauf, von welchem er nach dem Beispiele seiner älteren Geschwister und der Nachbarskinder hinunterspringen wollte. Da er aber zu klein und unbeholfen war, so fiel er zur Erde und zerbrach sich das Nasenbein. Einige Jahre später — er war bereits nenn Jahre alt und besuchte schon das Cheder (Elementarschule der Juden) — spielte er eines Tages im Schulhofe mit seinen Mitschülern. Dort waren sehr viele Holzscheite aufgelagert. Er kletterte hoch oben hinauf und stand da kerzengerade zur allgemeinen Bewunderung seiner Kameraden, die ihn eifrig'beklatschten. Ein anderes Kind wollte es ihm nachthun und sei es, daß es zu ungeschickt oder daß es unvorsichtig war, genug, es brachte die Holzscheite in Bewegung, sie rollten auseinander, Abrahanr fiel dazwischen und erhielt einen heftigen Stoß, der ihm einen zwar kleinen, aber dennoch entstellenden — Buckel zurückließ. Ah! Dieses Cheder, in welchem andere Kinder die heitersten und glücklichsten Jahre verbringen, für ihn war es eine Hölle. Sein Vater war nicht nur nicht reich, sondern sogar sehr arm. Er konnte für seinen Sohn das Schulgeld nicht bezahlen und ebensowenig alle Nebengebühren, als Purim-, Chanuka-, Chamischaossergeld u. s. w. Der Lehrer, ein armer und von Natur aus roher Mensch, behielt ihn, um sich vor der Welt als barmherzig zu zeigen, gegen die geringe, geradezu lächerliche Bezahlung von sechs Piastern (ein Piaster ist ungefähr 10 kr.) pro Jahr. Das Kind war klug und aufgeweckten Geistes und lernte fleißig. Kaum vergingen einige Tage, so kannte es schon das Alef-Beth, und kurze Zeit darauf ging es bereits leidlich mit dem Lesen. Nichtsdestoweniger war es der Sündenbock der reichen Elternsöhne. Was auch von den Schülern verbrochen wurde — ohne sich im geringsten die Mühe zu geben, nach dem wahren Urheber zu forschen, als wäre es selbstverständlich, ließ der unmenschliche Lehrer seine Peitsche auf dem Rücken des armen Sündenbockes spielen, und es halfen dagegen die schüchternen Vorstellungen des armen Abraham nichts. Kniff ein Knabe den Andern unter dem Tische, während der Lehrer dieselben unterrichtete, so daß er durch das Schreien des Gekniffenen in seinem Amte unterbrochen wurde, so ergoß sich der Zorn desselben über den armen Abraham, und es regnete Hiebe und Stöße über ihn her, und er, der aus Angst vor der bevorstehenden Strafe im Vorhinein schon' roth im Gesichte wurde, bezeichnete sich dadurch in den Augen des rohen Menschen als den Schuldigen. Späterhin, — Abraham war schon bedeutend älter geworden, wenn der Lehrer vor seinem Tische saß und er vergebens versuchte, den Dummköpfen, die ihn umgaben, den Sinn und die Bedeutung der Sedra (biblischer Wochenabschnitt) beizubringen, so war es wiederum Abraham, auf den sich der Zorn des Lehrers ergoß, der angesichts dieser blöden Kerle die Geduld verlor. War er doch der Aermste unter ihnen, und es war ja keine Gefahr vorhanden, daß er einen Schüler verlieren würde. Und ebenso wie einst die Söhne der Bauern und Leibeigenen für die Vergehen der Söhne ihrer Herrschaften geprügelt wurden, ebenso mußte der wunde und zerschlagene Rücken des unschuldigen Sündenbockes herhalten, zur Warnung der reichen Leute Kinder, die es sich merken sollten, was die rohe Hand eines

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