Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 38 (17.9.1897)
- Date
- 1897-09-17
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 38 Dr. Bloch'» Wochrnphrlfl» Sette 777 zuschlämmen. Die Ortsbewohner machten Einwendungen, er ging aber so weit, sein ganzes Geld in den Kauf dieser Besitzung dreinzusetzen und nun war er frei, seine Nachforschungen durchzuführen. Nach vieler Mühe fand er die kleine Tefillinbüchse, die sein Bruder beschrieben hatte. Mit zitternden Händen öffnete er die Klappe und auf einmal flog der heraus, sich emporrichteud bis zu beit Wolken, seiner neugefnndenen Freiheit sich freuend. Der neidische Bruder sank auf sein Angesicht in Bestürzung, und als er versuchte, sich auszurichten, fand er „Bös Glück" sich heftend an seinen Nacken, mit einer Last, die ihn zum Taumeln brachte. „Ach, mit Verlaub", sagte der Neidische, nicht ich war es, der Euch dorthin brachte, sondern mein Bruder war es; wenn Jemand Ihr strafen wollt, geht zu ihm." „Bös Glück" aber heftete sich an ihn noch fester. „Nein, nein", sagte es, „ich habe an Eurem Bruder' genug gehabt, Ihr seid mein Erhalter gewesen und ich werde Euch niemals verlassen". „Bös Glück" war so gut als sein Wort, und der neidische Bruder wurde von nun an der Schlemiel. Mehrere gute Geschichten schildern den Schlemiel als Rav; in der That sagt mir der Chief Rabbi, daß eine ganze ansehnliche Menge Literatur über diesen Zweig des Gegenstandes gesammelt werden kann. Da wird eine Geschichte erzählt von dem Rav, der Schlemiel genug war, in einer zankhaften Gemeinde zu dienen, deren ewige Streitigkeiten sein Leben zu einer wahren Marter gestalteten. Bei einer Gelegenheit kani einer der Führer der Gemeinde zu ihm, mit einer Klage gegen einen vornehmen Amtsgenossen. Der Rav hörte seine Geschichte an und bemerkte: „Ich kann nur sagen, Ihr habt vollkommen Recht". Gleich darauf sprach sein Gegner vor, und nach einer langen bitteren Herzählung des erlittenen Unrechts, konnte der arme Rabbi ihm nur erwidern: „Ich kann nur sagen, Ihr habt vollkommen Recht". Die Rebezen. die beide Unterredungen beobachtet hatte, wendete sich nun zu ihrem Gemahl und schalt ihn weidlich. „Ihr habt beiden Parteien Recht gegeben," sagte sie, „Ihr müßt ein ganzer Schlemiel sein." „Meine Theure," sagte der Rabbi, „ich kann wieder nur sagen, Ihr habt auch ganz Recht." Bei einer anderen Gelegenheit kam der Schlemiel des Ortes zum Rav und quälte ihn, er möge ihm zu emer Parnassa rathen, da ihm Alles schon fehlgeschlagen, an was er denken konnte. Endlich^kam dem Rav eine glückliche Idee. „Ich denke", sagte er, „ich sähe ein reiches Auskommen für Euch. Biele Leute, wenn sie „Tachnun" sagen, bedecken andächtig ihre Augen mit den Armen, aber ich bin überzeugt, daß es zahlreiche Fälle gibt, wo kein einziges Wort dieses Gebetes von ihnen hervorgebracht wird, da sie es nicht auswendig können. Nun, Alles, was Ihr zu thun habt, ist, daß Ihr zu Mincha in den verschiedenen Synagogen hernmgeht und die Leute fragt, ob sie während Tachnun das Gebet sagen können. Ihr werdet sehen, Viele werden Euch mit Vergnügen Etwas zahlen, damit Jhr's für sie saget oder ihnen eine Blamage ersparet." Der Schlemiel war entzückt. Er war so eifrig, anzufangen, daß er kaum Mincha erwarten konnte, als er die erste Gelegenheit ergriff, auf den Rav zuzutreten, der seine Augen bedeckt hatte und ihm sagte: „Rav, könnt Ihr wirklich dieses Gebet sagen?" Der Rav war so bestürzt über diese unerwartete Unterbrechung seiner Andacht, daß, was er nur versuchen wollte, er nicht im Stande war, es zu wiederholen und selber Schlemiel genug war, die erste Strafe zu bezahlen. Der Chief-Rabbi, dem ich diesen Beitrag zum heutigen Abendvortrage verdanke, mag weiter darüber nicht bemüht werden, auch nur nachzudenken, ob der in Frage stehende Rav wirklich das Gebet kannte oder nicht. Doch werden auch tatsächliche Fälle von unwissenden Rabbonim angeführt, und die Geschichte wird erzählt von dem Schlemiel, der sein Geld dreinsetzte, sich ein rabbinisches Diplom zu verschaffen, kraft dessen er an verschiedenen Orten ausgenommen wurde, immer Ausreden findend für Nichtabhaltung einer Predigt oder sonstige Probebeweise seiner Rabbinerbefähigung. Endlich kam er nach einer Stadt, deren Rav erst kürzlich ernannt worden war, auf Grund eines Rabbinerdiploms, das in derselben Weise gekauft war. Er entdeckte sogleich in dem besuchenden Rav einen Betrüger, und in Gegenwart des Beth Din verlangte er, sein Diplom zu sehen. Der Schlemiel wurde nervös, steckte seine Hand in die falsche Tasche und übergab dem Rav, was in der That eine hebräische Ausschreibung gewisser Rechnungen war, die mit einer früheren Geschäfts-Speculation zusammenhingen. Er zitterte, indem er den anderen Rav beim Durchlesen beobachtete, und hielt sich chon für den größten Schlemiel auf der Welt, als endlich sein ausgezeichneter College Amtsbruder mit verstellter Miene, als hätte er das Schriftstück lesen können, ihm dasselbe zurückgab, mit einer Entschuldigung, seine Beglaubigungsdocumente verlangt zu haben. Noch zwei Schlemielgeschichten und wir sind zu Ende. Manchmal wird der Schlemiel vorgeschützt, durch einen verschmitzten Erzschelm, der, an sich Nichts weniger als ein Schlemiel, aus der Rolle Simon des Reinen Capital schlägt. Eine gute Geschichte wird von solch einem Manne erzählt, der bei Baron Rothschild mit einem Einführungsschreiben vorsprach, das angeblich von einem ausgezeichneten und allgemein geachteten Chief-Rabbi auf dem Festlande herrühren sollte. Der Brief legt dar, daß der Ueberbringer ein guter frommer achtbarer thätiger Mann wäre, der in jeder Weise Unterstützung verdiene und Malheur gehabt Hütte, weil er ein solcher Schlemiel sei, daß Alles, was er anrührte, verkehrt ausging. Nun traf es sich, daß Rothschild in seinem Bureau einen Schreibangestettten hatte, einen Sohn des in Frage stehenden Rabbi. Er zog die Glocke und der jnnge Mann kam gleich und stand vor seinem Dienstgeber, seine Aufträge erwartend, ohne Zeichen der Erkennung jenes Fremden im Bureau. „Kennt Ihr nicht diesen Gentleman?" sagte der Baron. „Nein", war die Antwort. „Ist dies die Schrift Eures Vaters?" „Nein", war wieder die Antwort. „Was glaubt Ihr", sagte der Baron zu seinem Besucher, „daß Ihr mit einem so unverschämten Lügengewebe hierherkommt?" „Es ist durchaus keine Lüge", sagte der durchgetriebene Spitzbube, der znm Anlässe rege wurde, „es ist wahr genug, wie Ihr sehen könnt, daß der Brief besagt, ich sei ein Schlemiel. und was immer ich anrühre, verkehrt ausgeht. Wenn Ihr noch weitere Beweise verlangt, müßt Ihr wirklich sehr schwer zu befriedigen sein". Wir sind versucht, zu glauben, daß es derselbe Mann gewesen sein muß, der, als ein großes Finanzhans in Trauer versetzt wurde, zur Geschäftsstelle kam und im Hofe bitterlich zu weinen anfing. Von seinen Klagen herbeigezogen, kam Einer der Schreiber heraus und sagte ihni recht artig: „Mein guter Mann, Ihr hättet besser nach Hause gehen, es ist sehr giitig von Euch, aber Ihr seid nicht einer von der Familie". „Das ist's, warum ich weine", sagte der Mann. Es wäre unmöglich, die Geschichte des Schlemiels zu vervollständigen, ohne wenigstens ein einziges Beispiel vom Schlemiel als Körpevschaft, und wir haben die Geschichte der ganzen Gemeinde, die alle solche Schlemiels waren, daß sie sich überreden ließen, von einem schlagfertig geistreichen Spitzbuben, sie hätten sich in der Berechnung des hebräischen Monats geirrt und daß der Tag seiner Ankunft Erev-Jom-Kippur wäre. Die Gemeinde wußte nicht, was zu thun, da sie keinen Chasan hatten für die Gelegenheit. Ihr Besucher war glücklicherweise qualificirt und wohlverstanden, den ganzen Gottesdienst für die Summe von 4 Pfund Sterling zu übernehmen. Die Gemeinde versammelte sich und Kol Nidrä wurde gebetet in ausgezeichnetem Style. Am folgenden Tage kanr ein jüdischer Reisender in die Stadt, und zu seinem großen Erstaunen fand er Niemanden zu Hause. Indem er Nachfragen hielt, erfuhr er zu seiner großen Ueberraschung, es sei Versöhnungstag, und schnell suchte er die Synagoge auf, um den Sinn des Jrrthums zu entdecken. Der Abenteurer beim Betpult sah den Fremden yereinkommen und wußte, wenn er nicht mit dem neuen Ankömmling zu einem Einverständniß käme, daß ihm Schande öevorstehe. Es traf sich, daß er die Selichoth zu Mussaf las, und mit einem bedeutsamen Blick auf den verblüfften Fremdling, trug er folgenden Verse vor statt Jener im Machsor: -b •oro nrrob »m« kti D'ariK cj? dot bai 76® '2N1 ”2cn 'man *f?3 nno Vier Pfund Sterling gaben sie mir. Unwissend sind sie Alle hier, Tie Hälfte mir, die Halste Dir, Morgen fliehen wir weg von hier. Der Fremde, man bedauert es zu sagen, glaubte, eine Gemeinde von Schlemiels wie diese, sei ein rechtmäßiger Fang, und theilte die Beute mit dem originellen Spitzbuben. Hier endet die Geschichte von dem Schlemiel, das heißt, so weit als dieser Vortrag in Betracht kommt. Denn da Schlemiel Schlemiel bleibt, so ist die Wahrscheinlichkeit, daß bei einer Gelegenheit, wo er der Held, die besten Geschichten von ihm übergangen find.