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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-09-17 · 38 (17.9.1897) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
38 (17.9.1897)
Date
1897-09-17
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 38 Vr. Vwch's rvochrnphrtfl Seite 771 Auch ich war Honved-Officier, der unter Bem in Siebenbürgen seine bescheidenen Lorbeern pflückte, aber ein ehrlicher Soldat läßt sich nicht herbei, nach 50 Jahren die Nation zn besudeln unter deren Fahne er gefochten. Ein 72jähriger 48er. Wiener Legionär und Honved-Officier. Budapest. Das „Budapester Tagblatt" bringt solgendes Interview eines seiner Mitarbeiter mit einer soeben aus Jerusalem eingetroffenen Persönlichkeit, das von allgemeinem Interesse sein dürfte. Es ist dies Dr. G r ü n h u t, Director einer neuen deutschen Schule in Jerusalem. Das Interview hatte im Wesentlichen folgenden Inhalt: — Halten Sie, Herr Director, Palästina überhaupt für ein Land, das eine größere Colonisation vertragen würde? Las man doch in der neuern Zeit immer, daß der Boden steinig und unfruchtbar sei. — D a s i st e i n t o t a l e r I r r t h u m, wenigstens was die heutigen Verhältnisse anbelangt. Palästina war allerdings durch zwei Jahrhunderte unfruchtbar, denn so lange ist der schon in der Bibel erwähnte Spätregen (Herbstregen) ausgeblieben; seit einigen Jahrzehnten aber hat sich derselbe merkwürdigerweise wieder alljährlich eingestellt. Außerdem gibt es daselbst einen so starken Thaufall, daß man, wenn man Abends einen längeren Spaziergang macht, ganz durchnäßt nach Hause kommt. Dieser Th au ersetzt durch sieben Monate den Regen, u n d während dieser sieben Monate reifen alle Früchte. — Unter solchen Umständen sollte man meinen, daß das Leben daselbst ein sehr gutes und bequemes sei und doch lauten alle Berichte dahin, daß die Armuth daselbst eine große ist. — Das ist leider wahr, daran trägt aber nicht das Land die Schuld, sondern die speciellen Verhältnisse. Namentlich die Juden leben daselbst in schrecklicher A r m n t h und können sich nur durch die ihnen von europäischen Glaubensgenossen zukommenden Almosen erhalten. — Wie viele Juden gibt es in Jerusalem? — Dreißigtallsend, während die Anzahl der Einwohner überhaupt fünfzigtausend beträgt. Von diesen dreißigtausend sind vielleicht vierhundert spaniolische und dreihundert sogenannte askenasische Familien in der Lage, sich selbst zu erhalten: alles Andere lebt von den erwähnten Almosen. — Daraus würde sich ergeben, daß die Juden daselbst zur Arbeit überhaupt unfähig sind. — Daß dem nicht so ist, beweisen zehn jüdische Ackerbaucolo nien inl Lande, die floriren und den zwei großen deutschen Colonien daselbst erfolgreiche Concurrenz machen. — Es sind also auch deutsche, nichtjüdische Colonien daselbst? — Ja, wie ich eben sagte, zwei. Ich weiß nicht, wie das kommt, aber die Einwanderung erlauben die Türken nur den Deutschen und Russen, während alle anderen Europäer blos auf einen Monat gütige Aufenthaltsscheine im Lande erhalten können. Beinahe die gesammte Industrie und Ausfuhr ist heute bereits in den Händen der Deutschen. — Welches sind die Landessprachen? — Arabisch und Hebräisch, das reine Schrifthebräisch, welches schon die kleinen Kinder daselbst sprechen. In den jüdischen Schulen, auch in denjenigen, welche von Europäern geleitet werden, ist das Hebräische die Unterrichtssprache; es erscheinen in Jerusalem zwei Tagesblätter und in Jaffa eines in hebräischer Sprache und auch eine ziemlich starke hebräische Literatur gibt es daselbst, sowie hervorragende jüdische Gelehrte. — Wie ist das Berhältniß der Bevölkerung zu den Juden? — Sehr gut. Die Araber, welche hier die herrschende Claffe sind, betrachten die Juden als Brüder; namentlich haben dieselben durch den letzten Krieg viel in den Augen der Moslems gewonnen, weil sie treu zum Sultan hielten. Uebrigens genießt der europäisch gekleidete Mensch daselbst großer Achtung, weil man weiß, daß er unter ausländischem Schutze steht. — Gibt es auch österreichische Juden in Jerusalem? — Vierhundert Familien mit ungefähr zwölfhundert Seelen. Auch sie sind f u r ch t b a r a r m; die ärmsten aber sind die marokkanischen Juden, die in einem Elende leben, das jeder Beschreibung spottet. Sieleben in wahren Mauerlöchern, zusammengedrängt, von kaum einem Gulden monatlich, der auf jede Person aus den Sammlungen entiällr. Es ist geradezu ein Jammer. — Um die Mauer des alten salomonischen Tempels, um die Gräber der Patriarchen sehen zn können, dafür hungern und darben Tausende ihr ganzes Leben lang. -- Unter solchen Umständen glaube ich nicht, daß die zionistische Bewegung eine besondere Aussicht auf Erfolg batte. Meinen Sie nicht auch, Herr Doctvr? — Der Erfolg wäre nicht unmöglich, wenn die Inden wollten; aber ich glaube, daß nicht Biele nach Palästina gehen möchten . . . Der Schuldirector ans Jerusalem meinte, der Hauptfehler des zionistischen Programms sei der, daß Leute, die etwas haben, überhaupt nicht zu bleibender Niederlassung nach Palästina kommen würden, während Leute, die nichts haben, blos die Anzahl der von Almosen Lebenden daselbst vermehren würden, da eine Landauftheilung so bald doch nicht möglich wäre. Budapest, 1. September. Die ungarischen Zeitungen veröffentlichten Ende August Nachrichten über die abschlägige Erledigung eines Gesuches der israelitischen Landeskanzlei, die sich an die Militärbehörden mit der Bitte wandte, daß die der gemeinsamen Armee angehörigen Recruten jüdischen Glaubens nicht am 6. October, auf den Heuer der Bersöhnuugstag füllt, sondern am darauffolgenden Tage einrücken mögen. Tie Thatsache, die zu diesen Gerüchten Veranlassung gab, scheint nicht bestritten zu werden, denn die Militärbehörden haben sich dieser Bitte gegenüber ablehnend verhalten. Das gemeinsame Kriegsministerium, dem die Angelegenheit vorgelegt wurde, ordnete aber nachträglich an, daß der Bitte Folge geleistet werde. — Auf Anregung der israelitischen Landeskanzlei, die die Einberufung des Landescongreffes eifrig propagirt, gelang es den Bemühungen des Gerichtsrathes Wilhelm Lippe, den 16. Gemeindedistrict, dem die Cnltusgemeinden Jäfz-Kün-Szolnoker, Heveser und Borsoder Comitate angehören, zu constituiren. Zum Districtspräsidenten wurde Gerichtsrath Wilhelm Lippe gewählt. — Die hiesige Friedhofsverwaltung kommt ihren Pflichten so lässig nach, daß sich der Pefter „Heilige Verein" veranlaßt sah, die Aufmerksamkeit der Behörde auf die dadurch verursachten Uebelstände zu lenken und um strengere Handhabung der Normen anzusuchen. Ter Friedhofsverwaltung obliegt nämlich die Pflicht, von der Auffindung der Leichen unbekannter Israeliten dem „Heiligen Verein" die Anzeige zu erstatten, die dann für die Bestattung derselben sorgt. Dieser Anzeigepflicht kommt aber die Friedhofsverwaltung sehr lässig nach und läßt die Todten in der christlichen Abtheilnng beerdigen. Der „Heilige Verein" veranlaßt in jedem Falle die Exhumirung der Leichen. — In Lipt6-Ujvär starb der Districtspcäsident Dr. Adolf Roth, der sich in ganz Oberungarn eines großen Ansehens erfreute. Kurz vor seinem Todte hatte er noch die Freude, daß die Promotion feines Sohnes zum Doctor der Medicin sab auspiciis regis genehmigt wurde. Den erhebenden Act selbst sollte der Greis nicht mehr erleben. — Der vor Kurzem in Ischl verstorbene hiesige Kaufmann Bernhard Banmgarten testirte verschiedenen jüdischen Wohlfahrtseinrichtungen ein Dritttheil seines Vermögens, d. i. 95.000 Kronen. — Der katholische Pfarrer- Anton Hegyi, der in Wort und Schrift den Antisemitismus propagirt, erklärte unlängst in feinem Blättchen, daß er am 18. August, dem Geburtstage des Königs, keine Messe lese, weil er Corporationen, Behörden ec., deren Mitglieder Juden, Freimaurer und Liberale sind, keinen Einlaß in die Kirche gewähre. Gesagt, gethan. Der Gottesdienst unterblieb. Darauf hat die städtische Vertretung von Budapest an den Rabbiner Martin Büchler die Bitte gerichtet, der katholischen Bevölkerung Gelegenheit zu geben, an dem feierlichen Gottesdienst in der Synagoge theilnehmeu zu dürfen. Der Rabbiner war sofort einverstanden, und sämmtliche Corporationen, staatliche und städtische Behörden, Vereine, ein großer Theil der christlichen Bevölkerung erschienen im jüdischen Gotteshaus. Büchler hielt die Festrede, die auf die Anwesenden einen gewaltigen Eindruck machte. Der Oberstuhlrichter, der dem Redner den Dank der Behörden überbrachte, erbat sich die Erlaubnis, die Rede drucken und unter die Bevölkerung vertheilen zu dürfen. Debreezin. (T e m p e l e i n w e i h u n g.) Die Debrecziner isralitische Gemeinde feierte das Millennium unter Andern damit, daß sie in einer der frequentesten Straßen einen vrüchtigen Tempel erbauen ließ. Das nach den Plänen des Wiener Architekten Jacob Gärtner mit einem Kostenaufwande von 200.000 fl. in maurisch-byzantinischem Style erbaute Gotteshaus wurde am 8. d. M. mit großer Feierlichkeit eingeweiht. An

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