Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 38 (17.9.1897)
- Date
- 1897-09-17
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 770 Hit. 38 Vr. 9Urat» WortzensttzrM staud'und eilt zahlreiches Publicum zum Eutpfange eiugefundeu. Der feierliche Gottesdienst begann um 6 Uhr Abends. Der ehrwürdige Rabbitter wurde durch eine Deputation nach der bis auf dem letzten Plätzchen dichtgefüllten und in allen Räumeit festlich erleuchteten Schiffspuagoge eingeholt, woselbst über dem Eingang eilte Triumphpforte errichtet war. Nachdent der ehrwürdige Rabbiner unter einem herrlichen Baldachin den Tempel betreten hatte, wurde er durch den Tempelchor unter der bewährten Leitung des Obercantors Herrrr W i t t m a n n mir einent Boruch haboh begrüßt. Es folgten noch einige herrliche Gesangspiöcen, worauf das Minchagebet verrichtet wurde, nach dessen Beendigung Herr Marcus B o n d i im Namen des Vorstandes eine tiefempfundene, im Herzen aller Anwesenden lebhaften Widerhall findende Begrüßungsansprache hielt, in welcher er auch mit Pietät des verstorbenen Rabbi Salantou Spitzer gedachte und den treuen Rabbiner in feinem Wirken derselben vertrauensvollen Mithilfe und thatkräftiger Unterstützung, wie sie seinem Vorgänger zutheil wurde, versicherte. Nun folgte der Glanzpunkt der Feier; Herr Rabbiner Fürst bestieg die Kanzel, um in seiner großangelegten, meisterhaften Antrittsrede, die auf alle Anwesenden einen nachhaltigen Eitidruck machte und allgemeinen Beifall fand, sein reichhaltiges Programm zu entwickeln. Nach Schluß derselben verrichtete er ein Gebet für das Allerhöchste Kaiserhaus und für die hohe Landesregierung. Von der Kanzel herabsteigend wurde er von allen Seiten beglückwünscht. Unter den Anwesenden bemerkte man den ehrwürdigen Schwiegervater des Herrn Rabbiners, den Oberrabbiner K u t n a aus Eisenstadt, ferner in Vertretung der hiesigen israelitischen Cultusgemeinde die Herren Dr. Spitze r, Dr. Berge r und Dr. Liebe n, Deputationen aller hiesigen Gemeindeti, sowie der Gemeinden Eisenstadt,. Preßburg, Eperies, Mattersdorf, Tyrnau, Oedenburg u. s. w. Es waren auch zahlreiche Depeschen aus allen Richtungen der österreichisch-ungarischen Monarchie eingelaufen. Samstag hielt der Herr Rabbiner abermals vor einem nach Tausendett zählenden Publicum eine allgemeinen Enthusiasmus und außerordentliche Begeisterung hervorrufende Rede. Abends fand in dem Kunstadt'schen Restaurations garten ein Festbankett statt, welches Herr Oberrabbiner K u t n a durch einen überaus witzigen Toast würzte; es sprachen ebenfalls sehr schön Herr Rabbiner Fürst und der zufällig anwesende Rabbiner Nobel aus Halberstadt; bemerkenswerth sind ttoch die Toaste des Herrn Professors Hofmann und des Herrn Leopold Kohn, welch Letzterer der Freude der ganzen Gemeinde Ausdruck gab/ einen solch würdigen Nachfolger des Rabbiners Salamon Spitzer s. A. gefunden zu haben. Wieu, Ottakring. Die Einleitung polizeilicher Maßregeln gegen die Schlechtigkeit der Kinder erinnert an beit Prügelknaben, welcher herhalten mußte, so oft der Prinz eine Unthat beging. Zufälligerweise haben wir in Wien jetzt auch einen Prinzen Liechtenstein der Allerlei treibt; ist es aber unstatthaft, gegen sein Treiben einzuschreiten, so soll man doch gegen jene erwachsenen Antisemiten, welche sich von ihm zu Rohheiten verführen lassen, geeignete Maßregeln ergreifen, aber nicht gegen deren unschuldige Kinder. Der Wahlbezirk Hernals-Ottakring des Prinzen Liechtenstein ist unter der Errettung seines prinzlichen Abgeordneten nicht nur ärmer geworden, sondern moralisch so gesunken, daß, wenige Gassen und Häuser ausgenommen, eine polizeiliche Züchtigung täglich an Erwachsenen vorzunehmen Veranlassung vorliegt. Man gehe z. B. die Ottakringer Hauptstraße entlang und man wird an mehreren Häusern noch immer den Auftuf-Zettel für christliche Arbeiter: „Wählet Mittermayer" angebracht finden. Man sollte glauben, daß. nachdem die Exclusiv-Christen schon des Glücks theilhaftig wurden, Mittermayer in ihrer Mitte gewählt zu sehen, sie jetzt schon auf die Ehre verzichten könnten, daran erinnert zu werden; weit gefehlt! Die Hausherren in dieser Straße belassen die Zierde an den Mauern, um eventuell noch Kindern und Kindeskindern diesen Namen unsauslöschlich einzuprägen. Man sehe sich ferner die k. k. Tabak-Trafiken an; die meisten Schaufenster haben nur „Kikeriki", „Freiheit", „Weltblatt" rc. ausgestellt; eine Trafik, Ottakringer Hauptstraße 42, hatte sogar ein großes Luegerportrait mit Lorbeerkranz die längste Zeit ausgestellt, dann kam eine weiße Nelkenstaude zum Vorschein und noch sonsttge Decorationen, bis endlich Alles verschwand, wahrscheinlich behördlich inhibirt. Zur Zeit der Wahlagitationen hatten kleine Kinder ausgerufen: „Hoch Lueger, nieder mit Badeni!" Das „Deutsche Volksblatt" wird sich hüten, wahrheitsgetreue Berichte aus solchen Bezirken zu bringen, aber zur Fütterung hirnverbrannter Köpfe weiß es Lügen zu erfinden und sie hinauszutragen. Vorerst gilt es also, die Moral der Erwachsenen nicht utttergraben zu lassett, und den Antisemitismus auszurotten, darf man sich aber an diese tiicht herauwagen, so soll man auch die Kinder nicht strafeit; diese Kleinen verkünden nur unbewußt, was ihre Eltern und Umgebung ihnen Vorsingen. Welches Kind pfeift und singt heute nicht den Lueger-Marsch? Diese Melodie wird noch in den Schulen eingeleiert werden, wenn es so fortgeht. Cosmopolit. Erziehungsanstalt für geistig abnorme und nervöse Kinder. In Oesterreich machte sich seit langer Zeit der Mangel an Erziehungsanstalten für geistig nicht normale Kinder in empfindlicher Weise geltend. Im Vorjahre nahm der vor Kurzem verstorbene Professor der gerichtlichen Medicin, Dr. von H o fm a n tt, anläßlich einer Vorlesung die Gelegenheit wahr, auf die unbedingte Nothwendigkeit der anstaltsmäßigen Versorgung geistig zurückgebliebener Kinder hinzuweisen, da ttur in entsprechend organisirten Anstalten die nothwendigen Vorkehrungen für den methodischen Unterricht, die Erziehung, sowie für die Ausbildung der Zöglinge für das praktische Leben getroffen werden können. Zu derselben Erkenntniß gelangen viele Eltern, wenn sie die Wahrnehmung machen, daß sich ihre schwachbefähigten oder geistig zurückgebliebenen Kinder in der Familie geistig und körperlich nicht recht entwickeln und weder in der Schttle noch im Privatunterricht befriedigende Fortschritte machen. Aerzte und Pädagogen, an welche man mit Anfragen bezüglich privater Erziehungsanstalten für geistig nicht normale Kinder herantrat, mußten bisher die Auskunft ertheilen, daß in Oesterreich derartige Privatanstalten nicht bestehen, und da sich verhältnismäßig nur wenige Eltern dazu entschließen köntten, ihre geistesschwachen Kinder weit entfernten ausläitdischen Anstalten anzuvertrauen, aus welchen — abgesehen von den völlig veränderten Lebeusbedingungen — der Uebertritt an österreichische Schulen sehr erschwert wird, so ist thatsächlich die Zahl jener Kinder, welche in den Familien ohne hinreichenden Unterricht und ohne ernste Beschäftigung aufwachsen, gerade in Oesterreich eine erschreckend große. Es hat uns daher die Nachricht mit besonderer Befriedigung erfüllt, daß nunmehr eine Privat-Erziehungsj a n st a l t für geistig abnorme u n d nervöse K i n d e v in Wien—Grinzing von dem durch seine heilpädagogischen Bestrebungen bekannten Director der israelitischen Blindenanstalt, Herrn S. Heller,, in's Leb'eil gerufen wurde. Die Organisation und Leitung hat Herr Dr Theodor Heller übernommen, welcher durch mehrere Jahre als Mitglied des Institutes für experimentelle Psychologie thätig war. Die Methoden der Anstalt entsprechen den Principien der modernen Heilpädagogik, die Einrichtungen sind nach dem Muster der besten ausländischen Anstalten getroffen. Wohl zum ersten Mal finden wir in einer Erziehungsanstalt die consequente Durchführung des Pavillonsystemes, das in hygienischer und pädagogischer Beziehung den Zöglingen besondere Vortheile bietet. Aus dein Prospecte entnehmen wir, daß die Anstalt derzeit über einen 2800 Quadratklafter großen Park, drei Pavillons, Turn- und Spielplätze, Wandel- und Kegelbahn, sowie über zweckmäßig eingerichtete Werkstätten verfügt. Ein gut geschultes Lehr- und Pflegepersonal steht dem Anstaltsleiter zur Seite, und so erscheinen alle Bedingungen für die günsttge Entwicklung der Zögliitge in der Attstalt erfüllt. Wien. Aus Neu-Raußnitz schreibt man uns: Geehrte Redaction! Etwas verspätet las ich gestern in einem Ihrer altern Blätter von dem Buche eines Honved- Officiers Slowak. Ich erkläre ebenfalls seine Behauptungen als Lügen und Machwerk. Bon wahren Magyaren hat sich niemand an Judenberaubungen betheiligt. Ich war im April beim zweiten Judenkrawall zufällig in Preßburg. Ich ging die ganze Nacht unter dem Pöbel herum, um feilte Sprache zu hören. Ich hörte vorherrschend das slovakische Idiom, gemischt mit deutschem und hie und da auch das italienische, denn es waren beim Rauben auch Wellische vom Bahnbau dabei. Magyarische Worte habe ich nicht gehört. Es war dies eine entsetzliche Nacht! Die Schilderung jener Affaire finden Sie von mir in einem April-Blatte der „Brünner Zeitung" vom Jahre 1848. Ich nannte darin verschiedene Namen deutscher Preßburger Bürger und hörte, daß diese in eben dieser Zeitung sich rein zu waschen bestrebten. Damals Legionär las ich das Blatt nicht und konnte auch nicht antworten. Was ich über den Krawall schrieb, las ich erst im Jahre 1894 in der Olmützer Studienbibliothek. Der Verfasser jener Broschüre ist jedenfalls ein Lump.