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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-09-17 · 38 (17.9.1897) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
38 (17.9.1897)
Date
1897-09-17
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Vir. 38 De. Vlortz's WvchenlchrM. £:eitc 769 in der Regel den größten Unsinn 3» Tage fördern. Mit Recht spricht daher heute die Wissenschaft von der „Psychologie der Massen" die das sonderbare Ergebniß fördert, daß eine geistige Eapacität, wenn vervielfältigt, ihre Potenz nicht vermehrt, sondern auslöst." „Rechnet man noch hinzu, wieviel Verschrobenheit,'Unwissenheit, Anmaßung und — last not least — Unehrlichkeit sich ans diesem Eongreß Geltung zu verschaffen suchte, so kann man sich im voraus ein Bild von dem Geiste machen, der in diesen Tagen in Basel geherrscht haben wird." „Nichtsdestoweniger muß die Frage: thnn .Diejenigen recht, welche die ganze Bewegung ignorircii und die Wiederbelebung des jüdischen Stammesbewnßtseins Narren und Schelmen überlassen? — unbedingt v e r n e i nt werden. Wobei man ba§ schmerzliche Bedauern nicht unterdrücken kann, daß iit unseren tragen jeder Gemeinsinn, jedes Berständniß für die'Zukunft Israels unter unseren westeuropäischen Stammesgenossen anfgebört zn haben scheint." „Mit Händen und Füßen sträuben sich alle „vernünftigen" Menschen in unserer Mitte gegen den Zionismus, der ihnen gleichzeitig unsinnig und verderblich erscheint. Deutsche Rabbiner haben sich sogar zu einer Protestkundgebung zusammengefunden, deren Wortlaut an Schalheit der Phraseologie kaum seines Gleichen hat. Ta waren doch ihre Vorfahren andere Männer und aus edlerem Holze geschnitten. Man lese mir die Schriften der Rabbiner ans der zweiten Hälfte des siebzehnten Jabnnderts, als es galt, gegen die s a b b a t h i a n i s ch e Bewegung Stellung zu nehmen, mit der unser Zionismus große Aehiilichkeit hat, sofern eine Bewegung in jenem glaubensstarken und begeisterungsfähigen Zeitalter mit einer im Zeitalter der „wohlthätigen" Actiengründungen überhaupt Aehnlichkeit haben kann. Damals traten die Rabbiner, soweit sie sich von der sabbathianischen Bewegung nicht haben fortreißen lassen, gegen diese .mit dem ganzen Muth ihrer lleberzeugung auf, für die sie ihre Stellung und Ruhe, nicht selten auch ihr Leben einzusetzen bereit waren. Jene Rabbiner waren die Nachkommen der glaubenseifrigen Propheten und Lehrer, von denen unsere Geschichte so viel erhebende Beispiele zu erzählen weiß. Heutzutage treten unsere Rabbiner zuiammen, die Jahr aus Jahr ein weiter nichts thun, als daß sie trauen, begraben und ihr leibliches Wohl pflegen, ohne sich um die verzweifelte Lage der Judenheit im Mindesten zu kümmern, — diese Rabbiner treten zu einer Protestkundgebung gegen die „nationalen" Zionisten zusammen, dabei aber aus „praktischen" Gründen und „Weltklugheit" vor den: „philantropischen" Zionismus eine tiefe Verbeugung machend." „Je nun, diese zionistische Erinnerung kann und soll für jeden Juden, insofern er noch das Judenthunl als eine lebensvolle Idee verehrt und ihm weder als einem versteinerten Fetisch noch als einem faden Theeaufguß nach dem Recepte der widerlichen Reformstreberei angehört, den ganzen Schatz unserer ruhmvollen Geschichte bedeuten, dessen er sich nicht nur nicht zu schämen hätte, der ihn vielmehr mit Hoffnung und Freude erfüllen müßte." „Statt aber die Erinnerungen Pietät- und liebevoll zu pflegen, statt jedes Steinchen, jeden Holzsplitter unseres nationalen Eigenthums wie eine kostbare Reliquie zu bewahren, vermessen sich diese Leute, unsere Vergangenheit als eine längst abgethane werthlose Sache in die Rumpelkammer zu werfen, unseres Schmerzes über den Niedergang des Judenthnms zu spotten, unsere Ideale zu verhöhnen, unfern Eultus, dem wir die Vergangenheit widmen, zu entweihen, in unsere Synagogen, wo ehedem Israels höchsten Idealen ein Altar errichtet war, das hohle und schwindsüchtige Modejudenthum, dieses buntaufgeputzte Coulissenthrrm, zu bringen. Unser Schriftthum, dem wir einen stolzen Parthenon hätten errichten dürfen, stolzer und erhabener als je einer erbaut worden ist, liegt zerstreut, von Niemand gekannt, von Niemand geachtet, bestenfalls hin und wieder von einem — christlichen Gelehrten beachtet. Unsere Jugend wächst in Unkenntniß und Mißachtung des .Judenthums und dessen Geschichte auf; sie kennt nicht die via dolorosa unserer Vergangenheit, die vielen Schlachtenfelder, auf denen unsere Vorfahren für den wahren Ruhm Israels und für die Ideale der am Sinai offenbarten Lehre gekämpft und geblutet." „Das Judenthum ist uns lieb und theuer, nicht etwa weil in jeder Gemeinde eine Verwaltung vorhanden ist, in der mancher Justiz-, Commerzien- oder sonstiger Rath sitzt und dem Judenthum mit einem, einer bessern Sache würdigen Eifer das Grab schaufelt. Das Judenthum ist uns deshalb Werth, weil wir uns an seine ruhmreiche Vergangenheit klammern und selbst, wenn wir seinen Untergang klar vor Augen sehen, diesen in unserer Herzensangst und unsäglichen Liebe nicht zugestehen wollen. Der Sohn, der seine Mutter sterben sieht, will an ihre Genesung so lange glauben, als sie nicht den letzten Athemzug ausgehaucht hat!" Ein jüdischer Rechtsgelehrter gegen den Zionismus. In der „Köln. Ztg." vom 3. September schreibt ein jüdischer Rechtsgelehrter Folgendes: „Es bleibt jedenfalls eine Eigenthümlichkeit, ob auch ein Vorzug dürfte dahinzustellen sein, unserer Zeit, daß in ihr unklare Bestrebungen aller Art eine Anzahl begeisterter Anhänger und Gesinnungsgenossen finden, welche denn mit allem Eifer bestrebt sind, die ungläubige Welt davon zu überzeugen, daß nunmehr die wahre Heilslehre gefunden sei. Zu diesen Bestrebungen rechnen wir auch die zionistischen, deren Vei^reter weben in Baiel einen Eongreß abgebalren haben, nachdem die indischen Gemeinden in Denlschland es abgelelmr hatten, den seltsamen Schwärmern, die von der Wicderbcrstelliing einer Art jüdischen Staates unter der Dberberrlichkeit des Lnlrans träumen, Gastfreundschaft zu gewähren. Wie den meisten niopistischen Richtungen ein bis zu einem gewissen Grade gesunder ltzedanke zn Grunde liegt, so auch diesen. Wenn die Zionisten n Palästina die Errichtung jüdischer Ackerbaucolonien befördern und die Zuwendung der Inden zum Handwerk und zur Landwirrbsthast begünstigen wollen, io wird man sich hiermit nur einverstanden erklären, und gerade die einsichtsvollsten unserer jüdischen Mitbürger werden diesem Streben ihre Unterstützung nicht versagen, da die mit der einseitigen Betreibung des Handelsberufes, die bekanntlich ein Ergebniß der geschichtlichen Entwicklung ist, verbundenen Nachtheile von ihnen schon längst gewürdigt worden sind. Wenn aber die Zionisten die Errichlnng völkerrechtlich gesicherter Heimstätten für ihre Glanbensgenossen in Palästina anstreben, so fragt man sieb, welche Bedeutung mit diesen unklaren und schiefen Ausdrücken verbunden iein soll. Dsienbar kann es sich dabei nur um die Neniralisirnng der zn errichtenden Niederlassungen handeln, welche die Mächte unter ihren besonderen Schutz nehmen sollen, im Uebrigen aber bleibt es vollkommen fraglich, wie man sich das staatliche Verbältniß zu der Pforte denkt, die dollgewiß nicht gewillt ist, Palästina irgend jemandem abzugeben. -Will inan einen jüdischen Vasallenstaat unter der Dberlehnsberrstbafr des Sultans begründen oder was sonst? Wir müssen gestehen, daß wir in dem hierauf gerichteten Streben eine der größten Utovien unserer Zeit erblicken, und an diestr Bemtheilnng kann uns der Umstand nicht bindern, daß Männer von Bedenrnng, glänzende Schriftsteller von Weltruf danir eiugelreten sind. Eine Lösung der Judenfrage ans dieser Grundlage ist unmöglich, die Errichtung eines jüdischen Nationalstaates kommt nur für wildfremde Träumer in Betracht und die übergroße Mehrheit der westeuropäischen Juden steht diesen Zielen ohne jede Svmvathie gegenüber. Uns selbst gegenüber wurde schon im G'estwcch ü:il Herirn, die mit frisch froher Begeisternng vom Bastler Hnrraeongreß ckamen. die Behauptung gewagt, in Basel sei vom Jndenstaar gar nickt mehr ernstlich gesprochen worden. Ja, in Basel wurde überhaupt nach keiner Seite hin klipp und klar gesagt, was man eigentlich wolle, und besonders die Idee von einem neuzugriindenden jüdischen Reiche blickt meist nur verschämt und verstohlen zwischen den langen Reihen hindurch, welche die Eongreßbcrichre von Basel eiiinehineii. Die Entwürfe, die seit Monaten von einer Reibe besonnener Männer gegen diesen chimärenbasten Plan vorgebrachr wurden, Hatzen selbst in den von Begeisterung trunkenen Stopfen den Gedanken anikommen lasten, daß es besser wäre, ein wenig leiier und vorsichtiger von diesem Hock- und Endziel der ganzen Bewegung zn reden. In Palästina selbst wohnen seit vielen Jahren wieder viele Tansende von Inden, und troizdem, oder vielleicht besser, weil sie dorr ivolmen, findet die überwältigende Mehrheit von ihnen keine Beschäftigung und kein Brod. Die Armen suchen zwar Arbeit und Beschäftigung, ohne jedoch dieselbe i» irgend ausreichender Weist finden zu können. Dein Elend der besonders nach den rufttfrfieit Verfolgungen noch viel zahlreicher gewordenen jüdischen Gemeinden in den verschiedenen Städten des Landes war nickt zu steuern. Das bis jetzt großartigste Unternehmen, hier zn heften und zugleich den Boden urbar zu machen, ist das in edler Menschenfreundlichkeit mit vielen Summen ins Leben gerufene Eolonisationswerk des Baron E d in u n d v 0 n Rothschild. Tie Erträgnisse der Eolonien waren Vielen ein Beweis von der wiedererstandenen Fruchtbarkeit des Landes unserer Erinnerung und Sehnsucht. Man vergaß ganz die Frage, ob denn der Ertrag auch den aufgewandten Mitteln entspreche. Nur in eingeweibteu Kreisen spricht man davon, daß die Erfolge der Eolonien bis jetzt nur übermäßig großen Opfern zu verdanket! seien und ivir daher nur Scheinerfolge haben. Wenn dem so ist, daß dieser Betrieb nicht materiell lohnend ist, so kann die Aussicht, durch Anlegen voll Eolonien hungrigen und darbenden Bl etlichen auszuhelfen, äußerst gering werden. 40.000 Juden sollen in Jerusalem wohnen, eine gleiche Anzahl sonst im Lande. Tie größere Hälfte dieser 80.000 Menschen lebt in drückendster Armuth. Wie uns von vielen Seiten überein stimmend berichtet wird, wollen diese Bejammernswerrhen arbeiten, freuen sich mit der härtesten Arbeit, die ihnen zugewiestn wird. Sie sirchen Arbeit, finden sie jedoch nicht. Wir rufen nun den Zionisten so ernst und dringend wie möglich zur Versucht zuerst, ob ihr diejenige 11, welche heute schon in Palästina sind, aus ihrer furchtbaren N 0 t h z u befreien im Stande seid; Wenn euch das gelungen ist und das Land dann noch Raum für eine große Zahl Einwanderer hat, dann kommt wieder zu uns, dann werden wir weiter sprechen« Correspondenzen. Wien. Donnerstag, den 9. September fand hier der feierliche Einzug des neugewählten Rabbiners der Schiffsynagoge und des Beth-Hamidrasch „Ez Chajkn“, des Herrn Sigmund Fürst, bisherigen Oberrabbiners von Eperies, statt. In Gänserndorf wurde der ehrwürdige Rabbiner von einer Deputation erwartet; im hiesigen Nordbahnhofe hatte sich der Gesammtvor-

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