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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-09-17 · 38 (17.9.1897) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
38 (17.9.1897)
Date
1897-09-17
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 768 Dr. VLoch's Vortzentchrtfl Rr. 38 „Es gfibt Leute, die sich vor der Macht der vollendeten Thatsachen nicht tief genug beugen können. Je schärfer sie vorher das. Project angegriffen, desto tiefer ist ihre Reverenz, nachdem das Project zur Thatsache geworden. Aber selbst diese Leute werden zugeben uiüffen, daß die praktischen Resultate des Congreffes kaum in einem Verhältniß stehen zu den weltschweifenden Ideen, die ihm vorausgegangen, zu dem gewaltigen Aufwand, mit dem er in Scene gesetzt wurde. „Der Congreß hat ein Programm aufgestellt und eine Organisation geschaffen. Nach dem Programm erstrebt der Zionismus „für das Mische Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina". Sieht man von der sthlistischen Faffung des Satzes ab, so hat der Congreß damit nicht das geringste Neue geschaffen. Schon als Baron Hirsch sich mit dem Plane trug, eine große Stiftung für die zur Auswanderung genöthigten russischen' Juden gu begründen, hat man von verschiedenen Seiten den Vorschlag gemacht, in Palästina eine solche Heimstätte, ein baen Retiro für alle unglücklichen Juden der Welt zu schaffen, die sicher lieber die Scholle der Urheimat, als den Boden Argentiniens bebauen würden. Daß diese Heimstätte eine gewiffe rechtliche Sicherstellung haben mußte, war selbstverständlich vorauszusehen; daß aber irgendwelche staatliche Organisation dem tiefsten Mißtrauen der türkischen, dem entschiedenen Veto aller übrigen Mächte begegnen würde, ist ebenso selbstverständlich vorauszusehen." „Aber mit dem Programm und mit der Organisation hat der Congreß noch nicht abgeschlossen; er hat sich vielmehr auch über die Colonisation Palästinas schlüssig gemacht und die Gründung eines Nationalfonds, ja sogar einer Nationalbank besprochen. Man muß die wahrhaft phantastischen Reden und Vo rschläge selbst durchlesen, umeszuglauben, daß derlei möglich sei; selbst den Mitgliedern des Congreffes, die doch wahrlich einen genügenden Vorrath von utopistischen Plänen und recht abenteuerlichen Ideen mitbrachten, waren diese Vorschläge, von allen Juden der Welt, von Arm und Reich, ohne jeglichen Unterschied, Beiträge zur Begründung eines allgemeinen Fonds zu sammeln, der aber an Capital und Zinsen nicht angetastet werden dürfe, bevor er eine Höhe von zehn Millionen Pfd. St. erreicht hat, gar zu phantastisch. Schließlich einigte man sich dahin, daß „an das ganze jüdische Volk ein Aufruf erlassen werden' solle zur Schaffung der materiellen Grundlage, zum Ankauf eines Territoriums beizusteuern". , „Von besonderem Interesse war jedoch die Debatte über die Colonisation. Der Referent hatte beantragt, es sei jede weitere Einwanderung von Juden auszusetzen, bis die öffentlich-rechtliche Stellung des Judenstaates gesichert sei. Die deutschen Delegirten sprachen aber mit Erfolg gegen diesen Vorschlag und setzten es durch, daß man ein Comite wählte, welches in Verbindung mit den schon bestehenden Vereinigungen die Frage der praktischen Colonisation Palästinas zu bearbeiten habe. „Dieser erste Congreß hat gezeigt, daß bei ernster und praktischer Behandlung in der Oeffentlichkeit alle Utopien und Phantastereien sich in Nichts auflösen müssen und nur das Aussicht auf Verwirklichung hat, was von edlen und um die Zukunft des Judenthums besorgten Männern schon seit Jahrzehnten in Angriff genommen und betrieben worden, nämlich die Colonisation Palästinas, durch die all' Denen, welche ihre Heimat zu verlassen gezwungen werden, eine Zufluchtsstätte geboten werden soll. Dieses Ziel allein ist der berechtigte Kern all jener Bestrebungen, und für dieses Ziel werden wir auch weiter, trotz des Zionismus und, wenn es sein muß, gegen denselben kämpfen." „Die Laubhütte" in Regensburg vom 9. September schreibt über den Zionistencongreß. Wenn wir die Beschlüsse des Z i o n i st e n c o n g r e s s e s betrachten, so müssen wir sagen: „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden." Die Colonisation, oder die „Infiltration", wie sie Dr. Herzl in seinem „Judeustaat" nennt, ist an die Spitze gestellt. Er meint in seiner Rede, 10.000 Personen jährlich, das sei zu wenig. Hätten wir nur erst die Erlau b n i ß und das Geld dazu, um 10.000 Personen jährlich anzusiedeln, dann wären wir einen bedeutenden Schritt weiter. Die Bedächtigen haben also doch Recht behalten, und es ist ein Vorzug von Dr. Herzl, daß er schließlich sich zu diesem schlug. Der ideale Zug, der das ganze verklärt, ist übrigens von höchster Bedeutung auch für das religiöse Judenthum. Der Zionismus ist das Ideal der jüdischen Jugend geworden, das sie stolz auf ihre Ahnen, auf die glorreiche Vergangenheit der jüdischen Nation macht, ihr Selbstbewußtsein stärkt. Die jüdische Jugend, dieftüher beiAndern schmarotzte und zurückgestoßen wurde, ist selbstständig geworden. So ist der Zionismus ein eminentes Mittel gegen die Taufe der jüngeren jüdischen Intelligenz. Das ist ein großer Gewinn an Geist, der dem Judenthum bleibt. In dieser Hinsicht begrüßen wir den Zionismns als eine große Errungenschaft Md in der Colonisation Palästinas reichen wir ihm brüderlich die Hand. Das Uebrige iMß aber in den Hintergrund treten." Dr. S. Bernfeld schreibt in der „Allgemeinen Israelitischen Wochenschrift": „Ein concretes Ergebniß des Zionistencongreffes zu Basel wird man nicht erwarten dürfen, höchstens wird man ein solches in der meisterhaften Rede des Herrn Max Nordau erblicken dürfen. Freilich wird Herr Nordau nicht darauf Anspruch erheben, „Amerika entdeckt zu haben". Die Ansichten, welche in dieser schwungvollen Rede ihren Ausdruck gefunden, sind nicht neu; sie sind bereits seit mehr als einem Jahrzehnt von vielen Kennern des Judenthums in der Vergangenheit und in der Gegenwart vertreten worden. Herrn Nordau selbst mögen diese Ansichten neu erscheinen, da sein Interesse für unsere Stammesgenossen erst seit vorgestern ist. Solche aber, die seit Jahren die zu Tage tretenden Erscheinungen in unserer Mitte zu beobachten Gelegenheit haben, werden in den Aeußerungen des genannten geistvollen Publicisten lediglich eine Bestätigung ihrer eigenen Beobachtungen finden." „Herr Nordau hat vielleicht auch das Verdienst, solche Kreise für diese Ideen interessirt zu haben, die ihnen bisher fern gestanden. Freilich wird er darin gleich mir eine Art Snobismus finden; der Zionismus oder das Interesse für die Zukunft Israels beginnt jetzt in vielen Kreisen Mode zu werden, seitdem es heißt: „Nordau hat's gesagt!" Zu einer selbstständigen Prüfung der vorgelegten Ansichten entschließt sich die große Masse sehr schwer; sie folgt nach der einen oder. der anderen (oft auch der ersten schnurstracks entgegengesetzten) Richtung, je nachdem Jemand die Mühe übernommen, für sie so oder so zu denken und ihr als Leithammel voranzuschreiten. Herr Nordau, der in seiner Rede einen Ausspruch der agadischen Literatur citirt hat, wird wahrscheinlich auch jene agadische Aeußerung kennen, nach der Israel sich für Alles zu „begeistern" gewohnt sei; sowohl für das goldene Kalb, wie für das heilige Stistszelt. Jawohl, heute für bedingungslose Assi.mil ation und das Aufgeben des Stammesparticularismus, morgen mit derselben „G efühlsstärke" für exclusives N a t i o n a l j u d e n t h u m. „Die obige Bemerkung würde vielleicht genügt haben, um diese eigenthümliche Erscheinung unserer Tage zu gloffiren, wenn wir es nicht für eine publicistische Pflicht halten müßten, auf die ernste G efahr aufmerksam zu machen, von welcher der Fortbestand des Judenthums bedroht ist, wenn der Zionismus in unserer Mitte allgemeinen Eingang finden sollte. Diese Propaganda arbeitet systematisch — vielleicht vielen Zionisten unbewußt —auf dieZerstöruug des Judenthums hi n." . „Die Zionisten heben die nationale Seite des Judenthums einseitig hervor, indem sie im „nationalen Bewußtsein" die Basis unserer Fortexistenz finden. Eine nothwendige Consequenz dieser Theorie ist somit, daß man, um „Nationaljude" im zionistischen Sinne zu sein, es gar nicht nöthig habe, dabei irgend eine Probe zu bestehen, während unsere Vorfahren ohne „begeisterte" Reden und öffentliche Versammlungen in den Tod gingen, wenn es galt, der von feindlicher Seite beabsichtigten Vernichtung der jüdischen Lehren Widerstand zu leisten« Wären unsere Vorfahren „Nationaljuden" im Sinne der heutigen Zionisten gewesen, so hätten diese niemals existirt, i denn der Stamm Juda wäre schon längst erloschen." „In der Blüthezeit des jüdischen Stammes im Mittelalter hat es unleugbar „national gesinnte" Dichter und Philosophen gegeben, die für die Nationalidee mit der ganzen Glut ihrer dichterischen Begeisterung und mit ihrem tiefsinnigen Denken eingetreten waren, den Glauben an die nationale Zukunft Israels laut und müthig bekennend. Aber auch im neunzehnten Jahrhundert lebte der Dichter und Forscher S. D. Luzzatto, der unermüdlich in Wort und Schrift für die Erhaltung des Stammesbewußtseins unter unseren Glaubensgenossen eintrat. Aber all die Denker und Dichter Israels, welche das nationale Feuer in der Judenheit wach zu halten bestrebt waren, gingen, von der religiösen Idee des Judenthums aus, in deren Verbreitung sie die Mission Israels erblickten« Sie wollten die Juden als Volk erhalten sehen, um den Fortbestand des I u d e n t h u m s als der Grundlage der menschlichen Gesittung für ewige Zeiten zu sichern. Der Zionismus also, der vorgibt, Israel stärken zu wollen, arbeitet auf dessen Zerstörung und Vernichtung hin; und wenn je, so bewahrheitet sich in diesem Falle der Spruch der Weisen: „Das A u f b a u e n der unbedachten Jugend bedeutet Zerstörung!" An einer anderen Stelle schreibt derselbe: Was dürste die Judenheit überhaupt von einem Congreß erwarten, der in einen: Zeitraum von drei Tagen über unsere Zukunft berathen und beschließen will? Der Natur der Sache nach sehr wenig oder richtiger gar nichts. Ein Blick auf die Zusammensetzung des Congreffes wird uns belehren, daß es nicht anders sein kann, da er größtentheils von Männern besucht wurde, die für die Theilnahme an seinen Berathungen keine andere Legitimation mitgebracht haben, als jene ihrer geräuschvollen Vordringlichkeit. Außerdem wird Jeder, der die parlamentarischen Verhältnisse der Gegenwart kennt, wissen, was er im Mgemeinen von einer solchen Versammlung zn halten hatte, die, selbst wenn sie von lauter vernünftigen Menschen beschickt wäre, in ihrer Gesammtheit doch nichts Vernünftiges zustande bringen könnte. Der Historiker Taine hat einst die sehr zutreffende Bemerkung gemacht, daß hundert durchaus vernünftige Menschen, von denen Jeder für sich klar und logisch zu urtheilen im Stande ist, sobald sie zusammen berathen.

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