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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-09-17 · 38 (17.9.1897) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
38 (17.9.1897)
Date
1897-09-17
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 38 Vr. Vloch's MochrnfchrM Sette 765 ist er noch so klein und gering, widerfuhr, und die Hand zur Abwehr bieten. Der früher bequeme Ausweg der Taufe, den der vornehme und vorgeschrittene Jude zu nehmen pflegte, um sich von seinen drangsalirten Brüdern zu sondern, ist jetzt so ziemlich verrammelt; das Mittel, über Nacht eine neue religiöse Firma zu registriren, verschlägt nicht mehr. Wohl stehen dem Abtrünnigen die Thüren der christlichen Kirche, nicht aber der christlichen Gesellschaft offen und ein getaufter, somit verfälschter Jude oder Talmichrist hat einen geringeren Circulationscurs als ein glaubend- und stammestreuer Jude. Die feige Flucht aus dem Judenthume ist daher nicht mehr zeitgemäß, somit haben Alle ein gleiches Interesse an der Abwehr, der Vornehme gleich dem Geringen. Der jüdische Hausirer wird verfolgt, der jüdische Kaufmann boycottirt, der jüdische Bankier angefeindet — der Unterschied ist blos: der Eine bekommt Stockhiebe, der Andere Nadelstiche, aber beides schmerzt. Es kann also von keiner Seite in Abrede gestellt werden, daß eine gemeinsame Abwehr noththne. Viribus unitis muß die Losung des zum Kampfe provocirten Judenthums sein. Eine allgemeine Wehrpflicht! Und dies erfordert eine präcise, stramme, mächtige Organisation der Defensive. Ich habe schon vor Monaten darauf hingewiesen, daß diese Organisation die Aufgabe der Israelitischen Allianz und des Cultusvorstandes in Wien sein müßte und daß auch die »Alliance Israelite Universelle« moralisch und pecnniär mitzuwirken berufen wäre. Die friedlichen Zeften cultureller Mission sind vorbei, wo diese Vereine in löblicher Weise im Oriente und Rumänien Schulen und Arbeitshäuser gründeten und Bibliotheken eröffneten — jetzt gilt es, eine viel ernstere, traurige, fast kriegerische Arbeit zu verrichten, dem gemeinsamen Feinde in entschlossener Kampfbereitschaft die Stirne zu bieten. Dieser Zweck erfordert die Concentrirung aller Kräfte, die Vereinigung aller Hilfsquellen in Einem Bette. Jeder Jude und wenn er auch vereinzelt in einem Dorfe lebt, muß in die Gemeinschaft und zur Beitragsleistung, sei diese noch so gering, herangezogen werden. Dies ginge sehr leicht, da doch Jeder einer Cultusgemeinde angehören muß. Die Gliederung soll von Unten beginnen und aufwärts steigend in eine Centralleitung, mit dem Sitze in Wien, münden, bei der jede erfahrene Unbill, jedes erlittene Unrecht, jede gefährdete Existenz eine wirksame Vertretung finden müßte. Ebenso in Pest. Die Repräsentanz von Millionen Bürgern, getragen durch das Bewußtsein des Rechtes, gehoben durch das Gefühl der Menschenwürde, ausgerüstet mit reichen Mitteln, wird die Sache der Bedrängten gewiß wirksamer führen und erfolgreicher vertreten als der Bedrängte selbst, dem oft das Berständniß, die Intelligenz und der Muth fehlen für seine Sache zu plaidiren. Einer solchen Eoncentration der Kräfte gegenüber werden die nationalen Associationen in Galizien, welche ihren Patriotismus dadurch bethätigen, daß sie die Juden aus ihrem Besitzstände verdrängen, nicht bestehen können. Angesichts einer solchen Solidarität wird man sich es denn doch überlegen, bevor man gegen Juden ein flagrantes Unrecht begeht, und auch die Regierung wurde nicht vor dem Einschreiten eines derartigen Vertretungskörpers Aug' und Ohr verschließen, da ihm unbedingt Einfluß auf die Gemeinde-, Bezirksraths-, Landtags- und Reichsrathswahlen zustünde, bei denen die Stimmen der jüdischen Wähler nicht nur nicht zu unterschätzen, sondern zuweilen, namentlich in Galizien, ausschlaggebend sind. Auch jene Parteien, die jetzt über die Juden hinwegsehen und hinweggehen, werden sich alsdann um ihre Freundschaft, als um die eines beachtenswerthen Factors im Staatskörper, bewerben und mit ihnen rechnen. Es ist die bekannte Geschichte mit den Pfeilen, von denen jeder einzelne leicht zerbrechlich, der Bund aber stark und widerstandsfähig ist. Wir sehen es doch täglich, wie Parteien, die lange nicht die Zahl, die Intelligenz, die politische Reife und den Wohlstand der Juden besitzen, durch ihr zähes Zusammenhalten und ihre Steifnackigkeit Würdigung und Beachtung finden, die sie lange nicht verdienen, trotzdem ihre Forderungen jedes bescheidene Maß übersteigen, während wir blos unsere gefährdeten Menschenrechte hüten wollen. Es wäre geradezu eine messianische Mission, die Einigkeit, das Zusammengehen und das Zusammenwirken aller Juden zu bewirken, eine wahrhafte Alliance Israelite Universelle durchzuführen. Der Erfolg wäre imposant und für unsere Gegner verblüffend. Ein zahlreicher Congreß, zum Zwecke der Organisation, in Wien würde die Sache einleiten und Congresse in den Provinzialhauptstädten sie ausgestalteil. Die Hochfluth der Reaction droht uns zu überschwemmen, wir müssen daher in sichere Positionen flüchten; Händeringen und Jammern, Kriecherei vor den Großen und willenloses Unterordnen unter die Weisungen regierender Personen und Parteien haben noch kein Volk gerettet. Feigheit kann unter Umständen gefährlicher als Kühnheit sein. Mögen diese Ermahnungen am Schluffe eines düster umwölkten, prüfungsreichen Jahres bei Personen, die in der Vollkraft und auf den Höhen des Lebens stehen, Beachtung finden, mögen sie bald in Thaten umgesetzt werden, so daß das kommende Jahr bei seinem Scheiden unser Volk geeint, gestärkt, zur kräftigen Abwehr gerüstet, in der ihm zukommenden staatlichen und socialen Stellung zurücklassen, eine imposante Macht in den Staaten, in denen man jetzt mit ihin leichtfertig würfelt! T e p l i tz, 14. September. Leo H e r z b e r g-F r a n k l. Ein Schriststeller-Vekercm. In dem reizenden Teplitz-Schönau, in der Familie seiner Tochter, begeht der Schriftsteller Herzberg-Fränkel am 25. d. M. seinen s i e b z i g st e n Geburtstag. Bei der ihm eigenen Bescheidenheit dürften wir vielleicht sein Mißfallen erregen, daß wir die Oeffentlichkeit auf diesen Umstand aufmerksam machen, denn so wenig gebildete Leute es auch gibt, die nicht wüßten, wer Herzberg-Fränkel ist, sind doch Manchem die Personalien desselben unbekannt und der Mann verdient es, daß man ihn zu den Jahren des Psalmisten beglückwünsche. Herzberg-Fränkel, der zu den ältesten Mitkämpfern in der „Oesterreichrscheu Wochenschrift" zählt, ist seit länger als einem halben Jahrhundert literarisch thätig, und zwar auf dem Gebiete der Schilderung jüdischen Lebens, welches Thema zwar vor fünfzig Jahren bei allen Schriftstellern ein beliebtes war, so daß man keinen Roman und keine Komödie anders pikant zu machen wußte, als wenn man einen Juden oder eine Rebekka hineinschob; aber es war in allen diesen Juden keine Spnr von Wahrheit, mit den entstellendsten Farben und in den häßlichsten Fetzen gezeichnet, bienten sie nur zum Jauchzen und Jubeln des Plebs über den Manschet. Und trotz des großen Contingents, welches die Juden zum schöngeistigen Schriftstellerthum stellten, konnte man doch die jüdischen Schriftsteller, die sich das jüdische Leben zum Vorwurfe nahmen, an den Fingern einer Hand abzählen, so daß die Klage der „Keneseth-Jsrael": „Sie nlachten mich zum Wächter der Weinberge und meinen Weinberg habe ich nicht gewartet" genau auf dieses Berhältniß paßt. Zu den Wenigen, die den Muth hatten „jüdische Geschichten" zu schreiben, gehört in erster Reihe Herzberg-Fränkel. Sein Buch „Polnische Juden" war seinerzeit eine sensationelle Erscheinung auf dem Büchermärkte und erlebte drei Auflagen. Es sind treffende Charakter-Zeichnungen aus besseren und schlechteren Kreisen, aber fest und treu geschildert, mit all ihren Tugenden und Gebrechen als Menschen, als wahrhaftige Glieder unserer Gesellschaft. Die „Polnischen Juden" wurden ins Russische, Französische und Englische übersetzt, was gewiß von der Attraction dieses Buches für weite Kreise zeugt; nur theilweise ist es auch ins Hebräische, der Volkssprache der Juden Polens, übertragen worden, was nicht Wunder nehmen darf, weil es als treu abspiegelndes Nationalgemälde vom jüdischen Leser mit parteiischen Augen angesehen wurde. Wir erinnern an Herzberg-Fränkel's Erzählung „Geheime Wege", eine größere vortreffliche Arbeit, die den schriftstellerischen Ruf des Verfassers begründen half. Eine große Anzahl von Bildern aus dem russischen Leben sind von Herzberg-Fränkel und viele Genrebilder aus dem polnisch-jüdischen Leben zerstreut in allen jüdischen Blättern zu finden, so „Die Emigration" in der „O e st e r r e i ch i s. ch e n W o ch e n s ch r i f t". Eine seiner jüngsten bekannten literarischen Arbeiten ist der Beitrag „Die Juden in Galizien" zum Kronprinzen-Werke „Oesterreich-Ungarn in Wort und Bild", von welchem Artikel die h i st o r i s ch e Einleitung, nachdem sie bereits gedruckt war und auf höhere Weisung eliminirt worden ist, demnächst jedoch in diesen Blättern erscheinen wird. Der greise Jubilar ist mit literarischen Arbeiten noch vollauf beschäftigt, und steht zu erwarten, daß die Nachlese aus noch besferen Früchten bestehen werde, als die bis jetzt gelieferten, weil er, nachdem er vierzig Jahre Secretär der Handels- und Gewerbekammer und Gemeinderath in Brody und fast ebenso lange Schulinspector war, nun aller Fesseln amtlicher Thättgkeit und auch der gemeinen Sorgen

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