Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-09-17 · 38 (17.9.1897) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
38 (17.9.1897)
Date
1897-09-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021169-3021207--07109-3031422
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr 38 «Seite 764 Vr. Vloch's Wochenfchrist. Die fünf Lehrer, die Dr. Lueger und fein Bezirksschulrath zu Bettlern gemacht hat, weil sie bei den Wahlen im socialdemokrati' scheu Sinne gewirkt haben, sind lebendige Zeugen für die Gesinnungstreue jenes wackeren Mannes, der einmal erklärt hat, er wird als Kind des Volkes dafür eintreten, daß diesem das Gemeindewahlrecht im weitesten Umfange eingeräumt werde. Ja wohl! Herr Dr. Lueger hat nichts gegen das allgemeine Wahlrecht für die Gemeindevertretung, wenn jeder Wähler einen Revers unterschreibt, daß er die Barriörestöcke oder anders auch die Candidaten, die Dr. Lueger in Süden und anderen Männerstrafanstalten aussucht, zu seinen Vertrauensmännern machen werde. Was wurde den: früheren liberalen Gemeinderath in antisemitischen Volksversammlungen vorgeworfen! Da hieß es immer auf's Neue, daß er volksfeindlich sei, daß er für den kleinen Mann kein Herz hat. Das Herz des Tr. Lueger und der Seinen für den kleinen Mann hat sich in jenem Beschluß ausgedrückt, durch den so und so vielen armen Kindern die Schulthür vor der Nase zugeschlagen wird. Dr. Lueger wird freilich für die Seinen eine Entschuldigung bereit haben. Er wird ihnen auseinandcrsetzen, daß ja irr erster Linie den jüdischen Kindern die Befreiung verweigert werde. Das ist ganz richtig. Ta würde Dr. Lueger einmal originell gewesen sein, d. h. die Wahrheit gesagt haben. Aber wenn man sich daran erinnert, daß nach Dr. Lueger jeder Jud in Wien zum mindesten Hausherr ist, so müßte man annehmen, daß nur wenige Kinder jüdischer Abstammung die Beneficien und Privilegien, die nach dem Gesetze jedem armen Steuerzahler zustehen, in Anspruch nehmen würden. Wenn trotzdem zahlreiche arme jüdische Eltern in diesen Tagen es sehen mußten, daß die rücksichtslose Frivolität der gegenwärtigen Machthaber im Rathhause ihren Kindern die Möglichkeit nimmt, sich geistig zu entwickeln, dann hat sich eben nur gezeigt, daß Dr. Lueger und die Seinen, sofern sie von der opulenten Capitalskrast der Juden sprechen, bewußte Faselhänse sind. Aber trotzdem die Juden und die jüdischen Kinder in erster Linie abgelehnt werden, bleiben noch genug christliche Eltern übrig und Kinder christlich-socialer Väter, die ihren Stimmzettel für die Luegers abgegeben haben und die jetzt die Wohlthaten des neuen Regimes zu spüren bekommen. Von den Kindern der christlich-socialen Wähler wird man einmal mit Fug und Recht sagen können, daß sie sich die Zähne an den sauren Trauben stumpf beißen werden, die ihre Väter gegessen haben. Zionismus und Staaksbürgerthum Sehr geehrter Herr Redacteur! Herr Dr. Frank hat meine Ausführungen mit großem Wohlwollen besprochen, zum Theil aber wohl mißverstanden. Behandelt man einen so bestrittenen Gegenstand in einem kurzen Artikel, so muß man sich etwas aphoristisch ausdrücken und hiebei ist leicht Gelegenheit zu Mißverständnissen gegeben. Es ist für uns unangenehni, daß man uns haßt und verfolgt, es ist aber ziemlich gleichgiltig für uns, mit welchen Vorwänden man den Haß bemäntelt. Wenn in einer Flasche Tinte ist, so ist es für den Geschmack gleichgiltig, ob ich eine Etiquette Gliateau NaiAaux oder Aßmannshäuser darauf klebe. Ich habe christliche Mitbürger über fette Juden und über ausgemergelte Juden spotten hören. In Fällen ersterer Art waren die Spötter mager, in den anderen Fällen waren es Leute, denen man die gute Nahrung ansah. Sollen wir uns den Dicken oder den Dünnen assimiliren? Wir werden in jedem Falle die anderen immer gegen uns haben. Aus diesem Grunde bin ich dagegen, entscheidenden Werth darauf zu legen, was man etwa von uns sagen möchte. Was von den Dicken und den Dünnen gilt, gllt mit umso größerem Recht von Ezechen und Deutschen, oder von verschiedenen Richtungen und Schichten der gleichen Bevölkerungsgruppe. Von seinem Nachbar lernen, heißt nicht, sich assimiliren, eher das Gegentheil. Denn richtiges Lernen heißt, seinen Verstand gebrauchen, sich assimiliren heißt, auf das eigene Urtheil verzichten. Nach seiner Fagon selig werden, heißt nicht, jedem Fortschritt feindlich sein, sondern nur dasjenige annehmen, was man als gut erkannt hat. Officier oder Adjunct' werden, ist gewiß sehr angenehm für denjenigen, der es wird; was ich bestreite — und darauf kommt es an — ist, daß wir als Gesammtheit davon Vortheil haben, wenn auch einige Juden in diese Stellungen gelangen. Die unter jetzigen Verhältnissen in Stellungen rückten, sind „Ausnahmsjuden", werden als solche behandelt und vielleicht belobt und dadurch ihrem früheren Kreise entfremdet. Deshalb bringen sie uns eher Nachtheil als Vortheil. Als lebenden Beweis brauche ich wohl nur die Hausjuden des Polenclubs und der liberalen Partei zu erwähnen. Uebrigens sind alle diese Fragen für das Thema: „Zionismus und Staatsbürgerthum" nebensächlich. Die Hauptthese einmal zugegeben, daß der Zionismus gegen die Pflichten des Staatsbürgers nicht verstößt, könnte eine Einschränkung der Bürgerrechte oder gar eine Vertreibung der Zionisten und erst der anderen Juden doch nur durch einen Rechtsbruch erfolgen. Wer aber einen Rechtsbruch begehen will, der ist um einen Vorwand nicht verlegen. Herr Dr. Frank hat es mit Recht als eine Art Denunciation gegeißelt, daß man den Zionismus als unvereinbar mit dem Staatsbürgerthum bezeichnet hat. Praktisch führt sein Standpunkt zu demselben Ergebniß. Praktisch ist es genau dasselbe, ob ich sage : ein guter Staatsbürger kann kein Zionist sein, oder ob ich sage: ein guter Staatsbürger darf zwar ein Zionist sein, es ist aber besser, wenn er es nicht ist, denn sonst kommen unsere Feinde und sagen, daß wir Juden keine guten Staatsbürger sind. Denn auf beide Arten werden unsere Feinde in gleicher Weise zur Verfolgung ermuthigt und eingeladen. Der richtige Standpunkt ist vielmehr, daß es lediglich Sache der Zionisten ist, ob sie Zionisten sein wollen, und daß das andere Leute nichts angeht, die anderen Juden ebensowenig, wie ihre christlichen Mitbürger. Der wichtigste Schritt zur Emancipation ist die Selbstemancipation. Solange wir nicht den Muth haben, zu thun, was wir für Recht halten, können wir die Emancipation nicht erreichen. Die öffentliche Meinung ist eine öffentliche Person. Folgt man ihr zu eifrig, so neigt sie leicht zur Ueberhebung, kümmert man sich nicht um sie, so ist das der beste Weg, sie zu gewinnen. Hochachtungsvoll _ Dr. Cohn. Was nun? Die Tage von Basel sind vorüber; wir sind den Veran- ' staltern zu Dank verpflichtet, daß sie mit löblichem Eifer Leben und Bewegung in die träge Masse, daß sie die Zusammengehörigkeit,-der Juden zum Ausdrucke brachten und eine Action einleiteten, die bei fortgesetzter Arbeit, bei ausgiebiger Opferwilligkeit unserer Großen und dem Wohlwollen der Regierungen, in späterer Zukunft, unter günstigen. Umständen, zu einem weitreichendem Erfolge führen kann. Die Segnungen aller Jener, die ein Herz für das Judenthum haben und die Wiederherstellung seiner Selbstständigkeit wünschen, begleiten die ausgeftreute Saat, welche jedoch leider nicht so rasch keimen und reifen kann, um auf unsere unerträglichen Zustände, die um schleunige Hilfe schreien, sauirend einzuwirken. Die Knechtung, die Beeinträchtigung, die Bekriegung und Depossedirung der Juden verlangen gebieterisch eine sofortige Abhilfe. Mit akademischen Reden heilt man das Elend nicht, das am Bolksstamme frißt; da muß man die werkthätige Hand anlegen und heroische Mittel anweuden, unbeschadet die von den Zionisten eingeleitete Agitation und geplante Action. Thatkräftig muß man sich zusammenthun zu gemeinsamem Schutze — Alle für Einen. Die weitgehendste Solidarität muß platzgreifen, eine Solidarität, die nicht vor den Landesgrenzen Halt macht und alle jüdischen Bewohner in den leider noch umnachteten Ländern, umfängt. Jeder Jude, wohne er noch so weit, stehe er noch so hoch, muß die Unbill Mitempfinden, die seinem Stammesgenossen,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.