Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 38 (17.9.1897)
- Date
- 1897-09-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 38 Dr. Bwch's MochrMchrM Seite 763 Es ist noch nicht allzu lange her, da sich um den Wirths- Hans-Demagogen Lueger und den Stampiglienfälscher Schneider die faunisch schmunzelnde, scandalliisterne Zuhörerinenge drängte, jene adeligen. Polen, jene hochgebornen Herren vom katholischen Centrum, die während der ernst-sachlichen Debatten in den Couloirs ihre Cigaretten drehten oder der schönen Schankcasserin beim Buffet im Abgeordnetenhaus den Hof machten, um sich hineinzudrängen, wenn statt der Hausmanilskost der sachlichen Debatten das derbe Gewiirz des Lueger-Pfeffer, der Schneider-Paprika geboten wurde. Ja, aber damals handelte es sich nicht um das Gedeihen einer Regierung, damals stand kein Ministerportefeuille ans dem Spiel, damals war der eiserne Ring der Majoritätsparteien nicht bedroht, damals war das beliebte Puppenspiel voin Jnden-Erschlagen, das hübsche, althergebrachte Praterspiel, das eben zur Abwechslung statt in den Gefi^n des Wurstelpraters im hohen Haus aus dein Franzensring einem p. t. polnischen Publicum und einem hohen conserbatiben Adel zu Gemüthe geführt wurde. Nur um Juden handelte es sich, nur uin Juden! Das hat man im vergangenen Jahrhundert und bei allen Revolutionen des Mittelaltersbei allen Erhebungen gegen eine compacte Majorität beobachten können. Mit den Juden wurde der Anfang gemacht und kurzsichtig und blind haben die Herrschenden sich dessen gefreut, Hab en die Juden als wohlthätige Blitzableiter angesehen und erst zu spät erkannt, daß bei den Jltden der A n f a n g gemacht wird und daß man bei dem Anfang nicht stehen bleibt. Und die Väter der jetzigen Scandalokraten haben ja Gelegenheit gehabt, zu erproben, daß der Scandal eine Waffe ist, die nicht zu verachten ist, daß wüste Lärmscenen ganz gut geeignet sind, um zur Durchsetzung des eigenen Willens zu führen, um manche Bestätigung durchzusetzen, die sonst versagt worden wäre. Wir wollen aus alledem keinen Schluß ziehen, wir wollen nur constatiren mit der Ruhe des Arztes, der einen tödtlichen Proceß beobachtet, aber nicht aufhalten kann, mit der Objectivität des unbetheiligten Dritten: Mit den Juden hat es angesangen und mit den Polen und Schlachzizen hört es ans. Da lesen wir in dem Berichte über den schlesischen Parteitag der Deutschen, daß ein Herr T ü r k die Schlachzizen als „die Laus im Pelz Oesterreichs" bezeichnet hat. Geiviß geschmackvoll! Aber wie lange ist es her, daß ein anderer Türk die Juden — das „Ungeziefer" im österreichischen Pelz genannt hat. Wie man sieht, ist von den Juden zu den Schlachzizen nur ein Schritt. Me Ernennungen jüdischer Richter. Die „Wiener-Zeitung" hat schon lange nicht so viele jüdische Namen auf der ersten Seite verzeichnet, wie vergangenen Sonntag, da jene Ernennungen iin Richterstande verlautbart wurden, welche die Einführung des neuen Civilprocesses nothwendig machte. Wir gestehen es ganz offen ein, auf die Gefahr hin, daß die antisemitischen Blätter sich dessen bemächtigen und als ein Triumphgeheul es ausschreien werden. Ja wohl, es wurden einige ungetanste Juden ernannt und befördert und man konnte wirklich einen Tag lang glauben daß das Staatsgrundgesetz, das allen Mitbürgern ohne Unterschied der Confession den Zutritt zu allen Aemtern gewährleistet, nicht blos auf dem Papiere geschrieben steht. Wenn man die Sache näher überlegt, wird man freilich sich zur Anschauung bekehren, daß die Thatsache dieser Ernennung keineswegs auf eine besondere Judenfreundlichkeit in der jetzigen Epoche zurückznführen ist. Wenn in Oesterreich gegenwärtig jüdische Richter ernannt wurden, so ist dies für Kenner der heimischen Verhältnisse darauf zurückzuführen, daß die Neugestaltung in der Gesetzgebung an den Richterstand höhere Anforderungen stellt, daß das mündliche Verfahren im Civilproceß unsere Machthaber dazu zwingt, von der Schablone des Bureaukratismus abznsehen. Mit dem Taufwasser allein wird man eine Verhandlung nach denk neuen Civilproceß im mündlichen Verfahren nicht leiten können und die Kenntniß des Katechismus wird das Studium der neuen Gesetzesvorlagen kaum überflüssig machen. Man erzählt sich in gutunterrichteten Kreisen eine launige Episode, welche beweist, daß einige Allzuängstliche, welche aus Besorgniß, bei der allgemeinen Beförderung übergangen zu werden, sich beeilt hatten, ihren Personalact durch einen Taufschein zu ergänzen, dem Grafen Gleispach gar nicht zu Danke gehandelt haben, welcher mit der im Interesse des Justizdienstes nun einmal uuabweislich gewordenen Ernennung und Beförderung der jüdischen Beamten die lebendige Geltung des Staatsgrundgesetzes demonstriren möchte! Was der Idee nach unter allen Umständen verlangt werden mußte, daß nämlich die Tüchtigkeit den Vorrang habe und daß nur tüchtige Leute zu Amt und Würden gelangen, dies halbvergeffene idealistische Princip wird nunmehr durch die reale Rothwendigkeit aufgedrängt. Tie Inden werden zu Richtern ernannt, weil sie in ihrem Fach Tüchtiges leisten und jene gesteigerte Vorbildung, jene größeren Talente besitzen, die bei vielen christlichen Mitbewerbern nicht in allen Fällen vorhanden sind. Wenn daher die Juden in Teutschböhmeu zum Theil sich im Kampf gegen die Sprachenverordnungen Hervorthun und die Befehdung des gegenwärtigen Regimes auf ihre Fahne geschrieben haben, so thun sie dies keinestvegs in selbstsüchtiger Absicht, sondern sie kämpfen bewußt gegen ihre eigenen Interessen. Den jüdischeil Bewerber um eine Beamtenstelle wird keine Sprachenverordnung geniren Je größer das Maß der Anforderungen ist, die an den Beamten gestellt werden, desto wahrscheinlicher ist es, daß der tüchtige jüdische Bewerber nicht hinter die untüchtigen christlichen Bewerber allein seiner Abstammung wegen zurückgedrängt werde. Die jüdischen Richter-Ernennungen sind dafür kennzeichnend, daß vor den gesteigerten Anforderungen des wirklich modernen staatlichen Organismus die künstlich gezüchtete Rechtsungleichheit zwischen Christeu und 'Richtchristen verblassen muß imb daß endlich das bisher nur der Idee nach anerkannte Princip der Rechtsgleichheit zwischen den Bekennern der verschiedenen Confessionen früher oder später seiner praktischen Geltung zngeführt werden wird. Der Patron des kleinen Mannes. Es soll uns nicht Wunder nehmen, wenn etwa Herr A h l- Wardt oder ein anderer Antisemit draußen im Reiche einen entrüsteten Absagebrief an die Wiener Christlich-Socialen richten sollte und ihnen vorwerfen würde, sie feien — verjudet. Fangen doch unsere Christlich-Socialen an zu — beschneiden. Freilich beschneiden sie zunächst das Schnlbudget. Diese echte Volkspartei, als die sie sich immer aufspielen, begnügt sich nicht damit, den reichen Bäckermeistern, ihren getreuen Anhängern ans dem Hausherruwahlkörper die Vertheuerung des Brodes, des körperlichen Brodes ruhig geschehen zu lassen; sie sind auch gerne dazu bereit, eine Theuerung air geistigem Brode eintreten zu lassen; und daruni wurden am Lehrmittel-Budget für arme Schulkinder 5»>.o00 fl. abgestrichen. Tie Kinder der Armen brauchen nichts zu lernen. Je weniger sie wissen, desto besser; je weniger sie in der Schule für den Kampf ums Leben ausgerüstet werden, desto wehrloser fhib sie ihren Ausbeutern preisgegeben, ihren Ausbeutern, die freilich nicht in den Listen der israelitischen Cultusgemeinde zu suchen sind. Wer sie ausfindig machen will, der gehe in den Vorortegasthäusern herum am Vormittag, am besten zu einer Zeit, wo in den anderen Städten der Handwerker, der Meister bei der Arbeit sitzt, dort findet er den kleinen Gewerbetreibenden beim Gabelfrühstück über die schlechte Zeit und über die Juden schimpfen. Für diese seine getreuesten Anhänger muß Tr. Lueger immer den Nachwuchs der großen Armee der Ausgebeuteten, ihrer Lehrlinge und Gesellen, die 'Arbeiter in dem engeren Sinne des Wortes, bereithalten, uub darum ist es nur allzu begreiflich, daß es die Socialdemokraten sind, die in erster Linie gegen den lehrerfeindlichen Beschluß des Stadtrathes und des Herrn Tr. Lueger energisch proteftirt haben. Aber Dr. Lueger dürfte sich wegen der Protestkundgebungen der Socialdemokraten kein graues Haar wachsen lassen, das hat er nicht nothwendig. Er steht unter sicherem Schutz. Seine Beziehungen nach Oben gestatten es ihm, die Staatsgrundgesetze mit den Füßen zu treten. Er darf es sich erlauben, aus seiner Machtvollkommenheit heraus, die Freiheit der Ueberzeugnng und der politischen Gesinnung zu negiren. Er kann eine neue Türkenherrschaft, eine neue P a i d) awirthschaft in Wien installiren, er darf Lehrer entlassen, weil sie freiheitlicher Gesinnungen beinzichtigt werden.