Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-09-17 · 38 (17.9.1897) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
38 (17.9.1897)
Date
1897-09-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021169-3021207--07107-3031420
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 762 Vr. VUntz » WochenschrM Nr 38 und dem Zionismus oder der Socialdemokratie oder ähnlichen Desperadoparteien in die Arme zu treiben. Die Schmücke Antisems nennen Budapest mit einem wohlfeilen Kalauer ohnmächtiger Wuth „Judapest". Es wäre sträflicher Größenwahn, dies unwidersprochen zu lassen. Die Herren überschätzen, wie immer, die Wichtigkeit der Juden; sie erweisen diesem armen, gedrückten Volke, das froh ist, wenn man es nach seiner Fagon leben läßt, zu viel Ehre. Wie könnte Israel in seinen rosigsten Träumen daran denken, mit dem herrlichen Gemeinwesen identiflcirt zu werden, in welchem ungarische Wissenschaft, Kunst und Cultur ihre Strahlen wie in einem leuchtenden Brennpunkt vereinigen! Aber der Hohn unserer Feinde sollte auch da unser Lehrmeister sein. Wir sind weit davon entfernt, mehr als eine bescheidene Mitarbeit im Dienste des königlichen Werkes zu reclamiren, welches das ritterliche, freiheitsliebende, Ahne und stolze Volk der Magyaren mit seinem Herzblute und mit seinem staatenbildenden Jnstiuct geschaffen hat. Aber wenn wir uns von unseren Feinden, die den Magyarenstolz durch Identification mit dem Judenthum oder gar durch die alte Lüge von der angeblichen Judenherrschaft aufreizen möchten, zum Nachdenken anregen lassen, so wird es sich zeigen, daß die jüdische und die magyarische Volks-, seele naturgemäß in Vielem harmoniren müssen. Wenn auch in einem Lande machtvoll concentrirt, bilden die Magyaren jedenfalls innerhalb der Menschheit eine der minder zahlreichen Nationen. Wie jedes der kleineren Völker müssen sie sich naturgemäß der Cultur Europas zu assimiliren suchen, ohne aber die Assimilation bis zum Aufgeben der Eigenart zu treiben. Als ein nur zur Hälfte katholisches Volk müssen sie für Glaubens- und Gewissensfreiheit einstehen, also auch für die Juden, die historischen Träger und Märtyrer dieser heiligen Sache. Sie sind auch gerne bereit, für die Juden einzutreten, weil sie ihre Bedeutung für die Volkswirthschaft nicht nach althergebrachten, der nationalen Unduldsamkeit schmeichelnden, conventionellen Lügen und bornirten Behauptungen, sondern mit dem bewährten, praktischen Blick des Ungarn, mit seinem offenen Auge für die Wirklichkeit und für das Bedürfniß der Nation beurtheilen. „Als Handelsleute sind sie wichtige nationalökonomische Factoren" heißt es unter Anderem in der vorjährigen officiellen Publication über den „tausendjährigen ungarischen Staat und sein Voll". Eben daselbst wird das Wort Karl Kelete's citirt: „Durch die Kreuzung der Ungarn und Juden würden wir dem Vaterlande im Allgemeinen eine Race gewinnen, die, je mehr sie sich vermehrt, nur desto besser die Erhaltung dieses Landes sichern kann Wenn Intelligenz und Kraft, Arbeitstüchtigkeit und Agilität sich vereinigen, dann vermengen sich die Elemente am vortheilhaftesten zu dem Zwecke, daß eine tüchtige und reiche, starke und mächtige Nation dies Land bewohne!" Der officielle Referent setzt hinzu: „Mit würdigeren Worten könnten wir unsere kurze Schilderung (nämlich der gesammten ethnographischen Verhältnisse Ungarns, Seite 407—447) nicht schließen!" Wie richtig! Gibt es einen Standpunkt, der einer selbstbewußten Nation würdiger wäre, als das redliche Streben, einer disparaten Minorität, die nun einmal durch das eiserne Machtwort der Geschichte in ihrer Mitte eingesprengt ist, alle Vorzüge des eigenen Geistes einzuhauchen, alle Vortheile der eigenen Lage zugänglich zu machen, aber auch die durch verschärften Kampf um's Dasein gezüchteten Qualitäten dieser Minorität anzuerkennen und sich selbst gelehrig anzueignen? Lernen wir von einander! Das ist der einzige menschenwürdige Standpunkt. Was die Menschheit geworden ist. das ist sie auf diesem Wege geworden. Ob eine Kreuzung der beiden Racen in erheblichem Maße stattfinden wird, ist noch eine dunkle Zukunftsfrage. Die Geschichte geht nicht immer den Weg, den der Menschengeist ihr weist. Aber daß die Magyaren selbst die größten politischen Erschütterungen nicht gescheut haben, um ihre jüdischen Mitbürger nicht in der Lage eines Plebs ohne Connubium zu lassen, wird unvergessen bleiben. Keinem Volke bleiben ernste Tage erspart, am allerwenigsten einem Volke, das seine Hegemonie im eigenen Lande mehr auf sein politisches Genie, als aus seine Zahl stützt. Sollten einmal die Ungarn ihre Freunde zählen müssen, so wird kein Jude von Charakter die Treue vergessen, die er ihm schuldet. Und die Stimmung von fast einer Million Menschen kann einem Volke von 6—7 Millionen sehr werthvoll werden. Von allen Bewohnern dieses Landes gilt nur für die Juden ebenso stark wie für die echtesten Stockmagyaren das alte Wort: Extra Hungariam non est vita; si .est vita, non est ita! James. Im Zeichen des Mandats. (Zur Eröffnung des Reichsrath es.) Angstvolles Forschen der officiösen Zeichendeuter in denk Zuge der Wolken. Sie suchen und spähen. Ja wohl, alle Zeichen künden Sturm. Niemand läßt sich durch die Ruhe irre machen, die gegenwärtig am politischen Horizont vorzuherrschen scheint. Es ist die Ruhe vor dem Sturm. Wahr, nur allzu wahr! Wohl uns, daß die Schicksale des Parlamentarismus und das geschichtliche Endresultat über die Bedeutung und den Werth dieser Institution nicht allein von dem abhängt, was sich innerhalb der schwarz-gelben Grenzpfeiler ereignet; wohl uns, daß wir in Oesterreich nur den schwachen Abklatsch dessen haben, was die Mutterländer des Parlamentes, Frankreich und England, den auflauschenden Völkern zur Nachahmung geboten haben. Wenn es aus uns ankäme, dann wäre das Parlament längst als eine leere, nichtige Lüge anerkannt, dann müßten wir zurückkehren zur Zeit des Absolutismus, des aufgeklärten oder, wie Einige wollen, unaufgeklärten Absolutismus. Das österreichische Parlament hat sich in den letzten Monaten als ein Nonsens erwiesen. Es stand die Negierungsmaschine, die Räder klappten nicht, das Werk war in Unordnung. Und wenn auch das ranzige Oel der Nothverordnungen darauf gegossen wurde, das System war ins Wanken gekommen. Aber der Parlamentarismus hat sich als unfähig erwiesen! Ja wohl! Für Oesterreich bat das seine ganze und volle Richtigkeit. Und nun sind die Vermittler an der Arbeit, nun wollen sie hindern, daß auch im neuen Reichsrath, in der nächsten Session unserer Volksvertretung, der dreizehnten, wie Abergläubische es voller Schaudern betonen, die parlamentarische Leidenschaft durch einen Sturm von Leidenschaften unmöglich gemacht werde. Wird dieses Beginnen gelingen? Wir wollen uns heute nicht mit dieser Frage beschäftigen, sondern nur untersuchen, wie es gekommen ist, daß gerade in Oesterreich die Scandalokratie die Herrin unserer parlamentarischen Verhältnisse geworden ist, daß. Geist und Witz, daß Kenntniß und Beredtsanlkeit in den düsteren Hintergrund gedrängt worden sind, während die am festesten geballte Faust, die lauteste Kehle, das am weitesten aufgerissene und ungewaschene Maul für den Gang der Dinge bestimmend wirkt. Wenn man die officiösen Pharisäer klagen hört, da.nn muß man glauben, daß unser Parlament bisher die Musterschule des Anstandes und der guten Sitten war, daß erst die böse Obstruction, welche die unseligen Sprachenverordnungen entfesselten, aus dieser Stätte der ruhigen sachlichen Arbeit den Tummelplatz wüster Scandalscenen gemacht hat. Oh! über das kurze Gedächtniß, dessen sich jene Lilien rühmen, die in der Herrengaffe gespeist und getränkt werden; sie haben ganz vergessen, daß vor den Helden der Pnltdeckel Leute aufgetreten sind, deren Mund von unfläthigen Schimpfworten überfloß, welche Schmutz kreischten und Koth johlten. Die Obstructionisten des Jahres 1897 sind die rechtmäßigen Kinder jener entarteten Sprößlinge der Wiener- Demokraten, der Wiener Antisemiten, welche in das Haus den Markthallenton, die Schanzel-Melodie gebracht haben.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.