Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 37 (10.9.1897)
- Date
- 1897-09-10
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 37 Vr. Vwch's Wochrnfitzrift. Sette 759 19 Familien bewohnt. Auch von der Colonie Kastieje oder Beer Tobias verspricht mau sich das Beste. Auch diese Colonie besteht aus 19 Familien. Kastieje macht zwar einen ärmlicheren Eindruck, denn sie besteht nicht aus gemauerten, sondern vorläufig noch aus hölzernen Häusern, aber diese sind nett und rein und die Colonisten sind zufrieden und blicken hoffnungsvoll in die Zukunft; sie beschäftigen sich hauptsächlich mit Ackerbau (nicht mit Weinbau) und bauen Weizen. Hafer n. s. w. an. Die Colonisten hoffen in spätestens zwei Jahren selbstständig zu sein. Feuilleton. Die lebende Zeitung. (Eine Federzeichnung ans der Gasse.) Der Jude steht wie ein Fremder zur Natur; sie ist llicht seine Mutter, die ihn mit Speis' und Trank nährt, sondern er muß dies erst ans zweiter Hand kaufen, gleichsani die Brosamen aufklauben, die der Bauer übrig läßt. Bei den Juden in den Städten ist dieses Verhältnis nicht bemerkbar, weil die ganze städtische Bevölkerung in demselben Verhältnisse zur Natur steht; in den Märkten und Dörfern jedoch, in denen sich auch Judeugassen befinden, gleichen diese in der That Bettlerherbergen gegenüber den mit allen Gaben der Natur so reich gesegneten Bauerngehöfteu. Die Milch z. B., doch gewiß eines der unentbehrlichsten Nahrungsmittel, strömt dem.Bauern förmlich zu und in die Gasse wird sie erst von einer Händlerin getragen und da von Haus zu Haus, wie Brot in der Hungersnoth vertheilt, daß ja Keiner um ein Deciliter mehr bekommt, als er nothwendig braucht. Aus diesem Verhältniß ist die Figur der „Milchjüdin" entstanden, die zum Status jeder Cultusgeineiirde auf dem Lande gehört, wenn sie auch in den Statuten nicht vorkommt. Ich habe in meinen Wandeljahren als Lehrer viele dieser „Milchjüdinnen" kennen gelernt. Sie sind sich fast gleich. Ihre Gewerbspraxis ist überall dieselbe. Die „Milchjüdin" kauft die Milch von den Oekonomiebesitzern des Ortes und trügt sie zu ihren Kunden in der Gasse von Haus zu Haus. Dazu gehört nicht nur der Gewerbsschein allein, sondern auch die religiöse Vertrauenswürdigkeit, daß sie „bei der Molk" ist. Bei diesem Geschäfte muß man unbedingt zur lebenden Zeitung werden, denn in jedem Hause, oder vielmehr in jeder Küche, in die sie mit ihrem Milchkübel des Morgens eintritt, ist die erste Frage an sie: „Was gibt's Neues?" Sie muß doch etwas mehr als andere Menschenkinder wissen, weil sie am frühesten aufgestandeu und schon in so vielen Häusern herumgekommen ist. Hat man noch ein wenig Naturanlage zum Erzählen, so muß man mit der Zeit Großartiges in diesem Fache leisten. Und auch diese Naturanlage haben sie Alle. Am reinsten habe ich aber diesen Typus in K r e n d e l H o h n in B.gefunden. Krendel ist eine Bildung aus Krone und ein jüdischdeutscher Frauenname, den sie wirklich führte. Aber Hohn war nicht ihr Zuname, den sie im Civilregister hatte. Hohn ist eine Corrumpirung von Hahn und wurde ihr als Spitzname gegeben. Der Volksmnnd bewahrt mit solchen Spitznamen noch das Andenken an die Urzeit der Menschheit, wo man mit dem Namen Wesen und Charakter der Person bezeichnete. Kann es für eine professionelle Morgenklatsche eine passendere Benennung als Hahn geben? Und die Klangfarbe von Krähen und Krendel ist so gleich, daß der Versuch verlockend war, zu Krendel Hohn (Hahn) zu setzen, und so hieß sie allgemein nur Krendel Hohn, und wer ihr höflich thun wollte, sagte zu ihr: Frau oder Madame Hahn, ohne dabei gar an einen Spott zu denken. Krendel machte in allen Rubriken einer großen Zeitung. Vor Allem in der Politik, in Zeiten, wo mau sich für Politik besonders interessirte, wie beispielsweise während der Wahlen. Sie wußte genau, mit wie viel Liter Wein der eine Candidat das Programm des anderen bekämpfte; sie kannte die Größe der Parteien, den Zuwachs und den Abfall, was immer während der Nacht im Wirthshause vor sich geht. Für ihre Person war sie ein Bischen clerical, denn sie hielt es mit dem Pfarrer, weil sie immer die Milch der frommen Denkungsart der Pfarrkirche bezog und sich getreu an das Sprichwort hielt: Weß Brot Du issest, deß Lied mußt Du singen. Allein sie gab die öffentliche Meinung unverfälscht wie die Milch, und bei allen an sie herangetretenen Versuchen, sie zum Kortesch zu gebrauchen, war sie unparteiisch geblieben. In Gemeinde - Angelegenheiten war sie besser als der älteste Tempeldiener versirt. Sie wußte genau, tute mau über die letzte Predigt des Rabbiners über die jüngste Kraftleistung des Cantors dachte, mit welchem Lehrer man zufrieden und mit welchem unzufrieden war und wer von den Repräsentanten nicht wiedergewählt werden wird und wer Chancen hat, anstatt desselben einzutreten. Krendel kauute die Stimmung so gut, daß die Betreffenden nicht selten wie zufällig in der Küche anwesend waren, wenn Krendel kam und sie interviewten. Aber Krendel war diplomatisch und konnte sich im Reden zurückhalten. Sie comprvmittirte Niemanden. Drang man in sie, so antwortete sie: „Guter, edler Herrlebeu, wie soll ich wisseu, wer das oder das gesagt hat. Ich habe mir mein Personengedächtniß genug anznstrengen, wenn ich mir merken muß. für wen ich einen Liter und für wen ich zwei Liter Milch brauch', daß es mir grad ausgehen soll. Leider kann ich nicht schreiben". Und bei dieser Gelegeuheit pflegte sie die Neuzeit glänzend herausznstreichen und den Rabbiner, den Cantor, den Lehrer oder Vorsteher, mit wem von diesem sie gerade sprach, mit einigen Complimenteu abzufertigen, wie viel der Eine oder Andere für den Fortschritt in der Gemeinde geleistet hat. Die Force ihrer journalistischen Thätigkeit lag jedoch in der Besorgung des localen Theiles ihrer Aufgabe. Sie wußte, wer in der Nacht angekommen und wer abgereist, wem ein Kind geboren worden, wer gestorben und wer erkrankt war. Sie kannte jeden Ehezwist, jede Gardinenpredigt und alle Familienangelegenheiten, worüber die Nacht ihren Schleier deckt. Aber ihr Stil war decent, wenn just junge Mädchen in der Küche anwesend waren. Sie Pflegte auch das „Volkswirthschaftliche", kannte die Vermögensverhältnisse eines Jeden, wußte, welche Frau von ihrem Manne Geld geschickt bekommen, wer eine gute, wer eine schlechte Woche gehabt hatte; aber sie entging immer der Versuchung, indiscret zu werden und etwa auch zu sagen, wo flott und wo knauserig gelebt, wer ans „Puff" nahm und wem der Credit entzogen wurde, obwohl sie das Alles genau wußte. In Krendel schlug ein warmes Herz für die Armen und Unglücklichen. Sie selbst hatte Hunderte von Gulden in der Gasse ausstehen und drängte ihre Schuldner nicht, und selbst wo sie nicht die geringste Aussicht auf Bezahlung hatte, borgte sie weiter, daß die arme Familie nicht ohne Milch sei. Krendel war daher bei ihrem sehr rentablen Geschäfte, das sie wie ein Privilegium hatte, doch nur eine arme Person, während die Welt Geld bei ihr vermuthete. Nur in Einem war sie assecurirt: sie hatte schon seit Jahren die Sierbekleider fertig in der Truhe liegen, einen schönen Platz sich gekauft auf dem Friedhofe und der Chewra-Kadischa einige hundert Gulden vermacht, um für sie „über hundert Jahr" Kadisch sagen zu lassen, denn sie stand ganz allein in der Welt. Nach dem Tode war sie also bestens versorgt. Wie in den Blättern die „Letzte Post" oder der „Nachtrag" nur in einem Theil der Auflage erscheint, so konnte Krendel selbstverständlich diejenigen Neuigkeiten, die sie auf ihrem Geschäftsgänge erst auffiug, in deu vorher besuchten Häusern noch nicht angebracht haben, und diese mußten sich bis zur Abendausgabe gedulden, die zwischen fünf und sechs Uhr Nachmittags erschien, wenn nämlich Krendel die Milch zur Jause ans trug. Fürs Feuilleton hätte Krendel von dem größten Residenzblatte engagirt werden können. Sie war unerschöpflich in Croquis, in kleinen Erzählungen, komischen und tragischen Inhalts aus der Vergangenheit und Gegenwart der Gemeinde B. . ., sie kannte die Geschichte jeMs Hauses, die Leiden und Freuden jeder Familie, die Genesis jedes Besitzes, die Ursachen jedes Nieder- und Unterganges, sie rief die Schatten des Friedhofes ins Leben zurück und ließ sie ihre mit ihnen begrabenen Sünden an den Enkeln sühnen, sie wob um ganz B . . . den Schleier der Romantik, daß die reale Welt darin kaum sichtbar war. An Wochentagen hatte Krendel allerdings keine Zeit zu solchen seuilletonistischen Arbeiten. Aber am Sabbath ruhte auch Krendel und da versammelte sich in ihrer großen Stube oder im Hofe des Hauses eine Schaar von Mädchen und Frauen, die bei einem Glas saure Milch gespannt ihren Vorträgen lauschte.