Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 37 (10.9.1897)
- Date
- 1897-09-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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^eite 748 Dr. Vloch's WochrnMpM. müßte uns Juden, die wir meistens czechisch und deutsch verstehen, gerade die Zweisprachigkeit den Existenzkampf erleichtern. Uebrigens dürfte der Zionismus nicht zum wenigsten auch in der Magenfrage helfen. Viele Juden waren so deutsch gesinnt, daß sie auch nach dem deutschen Schlachtruf handelten: „Kauft nicht bei Juden!" — und daß es Juden nicht immer leicht wurde, bei Juden in Stellung zu kommen. Es ist also im höchsten Maße auch eine Magenftage, das Solidaritätsgefühl der Juden zu tvecken, welches bisher nur in der Phantasie unserer Gegner besteht. Kurz und gut, wir sind Herrn Bettelheim tief gefühlten Dank schuldig. Wir hatten uns in der Sprachenfrage von nationalen Phrasen berauschen lassen. Herr Bettelheim zeigte uns, daß hinter den schönen Worten recht reale Interessen sich verbergen. Es sind aber nicht unsere Interessen. Als Narrheit könnte das Deutschthum der Inden sublim sein, geschäftlich ist es zweifellos eine Narrheit. Der Ziomstenrongretz. Von Dr. B. Rippner. Einen Triumph hat Dr. H e r z l zweifellos errungen; ohne jede unwürdige Reclame ist es ihm gelungen, die Auftnerksamkeit von ganz Israel für den Zionistencongreß zu gewinnen; auch wer ganz bestunmt wußte und tausend Wetten darauf eingegangen wäre, daß dort in Basel nichts Besonderes heranskommen könne, blickte dennoch mit Spannung auf die dort gepflogenen Verhandlungen, hatte den Wunsch, in der Mitte dieser Männer eine Zeit zu weilen, und als die „Oesterreichische Wochenschrift" einen so prompten und ausführlichen Bericht brachte, da ging es sicherlich vielen Lesern wie dem Referenten: man griff zuerst nach der Beilage, als ob die Heilsbotschaft aus Basel käme, um sich dann davon zu überzeugen, was doch von vorneherein feststand, daß auch der Congreß die Welt nicht aus den Angeln gehoben hat. Hierin hat H e r z l ein beneidenswerthes organisatorisches Talent entwickelt, obgleich er allerlei unerlaubte Kunststücke verschmäht hat. Alle Welt intereffirte sich für den Congreß und die Gemüther waren so erregt, daß sie oft ihrer besseren Einsicht zum Trotz etwas Unerwartetes von dieser Vereinigung erhofften. Die Phantasie spiegelte uns etwa einen feierlichen Moment vor, wo H e r z l auf die Tribüne tritt und ein Actenstück aus seinem Portefeuille zieht, in welchem der Sultan ihn, den Dr. H e r z l- Pascha, zum Gouverneur von Palästina mit unumschränkten Vollmachten ernennt; und in einer anderen Zuschrift erklärt sodann England, daß es seine schirmende Hand noch ganz besonders über H e r z l und seine Pläne halten werde. Dieser feierliche Moment ist nicht eingetreten, sondern es wurden nur Reden gehalten; wenn einst jüdische Drometen die Mauern Jerichos zum Sturze brachten, warum sollen jüdische Reden nicht auch Colonien, ja einen ganzen jüdischen Staat hervorbringen? Aber wenn, auch der Congreß, man möchte sagen naturgemäß, keinerlei Hoffnungen erfüllt hat, so hat er doch im Ganzen einen günstigen Eindruck zurückgelassen; wackere Männer, denen die Noth ihrer Brüder an die Seele greift, die sich ihre Sorge vom Herzen reden und die nur in einem Phantasieland Trost und Ersatz suchen für das Elend der Gegenwart, der Verein solcher Männer kann uns unmöglich der Schande und der Verachtung preisgeben; dabei ist es schon denkbar, daß ihre Reden unter Umständen gefährlich werden durch den Mißbrauch der Gegner. „Gehet mir gelinde um mit meinem Sohne Absalon". Diesen Rath möchten wir allen Jenen geben, die die Phantasien dieser meist edlen Schwärmer verwerfen. Man hat neuerdings von „Geschäftszionisten" geredet. Was wird nicht Alles heute von niedrigen Geschöpfen geschäftlich ausgenützt? So mag es Schreiber und Schreier geben, die einige Groschen verdienen durch untergeordnete geschäftliche oder agitatorische Arbeiten im Dienste des Zionismus; es gibt große Institute zur Abwehr des Antisemitismus, die, wenn man genauer hinsieht, keinen weiteren Zweck haben, als einigen Angestellten Brod zu geben und diese dadurch bestimmten Führer zur Heeresfolge zu verpflichten. Der Zionismus wird, so weit sich dies übersehen läßt, von diesem Parasitengeschlecht verhältnißmäßig wenig belästigt. Die Führer in der zionistischen Bewegung haben Nr 37 jedenfalls den besten Willen. Das ist immerhin etwas in einer Welt, in welcher sich so oft die Faiseurs, nachdem sie die wildesten Reden gehalten, sodann unter sich über ihren eigenen Enthusiasmus lustig machen. Am deutlichsten wurde, wohin die Bewegung eigentlich zielt, sogleich am Anfang, als eine Ergebenheitsadresse an den Sultan beschlossen wurde. Wiewohl Oesterreicher, wenn sie zu einer Berathung zusammentreten, zuerst Loyalität gegen ihren Kaiser bekunden, wie Katholiken dem Papste ihre beüoteit Grüße melden, so fühlen sich diese Herren gleichsam schon in Palästina, schon als Unterthanen des Sultan. Daß diese Judenfreundschaft der Türken und der Sultane einige legendarische Züge hat, soll hier weiter nicht erörtert werden. Die Rede Herz l's, die eigentliche Programmrede, zeichnete sich durch Kürze und Würde aus. Aus allen Reden hörte mau eine Ueberschätzung des Antisemitismus heraus; er ist doch nicht jene ursprüngliche, aus dem Volke stammende Bewegung, als welche ihn unsere Feinde und nun auch die um Herzl ausgeben. Natürlich hausen in der Volksseele böse Dämonen. Katholiken und Protestanten vertragen sich im Allgemeinen ganz gut; aber als die preußische Regierungsconferenz der Siebziger-Jahre die Feindschaft zwischen diesen religiösen Bekenntnissen als Kampfmittel brauchte, da warf sie den Zunder in die Menge und in Deutschland erwachte die schlummernde Feindschaft aus den Zeiten des dreißigjährigen Krieges; wer wird nun sagen, daß diese Erbitterung nun eine Naturnothwendigkeit ist? Sie kommt, wenn man sie ruft; wenn die Regierung den religiösen Frieden braucht oder nur duldet, so zeigt sie sich höchstens bei einigen zanksüchtigen Theologen, und auch da würde sie verschwinden, wenn es der Regierung nicht gefiele, dieses Feuer zu etwaigem Gebrauch im Stillen fortglimmen zu lassen. So gab es allerdings in der Mitte dieses Jahrhunderts verborgenen Judenhaß, wie es bei vielen Adeligen versteckten Haß gegen den Bürger gibt. Aber der Antisemitismus als politisches Princip entstand erst, als es Bismarck vaßte, den Dämon des Judenhasses an die Oberfläche zu holen und ihm die ganze Autorität einer starken Regierung zu verleihen, damit dadurch einige politische Gegner unschädlich würden. Nachdem er in dem ruhmreichen neuen deutschen Kaiserthum so viel Gunst erfuhr, waren freilich dem Judenhasse aller Orten die Thore geöffnet. Einige fatale Umstände förderten ihn: in Frankreich z. B. empfand die hochherzige Nation tief die Schande des Panamascandals; man suchte nach einem Sündenbock; und da nun in der That einige jüdische Glücksritter ihre unsaubern Hände dabei im Spiele hatten, so fand Drumont für seine Schimpsreden offene Ohren und die „Libre Parole" wird jetzt als eines der beliebtesten Blätter in allen französischen und belgischen Großstädten ausgeboten. Anderseits möchten wir nicht Ungarn, und nicht einmal England für ganz immun von dieser Seuche halten. Vergessen wir nicht, daß in Ungarn vordem Schlimmeres geschehen ist, als irgendwo sonst. Es ist seitdem besser, es ist sogar gut geworden. Aber Ungarn sollte nicht so stolz als die philosemitische Insel im Meere des europäischen Judenhasses gepriesen werden, und selbst England könnte aussätzig werden, wenn zuviel der rrffsischjüdischen Gäste seine Gastfreundschaft auf die Probe stellten. Referent war einmal vor einigen Jahren in London und durchstreifte unter Führung eines christlichen Freundes die Weltstadt. Da sagte er: Jetzt werde ich Sie einmal ins Verbrecherviertel führen und Ihnen das Haus zeigen, in dem Jack der Aufschlitzer seine Unthaten vollführt hat. Ich sah mich in diesen! „Verbrecherviertel" um und las lauter Geschäftsfirmen mit hebräischen Buchstaben und sah Juden und Jüdinnen, die trotz, sei es nun der nationalen oder der religiösen Verwandtschaft mir nicht gerade vertrauenerweckend erschienen, und der Begleiter ermahnte mich auch, nicht zu lange zu verweilen. Es war von dem Manne ganz harmlos, daß er Judenviertel und Verbrecherviertel identificirte, aber es zeigt sich, daß auch dort böse Geister Hausen und daß wir der englischen Langmuth nicht zu viel znmuthen dürfen. Es ist eine hochwichtige Aufgabe, dringlicher vielleicht als die Herstellung eines Königreichs Zion, in England und Amerika die russischen Juden möglichst rasch für die Cultur des Landes zu gewinnen. Sehr sonderbar fanden wir die Aeußerung Nordau's : „die Jndeubefreiung erschien den Völkern als eine nöthige Einrichtung des staatlichen Hauswesens, ungefähr wie ein Piano, das in keinem Salon fehlen darf, wenngleich er nicht bewohnt wird".