Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-09-03 · 36 (3.9.1897) · page 23

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
36 (3.9.1897)
Date
1897-09-03
Page
– (sequence 23)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021169-3021205--07086-3031397
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

9K. 36 9ti Vloch's Wochrnptzrifi Seite 743 hier vorhandenen Schäden nur von einem solchen geheilt werden können. Eine andere Frage ist es freilich, ob unsere orthodoxen Brüder sich zur Höhe der Situation zu erheben im Stande sein und zurückschrecken werden vor dem Gedanken, die Schaffenskraft der ungarischen Judenheit auf unabsehbare Zeit lahm zu legen und dieselbe nach den mit Recht vielgepriesenen kirchenpolitischen Gesetzen zu Tantalusqualen zu verurtheilen. Wie von eingeweihter Seite verlautet, will die Regierung vorerst die katholische Autonomie-Frage gelöst wissen und sich hernach mit dem jüdischen Congreß befassen. Vorlänffg haben sich die Rabbiner jenseits derDonan in Komorn zusammengefunden und einen Verein gegründet mit dem Zwecke, Einheitlichkeit im Religionsunterrichte zu schaffen und denselben mit steter Aufmerksamkeit zu verfolgen. Der Verein wird alljährlich an einem anderen Orte seine Sitzungen halten, und bei dieser Gelegenheit sind auch Vorträge, fachwissenschaftliche sowohl als populäre, in Aussicht genommen. Auch die Abfassung einer Denkschrift für die israelitische Landeskanzlei wurde beschlossen, welche unter Anderem auch die Gründung einer Pensions-Anstalt für sämmtliche Cultusbeamten zum Inhalte hat. An vorgefaßten Meinungen gegen eine Vereinigung der Rabbiner fehlt cs natürlich auch hierzulande nicht; das Gespenst einer jüdischen Hierarchie spukt auch hier in manchen Laienkreisen, doch es steht zu hoffen, daß die heilsame Thätigkeit des genannten Vereines jegliche Bedenken alsbald zum Schweigen bringen wird und seinem Beispiele auch die Rabbiner anderer Theile des Landes folgen werden. Jedenfalls sind wir um einen Schritt näher gerückt der Idee eines Landesrabbiner-Verbandes, deren Verwirklichung in der zu Budapest vor zwei Jahren stattgefundenen Landesversammlung einhellig beschlossen wurde. Dr. Steinherz, Rabbiner in Stuhlweißenburg. Nachschrift der Redaction. Am 24. und 25. August hat in Komorn eine Versammlung von Rabbinern stattgefunden, behufs Gründimg eines rmgarischen Rabbinerverbandes. Zum Präsidenten wurde Dr. Schnitzer aus Komorn, zu Vice-Präsidenten Dr. S t e i n h e r z aus Stuhlweißenburg gewählt. Als Schriftführer wurden bestellt: Dr. Klein, Veszprim, und Dr. L ö w y in 9t. A t a d, als Cassier Dr. B e r n st e i n aus Szombathely. Außer den Genannten haben sich eingefunden: Tr. F u ch s— Raab, Dr. H e r z o g—Kaposvar, Dr. U n g a r—Szegszard, Dr. W e i ß—Gran, Dr. B ü ch l e r P.—Moor, Dr. B ü ch l e r S.— Keszthely, Dr. Singe r—Tapolczan, Hände r - Data, Doctor Winkle r—Csabrendek. Andere haben ihren Anschluß brieflich und telegraphisch zur Kenntniß gebracht. Heinr's jüdisches Wissen. „Als Jemand einst Hercules loben wollte", so erzählt Plutarch, „rief man ihm zu: „Wer hatihn je getadelt?"" Aehnlich würde es bent ergehen, der erst Heine als Dichter preisen wollte. Wer hat ihn als Dichter noch getadelt? Nachdem aber alle Angriffe seiner Gegner nur den Juden in ihm und selbst ein berühmter jüdischer Geschichtsschreiber sich über ihn in den Worten äußert: „Die Blitze, die er bald in regenbogenartigen Farben, bald in grellen Streifen über Deutschland fallen läßt, waren mit j ü d i s ch - t a l m u d i s ch e r Elektricität geladen", muß es gestattet sein, seine Kenntniß des Judenthums, so weit sie aus seinen Werken hervorgeht, etwas niedriger zu hängen. Wenn es auch nicht zu leugnen ist, daß er jüdisches Gefühl besaß, wie ja schon der eine Satz in einem Briefe an einen Freund nach seiner Taufe bekundet: „Keiner von meiner Familie ist dagegen, außer ich. Und dieser Ich ist sehr eigensinniger Natur." Aber von hebräischem, geschweige talmudischem Wissen besaß er keine Spur. Das Wesen des Judenthumes, dem er entsagte, schien ihm schon früher abhanden gekommen zu sein. Die trauten Klänge aus dem jugendlichen Alter, die oft dem Greise bis in das Grab nachhallen, waren bei ihm schon verrauscht, ehe er noch den Fuß über die Stufen der Kirche setzte. Er kannte überhaupt nur das Judenthum der Gegenwart, nicht aber das Judenthum der Vergangenheit, dessen Geschichte und Literatnr. Wie hätte er sich sonst so vieler historischer Unrichtigkeiten und Anachronismen gröbster Art schuldig machen können, die in seinen sonst unsterblichen Werken Vorkommen. Ich will nur eine kleine Blumenlese von Jrrthümern geben, die in feinem „Romancero" enthalten sind. Heine, dessen hebräische Melodien zwischen 1846—1852 fallen, wurde wahrscheinlich durch Michael Sachs' „Religiöse Poesien der Juden in Spanien" 1845, dazu augeregt. Kaum hatte Michael Sachs die verborgenen Schönheiten der religiösen Poesie der Juden in Spanien entschleiert und den verdunkelten Glanz des Dichters Jehuda Halevi wiederhergestellt, als Heine, tief davon ergriffen, diesem stamm- und kunstgenössischen Troubadour ein Denkmal setzte. Mit seinem Zauberstabe erweckte er Jehuda Halevi's Schatten aus dem Grabe und führte ihn in der ganzen Idealität seiner Erscheinung uno in der ganzen Gluth seiner Begeisterung vor. Er läßt ihn ganz nach der Legende vor Jerusalem, als er seine wehmuthsvolle Zionide sang, von dem Schwerte eines fanatischen Sarazenen sterben und seinen letzten Sterbeseufzer „Jerusalem" sein. Heine spinnt aber die Sage noch weiter und sagt, jener Sarazene war kein Mensch, sondern ein verkappter Engel, der vom Himmel herabgesandt tonrde, den Liebling Gottes dem Jammerthale zu entrücken und aus den Himmelsrüumen wiederhallte es: „Lecho Daudi likras Kallo“, bekanntlich das herrliche Lied, das Heine in seiner „Prinzessin Sabbath" seinem Lieblingsdichter Jehuda Halevi zuschreibt, während doch der Verfasser des „Lecho Daudi" um einige Jahrhunderte später gelebt und Salomo Halevi geheißen hat, wie ja auch der Name als Akrostichon in dem Gedichte selbst erhalten ist. Heine hat offenbar Salomo Halevi mit Jehuda Halevi verwechselt. Von Jehuda Halevi gelangt Heine zu seinem Zeitgenoffen Jbu Esra, den er den „göttlichen Schlemihl" nennt. Diese Bezeichnung für Jbn Esra ist ganz zutreffend, sogar historisch richtig. Jbn Esra macht sich selbst über sein Mißgeschick, das ihn zum Nothleiden verdammte, lustig und persiflirte sich durch das Epigramm: „Ich bemühe, mich reich zu werden, allein die Sterne sind mir feindlich. Machte ich mit Leichentüchern Geschäfte, so würde Niemand sterben, hätte ich Kerzen als Maare, so würde die Sonne bis zu meiner Todesstunde nicht untergehen." Sein trauriges Leben schildert er in den Versen: „Flöß meinem Leid nach der Thränen Quelle, Es gab' auf der Erde keine trockene Stelle! Allein nicht blos der Siindfluth wilden Wogen, Auch meinen Zähren gilt der Regenbogen." Nun sucht Heine das dunkle Wort „Schlemihl", das Chamisso dem deutschen Sprachsatze einverleibte, zu enträthseln. Als Gewährsmann führt er den „Heiligen Hitzig" an, der ihm diese Erklärung gab. „Im vierten Buch Moses, Capitel 25 wird erzählt, daß der Edle Simri Buhlschaft mit einer Moabiterin trieb. Da ergriff Pinehas seinen Speer und erstach den Simri. Aber mündlich überliefert hat sich im Volke die Sage, daß es nicht der Simri war, den Pinehas getroffen, sondern daß der im blinden Eifer Erzürnte statt des Sünders unversehens einen ganz Unschuldigen, nämlich, den Schlemihl ben Zuri-Schaddai, traf". Hier hat der „Heilige Hitzig" Wahres mit Falschem untermischt und bewiesen, daß auch die Heiligen nicht unfehlbar sind. Die „Volkssage" ist nichts anderes als eine Talmudstelle, welche lautet: „Der Sünder heißt in der That Schlemihl ben Zuri-Schaddai; allein wegen der Schandthat, die er begangen, wird sein wirklicher Name in der heiligen Schrift verschwiegen und dafür mit dem Namen Simri, der die Frevelthat ausdrückt, gebrandmarkt". Simri und Schlemihl wäre mithin eine und dieselbe Person, und die Lösung des Wortes Schlemihl auf diese Weise zerfließt in Nichts. Das Wort „Schlemihl" ist nichts Anderes als eine Wbreviatur des hebräischen Wortes „Schelomasol" und bedeutet einen Unglücksmenschen, welches Wort die Juden aus abergläubischen Gründen — nomen est omen — nicht gerne aussprechen und dafür abgekürzt „Schlemihl" gebrauchen. Aehnliche Abbreviaturen findet man ja auch in anderen Sprachen. So ist das in ganz Europa gegen die Juden gebrauchte Schimpfwort

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.