Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 36 (3.9.1897)
- Date
- 1897-09-03
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
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Nr 36 ^ettc 744 Vr. Vloch's Wochenlchrifl. „Hepp, Hepp!" nichts anderes als die Anfangsbuchstaben der Aufschrift : „llisrosoI^MÄ est perdita“ (Jerusalem ist verloren), welche die Kreuzzüglcr auf ihren Fahnen hatten. Um dem ganzen Satz nicht auszusprechen, den ohnedies das Volk nicht verstanden hätte, hat man die Anfangsbuchstaben genannt und es als Losungswort gegen die Juden gebraucht. Der wahre Schlemihl bleibt also Heine, indem er sich von einem „Heiligen" falsch berichten ließ. In der so populär gewordenen „Disputation" Heine's reihen sich Jrrthümer Glied an Glied. Streift man den epigrammatischen Werth und den feinen Sarkasmus ab, so sind es lauter historische Unrichtigkeiten. Sowohl Zeit, als Ort und Personen sind fälschlich benannt; ja der Dichter läßt sogar Personen auf dem Kampfplatz auftreten, bevor sie noch existirt haben. Irrt darin der Kapuziner, irrt auch der Rabbiner, so irrt Heine am meisten. Heine läßt die Disputationen zu Toledo zwischen Rabbi Juda, dem Navarrer, und dem Franziskaner Jose, im Beisein des Königs Pedro, stattfinden. Beide Personen sind als Disputanten in der jüdischen Geschichte unbekannt und wahrscheinlich mit zwei anderen Personen verwechselt worden. Nach Heine muß die Disputation etwa gegen Ende des zwölften oder spätestens zu Anfang des dreizehnten Jahrhunderts stattgefuuden haben, denn er läßt den Rabbiner erwidern: „Ich bedauere, daß er einst Vor etwa z w ö l f h u n d e r t Jahren Einige Unannehmlichkeiten In Jerusalem erfahren".' Nun bringt der Rabbi Beweise für die Wahrheit seiner Religion aus dem „Tauffafas-Jontof" (soll wohl heißen „Jom- Tob"). In der ganzen jüdischen Literatur existirt aber nur ein Werk dieses Namens und dessen Verfasser lebte erst im sechzehnten Jahrhundert. Ueberdies ist dieses Werk nur ein Commentar zur Mischna und streng halachischer Natur, das für Glaubenslehren gar kein Material bietet. Heine wurde wahrscheinlich durch irgend einen Halbwisser, der ihm die Lebensgeschichte des Tossafat Jom-tob erzählte, zu diesem Jrrthum verleitet. Rabbe Lipmann Heller, Rabbiner zu Prag, ist der Verfasser des Tossafat Jom-tob. Als er mit einigen seiner Gemeindemitglieder in Zwistigkeiten gerieth, denuncirten ihn seine eigenen Glaubensgenossen bei Kaiser Ferdinand II., er habe in seinem Werke Lästerungen gegen das Christenthum gebraucht. Der Kaiser ertheilte an den Statthalter den Befehl, den Rabbiner Lipmann Heller in Fesseln nach Wien bringen zu lassen (25. Juni 1629). Der Kanzler in Wien verfuhr sehr hart mit ihm und ließ ihn in ein Gefängniß zusammen mit lasterhaften Verbrechern einsperren und eine Commission von Geistlichen einsetzen, um seine Schuld als Gotteslästerer zu constatiren. Heller's Vertheidigung fiel glänzend aus und machte auf die Richter einen günstigen Eindruck, daß das Urtheil viel milder aussiel, als es die sauberen Denuncianten erwarteten. Aus dieser Lebensgeschichte des Rabbi Lipmann Heller schloß Heine, daß er in seiner Verteidigungsrede vor der geistlichen Commission in Wien wichtige Argumente für die Wahrheit der jüdischen Religion vorgebracht und deshalb beruft sich anch der Rabbi von Navarra auf den Tossafat ^Jom-Tob. Möglich, daß der Jrrthum Heine's noch anderswo steckt, daß er diesen Rabbi Lipmann verwechselt. Ein Rabbi Lipmann aus Mühlhausen lebte auch in Prag etwa um das Jahr 1399. Um diese Zeit trat in Deutschland ein getaufter Jude Namens Pest ach, der als Christ den Namen Peter angenommen, mit schweren Beschuldigungen gegen seine Stammesgenossen auf. In Folge dessen wurden viele Juden in Prag verhaftet, unter diesen befand sich auch Rabbi Lipmann. Dieser verfaßte esne inhaltsreiche Schrift („Nizachon", Sieg), worin er. die Beschuldigungen des Täuflings Peter Pessach widerlegte und zugleich die Jrrthümer der christlichen Religion ausdeckte. Gelehrte deutsche Christen, die mit Erstaunen einen Rabbi in dem Neuen Testament belesen sahen, fühlten sich so sehr davon betroffen, daß der Bischof von Brandenburg, Stefan Bodecker, einige Jahrzehnte nach dem Erscheinen der Lipmann'schen Schrift eine Gegenschrift verfaßte. Heine hat wohl diesen Jomtob (zu bemerken ist, daß der hebräische Name für Lipmann Jom-tob ist) mit dem Tossafat Jom-tob verwechselt. Aber selbst dann begeht Heine einen Jrrthum in der Zeit, da er doch die Disputation im 12. oder Anfangs des 13. Jahrhunderts stattfinden läßt, während das Werk „Nizachon" erst 1420 verfaßt wurde. Heine läßt die Deputation im Beisein eines Königs Pedro des Grausamen halten, macht aber aus einem Cardinal einen König. Der Cardinal Don Pedro de Luna, der später als Gegenpapst Benedict XIII. so viel Verwirrung in die Kirche und so viel Unheil über die Juden gebracht hat, war von Bekehrungseifer und einer unwiderstehlichen Disputirsucht über Glaubenssachen besessen. In Pampeluna forderte er den damals berühmten Schem-tob aus Navarra auf, mit ihm über Erbsünde und Erlösung zu disputiren und dieser mußte sich dazu in Gegenwart von Bischöfen und gelehrten Geistlichen anschicken. 1380 verfaßte er ein umfassendes Werk, um alle Scheinbeweise aus Bibel und Talmud, welche von den christlichen Disputanten geltend gemacht wurden, in ihr Nichts aufzulösen. Es ist ein Gespräch zwischen einem Einheits- und einem Dreieinigkeitsgläubigen. Auf diese Disputation scheint Heine Bezug zu nehmen; .nur begeht er die Jrrthümer, indem er aus dem Cardinal Pedro König Pedro, und aus Schem-tob aus Navarra Rabbi' Juda aus Navarra macht. Den wirklichen Disputanten Schem-tob läßt er den Tossafat Jom-tob citiren, er hat offenbar die ähnlich lautenden Namen — Schem-tob und Jom-tob — verwechselt. In der ganzen Disputation herrscht eine solche Confusion, daß sie mehr einem, Gallünathias gleicht. Derselbe Pedro de Luna ließ auch später als Papst Benedictus XIII. mit Bewilligung des Königs Don Fernande 1412 eine Einladung an die gelehrtesten Rabbiner des Königreiches Aragonien ergehen, daß' sie sich zu einem Religionsgespräche in Tortosa einfinden mögen. Diese Disputation war die merkwürdigste, die je gehalten worden ist. Sie dauerte ein Jahr und drei Monate. Der Abtrünnige Josua Lorqui, der in der Taufe den Namen Geromino de Santa Fs angenommen, disputirte mit dem berühmten Don Vidal ben Beuvenisti und dem berühmten Philosophen Josef Albo. Don Bidal, den die Notablen zum Hauptsprecher gewählt, hielt eine Gegenrede in lateinischer Sprache, worüber ihm der Papst Complimente machte. Mit Ausnahme des Frater Jose, der mit Josua Lorqüi identisch sein mag, sind auch alle anderen Personen, wenn Heine auf diese Disputation Bezug nimmt, unrichtig. Weder ein Rabbi Juda aus Navarra, noch ein König Pedro stimmen mit den geschichtlichen Angaben von dieser Disputation überein. Wenn dieser Don Pedro nicht der König Don Pedro der Grausame, sondern nur der grausame Cardinal Don Pedro de Luna war, so ist selbstverständlich die Königin Donna Blanca eine ganz erdichtete Person. Ein Cardinal kann doch keine Gattin haben. Warum Heine diese Donna Blanca dazu erdichtete, ist unbegreiflich. Mußte er demr den berühmten Spruch: „Doch es will mich schier bedünken .... ." gerade einer Dame in den Mund legen? Diese historischen Schnitzer schmälern ebensowenig Heine's Genie, wie der geographische Schnitzer das Genie des großen britischen Dramatikers, wenn er Böhmen an die Ufer des Meeres verlegt. Die Entschuldigung liegt einfach darin, daß Heine nur . mangelhaftes jüdisches Wissen besaß und darin gleich Jbn Esra auch ein Schlemihl, wenn auch fein göttlicher, war, sich an die unrichtige Quelle gewendet zu haben. Wie sehr Heine das Wesen des Judenthums abhanden gekommen war, beweist zur Genüge sein leider unvollendet gebliebener Roman „Der Rabbi von Bachrach". Darin wird , erzählt, daß der Rabbi mit seiner getreuen Gattin Sarah am Passah-Abende flüchten mußte, weil zwei verkappte Christen ihnen ein todtes Christenkiud in die Stube gelegt, um sie des Gebrauches des Christenblutes an ihrem Passahseste zu beschuldigen. Nachdem sie die ganze Nacht hindurch planlos umhergeirrt, gelangten sie am ersten Tage des Paffahfestes in eine Gemeinde und begaben sich in die Synagoge, um Gott für die wunderbare Errettung zu danken. Da wurde eben aus der Thora die Stelle verlesen: „Und Gott gedachte der Sarah . . .", und die fromme Sarah schöpfte Hoffnung,, daß der Herr auch ihrer gedenken werde. Heine wußte also nicht, daß diese Stelle nach einer uralten Melodie am ersten Neujahrstage, nicht aber am ersten Tage des Paffahfestes verlesen wird. Heine mochte sich wohl , dieser Melodie noch aus seiner Kindheit erinnert haben, wußte jedoch nicht mehr, an welchem der Feste diese Stelle aus der Thora verlesen wird. Zu bemerken ist, daß Heine seinen „Rabbi von Bachrach" in seinen Jugendjahren geschrieben, er mithin schon zu dieser Zeit das Rituale der Juden nicht kannte, was Wunder, wenn er kein jüdi'ches Wissen mehr bei seinem „Romancero" hatte, das erst kurz vor seinem Lebensende erstanden ist.