Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 36 (3.9.1897)
- Date
- 1897-09-03
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
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Sette 742 Br. Vloch's Wochenschrift. Rr. 36. Debatte betreffs Einschaltung des Wortes „öffentlich", und nachdem die Commiffion sich nochmals zu einer kurzen Berathung zurückgezogen hat, erklärt Dr. Max Nordau der Versammlung, daß beschlossen wurd?, den Antrag auf Einschaltung des Wortes „öffentlich", da an dem Inhalt des Programms dadurch nichts geändert wird, stattzugeben. Das Programm wird sodann unter stürmischen Zurufen und Tücherschwenken einstimmig angelwmmen. Der nächste Punkt der Tagesordnung betraf die „zionistische Organisation". Referent Rechtsanwalt Dr. Bodenheimer (Köln) erblickt in der trotz der Gegnerschaft der eigenen Stammesbrüder zustande gekommenen Nationalversammlung den ersten Keim einer festen Organisation. Die Organisation müsse so gehalten sein, daß sich aus -ihr die staatliche Selbstständigkeit entwickeln könne. Redner ergeht sich nun in heftigen Ausfällen gegen die Protestrabbiner. Ob es unserem Volke gelingen wird, schließlich ein Staatswesen alsjden Gipfelpunkt nationaler Cultur zu erringen, muß der göttlichen Vorsehung überlassen werden. (Beifall.) Unser Ziel, eine völkerrechtlick geschützte Heimstätte für unsere verfolgten Stammesgenossen zu schaffen, wird überall propagirt tverden können, da es nirgends den bestehenden Staatseinrichtuugen entgegenarbeitet. Wir greifen keine Nation oder Confession an und wollen Niemandem was wegnehmen. Wir wollen den Stein des Anstoßes beseitigen. Auch die türkische Regierung wird nicht bedroht. Das jüdische Volk erkennt, es dankbar an, daß die Sultane den Juden gegenüber Ms Toleranz geübt haben, und wird es nie vergessen, daß sich die Türken zur Zeit der Vertreibung der Juden aus Spanien, deren anuahmen. (Riesiger Beifall). Wir wollen die Souveränetät des Sultans dankbar anerkennen. Unser Programm wird auch das Ventil bilden, gegenüber dem Antisemitismus und dem Judenelend in Osten. Im Osten wird es Aufgabe der zionistischen Organisation sein, dem socialen Elend der Juden zu steuern. Im Westen ist leider durch die Gleichberechtigung das Gefühl der Zusammengehörigkeit untergraben. Dort wird vielfach nicht nur, wie Heine . sagte, das Judenthum als ein Unglück, sondern sogar als eine Schande angesehen. Der Congreß wird für immer das Hauptorgan der Zionisten aller Welt sein und an seinen alle zwei Jahre stattfindenden Berathungen wird jeder Zionist theilnehmen können. Der Referent schlagt schließlich die Einsetzung eines Ziouiften-CenrralComit^s in Wien vor nebst Gründung einer jüdischen Bank, die später nach Palästina als jüdische Nationalbank verlegt werden könnte. Die Bank soll den Zweck haben, Mittel zur Agitation aufzubringen, daneben werde man noch einen Nationalfond für Colonisationszwecke errichten. Das Central-Comitä und die Nationalbank würden auch die besten Vermittler oder Unterhändler mit der türkischen Regierung wegen Landconcessionen und Ansiedlungen sein. Das Hauptaugenmerk wolle man zunächst auf die Agitation werfen. Wanderlehrer werden die Massen des jüdischen Volkes für die Bewegung zu gewinnen suchen und die Juden und Nichtjuden über die Ziele oufklären. (Lebhafter Beifall.) Hierauf wurden die Verhandlungen vertagt. Am 30. August, 3 Uhr Nachmittags IV. Sitzung. Dr. Herzl aus Wien eröffnet die IV. Sitzung. Dieselbe brachte eine lebhafte Debatte über Organisation und Propaganda, Bon verschiedenen Seiten wird geklagt darüber, daß das Bureau dem Congreß keine festen, faßbaren Vorschläge über die Form der zu schaffenden Organisation gegeben habe. Dr. Marino rek (Wien) verwies auf die Erfolge der Socialdemokraten, deren Erfolge nicht zum geringen Theil auf ihre feste Organisation zurückzuführen sei. Redner hält es daher für wünschenswerth, daß man eine Reihe von Commissionen für Preß-, Cultur-, Agitationsrc.-Fragen einsetze- Dr. Birkenstein (Köln) wünscht, daß man hauptsächlich Gewicht auf die nationalökonomische Seite lege. Schach (Frankfurt) beklagt, daß das Referat keine genaue Uebersicht über die Zionistenbewegung gegeben habe., Die Bewegung müsse eine demokratische sein, denn man habe es mit eigenem Fleisch und Blut zu thun. Hauptgewicht müffe man auf die Literatur legen, mit welcher man allein die Jugend gewinnen könne. (Beifall.) Dr. Bodenheimer (Köln) entgegnet, daß es nach Sachlage der Dinge bis jetzt noch nicht thuulich war, eine genaue Uebersicht zu geben. Eine Uebersicht werde man erst am nächsten Congreffe bieten können. Der diesmalige Congreß soll blos den - Zweck haben, die Zionisten einander näher zu bringen. Es findet hiebei eine längere Debatte statt. Redner: Wolfsohn, Motzky, Dr. Herzl. Es wird nun eine Commission eingesetzt, welche die Anträge durchberatheu soll. In der Commission sind alle Länder vertreten. Es sprechen hierauf Dr. Salz, P i n e l e s, B o d e n h e i m e r, Birnbaum, Bielkowsky, Rosen feldu. A. Nachdem noch die Präsenzliste vorgelesen war, die die Anwesenheit von über 200 Delegirte nachwies, wurden die Verhandlungen auf Dienstag vertagt. Abends findet in der Burgvogtei ein Commers statt. . Am 31. August V. Sitzung. Dr. Th. Herzl (Wien) theilt der Versammlung mit, daß eine Zustimmungskuudgebnng von spanischen Juden aus England eingelangt ist, die der zionistischen Bewegung sehr sympathisch gesinnt sind. Sämmtliche eingelaufenen Depeschen und Kundgebungen werden in einem Zimmer des städtischen Casinos zur Ausstellung gelangen, damit die Delegirten Einsicht nehmen können. Die gestern gewählte Commiffion legt ihren Organisativnsentwurf vor, über den sich eine sehr zeitraubende Debatte entspinnt, die bis zur Mittagspause nicht über die ersten Paragraphen hinaus fortgeschritten ist, so daß der programmmäßig und vom Präsidenten in Aussicht gestellte Schluß des Congresses kaum vor heute Abend zu ermöglichen sein wird. I. K o h n e r. Ein Nabbinerverein in Ungarn. Seit einigen Wochen haben wir Gelegenheit, zu. bemerken, daß sich unter den Juden der verschiedenen Länder eine ausnehmende Regsamkeit zum Zwecke der Vereinigung kundgibt. Zuerst waren es die Rabbiner Böhmens, welche einen Landesverband gründeten, dessen Nothwendigkeit von keiner Seite bezweifelt und angefochten wurde. Diesem folgte der Rabbinerverein in Mähren und Schlesien, und wie in diesen geschätzten Blättern zu lesen war, denkt man auch daran, eine Vereinigung sämmtlicher Rabbiner im Kaiserthum Oesterreich zu Staude zu bringen; und der deutschisraelitische Gemeindebund arbeitet gegenwärtig daran, die Organisation der deutschen Judenheit auszugestalten. Eine Schöpfung von der weitgehendsten Tragweite wäre auch der österreichische Gemeiudebund gewesen, und es ist tief zu bedauern, daß die Negierung aus durchaus nicht überzeugenden und einleuchtenden Gründen demselben hemmend entgegentrat. Unmöglich kann man daraus zu einem anderen Schluffe gelangen, als daß man in osficiellen Kreisen dem wüstesten Antisemitismus noch fernerhin gewähren zu lassen gedenkt und daher einem engeren Zusammenschluß der bedrängten Judenheit entschieden abhold ist. Der Grund des allgemein erwachten Bestrebens, nach Vereinigung dürfte aber nicht einzig in dem allerorten mehr oder minder wahrnehmbaren offenbaren oder latenten Antisemitismus zu suchen sein, sondern ebenso sehr in der lebhaft und stark gefühlten Abnahme des religiösen Geistes; in dem Bewußtsein aller wahrhaft Treuen und Bessern, daß man dem Judenthum rechtzeitig beispringen müsse, so wir seinen Fortbestand nicht ernsten Gefahren aussetzen wollen. Das Wandeln in den alten Geleisen scheint nicht mehr ausreichend zu sein und es tritt die Nothwendigkeit der Schaffung neuer Mittel und Wege zur Hebung und Stärkung unserer Religion immer dringender und gebieterischer an uns heran. Nicht anders ist es im freien U n g a r l a n d e bestellt. wo die Judenheit über Antisemitismus am allerwenigsten zu klagen Ursache hat, wo man aber gleichwohl einem einzuberufenden Landescongreß mit sehnsüchtigem Verlangen entgegensieht, da die auch