Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 36 (3.9.1897)
- Date
- 1897-09-03
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
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Nr. 36 Dr. Vloch's Mvchenkchrift. Seite 741 - Er widerlegt die Anschauungen, daß die Juden blos znm Handel geboren wären, und sagt: die Juden selbst in Babylon seien ein landwirthschastliches Volk gewesen. Der Talmud ist das Werk eines Agrarvolkes. Die Juden sind erst in Folge bestimmter historischer Verhältnisse gezwungen worden, unter den Völkern zerstreut und als Händler zu leben, uttb heute zwingen die Juden wieder andere Verhältnisse, ein eigen Heim zu suchen und auch die bisherige Lebensweise aufzugeben. (Beifall.) Des Weiteren führt Redner aus, indem er die ganze Cultur der Juden von Beginn bis auf unsere Zeit streift, daß die Juden in Folge der Bedrängniß zu allen Zeiten gezwungen waren, nichts anderes als Händler zu sein. Die Inden konnten sich kein Land erwerben, den Juden war die -Ritterwürde verboten, sie durften keinen Heeresdienst leisten, sie sollten mit einem Worte dem N i ch t j u d e u, dessen .H a u p t g e s ch ä f t das Raubritterthum ist, keine Concurrenz machen können. Der Jude also, der weder Ritter noch Gutsherr sein kann, Leibeigener nicht sein kann und will, legt sich auf den Handel. In eingehender Weise schildert Redner die Lage der Juden bis Ende des XVII. Jahrhunderts und kommt üuu auf d i e jetzige Lage derselben zurück.. Die Juden erfreuten sich in der Neuzeit der sogenannten Freiheit, so lange man sie haben nmßte, so lange kein nationaler, genügend tüchtiger Kaufmann vorhanden war. Man liebäugelte mit den Juden in Deutschland, Oesterreich, Bulgarien uitb Serbien. Kaiser Josef II. war einer der ersten, der die Lage der Juden verbessern wollte. Aus dem von ihm erlassenen Toleranzedict ist leicht zu ersehen, daß es ihm hauptsächlich darauf ankam, daß die Juden Handel und dergleichen betreiben. Friedrich der Große war ein großer Philosoph. Dem Philosophen Moses Mendelssohn ertheilte er trotzdem noch im Jahre 1770 nicht das.Privilegiumordentlicher Schutzjude zu sein, während die Bankiers Abraham Marcus, R. Ephraim und Daniel Jtzig schon 1761 die Freiheit besaßen, christliche Bankiers zu s e i n. Der Grund der Emancipatiou der Inden im XIX. Jahrhundert ist in unserer wirthschaftlichen, capitalistischen Einrichtung zu suchen. „Die Emaucipativu der Juden", sagt Heine schon im Jahre 1846 mit Recht, „ist ein definitiver Sieg des Princips der bürgerlichen Gleichheit." Der heute so hoch antisemitische Gemeinderath von Wien schenkte noch im Jahre 1882 5000 fl. zu Gunsten der russischen Juden. Jetzt, wo man die Juden nicht mehr zu gebrauchen scheint, -werden sie überall gehaßt und alle Uebel, die ihren Grund.- und Boden in der modernen Wirthschaftseinrichtung haben, werden ihnen zur Last gelegt. Redner zeichnet die Geschichte und Lage der Inden im Allgemeinen, bespricht speciell die wirthschaftliche und sociale Lage der Juden irr Rußland und Polen und kommt auf die Colonisation zu sprechen; seit 17 Jahren ist man thätig und kaum konnten 10.000 jüdische Bauern in Palästina angesiedelt werden, während dieser Zeit aber über eine Million Juden allein aus Rußland nach Amerika, Argentinien rc. ausgewandert sind; dies würde anders werden, wenn für die Ansiedlnng in Palästina eine gewisse Garantie geboten wäre. Wir Zionisten kennen die ganze', Schwierigkeit unseres Unternehmens, wir kennen die Größe der uns gestellten Aufgabe. Wir wissen aber, daß wir unser Ziel erst dann erreichen werden, wenn der Wunsch nach „Freiheit" die Masse des jüdischen Volkes durchdrungen haben wird. Wenn unsere vereinigten Wünsche nach Freiheit so stark sein werden, daß wir sie in einen mächtigen Hammer umschmieden könnten, erst dann werden wir die Kette des Elends und der Erniedrigung, in der wir stehen, sprengen können. Darauf erklärt der Vorsitzende die Sitzung für geschlossen. Montag, 30. August, dritte Congrestsitzung. Nach Eröffnung der Sitzung machte der Präsident Dr. Th. Herzl die Mittheilung, daß noch immer aus allen Punkten der Erde Zustimmungskundgebungen einlangen, die Zahl der Telegramme betrage über 200 mit circa 6000 Unterschriften. Eine Kundgebungsadresse.mit 15.000 Stimmen im Gewichte von 80 Kilogramm ist angelangt; viele kommen von Vereinen, Cultusgemeinden und Versammlungen. Von Wichtigkeit sei, daß sich immer mehr orthodoxe Rabbiner anschließeu. Eine Zuschrift des Großrabbiners Zado cKahn aus Paris an den Präsidenten Dr. Herzl spricht ihm und der Zionsbewegung seine Sympathie aus. Sodann unterbreitete Dr. Nord au (Paris) der Versammlung das von einer eingesetzten Commission ausgearbeitete Zionisten-Programm und empfiehlt dessen Annahme. Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. Zur Erreichung dieses Zweckes rünnnt der Congreß folgende Mittel in Aussicht: I. Die zweckdienliche Förderung der Besiedlung von Palästina mit jüdischen Ackerbauern und Gewerbetreibenden. II. Die Gliederung und Zusammenfassung der gesummten Judenheit durch geeignete örtliche und allgemeine Veranstaltuugen nach Maßgabe der Laudesgesetze. IH. Stärkung und Förderung des jüdischen Geschichts- und Volksbewußtseius. IV. Vorbereitende Schritte zur Erlangung der nöthigen Regierungszustimmungen, um das Ziel des Zionismus zu erreichen. Dr. Birkstein (Köln) protestirt in heftiger Weife, wiederholt von der Versammlung unterbrochen, dagegen, daß man von einer „rechtlichen" Heimstätte spreche. Das sei gleichbedeutend mit einer Vertauschung des Bürgerrechtes in Deutschland, Frankreich, England rc. mit dem — türkischen Bürgerrechte in Palästina. Wir wollen nicht mehr blos geduldet sein, wir wollen eine völkerrechtlichgesicherte Heimat haben. (Beifall und Unruhe.) Dr. Herzl ermahnt zur ruhigen und sachlichen Berathung. lieber die ^rundprincipien seien sie ja einig, das Ganze wurde schließlich nur als Wortstreit dargestelll.*) Motzkj (Rußland), Student aus Berlin, beklagt die in dem Programm auftreteude Äbschwächung der Zielpunkte. Die Fassung des Programms ist offenbar das Resultat eines geheimen Compromisses innerhalb der Commission, welche den Boden der Herzl'schen Ideen verlassen hat und zu den Anschauungen znrückgekehrt ist, die wir bekämpfen. Als die Zivnistenbewegung auftauchte, dachte man allein nur an einevölkerrechtlicheHeimstätte. Die Judensrage m ü s s e gelöst und völkerrechtliche Garantien geschaffen werden, sonst werde die Bewegung . zurückgedrängt und kommt ganz in das philantropische Fahrwasser. Herzl sprach mit Recht bei jeder Gelegenheit und speciell bei Einladung zum Congreß von einer „völkerrechtlichen" Sicherung unserer Zukunft. Mit der Colonisation, wie sie in den letzten 15 Jahren gehandhabl wurde, erreiche man nichts (Beifall und Widerspruch). Die türkische Regierung und die Welt müssen es wissen, daß sich die Juden in Palästina ansiedeln wollen, eine Verheimlichung habe keinen Zweck. Nur mit einem festen nationalen Programm werde man das jüdische Volk für seine Befreiung begeisteru können. (Stürmischer Beifall.) Dr. Mintz (Wien) spricht sich gegen jede Aenderung des Programms aus, es spreche offen und deutlich, daß es sich nicht um eine Fortsetzung der bisherigen Colonisation in Palästina handeln könne, sondern um ein festes zionistisches Streben. Mit gutem Grunde habe man es unterlassen, das Wort „rechtlich" näher zu begründen, weil sie zu gewissen Rücksichten gegenüber jener Stelle verpflichtet seien, die zu berücksichtigen zur Erreichung des Zieles dringend geboten erscheinen. (Zwischenruf, lebhafter Beifal l.) Der Congreß habe eine weltgeschichtliche Bedeutung. Man wolle nicht Programme fabriciren. sondern ein Ziel erreichen. (Stürmischer Beifall.) Dr. Max Nordau beantragt hierauf die Annahme des Antrages per Acclamation als Ausdruck einer einmüthigen begeisterten Kundgebung. (Großer Beifall.) Dr. Blumenfeld beantragt namentliche Abstimmung, da eine augenblicklich hervorgerufene Begeisterung nicht immer die richtige sei. Es entspinnt sich eine längere, theils sehr erregte *) Anmerkung der Redaction : Der „Breslauer Zeitung" wurde telegraphisch der Wortlaut folgendermaßen übermittelt: Basel, 30. August. Ter hier tagende z tont st ische Congreß hat nach langer Debatte in der heutigen Vormittagssimmg das Programm der Bewegung folgendermaßen formal irt: Ter Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer rechtlich gesicherten Heimstätte i n P a l ä st i n a. Zur Erreichung dieses Zieles nimmt der Congreß folgende Mittel in Aussicht: 1. Zweckdienliche Förderung der Besiedelung P a l ä st i n a s mit jüdischen Ackerbauern und Gewerbetreibenden. 2. Glieder u n g und Z u s a m ur e n f a s s u n g der ge s a m m ten F u b e ui cf) a f t durch geeignete örtliche und allgemeine Veranstaltungen nach Maßgabe der Landesgesetze. 3. Stärkung des jüdischen Nationialgefiihles und Volksbewußtseins. 4. Vorbereitende Schritte zur Erlangung der für die Erreichung des zionistischen Zieles nothwendigen Z u st i mmung der Behörden.