Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 36 (3.9.1897)
- Date
- 1897-09-03
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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Seite 740 Vr. VLoch's Wochen,chrtfi. Nr. 36 90 Perceut mit der niedersten Steuerqnote eingeschätzt und diese sind kaum zum vierten Theil in der Lage, den vorgeschriebenen Beitrag zu leisten. Auch über Galizien und Ungarn spricht Redner und schließt mit folgenden Worten: Und so schwebt über dem Gesammtbild unserer Lage eine trübe, dämmerdunkle Stimmung. Die vielbesungene Sonne aber dort von Osten her flammt auf und es ist ein Glanz, der uns den Weg weist durch Karst und Wüste zu einer Stätte, die wir lieben, mit der ganzen Glut unseres gequälten Herzens — zur Stätte, welche Zion heißt. Dr. Ebner spricht über Bukowina. Dr. Schauer (Bingen) will in seinem Referate den Ein- ' druck der Nordau'schen Rede über die allgemeine Lage der Juden nicht schwächen, zumal das von Nordau entworfene Bild genau auf deutsche N e r h ä l t n i s s e vaßt. Aber einen Punkt hebt er mit kurzen treffenden Worten hervor, die geringe Kenntniß jüdischen Wissens unter den deutschen Juden. Bor ein paar Tagen erst hat eine Statistik in Berlin gezeigt, daß in Berlin 1400 jüdische Kinder — eine erschreckende Anzahl — ohne Religionsunterricht aufwachsen und ihre Kenntniß dann aus den Schriften der Gegner ziehen. Dafür wollen wir deutschen Zionisten wirken, schließt Redner, daß sie ihre glorreiche Vergangenheit kennen, daß sie sich der Worte des alten Mattisjahu erinnern: „Gedenket der Tage Eurer Väter.so werdet Ihr unvergänglichen Ruhm und Namen erringen". Dann spricht Professor Bielkotvsky über Bulgarien und die dortige Lage der Juden, er zeigt, daß in diesem jüngsten Staate auch nur papierene Gleichberechtigung sei, daß dort auch der Zionismus mit großen Hoffnungen begrüßt wird. Dr. Ronay aus Ungarn sagt, wenn auch Ungarn noch gegenwärtig der Fels in der Fluth, so werden doch auch die ungarischen Juden sich der zionistischen Bewegung freudig anschließen, sie werden palästinensische Staatsbürger werden, wie sie heute ungarische sind, dabei aber für Ungaru immer treue und dankbare Gesinnung bewahren. Adam Rosenberg aus New-Iork stellt kurz die Zustände in Amerika dar, die eigentlich den englischen entsprechen, wenn auch durch die neuerlichen Einwanderungen polnischrussischer Juden ein Arbeiterproletariat entstanden und unter den jetzigen amerikanischen Juden von der einen Million etwa 25 Percent Sehnsucht nach dem alten gelobten Lande empfinden; wem: wir Zionisten so weiter arbeiten, steht zu hoffen, daß auch die auderen 75 Percent uns zufallen werden. Zum Schluffe weist Redner noch auf Vereine jiidischer Frauen hin, die sich von Rabbinern Vorträge über jüdische Geschichte und Literatur halten lassen. Redner schließt mit dem Wmische „leschono habo bijeruschelajim". Dr. Nordau bittet, die gehörten Berichte anzunehmen und folgenden Landau-Werner'schen Antrag zu billigen: 1. zur Verwirklichung der Congreßziele eine Aufstellung der Berufsstatistik der Juden für nothwendig zu erklären; 2. dazu einen Arbeitsausschuß in den Residenzen der einzelnen Länder einzusetzen mit näherer Ausführung; 3. um weitere Kreise zu interessiren, ein Preisausschreiben dafür zu veranstalten. Nach.Begründung des Antrages durch Dr. L a n d a u wird nach längerer Debatte ein Antrag Kaminka angenommen, daß vor der Abstimmung über diese Vorschläge erst die Referate über die „zionistische Organisation" angehört werden sollen. Dr. Birnbaum (lebhaft begrüßt) entwickelt in längerer Rede, daß die Juden in der europäischeil Cultnrwelt eine Anomalie bilden, sie begeben sich ihrer Cultur, ohne die andere anzunehmen, und bilden daher eine Sonderexistenz. Redner geht, auf die Affimilationsversuche ein, auf das widerliche Schauspiel der Taufmaskeraden, wie sich der Antisemitismus erhebt, der aber gar. nicht dazu kommt, die Jildenfrage zu l ö s e n. Die Judenfrage existirt nur f ü r u n s, wir müssen eine Bewegung einlenken, und das ist nur auf zionistischem Wege -möglich durch die Erhebung der Juden zu einem Volke. Man hört oft mit großem Gelehrtenaplomb behaupten, der 'Zionismus sei durch den Antisemitismus begründet und hänge von dessen Gnade gewissermaßen ab. Aber man muß bedenken, jede Bewegung hat Ursache und Veranlassung. Das zionistische Streben existirt schon lange, doch konnte kein Hoffen auf Gelingen sein, so lange ein Volk fehlte, das stark sein wollte. Das kennt man im Ghetto nicht, da gibt es nur ein S e h n e n. Erst als das Volk zu wollen lernte, war die Bahn für den Zionismus geebnet (Beifall), jetzt ist's nur eine Frage der Zeit, wann es sich losringen wird. Redner geht näher auf die wirthschastlichen Verhältnisse der Juden.ein, daß die Anomalie in dem Mangel eines eigenen Landes bestehe, daß damit den Juden die wirthschaftliche Stütze fehlt. Ein Ausgleich der Lebensgewohnheiteli zwischen Ost- und Westjuden würde in kurzer Zeit eintrete», und ein Culturgewinn sich ergeben. Wir wollen keine Culturmiffionäre sein, aber wir glauben, der Nutzen der mit der erstrebten Erlösung unseres Volkes verbundenen Erfolge wäre ein ungeheurer. Die Juden brauchen ein Land, sie müssen eins haben und werden es auch ohne Zweifel besitzen. Warum aber gerade Palästina? Man kann sich' zur Begründung dieser Wahl durch das Gefühl leiten lassen, und auch nüchterne Verstandsmenschen werden diese Gefühle, die bei den Juden für Palästina leben, nicht verwerfen dürfen. Aber prüfen muß man immerhin, ob dieses Land sich für unsere Zwecke -eignet. Aber nun zeigt sich, daß Palästina gerade dazu geschaffen ist, eine festhaltende Kraft auf die Juden auszuüben, sie so lange, dort hinznhalten, bis sie eine Culturnation geworden. Die Zionsgefühle werden verhindern, daß die Juden sich nach den Fleischtöpfen Egyptens zurücksehnen. (Beifall.) Daher ist Palästina das einzige in Betracht kommende Land, es wird zum Bindeglied werden zwischen östlicher und westlicher Cultur, durch seine Lage sowohl als auch durch seine Geschichte, auch ist unser Volk zur Vermittlung des Ost und West wie geschaffen. Die .Wahl Palästina stärkt den Zionismus. Einwände werden erhoben gegen die praktische Unmöglichkeit. Mit Unmöglichkeit läßt sich jede Bewegung lahm legen, jede That verhindern. Nur von Schwierigkeiten kann die Rede sein. Handeln und nicht grübeln heißt die Parole. Wegen den Schwierigkeiten haben wir den Congreß einberufen, wir wissen, wir sind am Anfänge eines Feldzuges, durch Mißerfolge wollen wir uns nicht abschrecken lassen (Beifall), der Sieg ist doch unser. Formuliren wir unsere Forderungen, appelliren wir an unsere Mitmenschen, wenden wir uns an den Sultan, errichten wir eine neue fruchtbare Stätte für europäische Gesinnung und Gesittung. (Langanhaltender Beifall.) Es wird der Beschluß gefaßt, auch die Birnbaum'sche Rede vollständig in Druck Erscheinen zu lassen. Dr. Farbstein (Zürich) erörtert die ökonomischen Verhältnisse, welche ihn ebenfalls zu der zionistischen Bewegung der Juden geführt hätten. Er führt ungefähr Folgendes aus: Wir haben uns hier versammelt, um über den Weg, den die Zionisten einschlagen sollen, zu discutiren. Wir müssen zuerst darüber im Klaren sein, was wollen die Zionisten und weswegen wollen sie es. „Die Zionisten wollen vermittelst einer planmäßigen Emigration der Juden nach Palästina nicht nur eine jüdische Gesellschaft ins Leben rufen, sondern auch eine Veränderung der ökonomischen Lebensweise der Juden herbeiführen, aus dem jüdischen Handelskrämer und Handwerker ein wirthschaftlich und industriell arbeitendes Volk machen." Die Zionisten wollen dies, weil sie die Anschauung hegen,' daß eine Emancipatiou der Juden von ihrer bisherigen ökonomischen Lebensweise, eine Emancipatiou der Juden im Allgemeinen, in nationaler und religiöser culturellerHinsicht nur und erst in einem jüdischen Lande erfolgen kann. Wer sind die Zionisten? Die Zionisten bilden keine Partei, man kann zu ihnen von allen Parteien kommen. Der Zionismus umfaßt alle Parteien des jüdischen Volkes. Der Zionismus ist das jüdische Volk unterwegs (Beifall), der Zionismus ist keine Partei und trotzdem wird der Zionismus mit der Sicherheit und der Kraft eines mechanisch wirkenden Naturgesetzes eine Gruppirung der Juden in Classen herbeiführen, denn die Zionisten sind die Armen und Unterdrückten in Israel, oder auch diejenigen Juden, die noch jüdisch fühlen, die Antizionisten, die Juden, die dem Zionismus feindlich gegenüberstehen, sinddie Selbstlinge, die für sich irgend eine entfernte üble Folge der zionistischen Bewegung befürchten, die sich als Verachtete und Beschimpfte wohlfühlen und den Unzufriedenen, Ungeduldigen nicht — verzeihen, daß sie eine Anstrengung wagen wollen, ohne auf das ruhige Behagen der Satten und Vergnügten Rücksicht zu nehmen. Redner widerlegt nun in Längerem die Anschauung der Gegner und citirt Worte Spinoza's „daß man über Geschichte weder lachen noch weinen soll, sondern daß. man sie begreifen müsse."