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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-09-03 · 36 (3.9.1897) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
36 (3.9.1897)
Date
1897-09-03
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Rr. 36 Dr. Vloch's WochrnfchriN Seite 739 (Beifall.) Alle Juden des Westens stöhnen unter dieser Judennoth. Den Glauben, der sie es ertragen ließe als eine göttliche Prüfung und die Hoffnung, daß ein Messias kommt, der sie zurückführt in das gelobte Land der Väter, haben sie verloren. Viele ergreifen die Fahnenflucht. Freilich, leugnet der Racenantisemitismus die Wirksamkeit der Taufe. (Stürm. Beifall.) Es ist auch nicht eine Empfehlung, daß der Eintritt in den neuen Glauben mit einer gotteslästerlichen Ableugnung stattfindet. Die neuen Marrannen scheiden mit Erbitterung aus dem Judenthum. Nicht alle Anhänger des Zionismus erblicken in demselben eine Verheißung, für Biele ist er die Möglichkeit zur Entfaltung der Kräfte. Wieder Andere, welche die marrannifche Lüge verabscheuen, aber sich mit dem Vaterlande zu eng verknüpft fühlen, werfen sich dem Umsturz in die Arme, mit der Hoffnung, daß bei dem allgemeinen Untergänge der Judenhaß sich vielleicht nicht unter den Werthgegenständen befindet, welche aus den Trümmern des Weltumsturzes gerettet werden. (Tosender Beifall.) Durch die Angriffe und Zurücksetzungen wird der Jude des Westens an sich selbst irre. Man mißt ihm für Alles die Schuld bei. Der Agrarier für die schlechten Getreidepreife, der Handwerker für den Untergang des Handwerkes. Hier wie da mittelalterliche Beschuldigungen, die Inden hätten die Brunnen vergiftet, so daß die Pest entstehe rc. Es liege die Erklärung darin, daß man Leuten, denen man nicht wohlwollte, alles Nebel nachsage. Die Antisemiten, welche immer von der Weltherrschaft der Inden reden, sollten doch einmal die Verfolgungen sehen, denen die Juden überall ausgesetzt sind, ohne daß sie die Macht haben, sich zu schützen gegen Angriffe auf das Leben und Eigenthum. (Beifall.) Es ist allerdings richtig, daß es einige Hundert Juden mit lärmenden Millionen gibt. Aber was hat Israel mit ihnen zu thun? Man darf nicht vergessen, daß diese Vermögen zum größten Theile erworben sind von Leuten, welche durch eine besondere Auslese bei allen Völkern eine besondere Befähigung erlangt haben. Das Judenthum der Propheten kennt diese Geldprotzen nicht. (Riesiger Beifall.) In einer normalen vollständigen Judengesellschaft würden diese Leute infolge organischer Eigenschaften die niedrigste Stelle einnehmen, jedenfalls nicht die Orden und Titel erhalten, welche ihnen der christliche Staat gewährt. (Minutenlanger Beifall.) Für diese Leute aber müssen die anderen Juden leiden. Die meisten von ihnen verlassen auch das Judenthum, wir wünschen ihnen Glück auf die Reise und beklagen nur, daß in ihren Adern jüdisches Blut rollt, wenn auch nur ein Bodensatz. (Stürmischer Beifall.) Die Noth eines Volkes kann Niemandem gleichgiltig sein. Die Regierungen sollten bedenken, daß die Juden aus Erbitterung zu Feinden alles Bestehenden gemacht werden. Unsere Aufgabe wird es sein, Mittel und Wege zu finden, uni der großen Judennoth abzuhelfen. (Lebhafter Beifall.) Die zweite Sitzung wurde Nachmittags durch Dr. Theodor H er z l eröffnet und zunächst die Specialberichte der Delegirten der verschiedenen Länder fortgesetzt. . Dr. Salz (Tarnow) bespricht die wirthschastliche Lage der Juden in Galizien, in welchem Lande 772.000 derselben leben und der weitaus größte Theil in geistiger und moralischer Beziehung geknechtet dasteht. Wie man sie schon verspottet, weil selbe eine andere Tracht tragen und in einem dem christlichen Volke unliebsamen Jargon sprechen! Redner streift unter Angabe statistischer Zahlen die traurigen Schulverhältnisse, daß die Inden nur auf eigene Hilfe angewiesen sind. Eine höhere Stufe im Beamtenthum zu erreichen, ist fast unmöglich, höchstens dann, wenn er erst beim Taufkessel vorbeimarschirt ist. Ein ganz gewaltiger Percentsatz lebt von Mildthätigkeit. Als Bauern will man die Juden nicht haben, das Volk am flachen Lande wehrt sich mit allen möglichen Mitteln dagegen. de HaaS (England) bespricht das bürgerliche, brüderliche Einvernehmen der Juden und Christen in England, daß die Juden dort die höchsten Ehrenstellen einnehmen und daß die Regierung die besten Meinungen von den Juden hat. 58 Percent der Juden in England, sind ausgewiesene russische Juden. Die deutschen und polnischen Juden sind gegen den Zionismus. 225.000 Pf. Sterl. wurden für jüdische Zwecke in England nusgegeben, Schulen und Humanitätsanstalten geschaffen. 29.740 Kinder besuchen jüdische Schulen, die wiederum nur vom jüdischen Gelde erhalten werden. Den Antisemitismus kennt man fast gar nicht, man versucht ihn zu importiren, doch nur höchstens von einigen sogenannten Zierbengeln aus Deutschland. I. Bahar (Paris) über Algerien. Der Antisemitismus hat seit 1890 auch hier seinen Einzug gehalten und wurde von den in diesem Jahre ernannten Stadthauptmann Cambon befürwortet. Es war ihm und seinem Gefolge ein Leichtes, die Araber gegen die Juden auszuhetzen, und daß sich dieselben zur Gegenwehr setzen, ist doch selbstverständlich und die Araber gleichsam mit blutigen Köpfen heimschicken. Schließlich ließen es die Araber nicht bei den Judenverfolgungen bewenden und gingen auch gegen die Christen, die eigentlichen Anstifter der Krawalle vor. Die Araber gingen sonst Hand in Hand mit den Juden. In Algier leben 45.000 Juden, 30.000 davon leben in großem Elend. Pineles (Rumänien). Es leben gegen 250.000 Juden in Rumänien, die allen Chicanen der Behörden und des Pöbels ausgesetzt sind. Ter weitaus größte Theil lebt in bitterer Noth und Elend und wäre bereit, je eher je lieber das Land zu verlassen, um in eine gesicherte Heimstätte einziehen zu können. Dr. Alex. Mintz, Wien (Oesterreich) geißelt in längerer, oft von Beifall unterbrochener Rede die Zustände in Oesterreich. Das Thema, welches ich zu behandeln habe, umfaßt den ganzen Jammer meiner Heimat. Ich stehe hier aus fremder Erde, und so wird es meine Sorge sein, mich jeder Aeußerung zu enthalten, die als Anklage wider mein Vaterland mißdeuiet werden könnte. Ich beherzige die Bibelworte: „Du sollst die Blöße Deines Vaters nicht enthüllen." Was ich aber nicht verschweigen will und kann, das ist die Unbill und die Schmach, die wir Juden Oesterreichs zu erdulden haben. Redner greift auf die Wahlen von 1895 zurück bis zur Herrschaft L u e g e r's. Er bespricht, wie die Rechte der Juden mit Füßen getreten und sie selbst überall und täglich zurückgesetzt werden. Der Antisemitismus meines Vaterlandes ist nicht nur national, er ist auch socialistisch. Die Kirche hatte sich über diese und die sonstige Verwendbarkeit des Antisemitismus schon bei Zeiten ihr Urtheil gebildet; sie stand mit ihm bereits im Bunde, als Graf Badeni wider ihn zu Felde zog. Aber auch für Se. Excellenz kam die Stunde der Erleuchtung. Dr. Lueger bestieg den Bürgermeisterstuhl und ftine Leistung war des Lohnes werth; bei der letzten Reichstagswahl warf er die Socialisten zu Boden. Aus diesem Wege hat der Antisemitismus den osficiellen Zutritt zu Hofe gesunden. Durch Schönerer nach oben hin compromittirt, ist er durch Lueger höchstenorts zu Gnaden und zu Ehren gelangt. Hiedurch hat sich die Lage der Juden bedenklich verschlimmert Denn von der Sanctiouirung des Antisemitismus zur Sanctiouirung judenfeindlicher Gesetze ist am Ende nur ein Schritt. Der Antisemitismus ist bereits das Gemeingut aller Nationen in Oesterreich geworden. Kein Tag, keine Stunde vergeht, daß man uns nicht an unserer Ehre verletzt. Die Juden sind keine Menschen, so spricht G r e g o r i g . .. Sie sind ein gottverfluchtes Gesindel, das ausgerottet werden muß, so spricht Schneider. „Es ist alles eins, ob man sie köpft oder hängt", so spricht Dr. Lueger. „Sie gebrauchen Christenblut" ... so spricht Pfarrer D e ck e r t ... So sprechen die Führer und das Volk heult diese Perfidien nach. Die Juden sind sammt und sonders Betrüger und Wucherer, Wüstlinge und Mädchenhändler, der Ausbund aller Schlechtigkeit, dies ist der schnöde Kehrreim, der sich immer wiederholt, und dies ist die Auffassung, wie sie in Schänken und Salons, in der Armee, ja an so manchem Gerichtshof zum Ausdruck kommt. Es ist unsere Persönlichkeit, die man in der Gosse schleift, und unsere innerste angeborne Natur, die man mit Füßen tritt. Redner kommt nun auf die politischen Rechte der Juden zu sprechen und citirt einen Ausspruch des Abgeordneten Hofmann v. W e l l e n h o s, der da sagt, daß die Juden dermalen und solange der Sprachenverordnungskamps tobe, die Deutschen unterstützen dürfen und erst nach Entscheidung dieses Kampfes würde unsere Schonzeit ablausen und erst dann hätten wir weitere Verfolgungen zu gewärtigen. Redner streift nun in Kürze die wirthschastliche Lage der Juden in Oesterreich, die trostlos wäre. So laboriren beispielsweise von den 25.000 Haushaltungen Wiens 15.000 in einem derartigen Noihstand, daß sie zur Steuerleistung in der Cultusgemeinde gar nicht heran- I gezogen werden können. Von den 10.000 Besteuerten find aber

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