Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 36 (3.9.1897)
- Date
- 1897-09-03
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021169-3021205--07081-3031392- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Säte 738 Rr. 36 Vr. Vloch's WochrnfchrM Weil die Juden rechnen können, es wird ja sogar behauptet, daß sie es zu gut können. Wenn wir nun annehmen, daß es 9 Millionen Inden gibt und daß es der Colouisation gelänge, jährlich 10.000 Personen in Palästina auzusiedeln, so würde die Lösung der Judenfrage neunhundert Jahre in Anspruch nchmen. Das sieht unpraktisch aus. Nun wissen sie aber, daß die Ziffer von zehntausend Ansiedlern jährlich geradezu phantastisch fft, unter den jetzigen Verhältnissen nämlich. Die türkische Regierung würde bei einer solchen Ziffer sofort die alten Einwauderungsverbote auffrischen — und das wäre uns gerade recht. Denn wer da glaubt, daß die Juden sich in das Land der Vater gleichsam einschmuggeln könnten, der täuscht sich oder täuscht Andere. Nirgends wird das Auftauchen von Juden so schnell signalisirt, wie in der historischen Heimat des Volkes, eben wie. es die historische Heimat ist. Und es wäre auch gar nicht in unserem Jntereffe gelegen, verfrüht dahin zu gehen. Die Einwanderung der Juden bedeutet einen Kräftezufluß von unerhoffter Fülle für das jetzt arme Land, ja für das ganze osmanische Reich. Se. Majestät der Sultan hat übrigens mit seinen jüdischen Unterthanen nur die besten Erfahrungen gemacht, gleich wie er cmch chnen ein gütiger Souverän ist. Die sinanzielle Hilfe, welche die Juden der Türkei bieten könnten, ist nicht unbeträchtlich und würde zur Beseitigung manchen Uebels dienen, au dem dieses Land jetzt leidet. Wenn ein Stück Orientfrage mit der Judenstage zugleich gelöst wird, so ist dies gewiß im Interesse aller Culturvölker. Die Ansiedlung der Juden wäre wohl auch : eine Besserung der Lage der Christen im Orient. Aber nicht | nur von dieser Seite her darf der Zionismus auf die Sympathien der Völker rechnen. Sie wissen, daß der Judenstreit in manchen Ländern zur Calamität für die Regierung geworden ist. Ergreift man für die Juden Partei, so hat man die aufgewühlten Bolksmasfeu gegen sich. Ergreift man gegen die Juden Partei, so hat dies beim eigenthümlichen Einfluß der Juden auf den Weltverkehr oft schwere wirthschaftliche Folgen. Es gibt dafür Beispiele in Rußlaud. Verhält sich endlich die Regierung neutral, so sehen sich die Juden ohne Schutz in der bestehenden Ordnung und flüchten in den Umsturz des Zionismus, die Selbsthilfe der Juden er- Mnet nun den Ausweg aus diesen mannigfachen und sonderbaren Schwierigkeiten. Der Zionismus ist einfach der Friedensstifter. Es geht ihm steilich dabei wie Friedensstiftern gewöhnlich : er muß sich am meisten herumschlagen. Von einem vollständigen Auszug der Juden kann wohl nirgends die Rede sein. Die sich affimiliren können oder wollen, bleiben zurück und werj den resorbirt. So wollen wir weiter arbeiten. Bei dieser feier-; lichen Gelegenheit, wo sich Juden aus so vielen Ländern zusammengefunden haben, auf einen Ruf, auf den alten Ruf der NÄion, heute sei unser Bekenntniß feierlich wiederholt. Muß einem da nicht eine Ahnung großen Geschehens überfliegen, wenn wir , deuten, daß in diesem Augenblick die Hoffnungen und Erwar-! tungen von vielen Hunderttausenden unseres Volkes auf unserer j Versammlung ruhen. Nach fernen Ländern, ja übers Weltmeer! wird in der nächsten Stunde die Nachricht von unseren Berathungen und Beschlüssen eilen. Darum soll Aufklärung und Beruhigung von diesem Congreß ausgehen. Ueberall soll man erfahren, was der Zionismus, den man für eine Art von chiliastischem Schrecken ausgab, in Wirklichkeit ist; eine gesetzliche, gesittete menschenfreundliche Bewegung nach dem alten Ziel der Sehnsucht unseres Volkes. Möge darum der Congreß, der fortab der Herr seiner Debatten ist, als ein weiser Herr wirthschaften. And endlich wird der Congreß für seine eigene Dauer sorgen, damit wir nicht wieder auseinander laufen, spurlos und ohne Wirkung. In diesem Congreß schaffen wir dem jüdischen Volke ein Organ, das es bisher nicht hatte, das es aber dringend zum Leben gebraucht. Unsere Sache ist zu groß für den Mrgeiz und die Willkür einzelner Personen. Sie muß ins Unpersönliche hinaufgehoben werden, wenn sie gelingen soll. Und unser Congreß soll ewig leben, nicht nur bis zur Erlösung aus der alten Noth, sondern nachher erst recht! Heute sind wir hier auf gastlichem Boden dieser steien Stadt — wo werden wir über's Jahr sein? Aber wo wir auch seien und wie lange unser Werk bis zur Vollendung dauere, unser Congreß sei ernst und hoch, den Unglücklichen zum Wohle, Niemand zum Trutz und allen Juden zur Ehre und würdig einer Vergangenheit, deren Ruhm wohl noch fern, aber unvergänglich ist. (Lebhafter rauschender Beifall.) Vieepräsident Dr. Max Nordau aus Paris. Das Gesammtbild der Verfassung der Juden am Ausgange des XiX. Jahrhunderts ist kein erfreuliches. Ueberall, wo Juden in größerer Zahl angesiedelt sind, herrscht eine Judenuoth; eine Noth der Juden nicht als Menschen, sondern als Juden, die sie eben nicht erleiden würden, wenn sie keine Juden wären. Es gibt eine sachliche und eine persönliche Judennoth. In Osteuropa haben die Juden in einem qualvollen Ringen um das nackte Dasein gegen Verfolgung, Neid und Haß zu kämpfen. In Westeuropa ist der Kampf um das tägliche Brod. weniger scharf; für die da ansässigen Juden gibt es eine sittliche Noth, sie besteht in allerlei moralischen Kränkungen. Redner schildert die Lage der Juden in Rußland, wo 5 Millionen Juden, die Hälfte des Stammes, leben und ihre Rechte derart eingeschränkt sind, respective gar keine haben. In Rumänien sind die Juden der Willkür der Behörden und des Pöbels ausg-setzt. Grauenhaft seien die Zustände in Galizien, wo es 72 Procent berufsmäßige Bettler gebe. Das Gesetz in Oesterreich kennt wohl keinen Unterschied, zwischen dem Glauben, aber die öffentlichen Gewalten setzen sich einfach darüber hinweg, der Jude wird geächtet und schließlich ganz verdrängt. Diejenigen, welche glauben, mit der Aufhebung der Beschränkung die Lage der Juden zu bessern, die Judennoth zu bessern, täuschen sich. Man habe in allen civilisirten Ländern die Judenemancipation als Lösung angesehen: In Westeuropa hat die Bewegungsfreiheit viel Gutes erzielt. Der jüdische Fleiß, Beharrlichkeit und Nüchternheit ließen das jüdische Proletariat fast schwinden. Aber unter diesen Juden erhebt sich die sittliche Judennoth. Die Juden des Westens haben zwar ihr Brod, aber man lebt nicht vom Brod allein. Die Wunden des Fleisches sind nicht die einzigen, die schmerzen und an denen man sich verblutet. Die Juden des Westens hätten aus der Judenemancipation die Folgerung gezogen, daß sie ebenfalls gleichberechtigt seien. Die Völker haben ihnen aber bedeutet, daß sie thöricht handelten, wenn sie dies Recht für sich auch in Anspruch zu nehmen gedächten. Als die Völker den Juden die Emancipation gaben, befanden sie sich in einer Selbsttäuschung über ihre Gefühle. Redner sprach über die Umwälzungen, die der westliche Umsturz des französischen Volkes auch auf die Juden ansübte.-Die. Judenbefreiuug erschien ihnen als eine nöthige Einrichtung des staatlichen Hauswesens, ungefähr wie ein Piano das in keinem Salon fehlen darf, wenngleich er nicht bewohnt wird. Auf ein Land findet dieser Ausspruch jedoch keine Anwendung, auf England. (Riesiger Beifall.) Die Engländer lassen sich nichts von Außen aufdrängen, sie entwickeln sich von sich selbst. In England war die Emancipation, als sie eintrat, im Gefühl des Volkes längst vorbereitet und schon vor dem Gesetze herrschte die Gleichstellung aller Confessionen. Die Emancipation hat den Juden vollständig umgewandelt. Vorher war er ein Fremder unter den Völkern, er selbst fühlte sich als solcher. Wo es nicht die Behörde that, schuf er sich selbst das Ghetto, über welches Wort heute Bezeichnungen der Schmach und Erniedrigungen schwirren. Der Sittengeschichtsschreiber kann aber feststellen, daß das Ghetto nicht als Gefängniß, sondern als eine Zufluchtsstätte betrachtet werden muß. Nur das Ghetto ließ den Juden die Verfolgungen des Mittelalters überdauern. Im Ghetto verstand man sich, an den Meinungen draußen lag ihm nichts, denn es war die Meinung seiner Feinde. Die Juden im Ghetto waren harmonische Naturen, was wir zu sein aufgehört haben. (Beifall.) Das ist die Psychologie des Ghettojuden. Die Emancipation brachte eine vollständige Umwälzung. In einer Art Wonnerausch beeilte man sich, alle Brücken abzubrechen. Sie meinten ein neues Vaterlaud zu haben und sich nicht mehr an die eigenen Ghettogenossen halten zu brauchen. Der Trieb der Selbsterhaltung ließ sie sich bald anpassen an die bestehenden Verhältnisse. Ein Jeder meinte, er sei nun ein Franzose, ein Deutscher u. s. f. Da brach vor etwa zwei Jahrzehnten der alte Judenhaß wieder hervor und der Jude sah entsetzt sich in die Wirklichkeit zurückversetzt Er fühlt sich als Sohn seines Landes, das Volk weist ihn' zurück. Seine Zufluchtsstätte hat er selbst aufgegeben, seine Heimat ist ihm verschlossen, seine jüdischen Genossen hat ihm der Antisemitismus verekelt, die Christen stoßen ihn zurück. Dies ist die sittliche Judennoth, die bitterer ist als die sachliche, weil sie feiner und tiefer empfindende Menschen trifft. Der moderne Jude ist haltlos. Seine Fähigkeiten benützt er für das Bemühen, nichts Jüdisches zu zeigen. Innerlich ist er verkrüppelt, äußerlich in seinem ganzen Wesen unwahr und wirkt daher auf jeden ästhetisch fühlenden Menschen wie alles Unwahre abstoßend.,